Adorno kommentiert

«Der Zeitgeist und mit ihm die Politik, sie wollen Leistungserbringer, sie wollen Dienstleister. Sie werden sie bekommen, ihre Dienstleister.

Aber Ärzte,
Ärzte wird es bald nicht mehr geben.»

Und Adorno spricht dazu.
 
So, 15.06.2008 |  link | (2267) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Heimatliches Fachgewerk

Jochen Hoff meinte zum Thema Nationalität(en) im allgemeinen, darin zum Nestbau im besonderen:

«Was macht eigentlich ein Deutscher, der in Deutschland Heimat finden möchte? Meinetwegen sogar in Fachwerkbiederkeit. Nein, Fachwerk war nie bieder. Es ist der kleine Schmuck, dieses winzige Aufbegehren, das uns sagt, daß sie nicht bieder waren. Aber ist Fachwerk Heimat? Gibt es Heimat? In Deutschland?»

Heimat — als Synonym für ein Zuhause — was spricht dagegen? Nichts. Die eine oder andere Biographie gibt dem Begriff allerdings eine unterschiedliche, individuelle Les- beziehungsweise Sprechart. Die meine artikuliert sich dabei über einen Deutschen. Sicher bin ich nicht, aber ich meine, es war Christian Morgenstern, der notierte: «Heimat ist überall dort, wo man Freunde findet.» Dabei ist es also nicht weiter von Belang, ob das ein Dörfchen irgendwo im Sauer- oder Feuerland, ein Stetl bei Swerdlowsk (für die etwas später Geborenen: Jekaterinburg) oder ein Städtchen wie Kiel, La Paz, Paris, Papeete, Rovaniemi oder Wellington ist. Nach dieser Definition gibt es auch in Deutschland Heimat. Manche sollen sogar Kleinbloggersdorf dafür halten.

Mit dem Lied der Deutschen meinte Hoffmann von Fallersleben («Aber es kostet fünf Louisdor!») die Abschaffung der damaligen Kleinstaaterei. Ausreichend belegt sein dürfte, daß er damit nicht ein Großdeutsches Reich meinte, dessen Propagandisten sein prädemokratisches «Deutschland, Deutschland über alles» in ein faschistisches Kriegsgeheul überführten — und ein paar geistige Tiefflieger daraus noch heute eine ballkampfsportartige Schlachtenstrophe («Heute Polen und morgen ...») oder «Du bist Deutschland» machen.

Doch zum obigen Kritikpunkt: Fachwerk ist zunächst einmal nichts anderes als Fachwerk: eine frühere bauhandwerkliche Erforderlichkeit. Zwar haben bereits die Römer mit Beton gebaut, aber die Zivilisation ist an vielen Orten ja nie angekommen, oder auch: Wenn ein Reiter von weither sie ankündigte, sah man ihn als den der Apokalypse und zog ganz schnell die Städtchentorzugbrücke hoch.

Nun, gegen Fachgewerk ist wahrlich nichts einzuwenden. Wogegen sich alles in mir sträubt, ist Fachwerk als historisierendes «Stil»-Mittel, dieses Herausputzen einer Puppenstube, etwa wie lüneburgisches mittelalterliches Häkeln oder Klöppeln in bunten Kleidchen bei Zentralheizung oder Heizpilz und fließend Wasser, aber nicht etwa wie zu dieser Zeit als durchs Städtchen rauschende Kloake. Fachwerk wird meist so verstanden, wie man Romantik versteht: Die Gläser mit dem australischen Rotwein aus 07 auf dem Gesims des russengasbetriebenen Kamins, dazu leise Barockmusik aus dem KlassikRadio, er hat sich sein bestes Seidenhalstuch von Otto Fabricantum oder das hundertprozentig Polypropylenische von Clamotten & August umgeknotet, fällt vor ihr auf die Knie und und säuselt ihr einen Antrag auf Hochzeit unter der Rialto-Brücke in Las Venice ins Ohr, die elektrisch rollende Kutsche ganz in weiß und mit einem Knopf in jedem Ohr oder so ähnlich.

