|
Proud to be ... Während meiner Promenaden durch die virtuelle Welt der Gleich-oder-Nicht-Gleichgesinnten falle ich immer wieder über die tiefen Gräben, die die US-Bejubler angelegt haben und anlegen. Die Armee der Religionsfanatiker, die das Bush-Land nachgerade für den Vatikan des Kapitals halten, scheint sich tagtäglich zu vergrößern. Der nächste Papst wird ohnehin aus dem Land der Evolution(stheorie) kommen. Es muß ja endlich mal ein bißchen Farbe rein. Hoffnungsträger werden solche Menschen gerne genannt, wohl in erster Linie von denen, deren Wunsch nach US-amerikanischen Verhältnissen hier in In diesem unserem Lande (gerne ja auch in anderen) extrem ausgeprägt ist. Da dürfen die Schamanen des Kapitals ihre Finanzen noch so wenig im Griff haben: ein bißchen was (an Hoffnung) bleibt eben immer hängen. In anderen Sportarten als den politischen werden die Hoffnungs- Wasserträger genannt: diejenigen, die hoffen, irgendwann doch noch anzukommen, vielleicht sogar auf dem Treppchen. Deshalb lassen diese Wanderprediger des Götzen Mammon (von dem sie inständig hoffen, er möge auch in sie fahren) ihre Mitmenschen es gebetsmühlenhaft wissen: Es lebe die (eigene) Freiheit! Wer kein Geld hat, ist selber schuld. Lieber buy als high. Und wer sich kritisch gegenüber bestimmten Geschäftsmethoden äußert, erhält eine wie aus der Schublade geschossene Antwort: Antiamerikanist! Davon mal abgesehen, daß diese ganzen Bank-, Versicherungs- oder Agenturangestellten mit ihren Bachelors und sonstigen Kurzstudien, in deren Lehrplänen das Denken über den eigenen (Sushi-)Tellerrand hinaus nicht mehr vorgesehen ist, sondern nur noch das Geldzählen zählt und damit den nicht einmal leicht angehobenen Bildungsgrad bestätigen: Amerika besteht nicht nur aus den USA! Es scheint sich immer weniger herumzusprechen, daß es noch ein anderes Amerika gibt. (Da sei, kleinlaut, Europa vor.) Für dieses Wissen bleibt offenbar keine Zeit in Studiengängen, die auf die rasche Anhebung des Bruttosozialproduktes ausgerichtet sind. Um so erstaunlicher ist es, daß ein Mensch (s)ein Weblog mit dem bemerkenswerten, heutzutage geradezu selbstzerstörerischen Namen Der Antiamerikaner versieht. Im Titelzusatz erklärt Hans Ulrich Gresch allerdings, was er damit meint: Blog für alteuropäisches Denken. Das ist ein Satz, mit dem ein alter Europäer gut leben kann, einer, der alleine deshalb nicht in den USA leben möchte, weil er sie kennt und der genügend US-Amerikaner kennt, die nicht (mehr) in den USA leben möchten, weil sie sie kennen, die einen anderen Weg gehen möchten als den durch diese politische Schlucht, durch die sie, wahrlich nicht nur in den letzten Jahren, getrieben worden sind und weiterhin getrieben werden sollen. Daran wird vermutlich auch ein neuer Papst nichts ändern. In seinen Seiten liefert Gresch eine Vielzahl an stichhaltigen Argumenten, die gegen die zunehmende US-Amerikanisierung sprechen. Dabei untermauert er die eigenen, wohlbedachten und -gesetzten Gedanken durch eine Vielzahl an Fakten, Wahrheiten und Wirklichkeiten. Man wird im einzelnen nicht immer seiner Meinung sein, doch das dürfte ohnehin nicht sein Anliegen sein (sicherlich nicht alleine deshalb, da Adorno ein solches zum Unwort erklärt hat). Dennoch dürfte er ein Problem haben: Wer das Denken nicht gelernt hat, den es nicht gelehrt wurde, der wird sich kaum der Mühe unterziehen wollen (oder können?), längere Texte zu lesen, die die geistige Leere und banalideologische Fülle seines US-Egoversum bloßstellen. Die anderen — doch darüber ist Gresch sich wohl im klaren — erreicht er ohnehin nicht. Denn selbst gutwillige, aufnahmebereite Studenten im vierten Semester der Geisteswissenschaften haben mittlerweile Probleme, über zwei Seiten