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Im Schmollstübchen Der Freiburger Gymnasiallehrer und Pfarrer Franz Josef Brugger etwa gründet kurz vor der Revolution von 1848 einen «Verein zur Beförderung der deutschen Reinsprache». Mit standesgemäßer Besserwisserei und nicht ohne grimmigen Humor schlägt Brugger vor, Professor mit Wissmeister, Perücke mit Glatzberge, Politiker mit Staatsklügler oder Schlaukopf und Polizei mit Gewaltei zu übersetzen. «Die erotische Blondine amüsiert sich im Boudoir mit dem Finanzminister» hieße, ins Bruggersche Reindeutsch übertragen: «Das liebeatmende Hellhärchen vergnügt sich im Schmollstübchen mit dem Rechtslandwart.» Aus dem in weiten Teilen köstlichen, in allen Bereichen informativen und dennoch (oder ebendrum) anregenden Rundfunkessay des geschätzten Martin Halter: Gastarbeiter der Sprache Zu Geschichte und Aktualität der Fremdwörter im Deutschen Zwar wurde der Beitrag bereits im März vergangenen Jahres gesendet, aber der freundliche Südwestrundfunk stellt das Manuskript als rtf-Datei kostenlos zur Verfügung: Gastarbeiter der Sprache. Im Vorspann heißt es: «67 Prozent aller Deutschen halten das Vordringen fremdsprachlicher Ausdrücke für unerfreulich oder Besorgnis erregend. Seit sich das Deutsche vor bald 500 Jahren als Volks- und Schriftsprache durchzusetzen begann, galt das Fremdwort immer wieder als Fremdkörper im Sprachleib, ein Unkraut, das den wohl gehegten Schrebergarten einheimischer Gewächse zu vergiften und überwuchern drohte. Der Kampf der Sprachpuristen um eine unverfälschte, von fremden Verunreinigungen befreite Muttersprache ist — gerade in Deutschland, wo die Sprache von jeher als Kern nationaler Identität galt — hochgradig emotional besetzt und ideologisch kontaminiert. Während die Fremdwörter von ihren Freunden als multikulturelle Bereicherung und Erweiterung eines bornierten deutschen Sprach- und Denkhorizonts begrüßt werden, sind sie für ihre Gegner Zielscheibe nationalistischer Ressentiments und latent rassistischer Reinheitsfantasien. Sprache ist immer mehr als ein pragmatisches Kommunikationsmittel, nämlich Hoheitszeichen, Schutzschild und Waffe nationaler Identität, und je mehr diese bröckelt, desto erbitterter wird der Kampf ums Eigene im Medium der Sprache geführt.» «Ich habb ihn doch gar ned dangiert.» (Loddar Mathäus) «Das wird doch alles von den Medien hochsterilisiert.» (Bruno Labadia)
Fragmentarisches «Offen gestanden halte ich die unterhaltsame, poetische Kritik für die beste, und nicht die kalte, algebraische Kritik, die unter dem Vorwand, alles zu erklären, weder Haß noch Liebe kennt und sich freiwillig jeder Art von Temperament entäußert. Da ein schönes Bild die von einem Künstler gespiegelte Natur ist, wird die beste Kritik diejenige sein, die zeigt, wie eben dieses Bild sich in einem einsichtigen und einfühlsamen Geist spiegelt. Demnach kann die beste Besprechung eines Bildes ein Sonett oder eine Elegie sein. — Aber diese Art Kritik bleibt Gedichtsammlungen und poetischen Lesern vorbehalten. Hinsichtlich der Kritik im eigentlichen Wortverstand hoffe ich, die philosophischen Köpfe werden mich verstehen: um gerecht zu sein, das heißt, um ihre Daseinsberechtigung zu haben, muß die Kritik parteiisch, leidenschaftlich, politisch sein, das heißt, sie muß unter einem ausschließlichen Gesichtspunkt erfolgen, unter einem Gesichtspunkt jedoch, der möglichst viele Horizonte eröffnet. — Die Linie auf Kosten der Farbe, oder die Farbe zum Nachteil der Linie zu preisen, ist zweifellos ein Gesichtspunkt; nur zeugt das von einem weder sehr aufgeschlossenen noch sehr gerechten Sinn und verrät eine beträchtliche Unkenntnis individueller