So, wie Fachwerk heutzutage präsentiert wird, dient es — nicht immer, aber überwiegend — der sinnfreien Behübschung des tristen Da-Seins in den Städtchens oder Dörfchens, für Touristen oder des eigenen, meinethalben: Heimatseelchens willen. Ich empfinde die Plastiktütenträgermassen, die beispielsweise im elsässischen Colmar stündlich von Bussen ausgespuckt werden, zum spucken. Das Ornament fällt mir parallel dazu noch ein: Es hat als Bedeutungs- und somit Kommunikationsträger seit Ewigkeiten schon ausgedient, kann von niemandem mehr gelesen werden. Aber es wird immer öfter eingesetzt. Man muß sich diese Häuser mal anschauen. Nicht nur in Deutschland! Aber am liebsten dort. Und in der Alsace eben. Aber hinfahren tun die Deutschen. Was wunder! Rothenburg und Heidelberg und wie sie alle heißen sind ja von den Amis und den Japanern und wie sie alle heißen belagert. Wie zu Zeiten, als die Horden im Böhmisch-Pfälzischen, Dänisch-Niedersächsischen, Schwedischen und Schwedisch-Französischen Krieg in die gerade frisch gebauten Fachwerkhäuser einfielen.

Wie's da drinnen aussieht, in den Dörfern, wie sie entstanden sind und so weiter, das weiß doch der Mensch nicht (mehr). Eigentlich interessiert es ihn auch nicht wirklich, weshalb er tatsächlich heimatlos ist. Seine (Dorf-)Mitte hat er ohnehin längst verlassen, er hat Platz genommen: im Neubaugebiet am Ortsrand, keller- und somit haltlos, hat gebaut nach den Billigheimer-Kriterien der betonverblendenden Bauindustrie, die ein wenig Handwerk antäuscht. Deshalb dekoriert er sich zuhause auch ein bißchen Heimat zurecht. Sie könnte auch Gemütlichkeit heißen.
 
So, 15.06.2008 |  link | (3895) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Form und Sinn



 

Belsunce tristesse (Marseille)

Das Meer. Es gehört ja bekanntlich allen Franzosen. Im besonderen den Parisern. Da sie aus der Hauptstadt kommen, sind sie die etwas besseren Franzosen. Auch wenn viele Franzosen Paris gar nicht für eine französische Stadt halten. Daß die meisten Pariser irgendwie aus der Provinz kommen — etwa so wie der überwiegende Teil der Berliner oder Münchner aus dem emsländischen Leer, dem ostwestfälischen Gütersloh oder dem schwäbischen Sindelfingen — ist dabei nicht weiter von Belang. Nach seiner Herkunft gefragt, wird der internationale Franzose antworten: Ich bin ein Pariser.

Wie hat Eric Orsenna in seinem Inselsommer nochmal geschrieben? «Paris hatte den Engländer vom Spitzenplatz ihrer Aversionen verdrängt. Und sie fanden in ihrem Innersten brachliegende alte Aggressionen.» Er hat das zwar in Verbindung mit der Bretagne gemeint. Aber es hat wohl überall Gültigkeit. Und das, obwohl es früher doch immerhin hieß: «Ich bin fest überzeugt: ein fluchender Franzose ist ein angenehmeres Schauspiel für die Gottheit als ein betender Engländer.» Wahrscheinlich aber variieren die Pariser das heute: Der in der Hölle fluchende Pariser ist angenehmer als der himmlische Marseillais.

Die Seuche rückt an. Nein, sie ist bereits da. Seit einigen Jahren breitet sie sich von Norden her kommend aus. Ausnahmsweise sind's nicht die Deutschen. Auf der Strecke Paris-Marseille ist der TGV seit der Einführung dieser Rennpassage meist durch Pariser (aus-)gebucht. Am Wochenende und, logisch, in den Ferien. Und zwar in allen Klassen. Kein Wunder bei dem Preis! Der in etwa der Autobahngebühr entspricht. Für eine Strecke, die München-Hamburg entspricht. Aber in der Hälfte der Fahrzeit. Drei Stunden. In denen kommt man von München aus mit dem Intercity noch nichtmal nach Frankfurt, und das mit dem sogenannten Sprinter. Und der TGV fährt — stündlich! Von Paris aus, von Marseille aus, von diesem entzückenden, fast kleinstädtisch wirkenden Gare Saint-Charles aus früh ab halb sieben, stündlich und direkt: Ankunft Paris-Gare du Lyon halb zehn. Die Einwohner von Rouen werden aufatmen. Der Week-end-Fremdenverkehr oben im Nordwesten wohl kaum. Der wird jammern. Aber dafür gibt's dort mittlerweile auch wesentlich weniger Pariser. Denn die fahren nun zu ihrer von jeher heimlichen Geliebten, ans Mittelmeer. Schneller als mit jedem Flugzeug. Am Gare du Lyon eben noch Le Figaro kaufen, einsteigen, und kaum hat man die Wirtschaftsseiten und die Nachrichten zu Monsieur le Président und dessen singendem Auslaufmodell durch, kann man auch schon die Stufen hinunterhüpfen zum Boulevard d'Athenes und die paar Meter zu seiner vor einiger Zeit günstig erstandenen mittelmeerischen Residenz im Belsunce spazieren.