eines etwas anspruchsvolleren Textes hinauszugelangen. Oder aber sie haben die Zeit dazu nicht, weil sie entweder prüfungsgestreßt sind oder/und unbedingt noch auf die Party oder zum Shoppen müssen. Und das eigene Internet-Poesiealbum will ja auch noch bebildert und vollgeschrieben werden. Komme mir jetzt keiner mit: Du mußt das ja nicht lesen! Diese Dinger springen einen mit Bildchen voraus ja ständig direkt ins Gesicht. Gresch bietet eine Fülle an Texten. Sie dürften ausreichen, einem geneigten, aber schreib-, vielleicht sogar denkfaulen Lehrer für zwei Jahre Unterrichtsstoff zu liefern. Darauf einzugehen, würde den hiesigen Rahmen sprengen. Selbst ist der Leser. Doch auf einen Punkt muß ich eingehen, da es mich jedesmal aufs neue aus meiner mittlerweile (eigentlich) eingetretenen Gelassenheit reißt, wenn ich davon höre oder darüber lese: Nationalstolz. In seinem Bemühen um eine moderate, das Verständnis für alle anrufende, ja stellenweise fast volkshochschuldidaktische Erklärung des Phänomens Nationalstolz in — na ja — Ehren, er läßt allerdings ein Argument aus, das gegen Du bist Deutschland oder andere, ähnlich gelagerte (wirtschafts-)politisch verordnete, mittlerweile sogar Kinder hirnwaschende Dümmlichkeiten spricht: Wir alle sind mehr oder minder zufällig in England, Frankreich, Spanien, China, Cuba, USA et cetera geboren. Es ist gemeinhin bekannt, daß in verschiedenen Ländern Gesetze existieren, die einem im Land oder dessen Hoheitsgebiet (Schiff, Flugzeug) aus Maman Gekrochenen automatisch die jeweilige Staatsbürgerschaft zuspricht. So hätte es durchaus geschehen können, daß — nehmen wir mich als Beispiel — ich, der ich wegen des extrem ausgeprägt nomadischen Triebs meiner Eltern heute ein Amerikaner des anderen Amerika oder gar, je nach metereologischer Lage, — bewahre! — des «richtigen» Amerika geworden wäre. So bin ich glücklicherweise ein alter Europäer geworden. Darüber hinaus: Wie kann ich stolz sein auf etwas, das andere geleistet haben? Ich kann nicht einmal stolz darauf sein, in der Lage gewesen zu sein, für Nachwuchs zu sorgen, da das wohl kaum als Leistung eingestuft werden kann. Geschweige denn, stolz darauf zu sein, daß eben dieser Nachwuchs den Doktor der Natur- oder Geisteswissenschaften gemacht, sich als Journalist mit einem zwar geforderten, aber immer schwabbeliger werdenden Qualitätsbegriff abmüht oder eine Tischlerlehre absolviert hat und dann schwedisches Unterwäschemodell und dann als Balladensänger oder als General oder Fußballer Bundestagsabgeordneter mit Pensionsanspruch geworden ist. Nicht einmal darauf, daß ich ein bißchen denken kann und dafür auch noch Geld bekomme, kann ich stolz sein. Das haben andere mir ermöglicht. Stolz erkläre ich hiermit feierlich zum Unwort. Aber eine Flagge wird dabei nicht gehißt (die obige blendet sich bei solchen Themen immer selbst ein, und wenn nicht die, dann die hier). Hans Pfitzinger (9. November 2011: dieser Link stammt nicht von mir, irgendwelche Leutchens, die auf meine Fragen nach Hans' Wiederaufstehung partout nicht antworten wollen, haben ihn ungebeten installiert) kommentiert mit ein paar Zeilen aus William Kotzwinkles Novelle Schwimmer im dunklen Strom von 1975, die er übersetzt hat: «Laski hockte am Boden, Sägespäne an den Knien und einen Bleistift hinter dem Ohr, drehte langsam die Schrauben ein und trieb sie tief ins Holz. Er schmirgelte die Ecken der Kiste ab, in der Luft hing feines Sägemehl, ein Geruch der Erinnerung stieg in seine Nase. Ich habe ein Haus für uns gebaut, mit einem Zimmer für ihn, und jetzt baue ich einen Sarg. Alles dasselbe. Wir müssen nur mitgehen, mit offenen Augen, und sorgfältig auf unsere Arbeit achten, ohne Nebengedanken. Dann fließen wir mit der Nacht.
