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Authentizität Authentisch. Wieder mal so ein Modewort. Eines, das besonders gerne von Menschen der angewandten Medienkunst zur Rahmung ihrer Sprechblasen benutzt wird, sozusagen als Verifikation der Authentizität. So, wie heutzutage Mama zum Sprößling spricht: «Da mußt du aber erstmal bei Papa hinterfragen, ob es relevant ist, so spät abends noch Second Life zu spielen.» Das hat sie bei ihm gehört, neulich, beim Einkaufen, als er wütendschnaubend die Verkäuferin anblaffte: «Da müssen aber mal ihren Chef hinterfragen, ob der Preis für die, äh, freilaufenden Bioeier wirklich echt authentisch ist!» Tatsächlich? Wirklich? Echt? Wahr? Macht das eigentlich noch Sinn? Sei's drum, seit es das Internet und die damit verbundene Rechtschreibreform gibt, ergibt es keinen Sinn mehr, nach dem Unterschied zwischen Worten und Wörtern zu fragen. Jeder sei ein Philosoph, sagte schon Joseph Beuys, der das zwar so nicht gesagt hat, aber ist ja egal, so ähnlich steht's doch auf den Postkarten im Museum, und so wird's schon authentisch sein. Es ist keine Zeit für so banale, unbedeutende Kleinigkeiten. Und so berührt uns auch die Unterscheidung zwischen Einwurf und Anwurf sowenig wie den Fußballspieler und dessen Gegner, den er bei seiner Blutgrätsche «doch gar nicht tangiert» hatte. Was interessiert uns das endlose Gelaber von tausend Jahre alten Dichtern und Denkern oder gar das altbackene, ewiggestrige Metapherngeraunze um sie herum? Sollen die doch denken, was sie wollen, diese Sprachhaarspalter, wir denken, daß Sprache lebt. Haben wir neulich irgendwo gelesen. Äh. Mhm. «Marx ist der am meisten zitierte», schrieb Manfred Jander, «und am wenigsten gelesene, geschweige denn verstandene Autor dieses Jahrhunderts.» Exakt so verhält es sich. Wer Marx für Gestreßte liest, läuft Gefahr, sich in einer Romantik zu verlieren, die von bunten Blättern wie Brigitte propagiert wird: bei Kerzenschein am Kamin und einem Glase roten Weines chiffongewandet und mit liebevollem Blick auf den kreidegestreiften Boss face à face die Klavierstücke oder die Lieder von Friedrich Wilhelm Nietzsche hörend genießen. Da kann es schon geschehen, an den gesellschaftsphilosophischen Hinterfragereien der Romantik, an Nietzsches kraus-kuriosem Denken oder an Marx' seziererischer Kritik an diesem die Kleinen noch kleiner machenden Kapitalismus mal eben vorbeizuschrammen. Er bleibt am Klappentext kleben, der Mensch, der ja schließlich nicht alles wissen kann. Das ließe sich auch mit Faulheit bezeichnen, moderater vielleicht mit wikipedianischer Bequemlichkeit. Wer derart an der Oberfläche lebt, wird sich auch nicht auflehnen, wird den Kopf nicht anheben, um nicht abzusaufen, wenn's ihn runterzieht. Weder gegen Guck-und-Horch noch gegen widerwärtige Ausbeutereien, seien sie (um an der beschönigenden Sprachfolie zu bleiben) privatwirtschaftlicher oder staatlicher Naturgewalt.