Kaufen ist ohnehin besser. Denn die Mieten gehen mittlerweile auf Münchner oder Hamburger Niveau zu; oder anders: die Pariser sind nicht mehr weit.

Jürgen Becker hat in seinem Rheinischen Kapitalismus mal thematisiert, was sich hier, im Zusammenhang mit der Bevölkerungs-Bouillabaisse Marseille, vortrefflich umdenken läßt: «Die Italiener lieben die Franzosen, aber sie achten sie/nicht. Die Franzosen wiederum mißachten die Italiener./Aber sie lieben sie auch nicht./Das mit der (europäischen) Einigung wird noch schwer/kompliziert.» So ähnlich verhält sich das zwischen den Marseillais und den Parisien. Wenn es auch recht diplomatisch daherkommt, wie Herr Becker das formuliert hat. Denn eigentlich schaut der gemeine Pariser ja hinab. Nicht nur in den Süden, der ja sein Begehr ist, sondern sehr gerne auf den gemeinen Marseiller. Aber hinfahren tut er eben schon gerne, der Pariser und sein Geld. Und kauft die Stadt kaputt. Wie Croix-Rousse in Lyon. Das nur nebenbei. Also — vierzig bis sechzig Quadratmeter mit Tageslicht für achthundert bis fünfzehnhundert Euro monatlich. Plus Parkplatz. Wenn's denn überhaupt einen gibt, denn Tiefgaragen gibt es eigentlich keine. Unter der Erde ist nämlich nur Platz für gut zweieinhalbtausend Jahre Historie. In die Tiefe gehen wird also vermieden. Mit Hafen- oder Meerblick und damit Sonnenlicht kostet es nochmal um einiges mehr. Je nach Feinheitsgrad und ob cuisine americaine oder nicht. Oder vorhandenem Fahrstuhl. Und Fahrhilfen werden nach und nach eingebaut. Wenn Platz ist.

Im Zweifelsfall schmeißen wir eben die Araber raus. Sollen die doch nach drüben gehen. Oder besser dorthin, wo sie dahergelaufen sind. Wir haben sie nicht gerufen. Wir haben Algerien, Marokko, Tunesien und wie sie alle heißen doch längst in die Unabhängigkeit entlassen. Sie wollten das doch selber. Sollen sie jetzt doch sehen, wie sie klarkommen. Die Übersee-Franzosen sind gerne Franzosen. Und sie bleiben, wo sie sind. In der Karibik, hinter Lateinamerika oder Australien versteckt — Territoires d'outre-mer oder DOM-TOM eben, wie's das Volk nach wie vor vorspricht.

Durch die rue Thubaneau im Ersten, im Quartier Belsunce, rollten schon Anfang des neuen Jahrtausends die ersten Ferrari und Porsche oder Mercedes durch, während nebenan in der Rue Récolettes oder somstwo noch der Müll herumlag. Mehr als unappetitlich. In mehrfacher Hinsicht. Vor allem aber in einer ...

Daß diese Ferrari und Porsche oder Mercedes, die man ansonsten nur in Paris sieht, nicht nur parisischen Ehedamen gehören, sondern auch den Arabern, gehört in die Sparte homo homini lupus ... Der Mensch ist des Menschen Wolf. Der Herr weigert sich, dem Sklaven Geld zu leihen — geschweige denn ihm überhaupt etwas zu überlassen. Erst werden die ihre eigenen Leute ausgenommen und dann rausgejagt. Das ist einer dieser Treppenwitze der Weltwirtschaftsgeschichte! Die dort lebten, für viel Geld in diesen üblen Buden, oftmals ehemalige Hotels, am einst prächtigen und wuseligen Cours Belsunce (neuerdings wieder mit Tram) und dahinter, hatten nicht einmal Wasser in ihren Zimmern und haben das ihre wahrscheinlich deshalb in der nahen rue Longue des Capucins hin zur Metro-Station Noailles abgeschlagen, im Hauseingang, zwischen frischem Fisch, Fleisch, Gemüsen, Gewürzen, Kuchen, Reis und vom LKW gefallenem Telephon-Tinnef. Nicht nur einmal habe ich das gesehen. Sie haben's ihnen also auch noch leicht gemacht mit ihrem Dreck und Müll.

