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Unterschiede Meine Güte, wie recht Birgit Vanderbeke hat. Wie hat die — in ihrem Roman Ich sehe was, was Du nicht siehst — verwundert von Berlin nach Südfrankreich Übergesiedelte geschrieben? «Ich hatte daran gedacht, daß nicht überall alles erlaubt ist, mir waren Hinterhäuser, zugesperrte Vorderhaustüren und die Revolution eingefallen, und mir waren etliche Schilder vor Augen gekommen, auf denen gestanden hatte, daß etwas nicht erlaubt ist; ich hatte gesagt, hier scheint einiges erlaubt zu sein, was woanders verboten ist. René hatte mir geholfen und gesagt, nun, in New York zum Beispiel darf man fast nirgends rauchen. Jo hatte abgewinkt und gesagt, versuchen können sie es, einem dies und das zu verbieten, aber es wird hier nicht klappen, und dann hatte er einen Schluck getrunken und zu René gesagt, was will ich auch in New York: nicht trinken, nicht rauchen und den Frauen nicht mehr auf die Beine gucken, das machen sie nicht mit mir.» Und richtig: Auch außerhalb der Literatur passiert sowas. So wies Madame Reverchon im beschaulich-betulichen, hochprovencalischen Reillanne in einem Gespräch über südfranzösische Gepflogenheiten ausdrücklich darauf hin, daß es in Marseille erst gar keine Papierkörbe gebe. Es würde sie ja doch niemand benutzen. Die etwa fünfzigjährige, sehr gepflegte bürgerliche Dame setzte dann noch ein d’accord drauf: Das ist in Ordnung, da haben die Menschen Arbeit, und der Dreck kommt zweimal täglich wieder von der Straße. Verbote? «Die Kinder wollten keine Pfefferminzlimonade», so Vanderbeke, «sondern Coca-Cola, und ich fragte die Eltern, ob sie Coca-Cola haben dürften, weil ich gewohnt war, daß Kinder keine Coca-Cola haben dürfen. Die Eltern schauten mich erstaunt an und sagten sehr verständnislos, warum nicht. Ich sagte, kann sein, wir müssen noch einiges lernen, wie es hier ist.» Es fällt mir nicht schwer, es an mir selbst zu beobachten: die deutsche Mentalität hat sich über die Jahrzehnte hin in meinen Hirnlappen festgebissen. Kaum habe ich die Grenze im Nordosten überfahren und mich in dieser aberwitzigen Verbesserung Mitteleuropas — dieser nach jahrelanger Beobachtung des Straßenverkehrs der Überfahrung der aus Frankreich in die Bundesrepublik Deutschland führenden Kreisstraße, dieser in monatelanger, mehrpersoniger Beratung aus dem Ruder gelaufenen und wider jede Klarsicht dennoch vor die Köpfe der immer geradeausgerichteten Verkehrsteilnehmer gesetzten neuerlichen Umordnung zur Schaffung der Neuordnung einer Ordnung — wieder einigermaßen zurechtgefunden, wobei es, wohl wegen der mittlerweile abhanden gekommenen kleinen grenzverkehrenden deutsch-französischen Freundschaft im Elsaß bereits beginnt, sehr deutsche Formen anzunehmen —, schaltet das Denkgetriebe auf Automatik. Es ist darauf zu achten, die durchzogene Linie nicht mehr zu berühren, nie zu vergessen, den Blinker zu setzen, nicht bei Rot die Straße zu betreten, sich an der Volkszählung zu beteiligen. Das geht in deutschen Landen soweit, daß viele Menschen sogar vor Banken in Furcht erzittern, weil sie sie für eine Behörde halten. Und die Bankbeamten der Kreditinstitute führen sich auch dementsprechend auf. Ich blicke erhaben auf die hinab, die sich diesem Kadavergehorsam unterwerfen. Aber ein bißchen dieser Mumienanbetungsmentalität