Bio-Bienen «unbelastete deutsche honige sind demnach seit etlichen jahren schon so gut wie nicht existent. daran sollte man denken, wenn man im ökoladen den sündhaft teuren ‹echt deutschen› bienenhonig erwirbt. deklariert wird eine behandlung der bienenvölker mit den entsprechenden chemikalien bislang nämlich nicht.» Mehr dazu in der feldpost
Alles Käse Ich muß gestern durch die Lebenssäfte derart weggetreten (pompette) gewesen sein, daß ich eine Unterlassung begangen habe, auf die normalerweise der Entzug aller postrevolutionären bürgerlichen Rechte und dreißig Jahre deutsches Weizenmischbrot auf Sankt Helena steht. Daß ich den Café vergessen habe, ist läßlich angesichts der Probleme, die man damit im Land von Beste Bohne hat (das wird hier schon noch abgehandelt!). Nicht unbedingt entschuldbar, aber wohl der (altersbedingten?) Sucht nach allen Arten von Crémes und Küchlein geschuldet ist der Abschluß des Menues mit dem Kuchen. Aber die allerhöchstheilige Sure des französischen Küchenrosenkranzes weglassen: das Gebet auf den zu heiligenden Käse?! Bevor mich die Verbannung auf das Bratwurst-Atoll Labskaus ereilt, will ich Buße tun und schleunigst nachbeten. Nein. Ich überlasse das einem Hohepriester, einem von mir sehr geschätzten Maitre fromager. Er hat vor einiger Zeit eine bemerkenswerte Hymne gesungen, die den Titel trägt Käse hält aufrecht. Auch dazu habe ich selbstverständlich meinen Käse abzugeben. «‹Die Kartoffel hat man einst verboten›, schrieb der Maitre fromager, ‹weil man von ihr Lepra bekam›: Die Unwissenden hatten statt der Knolle die Blüte gegessen, und davon war ihnen übel geworden. Nun meinten die klagenden Deutschen wohl, der Schimmel müsse mitgegessen werden! Im Freiburger Käseprozeß ging es in Wirklichkeit um Protektionismus. Die deutsche Käseindustrie wollte die französischen Produkte vom Markt fernhalten. Bis in den Bundesrat hat es ein Gesetzentwurf gebracht, wonach die Einfuhr von Käse aus nichtpasteurisierter Milch aus ‹hygienischen› Gründen untersagt werden sollte.Ich war kürzlich mal wieder in Besançon (wohin ich ja bekanntermaßen des öfteren mal komme, hatte dort einer meiner Lieblingsbeschäftigungen gefrönt: Gleich beim Reinkommen in die schöne alte Markthalle im Zentrum, an der place de la Revolution, direkt am Stand links ein großes Stück Comté zu kaufen, dann gegenüber bei Nicolas ein Fläschchen l'Etoile aus dem Jura und beim Bäcker nebenan dazu ein Baguette und sich dann an das nur ein paar Schritte entfernte Ufer des Doubs setzen, nach La Madeleine rübergucken, friedlich vor mich hinkauen und auch das Nachspülen nicht vergessen. Eines weiteren Kommentars dazu bedarf es ja wohl kaum. Immer noch diesen Geschmack in mir tragend wollte ich dann am vergangenen Wochenende die schöne Erinnerung auffrischen. Deshalb fragte ich an der doch recht großen Käsetheke des Supermarktes — alles gibt's nunmal nicht im Hofladen —, ob man Rohmilchkäse im Angebot habe. Das hätte ich unterlassen sollen. Nicht nur, daß «die deutsche Käseindustrie» weiterhin «erhebliche Mengen ‹sauberen› Käses» in den Handel schiebt. Es gibt fast nichts anderes mehr. Und letzterer verlangt für diese zwar aus Milch hergestellte, aber dennoch plastikartige Masse mittlerweile rund fünfzig Prozent mehr — ohne die Erzeuger an diesen exorbitanten Gewinnen zu beteiligen. Schlimmer noch: Der Bevölkerung ist der gute Geschmack mittlerweile derartig verdorben, daß sie, zudem fortwährend auf der Suche nach dem Billigsten, nur noch nach diesen überwiegend einheitlich nach nichts schmeckenden Produkten verlangt (am liebsten Butterkäse). Und wer an der Käsetheke eines kleinstädtischen deutschen Supermarktes nach Gereiftem aus nicht pasteurisierter Milch fragt, muß mit einigem Entsetzen feststellen, wie schlecht das sogenannte Fachpersonal über Tatsachen