Mayonnaise et cetera In Strasbourg hat mal bei einem meiner Vorratskäufe eine Kassiererin, die gut und gerne jene Miou Miou aus Alain Tanners zauberhaftem Film Jonas, der im Jahre 2000 fünfundzwanzig Jahre alt wird hätte sein können, die rausgeschmissen wurde, weil sie arme Rentner auch schonmal abzukassieren vergaß, genau so entzückend-schnoddrig wie in dieser köstlichen Utopie des Jahres 1975, exakt so scheinbar schüchtern, aber ebenso übel durchtrieben oder auch verschmitzt zu mir gesagt: «Monsieur. Ich wußte zwar, daß es keinen Senf gibt in Deutschland. Aber daß es dort auch keine Mayonnaise gibt in diesem armen Land, das ist neu für mich.» Ich kaufe in der deutschen Republik jedenfalls überhaupt nichts dieser Art. Obwohl es längst überall, in kleinen Gläsern, den Senf von Maille gibt. Aber eben keinen von Amora, und schon gar keine Mayonnaise. Mayonnaise de Dijon — von Amora. Vinaigrette de Dijon — von Amora. Das ist die preiswerteste industrielle Lebensmittelbeigabe Frankreichs. Sicher, weder die Mayonnaise de Dijon noch die Vinaigrette de Dijon von Amora schmecken wie die von Madame Meursauges im burgundischen Bourguignon handgerührten Saucen. Doch sie schmecken dennoch sehr viel mehr nach France. Während die anderen, hier erhältlichen französischen Produkte eher dem Geschmack von cous-cous gleichkommen, das ein deutscher Koch aus seinem Tunesien-Urlaub mitgebracht, aber eben im Würzmaß den Geschmacksnerven seiner touristischen Gäste aus Fulda oder Weimar an den Hamburger Landungsbrücken angepaßt hat. Jedoch: ein Trauerfall. Da hatte ich am mare Balticum doch tatsächlich einen Laden aufgetan, wo es zu kaufen gab: Mayonnaise de Dijon, Vinaigrette de Dijon, Moutarde — von Amora! Und viele andere Produkte des französischen Lebensmittelalltags. Doch sie entsprechen nicht dem deutschen Geschmack. Deshalb mußten die sympathischen Eigner ihren niedlichen Laden — einem von vielen Lädchen — in der Lübecker Hüxstraße schließen. Sie wollten auswandern, in ein anderes (Bundes-)Land, in Richtung Süden, näher an den französischen Produkten sein, um wenigstens den Internet-Handel wieder flottzukriegen. Nun gut, man kann sich auch bei Miou Miou bevorraten. Aber auch nur, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Und in die Hüx zu den freundlichen Ritters bin ich nunmal sehr gerne gegangen — alleine wegen meiner Schwätzchen mit ihr über Marquis und Pineaud, Land und Leute (sie hat viele Jahre in La Rochelle gelebt)! Und es hatte sich zudem so eine kleine Gemeinde formiert in der Lübecker Altstadt, daß es ein leichtes war, Stunden in diesem kleinen Laden zu verbringen, hiervon ein Schlückchen, davon ein Stückchen ... Aber es war wohl nichts. petit marché scheint endgültig dahingeschieden.
Pforte zum Süden (Lyon) Lyon ist, zumindest auf der Insel zwischen Saône und Rhône, eine ungemein attraktive, eine fast schon atemberaubend schöne Stadt. Nirgendwo dürfte sich eine Stadtentwicklung besser an der Architektur ablesen lassen wie in diesem Tor zum Süden — nach dessen Durchfahrt, etwa hinter Vienne, wo die Zikaden ihren eintönigen, dennoch und wahrlich klangvollen Lärm rechts und links der Straße anheben, so daß man auch schon mal meint, ein Motor-, zumindest jedoch ein Antriebswellenschaden kündige sich an. Doch man gewöhnt sich rasch an die Musik des sich hier andeutenden mediterranen Klimas; alleine das Licht zeigt sich als solches: nämlich leuchtend, gleisend. Im heutigen Zentrum von Lyon, im zweiten Arrondissement, etwa zwischen der architektonisch berückenden, neben Paris zweiten französischen Nationaloper und dem typisch französisch experimentell umbauten alten Gare de Perrache im Zentrum (für den TGV wurde der futuristisch anmutende Gare Saint Exupéry gebaut), wird sie vor der Kopulation von Saône und Rhône zur Presqu'île geteilt. Auf der stilleren, in Lyon jedoch bereits mehr als trägen Saône kann