trage ich schon in mir. Die Versuche des Vaters, mich eher aufs Gegengeleis zu hieven, waren nicht alle erfolgreich. Aber die autoritätshörige — da war sie gänzlich unfranzösisch — Mutter hatte ja die Befehlsgewalt über das gefälligst erwachsen zu werdende Kind. Und erwachsen wird man nunmal durch Anpassung. In Frankreich haben Begriffe ihre Heimat, bei denen die Deutschen so gerne die Augen verdrehen — einige vor Glück, weil sie dabei das bequeme Denkschema im Erinnerungskopf haben, alles fallenlassen zu dürfen, auch die Scheiße in den Windeln der Gören. Und die wiederum, die damit so schlimm durchgefallen sind, daß sie ihre Alten dafür heute am liebsten mit dem Gegenteil dessen provozieren, was die damals für laisser-faire oder laisser-aller hielten: immer sauber frisiert, am besten auch das Auto, und bloß nicht anecken, schon gar nicht mit dem Auto. Daß dieses französische, vor allem im Süden beheimatete Sein- oder Gehenlassen sozusagen aus dem Substantiellen herrührt, nämlich den anderen in seinem Sein nicht zu behindern, also dem Nachbarn auch nicht meine ganz persönliche Interpretation von Freiheit aufzwingen zu wollen, wird bis heute auch als Mißverständnis nicht anerkannt. Nun gut, es sind auch in Frankreich lediglich die kleinen, die inneren Freiheiten. Denn unterm Strich erhalten sie dort genauso ihre Befehle von der Obrigkeit, ihre Strafmandate, ihre Steuerscheußlichkeiten. Und noch um einiges rigider als in Deutschland. Mitte der neunziger Jahre hatten sie den TÜV eingeführt in France. Die deutsche Dekra hat die Schulung übernommen, man sah’s auf allen Straßen. Die Franzosen hatten begonnen, Golf und Mercedes in ihr Herz zu schließen, auch wenn zuhause die schöneren Autos gebaut werden. Gut, der Golf wurde schon immer ganz gerne von denen chauffiert, die in der klassenlosen Gesellschaft meinten, mit deutscher Qualitätsunauffälligkeit auffallen zu müssen. Aber Mercedes! Wer 1990 mit seinem etwas größer dimensionierten Stuttgarter Gefährt (peinlich genug) tatsächlich einen Ausfall hatte, mußte, je nach Pannenlage, auf Hilfe aus Lille, Paris, Bordeaux, Lyon oder Marseille warten. Zehn Jahre später verdichtete sich während einer der vielen Reisen durchs Land von Citroën, Peugeot oder Renault zunehmend der Eindruck, Frankreich befände sich schon wieder einmal kurz vor der feindlichen Übernahme aus dem Osten. Glücklicherweise hat sich das wieder gelegt. Jedenfalls außerhalb des Großraums Strasbourg. In Erstaunen kann einen die französische Vollbremsung versetzen, wenn ein Gendarm oder einer von der Police National auch nur den Finger ausstreckt, um sich an der Nase zu kratzen. (Ein solches Verhalten wurzelt weniger in Ehrfurcht oder gar Angst vor der Obrigkeit — man will einfach keinen Ärger mit denen, die ohnehin am längeren Hebel sitzen.) Wo der Flic lässig am (mittlerweile auch östlich des Grenzflusses so beliebten) Verkehrskreisel neben seinem blauen Kastenwägelchen steht, installiert man in der rechtsrheinischen Republik bei einer Verkehrskontrolle Straßensperren mitsamt kriegstauglichem Kompagniefuhrpark. Stammt das aus der Zeit, als sechzig Millionen Deutsche die sechs restlichen in die Mausefalle Straße des 17. Juni zu locken versuchten? Entscheidend ist die immer spürbare Sicherheit der Franzosen, das Fallbeil aus dem Keller der