Schicksale.»Charles Baudelaire Zitiert nach: Henry Schumann, in: Die Modernität Baudelaires, in: C. B. Der Künstler und das moderne Leben, Essays, ‹Salons›, intime Tagebücher, Leipzig 1990, S. 408 Philosophie und Wissenschaft allein sind dieser unergründlichen Welt nicht kommensurabel, beide müssen daher poetisch werden, sagt Novalis. Und Harro Zimmermann schreibt dazu: «Wenn sich die Poesie mit ihren Mitteln der sprachlich-ästhetischen Konstruktion, mit ihrer technisch reflektierten Phantastik von den Denk- und Erfahrungsfesseln des Gewöhnlichen und Normierten zu lösen versteht, wenn sie Ergebnisse wissenschaftlichen Scharfsinns zu leuchtender Sinn-Bildlichkeit umzuschmelzen lernt, wenn ihr gleichsam die imaginierende Verrätselung ihrer Enträtselungserfolge gelingt, dann kann Sehnsucht zum intelligenten Ferment eines wirklichen Wissens werden. Das Fragmentarische und Verworrene, das Undarstellbare und Unbestimmte, so hat es der Philosoph Wolfram Hogrebe beschrieben, erscheint dann als Sinnverheißung an den Zauberworten und Wunderdingen der Poesie. Wie an der blauen Blume, die eine ‹Monstranz des Nicht-Wissens› darstelle. Ohne diese Sehnsucht besäßen wir keinen Sinn über die bloße Endlichkeit hinaus, wir wären nicht erkenntnisfähig. Die blaue Blume steht dafür, daß es ein abschließendes, ein beruhigendes und stillgestelltes Wissen nicht geben kann, sondern daß uns nur Endlichkeiten ohne Ende beschieden sind.» Harro Zimmermann: Romantiker der praktischen Vernunft, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 70 vom 24./25.03.2001, SZ am Wochenende Das ließe sich auch zusammengefaßter, geraffter aufschreiben, aber es ist meiner Meinung nach so passergenau, daß es an eben dieser Präzision verlöre, drückte man das bereits Komprimierte noch einmal zusammen. Und ich bin ja auch nicht Rhetor in einem Crash-Kurs für klappentextwissende Mittelbaumanager. «... nur im Weiß zwischen den Zeilen ...» — also das Weiße zwischen den Zeilen erkennen (Between the Lines, heißt es im Englischen; Mitte der Siebziger gab es einen bewegten, bewegenden, aber dennoch stillen Film mit diesem Titel). Ich sage das gerne und schreibe auch gerne so, auch wenn es dem «aufrichtigen Geradeausdenken» einiger zuwiderläuft: Etwas zwischen die Zeilen schreiben.
Austernschaumbad Ich träume. Ich befinde mich in einem Konzert in Paris. Nein, es ist im Kino. Es ist ein Konzert in einem Film. Nein, ich sitze im Film. Es ist Haut bas fragile von Jacques Rivette. Ich bin Darsteller. Es ist mir peinlich. Zwar wollte ich schon immer wieder mal Schauspieler sein, hatte auch zweimal die Gelegenheit dazu bekommen, diesem Trieb zu folgen: Hier, schaut, ich bin da, ihr dürft mich lieben, denn wer berühmt ist, hat eben geliebt zu werden. Aber es hagelte im Anschluß daran nicht eben Angebote. Man liebte mich offenbar nicht sonderlich. Doch nun sitze ich da. Eine kleine Rolle nur mal wieder, aber immerhin. Die Rolle vergrößert sich enorm, als die Chanteuse von der Bühne herabkommt und direkt auf mich zusteuert. Doch es ist Patricia Kaas, die zusätzlich aufblondierte, eitel glänzende, affektierte Pariser Landpomeranze aus der Randlorraine, die wunderbare Lieder singt. Dafür mag ich sie und kaufe ihre Platten, ihre CD. Doch daß sie mich so direkt einbezieht in ihr Singspiel, das müßte nun wirklich nicht sein. Sie setzt sich auch noch neben mich auf den einzigen freien Stuhl im Saal und legt das Mikrophon auf den Fußboden. Sie schmiegt sich an mich. Es ist mir sehr unangenehm, denn ich bin eher schüchtern veranlagt, auch wenn es selten sichtbar wird. Außerdem muß ich an meine Frau denken, die gerade zuhause zusammen mit den Freunden Marius und Jeannette, deren