informiert ist. Das ist zum einen verständlich, denn die Chefetage erzählt ihm (wider besseres Wissen), derart Unreines sei nach EU-Bestimmungen nicht zulässig. — Je weniger aufgeklärt das Personal ist, um so geringer ist der Energie- und damit Zeitverlust, der dabei entsteht, den Kunden darüber aufklären zu müssen, wie wenig man daran interessiert sei, wirklich hochwertige Produkte anzubieten. Zumal solche nunmal nicht gefragt seien ... Und zum anderen hat das Fachpersonal solches nie gegessen, ja genossen, allenfalls in der frühesten Kindheit, beim Besuch von Urgroßmuttern. Aber die Erinnerung daran ist eher dürftig. Daß der Käse, wie man ihn damals bei Ur-Oma gegessen hatte, im großstädtischen Fachhandel, ja sogar in Kaufhäusern überall angeboten wird, entzieht sich jeder Kenntnis. Denn in die große Stadt fährt die Fachverkäuferin für Käse (gemeinsam mit dem Gatten) ohnehin nur, um beim nächsten supergeizgeilen und alles andere als blöden Großbilligheimer den neuesten LSD-Flachbildschirm-fernseher zu kaufen, aus dem es ihm dann via Werbung (die er auch noch mitbezahlt) hochaufgelöst bunt und kinomäßig subgewooft entgegenschallt: Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch! Hygenisch. Sauber wie der frisch gewienerte Abfallkübel (in den das Zeugs hineingehört). Ab und an kauft es etwas besonderes, das Fachpersonal. Zumal die Schwester zu Besuch kommt, die vor vielen Jahren von so einem Froschschenkelfresser in die französische Provinz verschleppt worden war. Ihr muß dann eben französischer Käse auf den Tisch gestellt werden (glücklicherweise gab's was im «Angebot» des Arbeitgebers). Aber das Fachpersonal weiß nicht, daß der — in Frankreich! — nach denselben Putzmittelrezepten hergestellt wird wie der aus den Fabriken im Allgäu oder Niederbayern oder der norddeutschen Tiefebene. Marktanpassung. Oder Besuchvergraulen auf immer (die Schwester ist doch ohnehin so komisch, so etepetete geworden seit der Zeit, als sie sich aufgemacht hat nach drüben, vor allem beim Essen). Allüberall ruft das Volk nach Bier, das nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut worden ist. Ehrensache. Aber Käse kauft es, den nicht einmal mehr die nun wirklich vor nichts zurückschreckende Sau fressen mag. Und selbst dort, wo diese abends vom Bauern mit ins Bett genommen wird, auf daß sie sich nun auch wirklich wohlfühle, im Bio-Hofladen, werden ihr kaum Reste wohlschmeckenden, weil nach alten Rezepten hergestellten Käses (geschweige denn solchen aus Frankreich) in den Trog geworfen. Doch nicht etwa, weil es keine Überbleibsel gibt, weil alles verkauft wurde, nein, sondern weil sich nichts im Angebot befand. Denn auch in den Läden der Bio-Bauern-Höfe (die ohnehin bald eingehen, weil die Supermärkte für'n Appel und'n Ei Bio-Obst und -Gemüse et cetera aus Chile oder China verkaufen, weil in deutschen Landen sowas ja nicht wächst, vor allem nicht so billig), hat man sich an Nachfragen zu orientieren, will man überleben. Also befindet sich mittlerweile sogar dort toter Käse im Angebot, herangekarrt aus der achthundert Kilometer entfernten, blitzsauberen oberbayrischen Käsemanufaktur. Hauptsache biodynamisch. Weshalb dann auch die Rinde mitgegessen werden darf. So wurde zwar, wie der Maître fromager schrieb, das Anti-Käse-Gesetz damals zu Fall gebracht. Aber gesiegt haben letztendlich die weltweit mit uns «spielenden» Plastik-Konzerne, denen sich die einheimischen Produzenten unterworfen haben (wenn sie nicht ohnehin dazugehören) und die uns nach wie vor weismachen möchten: Nur Frische zählt. Aber Käse will, ebenso wie Fleisch, nunmal reifen. Die Zeit ist reif (für die Revolution)! P. S. Madame Lucette friert den aus der Heimat in größeren Mengen mitgebrachten Käse ein. Der ist immer noch besser als derjenige, der hier gekauft werden kann.