Hier hat sich die geldfranzösische Internationale breit- und die Araber plattgemacht. Vermutlich haben sie — ach was, ich weiß es genau, schließlich hab ich's lange genug beobachtet. Und dann hat's mir einer dieser beteiligten «Investoren», die als Muslime so wenig Alkohol trinken wie Juden Schweinefleisch essen, irgendwann nach dem zehnten Pastis bestätigt. Die Häuser wurden fürn Appel und 'n Ei angeboten beziehungsweise mit viel Geld aus Paris und Strasbourg oder Bruxelles gefördert. Dann wurden die Häuser saniert. Gerade so, daß sie die Mietgarantien über zehn Jahre durchhalten. Aber dennoch entsprechend hoch. Das konnten die natürlich nicht bezahlen, diese Gagen, für die jetzt diese Ateliers oder Galerien und deren Anhänger des neuen Lebens in Marseille zahlen.

Nun gut, früher wurden in Frankreich solche Viertel einfach abgerissen. Damit hatte man Erfahrung auch in dieser Stadt. Die Deutschen waren dabei mal außerordentlich hilfreich, als es darum ging, dem Gschwerl den Unterschlupf zu nehmen. Mittlerweile läßt man ein bißchen Fassade stehen. Wie bei L'Alcazar, der neuen Bibliothèque Municipale à Vocation Régionale am Cours Belsunce, die sie im Rahmen der Sanierung hin zum neuen Marseille ins Quartier hineingebaut haben. Vorne zwanzig Meter Altgemäuer und hinten raus zweihundert Meter Stahlbeton. Dafür haben sie — geübt darin sind sie ja — ein ganzes Caré eingeebnet. Mit dem Eingraben nach unten waren sie eher vorsichtig vor rund acht Jahren. Wahrscheinlich haben sie's nächtens bewerkstelligt. Nicht daß wieder irgendwo so'n antikes Griechenklo zum Vorschein kommt und sie gleich wieder gezwungen werden, ein neues Museum einrichten zu müssen wie drüben auf der anderen Straßenseite das niedliche nette kleine Alibi am Rand des Centre Bourse, dessentwegen ein Großteil der griechischen Geschichte vom Bulldozzer untergepflügt und dann mit Konsumbeton aufgefüllt wurde.

Und regnen tut's auch ständig. Am Mittelmeer! Kein Wunder bei den vielen Parisern. Wie hat Léo Ferré 1972 im Palais des Congrès in Marseille (vermutlich prophetisch) gesungen?

«O Marseille, man könnte meinen, das Meer habe geweint.»
 
Sa, 14.06.2008 |  link | (4652) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Linksrheinisches



 

Erde sammeln

«Douglas Tompkins ist 65 Jahre alt und Millionär mit einer Sammelleidenschaft. Das an sich wäre nichts Besonderes, legen sich doch genug Millionäre eine Kollektion moderner Kunst oder verschiedenfarbiger Ferraris zu. Tompkins' Sammlung jedoch ist ganz besonderer Art, sie besteht aus Regenwäldern und Steppenlandschaften, aus Gletschern, Vulkanen, alten Bäumen und vom Aussterben bedrohten Minihirschen. Seit den frühen neunziger Jahren kauft der Amerikaner gemeinsam mit seiner zweiten Frau Kristine McDivitt über ein System von Stiftungen ganze Landstriche in Chile und Argentinien auf, um der Natur ‹eine Auszeit zu gönnen›. Im Besitz der Tompkins befinden sich in Südamerika rund 12.000 Quadratkilometer Land, das entspricht mehr als der Hälfte der Fläche Hessens. Das Paar gehört damit zu den größten privaten Grundbesitzern der Welt.»