Vater Robert Guédiguian und unseren Kindern Mirjam und Aaron in l’Estaque vor dem schönen kleinen Schachtelhäuschen sitzt und darauf wartet, daß ich vom Meer zurückkomme und ein Schiff voller Austern mitbringe, die wir immer in die Badewanne kippen und diese dann mit einem hundertfünfzig Jahre alten Champagner auffüllen. Wenn die Austern sich völlig aufgelöst haben und zu reinem Schaum geworden sind, steigen sie alle fröhlich zusammen hinein und sind damit wieder glücklich für ein paar Monate sterblich und dürfen wieder etwas altern. Aber ich bin mit dem Schiff vom Hafen aus direkt ins Olympia und in diesen Film gefahren, habe die quälende Unsterblichkeit meiner Lieben wegen meiner schnöden Lust auf singende Frauen einfach ignoriert. Hoffentlich gibt es diesen Film nicht heute abend im Fernsehen. Ich bin ja nicht da. Sie werden sich sicher alle zusammen vor den Fernseher setzen und weiter auf mich warten, gar in Angst um mich und vielleicht auch ein bißchen um sich. Es ist sicher nicht angenehm, unsterblich zu sein. Ich spüre warmen Atem an meinem Ohr. Doch wegzurücken getraue mich nicht. Es wäre auch nicht mehr viel Platz. Denn meine derben Seefahrerkollegen sitzen alle dicht gedrängt und schauen zu, mit hämischem Grinsen im Gesicht. Ich drehe den Kopf leicht, um zu sagen, daß sie doch besser ins Mikrophon als in mein Ohr sänge, das seit der Sirenen Gesänge sehr empfindlich sei. Da sehe ich, daß es Enzo Enzo ist, die wunderschöne polnische oder russische Französin aus Paris. Das ist mir schon sehr viel angenehmer. Auch grinsen die Kollegen jetzt eher giftig, neidisch. Dennoch muß ich an meine Frau denken, die ich sehr liebe und die Calypso heißt. Ich habe mein Floß nach ihr genannt. Sie liebt mich nicht nur, weil ich ihr manchmal ein Schiff voll köstlicher Sterblichkeit bringe, sondern auch meinetwegen. Ich bin jedenfalls fast sicher. Aber gut, wenn Enzo Enzo schon singt, dann will ich mich meinem Schicksal gerne fügen. Doch sie singt ein Lied von Patricia Kaas, und die Stimme ist die meiner Frau. Die aber doch gar nicht singen kann! Stimmt das denn tatsächlich? Denn ein bißchen Ähnlichkeit hat sie ja auch mit jener Julie Driscoll, die ich 1969 in der Aula der Heidelberger Universität bestaunt habe und ich eifersüchtig war auf Brian Auger. Und nicht nur wegen ihrer Stimme. Aber nein. Vermutlich sind's lediglich die kurzen Haare, die den Eindruck erwecken. Denn dieses Gesicht hier ist weitaus feiner ziseliert. Auch röhrt hier kein Rock-Organ. Auch wenn es noch so beeindruckend war damals. Hier schwebt, flirrt, summt, säuselt, atmen die filigranen Stimmbänder einer Chansonnière vom Reinsten. «Pépère tellement pépère/Pas pressé d’arriver/Se laisser la rivière/Gentiment déborder/Nager c’est magnifique/Même s’il y a qu’l’océan/Qui reste pacifique/Et pas pour très longtemps.//Reste sur moi/Que je respire avec toi /Reste sur moi/Que je respire avec joie.» * Ich schlafe wieder ein. Direkt neben mir sitzt Charles Baudelaire und flüstert mir sonor ins Ohr: «La très-chére était nune, et, connaissant mon cœur, Elle n’avait gardé que ses bijoux sonores, Dont le riche attirail lai donnait l’air vainqueur Qu’ont dans leurs jours heureux les esclaves des Mores.» Ich sage dem Dichter, ich genösse es. Aber mein Französisch sei so médiocre. Er lächelt, wartet ein wenig, bis die Brise über mich hinweggesäuselt ist, und spricht mit warmem Akzent: «Die Liebste war nackt, und da sie mein Herz kannte, hatte sie nur ihr klingendes Geschmeide anbehalten, dessen reicher Zierrat ihr jene Siegesmiene gab, wie sie an frohen Tagen die Sklavinnen der Mauren schmückt.» Oh! Monsieur Baudelaire — Sie haben meiner Maurin ein Gedicht auf