Lebenssäfte Dieser Tage auf der Terrasse der französischen Exklave ein Aperitif, wie man ihn nicht nur im Holsteinischen nicht, sondern überall im angelschen und slawischen, überhaupt barbarischen Land, ja wohl in der gesamten rechtsrheinischen Republik nicht kennt, auf jeden Fall überall dort, wo die Römer nicht hingekommen waren und deshalb wohl Adenauer nie hinwollte, ein Gespräch über — ja worüber wohl? Übers Essen und das, was es zu erhöhen vermag und zur Not auch ohne Brot gut rutscht. Madame Lucette, Oasenbetreiberin in der grünen Höllenwüste des antikulinarischen Nordostens kurz vor hinter Sibirien unweit des tückischen mare Balticum, gab von ihrer Terrine und servierte sommerlichen Riesling aus — so schlimm ist's ja gar nicht mit dem französischen Fremdeln, Hauptsache, es schmeckt gut — der Pfalz (obwohl: der nicht so gemeine Südpfälzer fuhr zum Einkaufen schon immer ganz gerne in die Nachbarschaft Alsace und Lorraine). Erst kam einer von Schäfers Terrassen von 2005 dran, dann einer von Knipser aus dem folgenden Jahr. Verbale Ausflüge in die Heimat der Dame des Hauses, in die Ardennen, in diesen französischen Weltendezipfel, der ganz rechts oben im Belgischen Land nimmt und von dem nichtmal die meisten Franzosen wissen, daß es ihn gibt, daß er ihm, daß er zur Grande Nation gehört. Nun ja, manche halten ja auch Marseille für eine afrikanische Exklave. Womit sie nichtmal so ganz falsch liegen, denn wie heißt es doch so schön prosaisch da unten in der alten mediterranen Griechen-Metropole unter der Tricolore, nach der auch die rauen nationalhymnischen Kampfgesänge benannt sind: die Kanonen seien schon immer gen Festland gerichtet gewesen. Wieder einmal erzählt Madame ihre unsererseits immer gerngehörten Geschichten aus der Kindheit, deren materieller Reichtum einzig darin bestand, inmitten von selbstangebautem Obst und Gemüse oder auf Feld und Wiese gefundenen Löwenzahn und Brennesseln, zum eigenen Wohlsein liebevoll gepflegtem Borsten- und Federvieh aufgewachsen zu sein. Und aus alldem Köstlichkeiten zuzubereiten sind wie etwa Konfitüren und Gelées, wie sie auch heute noch alljährlich im heimatfernen Herzogtum Lauenburg aufgekocht werden, dazu gebacken eine Brioche, wie sie eben nur jemand hinbekommt, der's von mère oder gar von grand-mère und die wiederum es in Zeiten lange vor der nie getanen Äußerung dieser Österreicherin beziehungsweise deren und anderer nachrollenden Köpfe gelernt hat — früher also schlichtes Gebäck und heutzutage großes Kunsthandwerk. Von dem Mieter samt Löwenzahn (cramaillot)- oder Quitten(cognassier)gelée immer wieder mal was abbekommen, nicht nur, wenn oder weil sie kein Brot haben. So führt irgendwann zwangsläufig einmal mehr das Gespräch hin zur Qualität und dem dazu erforderlichen Bewußtsein, das eigentlich nur in einem Elternhaus entstehen, allerdings auch nachgeholt werden kann, vor allem, wenn man das Glück hatte, als junger Barbar während einer dieser ungestümen Paris-Ausflüge in den Anfangssiebzigern einer dieser entzückenden kleinen Bilderbuch-Französinnen begegnet und von der dann auf den Geschmack gebracht worden zu sein, sowohl in der anschließenden ehelichen Küche als auch auf den vielen Reisen durchs Land, in dem der tägliche gut durchgebratene Batzen Fleisch und sonst nichts nicht eben zu den höchsten Lebensgefühlen gehört. Eigentlich müßte man ja Champagner trinken, denn das vor etwa fünfunddreißig Jahren der Liebe wegen verlassene Zuhause liegt in der Région Champagne-Ardenne, etwa eine Autostunde von den Heiligen