man, sozusagen je nach Geschmack, gegen den Strom, nach einer leichten Ost-Biegung, in Richtung Norden zur Edelherberge von Paul Bocuse nach Collonges-au-Mont-d'Or schwimmen — jedoch auch bereits vorher in einem der vielen, zwar unbesternten, aber deshalb weitaus angenehmeren und nichtsdestoweniger guten Landrestaurants anhalten. Dort zum Beispiel, wo ich meinte, in eine Filmkulisse hineingeraten zu sein. Allerdings hatte es auch eine andere Charakteristik. Das war das Bürgertum der Villen, die sich von Lyon aus nordöstlich dreißig Kilometer am Fluß entlang hinter den fast haushohen Büschen und Bäumen, manchmal auch Mauern versteckt halten. Fünf Generationen waren es bestimmt, die einen ganzen Abend lang mit abschließendem Champagner getafelt hatten unter dem Schild, das in riesigen Lettern anpries, was unter Deutschen weitgehend mit Verachtung bestraft wird, wenn man es genußverheißend ausspricht. Nicht, wenn man es französisch wiedergibt — cuisse de grenouille. Das verstehen sie nicht. Wird man von Deutschen aufgefordert, es endlich deutsch auszusprechen und tut es dann auch, trifft einen der Bannstrahl. Nach dem Wort Froschschenkel fällt ihnen fast das Besteck aus der Hand, mit dem sie gerade ihr Schlachtvieh bearbeiten, das mit Fabrikchampignontütensauce übergossen ist. Die Deutschen bauen den Myriaden von Fröschen Tunnels unter die überfüllten Straßen und Autobahnen oder schirmen dafür Leitplanken auf den Parkplatzen der Bundesstraßen ab, während sie von den Fleischfabriken im ganzen Land dezent den Blick abwenden, in denen zum tarifvertragsfreien Billiglohn ihr tägliches Kilo Billigfleisch zurechtgeschnipselt wird. Oder man läßt sich auf der nach der Vereinigung hochschwangeren Rhône hinunter zu den Mittelmeerfischen treiben. Das einzig wirklich Häßliche an dieser mit 1,2 Millionen Einwohnern wohl zweitgrößten Stadt Frankreichs (man streitet sich allerdings seit langem mit dem etwas kleineren Marseille, welche Stadt nach Paris bedeutender sei) ist die Tatsache, daß man das am Rathaus, also an der Place des Terraux beginnende und am Berg klebende Weberviertel Croix-Rousse, dem ältesten, auf die Gallier beziehungsweise Römer zurückgehenden Quartier der Stadt, zum UNESCO-Weltkulturerbe ausgerufen hat. Wie die Aasgeier sind die Spekulanten daraufhin über die alten Häuser mit den fünf bis sechs Meter hohen Wohnungen hergefallen, in denen die Jacquard-Webstühle standen, von wo aus die Seidenstoffe in alle Länder geliefert wurden. Das Zweithäßlichste dürfte die Basilika Notre-Dame de Fourvière sein, die sich, wie die Cathedrale de la Major in Marseille, byzantinisch, aber auch ein wenig mittelalterlich geriert. Schimpfe mir keiner mehr auf den Stilemischmasch der Postmoderne! Auch hätte diese auf alt gemacht Dame eher mittleren Alters gut und gern von Las Vegasianern — den US-amerikanischen Um-Setzern europäischer Vergangenheitsarchitektur — erbaut worden sein können! Selbst die seriöseren, eben nicht so am triefenden Touristenpathos orientierten Reiseführer verlieren über die historischen Fakten gerademal die eine Zeile, da sie sie der Vollständigkeit halber erwähnen müssen. Mehr nicht. Es wäre auch grotesk angesichts der tatsächlich vorhandenen Bau-Kunst, beispielsweise der beindruckenden, unterhalb von Notre-Dame de Fourvière gelegenen, zwischen dem zwölften und fünfzehnten Jahrhundert erbauten Cathedrale Saint-Jean-Baptiste. Die manisch marienseligen Lyonnais, allen voran Erzbischof Ginoulhiac, haben dieses Unikum Basilika Notre-Dame de Fourvière 1872 errichten lassen, als Dank dafür, von der preußischen Invasion verschont geblieben zu sein. Napoleon III. war geschlagen, und dennoch machten die preußischen Truppen bei Dijon eine für das germanische Wesen untypische Dauerkampfpause. Doch für enorm viele Busladungen an Fliegen, die ja bekanntlich nicht irren können, ist dieses unsäglich kitschige Bauwerk — im