den Leib geschrieben. Ich danke Ihnen. «Halten Sie in sich! Monsieur», raunt er mir zu. «Sie hat noch Strophen auf dem Leib.» «Et son bras et sa jambe, et sa cuisse et ses reins Polis comme de l’huile, onduleux comme un cygne, Passaient devant mes yeux clairvoyants et sereins; Et son ventre et ses seins, ces grappes de ma vigne ...» Ach, Herr Baudelaire. Es ist wunderschön. Es ist Musik. Aber Sie wissen doch — mein Französisch. «Attention, Monsieur Didier. Écouter attentivement! Je te donne ...» Ach. Du meine Güte. Ich höre meinen Gott des Liedes auf mich zukommen. Baudelaire hat an Léo Ferré übergeben. Er singt, ja, er singt in seinem köstlichen Deutsch, das fast schon wieder französisch klingt, für mich — Baudelaire: «Ihr Arm, ihr Bein, ihr Schenkel, ihre Lenden, blank wie Öl und wellenhaft sich biegend wie ein Schwan, deutlich zogen sie vor meinem ruhigoffnen Blick vorüber; ihr Bauch und ihre Brüste, diese Trauben meines Weinbergs,» Wie 1976 im Théâtre du Chêne Noir zur Coriolan-Ouverture folgt dem Schmettern des Donnerdeutschen durch das fast verdoppelte Orchestre symphonique d'Avignon der multiple Ferrésche Liebesklang. Non! Excusez-moi, Monsieur Baudelaire! Es sind ja Sie, der sirrt! Sie haben sich nur seine Stimme ausgeliehen. Wie eben in diesem je te donne säuselt es, doch es ist die Kraft eines Apollinaire mit seinem Chanson du Mal-Aimé. «S’avançaient, plus câlins que les Anges du mal, Pour treubler le repos où mon âme était mise, Et paur la déranger du rocher de cristal Où, calme et solitaire, elle s’était assise. Schoben, schmeichelhafter als des Bösen Engel, sich näher, um meine Seele aufzuscheuchen aus ihrer Ruhe und sie herabzulocken von dem kristallnen Felsen, den sie in ungestörter Einsamkeit zu ihrem Sitz erkoren. — Et la lampe s’étant résignée à mourir, Comme le yoyer seul illuminait la chambre, Chaque fois qi’il poussait un flamboyant soupir Il inondait de sang cette peau couleur d’ambre! — Und als die Lampe dann verlöschend hinstarb, erhellte der Kamin allein noch das Gemach; so oft er auflodernd einen Seufzer schickte, überschwemmte er diese Ambrahaut mit Blut.» Des Weinbergs Lüftchen rauscht in meinem Ohr. Ich erwache. Ich höre ein Klopfen. Ist es mein Herz? Erwache ich? An meinem Hals liegt der Maurin Bernsteinmund. Er murmelt an ihn hin. «Bonjour Monsieur. Contrôle de police. Contrôle d'identité. Votre passeport et votre permis de conduire s'il vous plaît.» *«Ruhig, ganz ruhig/Es nicht eilig haben, anzukommen/Den Fluß ganz langsam/übertreten lassen/Schwimmen, das ist herrlich/auch wenn nur/das Meer friedlich bleibt /Und das nicht für sehr lange Zeit.// Bleibe auf mir/damit ich mit dir atme/Bleibe auf mir/damit ich mit dir Freude atme.» (Patricia Kaas: Reste sur moi, Begleitheft zur CD je te dis vous, Sony France, 1993) Quellen und Zitate: Léo Ferré: Coriolan-Ouverture von Ludwig van Beethoven, auf LP: Je te donne, Barclay, Paris 1976 Léo Ferré chante et dirigé: La Chanson du Mal-Aimé de Guillaume Apollinaire, Barclay, Paris 1972 Charles Baudelaire: Les Bijoux — Die Geschmeide, Les Épaves (1866), in: Les Fleurs du Mal — Die Blumen des Bösen, zweisprachige Ausgabe, aus dem Französischen von Friedhelm Kemp, Fischer TB, Frankfurt am Main 1962/1971; Original: Les Fleurs du Mal, Édition de 1861, Texte présenté, établi et annoté par Claude Pichois, Deuxième Édition Revue, Éditions Gallimard, Paris 1972 et 1996, p 195