Champagner-Gärten entfernt. Selbstverständlich liegt auch der im Keller des Hauses nahe der Ostsee, wenn auch in einer Geschmacksrichtung, für die der euroglobalisierte Deutsche nie auch nur eine einzige Stufe nach unten ginge. So etwas wie den herrlich nach historischer Lagerstatt duftenden 99er Duménil mag er nicht, er zahlt lieber fast das Doppelte für den von den großkonzernigen Herstellern für den Weltmarkt produzierten alle Jahre wieder immergleichen Geschmack. Daß das Lebewesen Wein einmal im Jahr Stimmungen unterworfen ist wie wir gleich alle Tage, das darf nicht sein. Dann hieße es ja Laune. Und Laune wird hierzulande gerne als schlechte definiert, da mag er noch so launig am Gaumen herumtänzeln. Also kommt er in den Käfig Anpassung. Doch die auch geschmackliche Entindividualisierung durch die Lebensmittelindustrienorm hat auch sein Gutes, denn so bleibt für die Anhimmler des feinen Wohlseins mehr. Aber heute werden ja zwei Sorten Pfälzer getrunken. Der Sohn als gelernter Sommelier bringt so etwas von seinen Verkostungsreisen mit. Und all diese köstlichen Lebenssäfte gibt's dann auch noch zu kaufen in dem kleinen mittelständischen Betrieb, dem der Junior mittlerweile als Geschäftsführer des elterlichen Handels vorsteht. Bei den moderaten Preisen mag man dann auch noch verwundert den Kopf schütteln, vergleicht man sie mit den Offerten der Warenumschlagplätze allüberall. Fast wähnt man sich in Frankreich, wo ein Wein eben nicht den Gegenwert einer Tankfüllung eines dieser Renn-LKW kosten darf, in denen die Deutschen so gerne zu den Billigheimern einkaufen fahren, weil man ja irgendwie an irgendwas zu «sparen» anfangen muß. Dort kaufen sie dann das, was den erwähnten mittelständischen Betrieben, vor allem aber den kleinen Läden in den Dörfern und auch den Städtchen den Garaus gemacht hat: Hauptsache billig. So sehr lange sei es noch nicht her, erzählt Madame, daß der dorfansässige Händler wochenweise hunderte von Kisten mit Getränken verkaufte. Den Händler gibt es natürlich nicht mehr, das Geschäft machen diejenigen, die ihn aus dem Dorf radiert haben, ihr Personal überwachen und zu Billiglöhnen knechten, anstatt ihm ein Schwätzchen zu gönnen mit den Kunden. Aber was soll's, die haben ohnehin keine Zeit mehr. Sie sind immer in Eile, geht es doch darum, Paul-Martin, Amalia Marie oder Jimi Blue und San Diego zum Ballett- oder Klavierunterricht, zum Cheerleaders Hüpfing, zum Tennis und zum Reiten und zum Junior-Golfing, zu diesen ganzen durch den Medien-Rummel samt angeschlossenen Ratgeberlein suggerierten Lebensnotwendigkeiten zu karren. Vielleicht auch noch zum erforderlich gewordenen Nachhilfeunterricht, wobei das ja längst zur feineren Lebensart gehört. Die Kleinen fröhlich über die Koppel hüpfen oder ein Schlammbad in der Schweinesuhle nehmen zu lassen, das würde sie nicht auf die Fährnisse des späteren Alltags vorbereiten helfen. Für oder gegen Allergien hat man schließlich Kinderärzte und Krankenkassen. Außerdem wär's zu prollig. Was sollte denn da der Nachbar von einem denken?! Aber es sind ja beileibe nicht nur die Pilotinnen koreanischer (einen bayerischen oder schwäbischen hat der Haushaltsplan nicht hergegeben) SUV-Panzer, die zwar die Maße ihrer Geräte nicht kennen, dafür aber die Preise für das Kilo pharmaziegefüttertes Massenvieh, das ihr Bürohengst am Abend unbedingt braucht, wenn er von seinem anstrengenden Sesselritt nachhause kommt. Immer wieder liest unsereins auch bei denen, die sich als feine Schmecker gerieren, wie wunderbar lecker doch der