Geschichte holen, den politisch degenerierten Adel wieder enthaupten zu können. Man stelle sich das in Deutschland vor: Die Menschen gingen in Massen auf die Straßen, um (erfolgreich!) ein Gesetz zu verhindern. Das ist ein Beispiel! Die Deutschen feiern lieber ihren Superstar aus dem Osten, diese ehemalige «Sekretärin für Agitation und Propaganda» bei der FDJ», die ihnen den Besitzstand wahrt. Auch wenn sie bald keinen mehr haben werden. Jedenfalls der größte Teil von ihnen. Sicher hat Kurt Tucholsky nicht ganz Unrecht, wenn er in Paris, den 14. Juli schreibt, viele wüßten gar nicht mehr, aus welchen Gründen sie zur Fête Nationale auf den Straßen tanzten. Es dürfte sich noch ein wenig mehr verflüchtigt haben als vor rund achtzig Jahren, als er das notierte. Aber spielt das noch eine Rolle? Die Bereitschaft, die Bastille zu stürmen, ist grundsätzlich vorhanden. Wie im Mai 2002, als es galt, Le Pen zu verhindern. Und wenn Nicolas Sarkozy so weitermacht, wird er, ohne Carla, nach Sainte-Hélène übersiedeln müssen. Und was machen die Deutschen mit Sarkozys Freundin, ihrer mecklenburgischen Napoleonine vom Heiligen Damm? Werden sie auf die Straße gehen, werden sie sie nach Hiddensee verbannen? Wohl kaum. Vermutlich werden sie sie nächstes Jahr zur Kaiserin krönen.
Karriereknickereien In Hans Pfitzingers tazblog heißt's: Bebopalula «Wenn jemand Hipp heißt, Klavier spielt, gut aussieht und sich im Musikgeschäft betätigt, kann eigentlich nichts schief gehen. Bei Jutta Hipp ging es allerdings schief, wie René Zipperlen in einem gut recherchierten und kenntnisreichen Artikel nachweist. Die Frau aus Leipzig (Spitzenfoto — supercool!), geboren 1925, war Mitte der fünfziger Jahre, die «First Lady of European Jazz», spielte in New York einige Alben für die renommierte Plattenfirma «Blue Note» ein und ging 1958 mit eigener Band auf Tournee durch die Südstaaten. Im selben Jahr hat sie den Pianodeckel zugeklappt und verschwand in der Versenkung. 2003, 45 Jahre später, ist sie in New York gestorben, da war sie 78. Im Jahr zuvor hatten die Leute von Blue Note die alte Frau im Stadtteil Queens ausfindig gemacht, weil sie ihr 40.000 Dollar Tantiemen nachzahlen wollten. Zipperlen schreibt mit viel Hintergrundwissen über die Jazz-Szene gegen Ende der fünfziger Jahre. Weshalb Jutta Hipp ihre Karriere beendet hat, weiß anscheinend keiner so genau ...» Schupinkil Erik Orsenna kennt diese Probleme offenbar. Er schreibt zu diesem Thema in Inselsommer:
Literarische Völlerei ![]() Und seit heute, dem 11. November 2010, ziert sie — als Geschenk von Seemuse ! — mein Büro. Mit Hilfe dieses Buches brät man kein Huhn. Man sollte das Huhn, das man ohnehin nach althergebrachter Weise maltraitiert hat, im Rohr vor sich hinschmurgeln lassen und sich mit dem Buch in den Sessel oder, aus aktuellen Witterungsgründen, auf die Bank unterm Pflaumenbaum setzen. Es mag sein, daß darüber das Huhn den letzten Saft verliert. Aber das dürfte einem bald schnurz sein. Denn das Buch an sich ist (geistige) Nahrung, ein ausgiebiges Menu, wie in einem Landgasthof im Périgord. Also lieber am nächsten Tag ein neues Huhn ... Aber es ist, auch wenn es verkaufsmaschenhaft immer wieder als solches angeboten wird, alles andere als ein Kochbuch. Wenn Opincar kocht, dann gießt er allenfalls Öl in die Pfanne, streut einen