Jonas Überohr im Ohr Das – für mich – wichtigste deutschsprachige Buch über Rockmusik hat 1972 Helmut Salzinger herausgebracht. Es hieß «Rock Power», und Frank Schäfer, der Salzingers Leben und Werk auf einer ganzen taz-Seite vorstellt, beschreibt es als «fulminanten Collage-Essay». Fulminant war's in der Tat, und es fing mit einem Zitat von Karl Marx an: «Der Rock ist eine Ware.» Salzinger, Jahrgang 1935, gehörte mit seiner ganzen Person zum politischen Hippie-Untergrund, dem deutschen Ableger dessen, was die Yippie-Vordenker Jerry Rubin und Abbie Hoffman «Woodstock Nation» genannt haben. Yippies waren Anhänger der «Youth International Party», Leute, die versuchten, die neue Linke und die psychedelische Jugendkultur unter einen Hut zu bringen. Salzinger erklärte das so: «Woodstock Nation ist ein Vorgriff auf die befreite Gesellschaft. Denn die Revolution braucht keineswegs auf den Tag verschoben zu werden, an dem die Arbeiterklasse zum Bewusstsein ihrer selbst gekommen ist und ihre historische Aufgabe, die Revolution zum Sieg zu führen, begriffen hat.» Das hat ja auch Jim Morrison so gesehen: «We want the world and we want it – NOW.» Was Frank Schäfer da über Helmut Salzinger zusammengetragen hat, verdient höchste Anerkennung. An einer Stelle heißt es: «Man kann auch neidisch werden, wenn man bei Salzinger nachliest, welche gesellschaftliche Relevanz Popmusik und eben nicht zuletzt auch die Musikkritik einmal besessen hat. (...) Salzingers Texte sind Welten entfernt vom heute üblichen schnellfertigen Geschmacksfeuilletonismus.» Bei der Lektüre von Salzingers Texten kann man «auch viele Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung die Morgenluft noch wittern; diesen berückend aromatischen Duft einer machbaren gesellschaftlichen Umwälzung, der damals in der Luft lag. Das muss ein heimeliges Gefühl gewesen sein – als Teil so einer Jugendbewegung!» hap im tazblog Anderswo: «Spaß macht so richtig Spaß nur», erinnert Helmut Salzinger*, «solange die anderen sich darüber ärgern. Unverständnis, Widerspruch. Ablehnung, empörter Protest sind ein ergiebiger Quell der Inspiration für den, der es darauf angelegt hat, durch sein Tun die Umwelt in ihrer Ruhe zu stören.» Kabarettistisch an diesen Veranstaltungen waren, so Salzinger, allerdings «bestenfalls die eingelegten Chansons, im übrigen aber entsprachen sie überraschend genau dem, was zur gleichen Zeit in New York erfunden wurde, dem Happening. Vorgänge sollten ausgelöst werden, in denen die Wirklichkeit sich selber agiert, zugleich Subjekt und Objekt der Demonstration ist.» *Jonas Überohr «Helmut Salzinger war der Diedrich Diederichsen der siebziger Jahre.» Genauer: «Diedrich Diederichsen ist der Salzinger der Achtziger und Neunziger.» Jungle World
Umschiebebahnhof Von wiederholten Wiederholungen Die bundesrepublikanischen öffentlich-rechtlichen Dienstleistungsanstalten, allen voran die ARD, haben, um ihren täglichen Kulturaufträgen der 24-Stunden-Vollprogramme nachkommen zu können, allerhand zu tun. Weniger, was Kreativität und Produktionskraft betrifft, sondern vielmehr organisatorisch, verwaltungstechnisch. Damit sind nun nicht unbedingt die Umschichtungsarbeiten der Gebührenbarren gemeint, sondern eher die Rangierarbeiten auf dem Umschiebebahnhof der Wiederholungen. Nachvollziehen kann das nur, wer sich hin und wieder lustvoll auf das Sofa flätzen und hemmungslos der Zapperei frönen darf. Da sieht man sie dann wandern, die Reportagen und Dokumentationen, die unsereins bevorzugt. Hat es einen gewissen Anspruch, kommt es meist von arte, dem Geheimbündesender für europäisch bis global Besserdenkende, nahezu durchweg gemeinsam mit anderen deutsch-französisch geführten EU-Esoterikredaktionen produziert, und anschließend in die Umlaufbahn gebracht. In deutschen Landen rolliert Strasbourg via Bayern oder Bremen über Mittel- oder Norddeutsch und Brandenburgisch bis nach SüdWest und wird dann gänzlich westdeutsch von phoenix durch