Öffentlich-rechtlich bereits (mindestens) einmal ins TV-Bild gebracht und nun auch privatwirtschaftlich-verlegerisch präsentiert. Aber man kann solche Themen ja nicht oft genug bringen, auf daß es endlich auch mal bei den sogenannt Denkbefreiten ankommt. Hier ein ausführliches Interview mit Douglas Tompkins in der FAZ. Und bevor auch das untergeht: Darauf aufmerksam wurde ich einmal mehr öffentlich-rechtlich: durch Holger Klein in dessen Quasipresseschau der Nightline des Hessischen Rundfunks — ohnehin eine der ersten (nicht nur morgendlichen) Aufklärungsadressen. Dank! Großen.
 
Sa, 14.06.2008 |  link | (2317) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Klammheimliche Freude?

Wie auch immer — brillant!
 
Fr, 13.06.2008 |  link | (2196) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Romantische Gastronomie

Er hatte des Geistes Wissenschaft nach langjährigem aufrichtigen Bemüh'n erlernt, seinen Gesellenbrief erteilt bekommen. Nicht zuletzt wegen der langen, aufreibenden Nächte war ihm jedoch danach, die angelesene Sehnsucht zu praktizieren. Sein Wissen weitergeben, gerne, aber in ihn umgebender Ruhe. Das mußte doch möglich sein.

Er konnte einpacken. Nicht nur sein bißchen Habe, um sie umzuziehen. Auch finanziell. Denn in und mit dem Dorf ist zwar gut Kirschen essen, nicht aber mit den Verkündern des Geistes, die metropol sitzen, in der Nabe des Wissensrades. Für die hat man dort präsent zu sein. Residenzpflicht auch für den Arbeiter der Aufklärung.

So war das früher, als man nicht mal eben ein großes Gedicht über die Kultur der sich formierenden Romantik in die Tastatur hauen und es in digitaler Geschwindigkeit an die großen Verbreiter senden konnte. Mit dem Manuskript unterm Hungerärmchen hatte man anzutreten, vorstellig zu werden, vorzusprechen und zu -singen den Allmächtigen der Redaktionen. Wer aber die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit bis in die Urgründe verinnerlicht hatte und die Blaue Blume auch in ihrer Materialität riechen wollte, der hatte sich die Autarkie anders einzurichten.

Eine Küchenhilfe ward gesucht. Das klang zwar nicht unbedingt nach hirn-, dafür aber nach magenfüllender Nahrung. Einmal am Tag wenigstens satt werden. Er beschönigte sich die Situation ein wenig: der Gastronomie war er ohnehin zugeneigt. Ein Restaurant am Ende, nunja, nicht gerade des Universums, aber kurz davor. Eine Stätte zur mittäglichen und abendlichen körperlichen Wiederherstellung des nach oben offenen Mittelstandes. Ein Maître außerordentlicher Reputation zudem. Was die küchenkunsthandwerklichen Fähigkeiten betrifft.

Die menschlichen sollten sich als verbesserungsbedürftig erweisen. Doch die sind nicht so sehr gefragt bei hundert, auch schonmal hundertfünfzig Mittagsmenues à la carte. Hier hat Monsieur de cuisine die Honneurs zu machen draußen im Saal, wo die Herren ab schlag zwölf déjeunierten und nach dem Tagwerk dieselben gemeinsam mit ihren Damen dinierten. Einmal pro Woche frischen Hummer, das war man sich schuldig, und auch Fisch, selbstverständlich bäuerliches Getier, ansonsten viel Geflügel, gerne vom Meister und dessen dann später bei ihm abendessenden Jagdbegleitern persönlich erschossen, das ganze Niederwild, die Fasanen, die Reb- und auch die Perlhühner und die Wachteln und die Kaninchen, aber auch die Rehe, die Sauen, alles das, was die Revolution dem Hochadel ab- und dem Bürger zugesprochen hat.