Teelöffel Turmerik (Kurkuma) hinein, rührt um und schlägt zwei Eier darüber, die danach auf den Teller gleiten, abschließend übergossen mit dem restlichen, gelb gefärbten Öl. Wie Opincar das erzählt, möchte man vielleicht gar kein Huhn mehr, sondern nur noch dessen Eier. Es ist eher ein Erinnerungsbuch. Es verbindet Düfte mit Erlebnissen, Ereignissen. Dabei ist Opincar der französischen Literatur sehr nahe, die Begebenheiten des Lebens mit Gerüchen assoziiert, allen voran Marcel Proust mit seinem Hauptwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (À la recherche du temps perdu). Die Kraft der Wahrnehmung (Ästhetik), des Geschmacks bannt sie alle, Proust, Opincar und deren Leser. Sogar Kant blinzelt mit seiner Urteilskraft hinein ins Buch. Bei Opincar mögen es, beispielsweise, die frisch geernteten Persimonen sein, von denen man erwiesenermaßen Bauchweh bekommt und man sie trotz der mütterlichen Warnung dennoch immer wieder allzugerne vom Baum pflückt. Dabei fällt ihm die Nachbarin und deren von Persimonen überbordendem Garten ein: «Arlenes Großzügigkeit gehört zu den Dingen, an denen ich erkenne, daß Zeit vergangen ist.» Käse, Persimonen, überhaupt Früchte, Gemüse, Anis, Basilikum, Kümmel, immer wieder Gewürze und Kräuter breiten sich in diesem Buch aus, das weniger im klassischen Sinn Roman ist als eine Reihung literarischer Memorablia (oder anders: die Bezeichnung Roman ist so irreführend wie Kochbuch). Opincar handelt mit witzgewürzter Intelligenz Kulturen, Kulturgeschichten ab. Wie nebenbei liefert er bedenkenswerte Erklärungen, etwa die, weshalb (Süd-)Franzosen (vermutlich) fürs Leben gerne Pastis trinken: Babies, deren Mütter während der Schwangerschaft Anissamen gegessen hatten, wandten sich dem Anis zu. Die anderen mochten ihn nicht. — Ob Mütter aus nordöstlicheren Landstrichen lieber Weizenkörner oder Kartoffeln gekaut haben? Opincar huldigt ausführlich den Ausdünstungen des Landes, in dem er gelernt hat, «gesittet» zu essen: in einer bürgerlichen Familie im Bordelais. Und ein wenig mag es sich wie Rache lesen, wenn er die chemischen Prozesse französischer Heiligtümer, etwa den Käse Fleur du maquis (auch bekannt als Saveur du maquis) drastisch beschreibt. Napoleon kommt ihm dabei in den «Sinn», der in einem Brief an Josephine schrieb, sie möge sich nicht waschen, er komme (in zwei Wochen) heim. «Unsere Nasen sind besonders empfindlich für Ammoniak und andere Nebenprodukte bakterieller Zersetzung wie etwa diejenigen, die Achselgeruch verursachen. Das Jacobson-Organ — zwei winzige Vertiefungen am vorderen unteren Ende der Nasenscheidewand registriert besonders die von Napoleon so geliebten Düfte und leitet die Informationen an die urtümlichsten Teile des Gehirns weiter.» Doch Opincar ist nicht nur von Frankreichs Kulturgeschichte des Essens angetan. Der Süden Floridas — wo er heute nach jahrzehntelangen Wanderjahren lebt — und damit das angrenzende Mexiko nimmt einen nicht minder intelligent-komischen Erzählraum ein. Doch ob die USA, Asien, Europa, überall hat er gegessen, weil er dort gelebt hat — und umgekehrt. Immer wieder gerät dabei Opincars Abstammung in die erzählende Erinnerung. Die Küche der Juden, das hat die Geschichte (oder haben die Menschen, die sie hinterlassen haben) so gewollt, hat unfreiwillig eine weltweite Verbreitung