die 3sat-Sender geschleift. Nur so kriegt man die Kanäle voll. Auch geschieht es immer öfter, daß innerhalb der jeweiligen Vollprogrammanstalten keinerlei Anstalten einer Schamfristen mehr eingehalten werden, nach der eine gewisse Zeit zwischen Erstausstrahlung und Zweitsendung liegen sollte — wie das früher die Regel war. So wird denn gerne nach nur ein paar Monaten oder gar Wochen auch auf demselben Kanal wiederholt. Für neues ist eben kein Geld da. Das benötigt man für Sport, deren und andere Stars sowie weitere Celibritäten. Sei's drum, man hat ja ohnehin gefälligst nicht ständig auf der chaise longue herumzuliegen, um das Wiederholungsgebaren der in Armut dahinsiechenden TV-Programmierer zu beobachten. Ein normaler Einschaltzuschauer — also derjenige, der ordentlich seinem Tagwerk nachgeht — hat aufgrund dieser Tatsache auch gar keine Möglichkeit zu haben, statistische oder gar programmanalytische Tätigkeiten zu entwickeln. Und die anderen goutieren ohnehin die durchgehenden, lediglich von Gerichtsbarkeiten oder Verbalprügeleien oder Überlebenskämpfen im deutschen Dschungel oder uralten US-B- bis C-Movie-Peinlichkeiten unterbrochenen Werbesendungen. Denen geht es also sonstwo vorbei, was diese Kopfgesteuerten in ihren geschlossenen Anstalten an Immergleichem in die Umlaufschleife bringen. Es würde auch den an diesen Bildungsperversitäten Interessierten nicht weiter vom Sofa jagen, würden da nicht mittlerweile beispielsweise Reportagen wiederholt, die nachweislich von der Aktualität eingeholt worden sind. Wer da hineingerät und nicht ausreichend informiert ist, kann auch schonmal auf die falsche Fährte gebracht werden. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern dürfte der öffentlich-rechtlichen Informationspflicht erheblich zuwiderlaufen. Zumal man es auch hier den Privaten nachmacht und zunehmend gerne den Abspann vernachlässigt, aus dem zumindest zu erkennen wäre, aus welcher Zeit die jeweilige Produktion stammt. Beispielsweise Reiseberichte zu zeigen, die auch nicht mehr annähernd an die tatsächlichen Gegebenheiten hinreichen und dann so zu tun, als seien die gestern gerade gedreht, dürfte als Beleg für ein qualitätiv hochstehendes Angebot kaum ausreichen. Eine Lanze sei allerdings gebrochen für jene Wiederholungen, die Wissen auffüllen, da man, wie früher in der Schule, an eben diesem bewußtem Tag (bewußt?) gefehlt hat. Eine Verbeugung muß hier getan werden vor dem früher so geschmähten Bayerischen, einst Buntfunk genannten Fernsehen. Nicht nur, daß der einstige Schwarzfunk — wie man hört, besonders im Radio — seiner Informationspflicht nachkommt, sondern Seriosität allein bereits dadurch unter Beweis stellt, daß ein informierender Abspann nie mal eben so abgeschnitten wird; der gehört eben nunmal dazu, meinen die Münchner. Und was täte man als Bildungsbeflissener, der rückblickendes Wissen durchaus als Unterhaltung zu begreifen vermag, ohne in ein klitterndes oder verschwörerisches Geschichtsvermittlungsverständnis zu verfallen, ohne diese früher allzugern belächelte und befrozzelte, aber zu Recht so bezeichnete großartige Einrichtung wie BR alpha?! Die stehen wahrlich an erster Stelle. Und das sind Wiederholungen, die es verdient haben, nochmal wiederholt zu werden! Sogar die steinalten Sprachlernprogramme. Da sieht man wenigstens, wie unsereins früher rumgelaufen ist. So entsteht wenigstens ein Bild von unsereiner, die bald in der Rubrik Zeitzeugen gesendet werden.
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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6509 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
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