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Edellapkoch Über das schmunzle ich gerne, heftig nickend, was Hans Pfitzinger in seinem tazblog schreibt: «Zur seitenweisen und tagelangen Hofberichterstattung über grüne Karrieristen, die auf gut bezahlte Spitzenjobs ihrer Partei scharf sind, mag ich kein Wort mehr verlieren. Und über Roland Koch, den geschäftsführenden Ministerpräsidenten von Hessen mag ich eigentlich auch keine ganze Seite lesen und gucken (was für ein sympathisches Foto von dem Ekel!). Aber dann lese ich das Koch-Porträt trotzdem, weil es von Georg Löwisch geschrieben wurde, und der gehört zu den besten taz-Schreibern. ‹Edelfeder› nannte man das früher mal. Zeitgemäß könnte man vielleicht von Edellaptop sprechen.» Zu dem Aushilfs-Koch und dessen Bemühungen, sein Süppchen weiterhin köcheln zu lassen, hat sich Andrea Diener geäußert. «Machen kann man dagegen nichts. Gar nichts», schließt ihr Text. Offenbar doch, wie wir mittlerweile wissen.
Bargeld lacht ... diese althergebrachte, linguistisch nicht ohne weiteres erklärbare Volksmundausscheidung wäre die Erkenntnis, nach der zu verfahren wäre, wollte oder müßte man mit einem Blog zu dem kommen, das angeblich nicht stinkt. Das heißt in etwa: mit Texten entsprechende Aufrufzahlen erreichen, wenn sie nur den richtigen Aufmacher haben. Man muß lediglich vorgehen wie diese tägliche Deinformationspostille, die in eigener Abteilung hochdotierte Kräfte auf den vier Buchstaben sitzen hat, um selbige mit großlettrigen Un- oder Halbwahrheiten zu füllen. Und richtig, man erlebt es ja an sich selbst, daß man beim Bäcker das erstehen möchte, was Genuß verheißt, es einem die Vorfreude darauf aber sofort vergällt, weil man trotz aller Ablehnung dann doch auf die Riesenschlagzeile des Blattes starrt, das auf dem Verkaufstresen zur Volksaufklärung bereitgelegt ist. Es sind ja auch immer dieselben Reizwörter, auf die man reagiert: Kellerkinder, Mord, Totschlag, Österreich, Schweiz, Geld, Benzinpreis. Die letzten beiden Begriffe hatte die weltweit die Ranglisten bestimmende Suchmaschine zwei Tage nach Einstellen eines hiesigen Beitrages «gefunden» und als vermeintlich neuestes Wissen ganz oben plaziert. Denn so ward des Menschleins akutes Sehnen frisch mit Hoffung befeuert: Bargeld tanken!. Zwar listet dieser glückverheißende Generator die beiden Hoffnungstermini tausendfach auf, und man hat es ermattend längst alles studiert, aber es könnte ja sein, daß sich hinter dieser Überschrift dann doch eine neue Rezeptur verbirgt, nach der man kostenlos oder zumindest billig zu dem kommt, das man nicht hat, um es dann schnurstracks der notleidenden Energieindustrie unter die dünnen Kapitalärmchen zu schieben. So wird auch die (dieses mal gezielt) hier eingesetzte Überschrift zu einer erheblichen Beachtung des hiesigen Textes beitragen — nein: einfach nur die Klickzahlen erhöhen. Und nach dem ersten Satz wird die Million Fliegen wieder absirren, nachdem sie gemerkt hat, daß auch diese Ausscheidung nicht unbedingt zur Alimentation (und nichtmal zur Bespaßung) beiträgt. Einmal mehr wird man sich auch für den Rest dieser allzu twitterfreien Sätze nicht interessieren. Allenfalls bei diesem erkennbar verlinkten Wörtchen Fahrzeug wird man nochmal draufdrücken, könnte sich doch des Welträtsels Lösung dahinter verbergen. Und wieder nichts wird's gewesen sein. Bis auf die Tatsache, daß es die Aufrufzahl auf einer anderen Seite erhöht hat.