gefunden. Beeindruckend schildert Opincar jüdische Essensrituale während der hohen Feiertage und deren Hintergründe, einschließlich familiarer Despektierlichkeiten. Und er tut dies, dem jüdischen Humor gemäß, mit lakonischem Witz. Doch es wäre falsch, diese Episoden auf das «typische Schicksal» eines der Religion wegen durch alle Erdteile getriebenen Menschen verdichten zu wollen. Zwar läßt Opincar keinen Zweifel an seinen Wurzeln, doch nie spielt er sie in den Vordergrund. Und geht dennoch ins Detail — etwa bei der Erläuterung des Begriffes «Judensau» —, dann tut er das so kenntnisreich, wie es wohl nur ein in die Jahre gekommener und in die Welt geratener ehemaliger Absolvent einer Jerusalemer Talmud-Schule sein kann — als Weiser: Es gelingt ihm immer, durch die Maschen religiöser Ver- und Gebote zu schlüpfen — hinaus ins offene Meer der Genüsse. Abe Opincar Am Abend, als ich meine Frau verließ, briet ich ein Huhn Ein kulinarischer Roman Titel der Originalausgabe: Fried Butter. A Food Memoir Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein SchirmerGraf
Izzos Polars Total Cheops. Chourmo. Dann Solea. Das sind die Krimis: Policiers oder, verbreiteter: Polars. Es ist eine Trilogie. Les marins perdus ist ein anderes Buch, das Schicksale von Seefahrern beschreibt, die mit ihrem Schiff im Hafen von Marseille liegengeblieben sind, weil die Gerichtsbarkeit es fixiert hat. Der Eigentümer des Schiffes hatte seine Schulden nicht bezahlt. Doch Schicksale hat er ohnehin immer beschrieben. In den meisten Fällen die von Verlierern. Er muß die Menschen sehr geliebt haben. Das ist wohl seine Sehnsucht, sein Verlangen gewesen, es ist das, was ihn bewegt hat. Vermutlich nicht einmal so sehr die von ihm beschriebenen Verbrechen. Doch: dort, wo Verbrechen Menschen zerstört. Und deren Heimat. Und alles ist eine einzige enorme Liebeserklärung, eine zärtliche — an Menschen, an Freunde, an das Zusammenleben, an Frauen, an Marseille. Joseph Roth hat geschrieben: «Alle Erden aber segnet dieselbe nahe, sehr heiße, sehr helle Sonne, und über alle Völker wölbt sich dasselbe blaue Porzellan des Himmels. Alle trugen das Meer auf seinem breiten, schwankenden Rücken hierher, jeder hatte ein anderes Vaterland, jetzt haben alle ein einziges Vatermeer.» Und: «Jeder trägt seine Heimat an der Sohle und führt an seinem Fuß die Heimat nach Marseille.» Izzo muß es gelesen haben. Es ist es exakt eines seiner Sujets. Jeder, der auf der Suche ist nach irgendetwas, vielleicht nach sich selbst, und der nach Marseille kommt, schreibt er, der ist dort zuhause: Ich vermute, Izzos Leser wissen nicht, woher er das hat. Oder aber es gilt Kurt Tucholskys These: Es gibt keinen Neuschnee. Alles ist schon einmal dagewesen. Parallelität oder gar Identität der Gedanken. Jean-Claude Izzo hat seinen Büchern ein bescheidenes Leben injiziert. Die einfacheren Restaurants (was nicht mit denen in Deutschland gleichbedeutend ist) und schlichteren Bars, wie in Frankreich die Cafés (die es in der Form in Deutschland nicht gibt) genannt werden, spielen eine geradezu entscheidende Rolle in seinen Polars. Wenn ich auch um so weniger verstanden habe, weshalb er ausgerechnet und immer wieder das La Samaritaine so sehr lobt, diesen Touristenschuppen an der Ecke Rue de la République und Quai du Porte, in dem der Café um einiges teurer