Auch bei den Zutaten erwies er sich als exquisiter Fachmann. Vor allem beim Schummeln. So manches Mal bekamen die Honoratioren des Dorfes und der Nachbargemeinden einiges aufgefrischt aufgetischt. Was nicht weggegangen war am Vortag, es wurde kraft virtuoser Fälscherhände als gerade eben zubereitet vorgelegt. Leicht geriet ihm Schwein zu Ferkel, alte Kuh zu Kalb. Immer neue, die eher hausbackenen Esser anfänglich bisweilen leicht exotisch anmutenden Kreationen ließen alt unter neu verschwinden. Doch der Gast war erotisiert von der Zauberhand des Küchenmeisters aus der fernen Stadt. Dazu trug bei, daß dieser es nie versäumte, zwischendrin den immer parat liegenden, nein gestärkt stehenden weißen Hut aufzusetzen, die verschmutzte Schürze gegen die saubere auszutauschen und hinauszutreten, um jeden Gast persönlich zu begrüßen und ihn freundlich lächelnd nach dem Befinden zu befragen. So wollte noch jede Mahlzeit hochwohlgelobt sein. Wer einen hohen Preis zahlt, der darf nicht unzufrieden sein.

Keine drei Wochen nach Arbeitsbeginn sah sich der Küchenhelfer — dem bald und sicher wohlweislich eine Salat- und Geschirrspülerin zur Seite gestellt worden war, die das zu leisten hatte, wofür man ihn in Brot nahm — eines Mittags, vor dem großen Andrang alleine, ohne den Maître vor den auf den Herden hüpfenden Töpfen und Pfannen stehen. Monsieur hatte sich angesichts zehn, fünfzehn, zwanzig Menuebestellungen mit einem Mal freigegeben, war entschwunden. So wie der Hummer ins heiße ward der Helfling ins kalte Wasser geschmissen. Es war eine Art Feuertaufe. Fünfundvierzig und mehr Grad in der Küche. Eine Äquatortaufe mit Kielholen wäre dem Smutje lieber gewesen. Kurz nach der hundertsten Bestellung kam er wieder, orderte im Straßenanzug und mit leichter Pastisfahne zwanzig weitere, meinte, die paar restlichen schaffe er auch noch, der stiekum zum temporären commis de cuisine avancierten Anlernlernling, band den weißen Schurz vor die Ausgehhose, setzte die Chefmütze auf und gab vor der Gästeschaft seine Kochhandwerkskünste zum besten. Der Applaus der Dorfelite war ihm gewiß.

Drei Monate machte der Schnellcommis das mit. Dann war er eines Tages in der heißen Mittagsphase inmitten von zehnerlei Ordres nicht mehr anwesend. Seinen kargen monatlichen Lohn hatte er am Vortag entgegengenommen, dem Maître den seinen heute somit gegeben. Der eigene, mittels fehlender Freizeit angesparte würde ein Weile reichen, dem Meister es wohl auch angesichts der ihm so dargereichten Quittung. Der in die romantische Welt des schönen Scheins Zurückgekehrte nahm wieder Platz auf dem Bänkchen und in seinem Blick auf die unendliche landschaftliche Weite und sinnierte darüber, ab wann wohl so etwas wie die Unabhängigkeit von den Fährnissen dieser Welt erreicht sei.

Einige Zeit später hatte ihn die neununddreißigste Ablehnung seines Manuskriptes ereilt, das einen Teil seines geisteswissenschaftlichen Meisterbriefes darstellte und das ihm seinen Ort auf dem Globus der Wissensvermittlung zuweisen sollte. Das Lohnüberbleibsel war fast aufgebraucht.

Da gab er vom allerletzten Rest eine Anzeige im Südwestblatt auf. Eine Antwort erhielt er auf seine Annonce. Sie war von etwas kräftiger Art, aber liebes- und arbeits- und empfangswillig und Tochter eines guten (Gast-)Hauses. Nun trägt er selbst gerne die von Madame persönlich immer frisch gestärkte Mütze für die Honneurs im Speisesaal und geht ansonsten gerne mit seinen Gästen auf die Jagd. Die schätzen seine im hohen Norden erworbenen, gleichwohl formidablen Küchenspielereien und erleichtern ihm das Leben sehr. Die Gattin lächelt ihn unentwegt glücklich an.

Hin und wieder sitzt er in der hunderttausendjahrealten, dicht begrünten Hügel- und Höhlenlandschaft am lieblichen Flüßchen mit seinen feinen Krebschen und schaut hinein in die hinter ihm liegende Romantik.

Und manchmal sucht er eine Küchenhilfe. Etwa alle drei Monate.

Die verlinkten Photographien zeigen lediglich, wo es sich zugetragen haben könnte.
 
Fr, 13.06.2008 |  link | (3107) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Geschmackssache



 







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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6516 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00



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