besten Wortsinn — wunderschön. Lourdes ist ja noch weit! Sei's drum. Allein der Blick von dort oben über die Stadt lohnt den Weg hinauf zum rechten Ufer der Saône. Vielleicht nach dem phantastisch reichhaltigen Marché Quai des Célestins am linken Saône-Ufer über die Passerelle, der schmalen Fußgängerbrücke, zum altehrwürdigen Palais du Justice. An dem Markt, ein paar Schritte nur von der Place de Jacobins oder der Place de la République, geht man besser ein kleines Stück flußabwärts, weil die Händler dort allesamt fünfzig Centimes — ja, wir bleiben bei Centimes! — weniger nehmen für das Schälchen Himbeeren oder den kleinen Schafskäse aus dem nahegelegenen Département de l'Ardèche als die vermutlich alteingesessenen auf der anderen Seite. Doch zu Fuß? Es fahren auch Busse hinauf. Aber man läßt sich besser am Abend hinaufkutschieren. Denn dann kann man von dort oben aus die vielen roten Lämpchen auf dem Tonnendach der 1997 von Jean Nouvel neugestalteten, aus dem Jahr 1756 stammenden Oper blinken sehen. Doch das sind nicht etwa die Signale der Bordsteinschwalben, die ihre Freier umschwirren. Mit diesen blinkenden Rotlichtern wird angezeigt, daß es die Töne sind, die sehr hoch fliegen, etwa bis zum zweigestrichenen c oder gar einem e, etwa wenn die mozarteische Königin der Nacht im ersten Akt ihre sirenale Zauberflöte angeworfen hat. Wenn in der deutschen (Geld-)Partnerstadt Frankfurt am Main der Taxifahrer über Funk verkündet, die Oper brenne, weil nach Ende einer Aufführung die Lichter im Foyer angehen und also das Fahrgeschäft beginnt, dann ist das ein dünnes Witzchen angesichts dieses Lyoneser Flimmermeers, das die Kunst unterstreicht, anstatt sie, wie das Aufblenden in Bankfurt, zu beenden. In Lyon verkünden die flackernden Rotlichter nämlich die laufende Vorstellung. Und es läuft einiges mehr in dieser flirrenden Stadt. Dennoch behaupten geradezu unglaublich viele Menschen, gerne die Pariser, die in Richtung La Méditerranée durch die Stadt oder aber eben an ihr vorbeirauschen, doch durchaus aus auch die Deutschen und die Dänen auf dem Weg nach Spanien, Lyon sei schrecklich häßlich. Sie sehen wohl von der Ostumgehung der Autoroute aus immer nur die typisch französischen Plattenbauten (die «architektonische» Verwandtschaft zur ehemaligen DDR ist erschreckend, in sehr vielen Städten Frankreichs) auf den westlichen Hügeln und haben vermutlich auch (unerfindliche) Ängste vor einer Ortsdurchfahrt entlang der Rhône, die einen auch oder gerade zur Hauptreisezeit allemale flotter voranbringt. Solche einmal gefällten (Vor-)Urteile werden dann weitergegeben und von anderen allzu gerne ungeprüft übernommen. Es ist gut so, denn in der — immerhin 43 vor Beginn unserer Zeitrechnung durch den cäsarischen Statthalter Munatius Plancus als Lugdunum (vom keltischen Gott Lugus) gegründeten — nach Marseille ältesten Handelsstadt Frankreichs lebt es sich wunderbar ohne solche Transporteure des schlichteren Geistes. Schließlich mußten das auch die deutschen Besatzer erfahren, die hier von der Résistance geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben wurden. Wenn eine solche Verniedlichung überhaupt statthaft ist. Die Nazi hatten in den unendlich verwinkelten und verzweigten Hinterhöfen, den Traboules, versucht, den Widerstand zu erhaschen. Wäre es nicht auch nach so langer Zeit immer noch so traurig, es gäbe viel zu lachen angesichts solcher Bilder. Durch diese Labyrinthe haben mich mehrfach ein paar kundige und fröhliche Lyonnais geführt. Sie leben nicht nur auf den überall in der Stadt verteilten bemalten Häusern, den Fresque des Lyonnais, sondern auch in den Straßen gibt es sie tatsächlich, gerne nächtens. Entgegen der landläufigen Meinung, die Einheimischen gingen zum Lachen in den Keller. Vermutlich stammt diese Parole von den Parisern und anderen Nordländern.
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