ist, aber dafür auch erheblich schlechter schmeckt als beispielsweise gegenüber, auf der anderen Seite des Alten Hafens, in der Bar Marengo (im Bildmitte links, mit Tischen und Stühlen vor dem Haus) — in dessen Umgebung sein Held Fabio Montale sehr viel besser gepaßt hätte. Er erwähnt La Samaritaine in jedem Buch: diese Windbeutelkneipe mit den kleinen schnöseligen Kellnern und den überdimensionierten Preisen und dem Touristentand an den Wänden. Ich fühle mich wie auf der Touristen-Reeperbahn! Die Freundin, die diesen Laden ebenfalls nicht sonderlich mag, meint: Vielleicht war er ein Freund des Patron? Vielleicht sei die Küche excellent? Das bescheidene Leben von Izzo bzw. Fabio Montale — aber immer mit gutem Essen und gutem Wein. Mit einfachen Zutaten. Facile. Italienisch wie französisch. Italienische Küche. Gepaart mit französischer. Sie kommt ständig vor in seinen Büchern. Ich nehme an, nicht nur, weil er von Italien abstammt. Er beschreibt alles, was gut ist, für ihn das Essentielle. Auch den Wein. Die Menschen. Und er schreibt auch so: aufs wesentliche beschränkt. Er war einmal Chefredakteur von La Marseillaise, der kleineren der beiden Tageszeitungen von Marseille, die andere: La Provence, das Massenblatt. La Marseillaise ist, auch heute noch, nach einigen Verschiebungen der Besitzverhältnisse, das Blatt mit dem ausgeprägteren sozialen Anspruch, auf der Seite der weniger Betuchten. Die Redaktion von La Marseillaise hat ihren Sitz am Cours d'Estienne d'Orves, ein paar Schritte entfernt nur von der Bar Marengo, wo man früh und auch spät immer wieder Redakteure antrifft. Um so rätselhafter ist mir, daß er sie nie erwähnt hat in seinen Büchern. Möglicherweise hatte er damit abgeschlossen. Izzo hatte dem Jornalismus adieu gesagt und begonnen, schlimme politische wie soziale Verhältnisse in Romanen zu beschreiben, weil er des Streites der Linken überdrüssig war. Ein — klassischer — Linker ist er wohl auch geblieben. Das wurde, beispielsweise, deutlich an seinen Äußerungen zur zeitgenössischen Kunst. Über die Arbeit eines anderen italienischen Marseillais, den Bildhauer César, hat er sich mal geradezu unflätig geäußert. Die störrische Altlinke: Etwa der Filmkritiker in Libération zur zauberhaften Amélie Poulain. Der meinte auch, hier würde ein Frankreich gezeigt, daß es nur im Kino gebe. Bloß keine Phantasie aufkommen lassen. Dazu paßt Izzos Sprache. Sie ist nicht so sehr diejenige, die mich begeistert. Sie ist simpel. Jedenfalls in diesen Polars. In Les marins perdus, deutsch Aldebaran, ist sie gesetzter, auch adjektivischer. Vielleicht ist das Schlichte in seinen Polars Stilmittel. Und das hat ihn wohl (mit) sehr populär gemacht. Fast ist anzunehmen, daß es nicht so sehr die Leichen waren, die er zuhauf produziert hat, als vielmehr die Legenden um Marseille und die Marseillais und Marseillaise. Es mag auch sein, daß er soviel Tote produziert hat, auf daß viele Menschen seine Mitteilungen über die Menschen lesen. Unter jeder Leiche hat er quasi seine Botschaft versteckt. Er hatte nur eine Botschaft. Doch er hat sie in viele winzige Teile zerlegt, die Namen haben wie das revolutionäre liberté, egalité, fraternité, das in Frankreich nicht wirklich noch Gültigkeit hat, vor allem jedoch Liebe-Liebe-Liebe, in allen Variationen, aus alle Perspektiven, wie