Fütterungskunstfliegen Bevor wir das wunderschön abgelegene Dorf-Büro in der deutsch-französischen Exklave bezogen, gab es hochoben unter der Westtraufe des über 200 Jahre alten ehemaligen Bauernhauses Schwalbennester. Die hatte der Unter-Mieter mit Hilfe eines Wasserschlauches «entsorgt» (wie der gute Deutsche spricht), da die Resultate der Vögelei es von den Alten nicht nur vorne permanent reingestopft bekamen, sondern es in Folge auch hinten ständig rausging. Wie das eben so ist mit den süßen kleinen Futterdurchgangsmaschinen. Sie warfen ihr Dekorationsmaterial ab. Aber solche Muster passen nicht ins Ordnungsschema. Weg damit. Mit den Verursachern. Andererseits geben die Unter-Mieter für solche Verzierungen gut und gerne viel von ihrem knappen Geld aus. Nur wollen sie sie eben nicht direkt neben der Wohnungseingangstür. Eher am Katzenmausoleum im funktionellen Vorgärtchen oder das Häkeldeckchen am Fenster, durch das man die lieben Vögelein im (Baumarkt-)Häuschen der freien Natur trefflich beobachten kann. Nun haben sie gebaut. Nicht die Unter-Mieter. Das wär's ja. Dann könnten sie ihr klein' Häuschen in ihrer Ordnung halten. Sondern die Schwalben. Sie sind wieder da. Nach sieben Jahren haben sie sich (wieder) getraut. Und naturgemäß sofort Nachwuchs gezeugt. Aber wie das so ist auf dem Lande: vorher erstmal Nest gebaut, und zwar direkt neben dem Bürofenster in etwa zehn Metern Höhe. Und nun gibt's hier Fütterungskunstfliegen höchster Schule. Schöner als Computergucken. Wenn er das wieder tut, der Unter-Mieter, das mit dem Schwalbennest-Wegspritzen, dann hole ich die örtliche freiwillige Jungdynamikfeuerwehr aus dem ein paar Schritte nur abgelegenen Saufaushaus, spendiere noch ein Faß, und dann gebe ich der Übung Feuer frei Richtung Unter-Mieter-Wohnung, sprich Wasser marsch, mit allerhöchster US-Wolkenkratzerterroristen-ATÜ-Zahl hinein in die geöffnete Tür. Im (hoffentlich sehr kalten) Winter. Während die Schwalben im Süden Sonne baden und die Flügel baumeln lassen.
Bargeld tanken! Vor einiger Zeit rappelte sie besonders heftig, diese von unsereins nicht sonderlich geliebte Rassel für zwischenmenschlich kommunikationsgestörte Infantilisten. Bei den beiden Damen meiner nächstgelegenen Familie verhält sich die Beziehung zu diesem Gerät ein wenig anders, und dieser Logik entsprechend war auch eine der beiden dran. Befreien aus den Klauen dieses Schandsystems solle ich sie, nein, sie habe nicht geklaut, eher habe man ihr etwas genommen, nämlich die Möglichkeit, dieses Gelände unbehelligt wieder zu verlassen, die sogenannte Euro-Karte gelte offenbar nur in Europa, das Agrarland Schleswig-Holstein läge offenbar außerhalb der EU-Genze, auf jeden Fall funktioniere sie nicht, die Karte, und dieser vorösterliche Karl Freitag von der Verkaufshilfsschule wolle sie nicht vom Hof lassen. Eine normale, stakkatohaft gesprochene Büddenwarderin-Sentenz, nach kurzem Atemholen fortgesetzt: Nein, sie habe ihr Konto nicht leergekauft, die Leitung könne nicht in Ordnung sein oder sonst was, aber der Pickelknabe kapiere das nicht, und sie stehe auf einem abgelegenen Tankhof, wo das Benzin zwar billiger sei, wenn das nicht mal ohnehin ein ungeheuerlicher Euphemismus sei, man das also überhaupt so sagen könne also, sie aber niemand kenne, alle Bekundungen und Ausweisvorlagen interessierten diesen Benzinausgabenjüngling nicht, sein Chef habe gesagt und so ... Ich möge sie bitte auslösen, befreien aus diesem elektronisiert-kapitalistischen System. Sie hat sich das zwar selbst ausgesucht, aber auf unsereiner ständige Ermahnungen, man benötige