Wein von diesem oder der Champagner von jenem Preiskämpfer geschmeckt habe. Daß diese Nach-unten-Nivellierer mit ihrer Einkaufspolitik «im Dienste des Kunden» die Winzer platt- und sich selber noch reicher machen, indem sie ihnen Preise aufzwingen, daß die gar nicht mehr anders können, als irgendwann Eurogülle zu produzieren oder aufzugeben. Welche gesellschaftlichen Folgen das nach sich zieht, darüber wird eher weniger nachgedacht. Egal. Hauptsache billig. Auch Öko. Aber das hatten wir ja auch schon. Und daß Knigge eher weniger eine Anleitung für vollsaftige Handküsse und abzuspreizende Kleinfinger oder nicht geschrieben, sondern sich eher über die Begleitumstände des (auch oder gerade heute gültigen) Hofschranzentums, überhaupt zum Thema Umgang mit Menschen geäußert hat, das zu wissen, das wäre billig und käme einem Rückfall in den Konservativismus gleich, dem man ja gerade erst entronnen ist. Von Erkenntnissen erschöpft lehnen wir uns zurück, blinzeln in die vom Atlantik auf Besuch weilende Sonne und nehmen dann doch ein Schlückchen dieser köstlichen Wahrheit aus Chigny les Roses. Und immer dann, wenn du meinst, es gäb' nichts mehr, kommt von irgendwo dann noch ein Stückchen Kuchen her. Wir sind zwar im Norden, aber so gut wie zuhause.
Unser Eigentum! «Unsere Fürsten sollen es erfahren, daß alles, was sie besitzen und verwalten, unser Eigentum ist; daß ihr Amt, ihr Stand nur von unsrer Übereinkunft abhängt: daß erst der geringste arbeitsame Bürger unter uns Brot haben muß, ehe an den Hofschranzen und Tagedieb die Reihe kömmt, ehe aus dem öffentlichen Schatze dem Müßiggänger Pasteten und Braten gekauft und Geiger und Pfeifer und Buhlerinnen besoldet werden.Knigge tritt laut O. F. B. in Kindlers Neues Literatur Lexikon «heute nur noch als Ahnvater der Beckmesser des ‹guten Benehmens› bekannter Autor in Erscheinung». Diese offensichtlich unausrottbar dümmliche Parole findet ihren Höhepunkt in einer Seite, die neben dem Namen des Menschenrechtlers als Gesellschaftskritiker auch noch «Manieren per Mausklick» im Banner führt. Knigges «Gesellschaftsethischer Traktat» Über den Umgang mit Menschen erschien 1788, in endgültiger Fassung 1790; hieraus entstammt obiger Auszug.
|
Jean Stubenzweig motzt hier seit 6512 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
Zum Kommentieren bitte anmelden.
AnderenortsSuche: Letzte Kommentare: / Echt jetzt, geht noch? (einemaria) / Migräne (julians) / Oder etwa nicht? (jagothello) / Und last but not least ...... (einemaria) / und eigentlich, (einemaria) / Der gute Hades (einemaria) / Aus der Alten Welt (jean stubenzweig) / Bordeaux (jean stubenzweig) / Nicht mal die Hölle ist... (einemaria) / Ach, (if bergher) / Ahoi! (jean stubenzweig) / Yihaa, Ahoi, Sehr Erfreut. (einemaria) / Sechs mal sechs (jean stubenzweig) / Küstennebel (if bergher) / Stümperhafter Kolonialismus (if bergher) / Mir fehlen die Worte (jean stubenzweig) / Wer wird schon wissen, (jean stubenzweig) / Die Reste von Griechenland (if bergher) / Richtig, keine Vorhänge, (jean stubenzweig) / Die kleine Schwester (prieditis) / Inselsommer (jean stubenzweig) / An einem derart vom Nichts (jean stubenzweig) / Schosseh und Portmoneh (if bergher) / Mit Joseph Roth (jean stubenzweig) / Vielleicht (jagothello) «Ist Kultur gescheitert?» ? «Bitte gehen Sie weiter.» Suche: Andere Worte Anderswo Beobachtung Cinèmatographisches + und TV Fundsachen und Liebhaberstücke Kunst kommt von Kunst La Musica Regales Leben Das Ende © (wenn nichts anders gekennzeichnet): Jean Stubenzweig |
|
|