Facetten eines Diamanten, in dem sich diese eine Farbe aufbricht zu vielen Farben. Wer im Sinne von Izzo die Toten angehoben hat, um darunterzuschauen, der hat sie vernommen, diese Mitteilung. Und er hat dabei sehr schöne Passagen darin, sehr poetische. Bilder von großem, doch eben einfachem Zauber. Es ist manchmal wie ein Bild, das von einem Kind gemalt ist. Die bildende Kunst der anderen Marseillais Arman, César und Raymond Hains hat für Izzo offenbar nicht genug Vernunft. Sie ist ihm wohl zu bourgeois. Malerei und das, was diese Stars der Kunstszene ansonsten fabrizieren, ist ihm wohl zu sehr Anarchie. Jedoch nicht politische Anarchie! Anarchie als ein Chaos. Freiheit von innen. Wie César. Maler der dritten Dimension. Der sie auch außen gezeigt hat. Deshalb vielleicht hat Jean-Claude Izzo das nicht gemocht. Seine Sätze haben wohl deshalb weniger Farben, vielleicht, um im Bild zu bleiben: nur die reinen Farben. Und dennoch entstehen auch dabei sehr lebhafte Bilder. Sie sind mehr Rhythmus. Es ist mehr auf den Punkt gesetzt. Dann kommt der nächste. Und so fort. Seine häufigen Beschreibungen von Musik zielen dorthin. Es ist durchaus Vielfalt. Er stellt diesen Begriff in den Zusammenhang mit dem Jazz, über den er viel schreibt — hier gerät er sogar, dem Thema gemäß, manchmal ins Phrasieren. Dennoch bleibt es schlicht. Wie die Menschen, über die er schreibt. Also alles mögliche — Chanson gibt's bei ihm weniger. Etwas Léo Ferré. Aber der hat Marseille ja tatsächlich geliebt, hat es Paris vorgezogen, hat 1972 im Palais des Congrès mit Marseille eine Hymne gesungen, von den Menschen, «die von Traurigkeit ausgestopft», also von den Trauernden, deren Haare deshalb strohig geworden sind. «O Marseille on dirait que la mer a pleuréEinmal, wenn ich mich recht erinnere, kommt auch Charles Aznavour vor. Nun, der war Armenier. Und Marseille ist sozusagen die Hauptstadt der französischen Armenier. Mehr dem Jazz war er zugetan, meist Klassisches, Miles Davis oder John Coltrane. Aber auch Raï und Khaled oder Chaba Djenet. Sogar Massilia Sound System, diese wilde Truppe, deren Sprache das Provencalische ist, aber auch die der einheimischen Jugend, zu der es sogar einen eigenen dictionnaire, den dico marseillais gibt, in dem Jean-Claude Izzo ein Vorwort geschrieben hat. Dann gibt es bei Izzo sehr viel Spanisches, auch Musik der Gitanes. Sein Held Fabio Montale, der liebte eine Zigeunerin sehr. Sie begleitete ihn – Jean-Claude Izzo? — durch seine Trilogie. Es ist Lole. Sie ist seine große Liebe. Sie verläßt ihn. Ständig stirbt er (zwischen den Zeilen) den petit mort, den kleinen Tod, den Liebes-Zenit. Erst mit ihr und dann an ihr. Der kleine Tod beschreibt nicht nur den sexuellen (männlichen!) Höhepunkt, sondern die Psychologie setzt ihn auch an für die Trennung. Und er trauert immer um Lole. Er ist überhaupt ständig traurig. Sein Fabio Montale sucht immer. Er sucht seine Frau, die ihn verlassen hat. In jeder Frau sucht er sie. Gefunden hat Fabio Montale nur den Tod. Wie Jean-Claude Izzo. Der ist allerdings nicht an einem Schuß gestorben, auch keinem goldenen, sondern an Lungenkrebs, am 26. Januar 2000. Die ins Deutsche übersetzten Bücher von Jean-Claude Izzo sind im Zürcher Unionsverlag erschienen. Ursprünglich verfaßt 2006/2008
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