immer ein paar Scheinchen im Täschchen, reagiert sie immer ablehnend, mit der Begründung, wenn sie bares Geld im Portemonnaie habe, gebe sie's auch sofort wieder aus für irgendwelche Nettigkeiten, die da immer so wegelagerisch herumstünden oder -lägen. So denn, nennen wir's Prokrastination, schlüpfen wir in die Ausgehlatzhose, nehmen die Entenkurbel von der Wand und fliegen an den mondänen Badeort an der östlichen See (wo sie zuvor vermutlich wieder einige Parfumerien aufgekauft hatte). Das erinnert mich an die einige Jahre zurückliegende Situation. Paris in Richtung Süden verlassend hatte ich den Tank des in Frankreich wegen seines Sterns und dem etwas zu ausladendem Format nicht sonderlich beliebtem Fahrzeug (die Zeiten haben sich geändert) fast leergefahren. Es war unbedacht, denn es befanden sich nur noch wenige Francs in meiner Tasche. Und damals war es außerhalb der größeren Städte noch nicht überall möglich, mit internationaler Kreditkarte zu bezahlen. Mit Carte bleue (gleichzusetzen mit manchmal funktionierender national gültiger Bankkarte) kein Problem, damit wird sogar der petit rouge bezahlt, aber ich zu dieser Zeit noch nicht so patriotisch Gesinnter hatte eben keine, sondern nur weltweit gültige Plastikwährung. An einer schlimmen Trümmerstation irgendwo dörflich der Nähe des burgundischen Nevers (wohin ich nicht mehr gekommen wäre) sah ich schwach ein völlig verrottetes Plakat mit der gerade noch lesbaren Aufschrift MasterEuroDinersVisaCard vor sich hindösen. Dahinter etwas Tankstellenähnliches. Es hatte (noch) nicht den Charakter eines großeuropäischen Supermarktes. Es sah irgendwie sehr französisch aus in seinem scheinbar heillosen Durcheinander. Nachgerade heimelig. Sofern sich eine Tankstelle so beschreiben läßt. Es ist anders als in diesen globalen Kraftfahrzeugversorgungsstationen für Fastfoodabhängige. In denen weiß man nie so genau, ob man sich im süddänischen Gedser, auf der grünen Wiese neben dem thüringischen Apolda oder weitab vom Rand des katalanischen Gerona befindet. Es ist erstaunlich, daß MacDonald's noch keinen Sprit verkauft. Oder Tankstellen überhaupt noch Benzin. Wegen des schon sehr verblaßten Hinweises auf weltweite Zahlungsmöglichkeit hatte ich wenig Hoffnung, aber ich wollte sie nicht aufgeben, bevor sie endgültig dahin war. Ich ging also auf diesen Schrottplatz zu, aus dem ein klappriges Hüttchen herauslugte. Vorsichtig fragte ich das aus ihm herausschlurfende Michelin-Männchen, das fast zu hundert Prozent aus noch unverarbeitetem Erdöl zu bestehen schien, ob ich denn — und winkte mit meiner Karte. Bien sûr, Monsieur! Er kriegte sich dann fast nicht mehr ein, weil es gar nicht mehr aufhören wollte, hineinzulaufen in den Tank. Und tatsächlich unterbrach die Pumpe bei achtundachtzig Litern. Ein paar Tropfen gingen dann noch, aber seine elektronische (!) Kartenlesemaschine nicht. Sie war wohl ebenso ein bißchen verschlammt. Oder sie hatte wegen jahrelanger Nichtbeachtung ihrer Anwesenheit gestreikt. Pas de souci ! Monsieur. Kein Problem also. Er schlug ein paarmal heftig drauf — und dann fiepte sie zweimal und spuckte den Beleg aus. Seitdem fahre ich, wenn es irgend geht, solche Tankstellen an. Aus Sympathie und Solidarität gegen diese Kaputtmachglobalisierung. Und zur Aufrechterhaltung der Tradition von Werkstätten, in denen man den Motor eines Döschwoh mit verbundenen Augen ein- und auszubauen vermag (so man über fünfzig ist). Und sogar Benzin für Mercedes bekommt. Aber, bitte, nie mehr ohne Bargeld in der Tasche, gnä' Frau!
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