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Warmes Wünscherot Danke für die warmen Wünsche. Warm? Wegen des warmen Rots. Ja. Schnuckeliges warmes Rot, mit einem kleinen Schuß Blau darunter, wie sauerkirschiger Kir vielleicht. Aber doch so leuchtend, daß einen die Rennpiloten in ihrem neuen Unschuldsweiß sehen, wenn unsereiner durch die Gegend rollt. Und es rollt sich angenehm. Auch überhaupt nicht unbequemer als im alten Twungo, wie der automobilallwissende Herr von der FAZ behauptete. Eher wieder französischer, besser: altfranzösischer, wie früher bei den kleinen Franzosen, sitzend wie auf einem Stuhl, wie bei RönoltR4 und ZweiCV anno 1970, gleichwohl um einiges bequemer und bei weitaus besserer Sicht, nicht so suchschlitzartig wie bei einem Panzerfahrzeug ohne Panzer (?). Wie beim alten Twängo eben: Nieder mit den Bergen, freier Blick aufs Mittelmeer. Und die paar (zwanzig) Pferde weniger gegenüber dem Vorgänger, die Madame Raison aus dem Geschirr genommen hat, die spürt man kaum. Man rollt ja, fließt so dahin. Zumal Beschleunigung unsereinem ohnehin ein eher unappetitlicher Begriff ist. Aber andererseits hat er äußerlich dann wieder etwas von diesem Sportivfranzösischen, was gegenüber dem Deux Chevaux den Vorteil hat, ernstgenommener zu werden. Denn alle Autowelt meint, daß eine Änte ohnehin nicht schneller ist als ein elektromotorisierter Gemüsekorb, weshalb man ja eben mal schnell noch aus der Einfahrt, in die Einfahrt oder vorher über die Kreuzung, aus der Kreuzung et cetera rennen darf, denn diese olle Landkartoffel ... Nein, der Neue sieht, oups, respektheischender aus, tut so, als könne er bei Paris-Dakar aufs Treppchen steigen. Es wird kein Ende einer Dienstfahrt geben, Herr nnier. Ich bin doch kein Soldat. Es wäre auch eher unvorstellbar. Die sinnlosen Meter im Kilo müssen wir auch nicht schrubben. Das Autochen ist ohnehin, wie oben beschrieben, wieder eher fürs Fäßchen Wein und den Sack Kartoffeln gedacht. Es wird nicht von dienstfahrenden Pferden, sondern von Eseln gezogen, so alten wie wir. Mal schau'n, in welche Richtung.
Leine los Hier wird es vermutlich etwas ruhiger werden die nächsten Tage. Online läßt mich von der Leine, Der neue (un-)sportive kleine Franzose der Büddenwarderin will nur von einem Stammesangehörigen ge-, nein: eingefahren werden. Und dieses bremsenlose Dahinfließen, das geht hier nicht. Es kann durchaus sein, daß ich zwischenzeitlich auch die Kommentare ausschalte, wenn ich froschschenkelvoll irgendwo unter einem Lebensbaum liege. Ich habe Anlaß, Ungemach vermeiden zu wollen.
Stille Winkel Für hap: die Oasen der Ruhe. In leichter Überarbeitung. Ohne Anstrengung. Und im Nachhinhein für den Freund, der gerade erst, kurz nach dem 11. September 2011, aus den Weißenburger Blättern von Hans' Tod erfahren hat. Zumal ihm jemand via Pseudonym zur Wiederaufstehung verholfen hat. Aber wahrscheinlich sitzt der gebürtige Franke lediglich im Münchner Ehrenhimmel und lujaht von oben runter wie zu besten taz-Blog-Zeiten, weil's da oben kein Lachgras gibt. «Hofbräuhaus, Oktoberfest, Olympiapark oder Deutsches Museum — denkt man an München, fallen einem sofort diese Begriffe ein. Und mit der Allianz-Arena, dem Sealife und der im Oktober eröffneten BMW Welt ist die bayerische Landeshauptstadt, in die jährlich Millionen von Besucher strömen, um weitere Attraktionen reicher geworden. An manchen Plätzen gibt es an bestimmten Tagen im Jahr kaum ein Durchkommen.»Das lese ich im Münchner Monatsprogramm, Dezember 2007. Und genau das sind die Gründe — befördert von ein paar weiteren, zum Beispiel dieses unsägliche Schickeria-Getue, das gerne mit Hoher Freizeitwert ins Touristische beziehungsweise in die Handbücher der örtlichen Arbeitsämter (die ja bezeichnenderweise Agenturen genannt werden) ins Amtsdeutsche übersetzt wird, diesem nachkronagewittrigen, stadtoberhauptskettenliebenden Oberbürgermeister des kulturell schlichten (SPD-)Gemüts (das ihn wohl auf seinem Thrönchen belassen wird, bis er schon wieder aufs Töpfchen muß), dieses ständige, selbstbeweihräuchernde Gebrabble von der nördlichsten Stadt Italiens —, weshalb ich dieser Metropole des Spät-Biedermeier nach fast dreißig Jahren so gar nichts mehr abgewinnen wollte — und ihr endlich und definitiv den Rücken kehren konnte. Wassily Kandinsky und seine Gabriele Münter, die sich im Murnauer Moos vereinigten und den Blauen Reiter zeugten, hatten mich seit den sechziger Jahren magisch angezogen. Deshalb packte ich nach Ende der Lehrzeit in den Siebzigern dann tatsächlich meine Insulanerplünnen, lieferte noch kurz einen Auftritt ab nahe Gent, London und anderswo und siedelte anschließend endgültig um in die liebliche Voralpenlandschaft. Ein gerade in die Wohnung der künftigen Gattin (oder so ähnlich) umziehender Freund hatte mir die seine überlassen: Blick übers Moos hinein in die Berge. Ich war hingerissen. Doch das Glück wollte nur kurz aufscheinen. Denn der beruflich bedingt häufige Theaterbesucher kam nach der Vorstellung nicht mehr zurück. Die letzte Bahn in sein niedliches Städtchen, dessen schwarz-brauner Farbgebung auch Ödön von Horvaths Italienische Nacht nichts anhaben konnte, fuhr, wenn ich mich recht erinnere, gegen 23 Uhr. Es war auch keine dauerhafte Lösung, immer wieder mit geliehenem Automobil unterwegs zu sein. Und einen trinken wollte man ja schließlich auch noch mit diesen ganzen Künstlers. Also aus rein arbeitstechnischen Gründen umziehen ins etwas größere, nördlicher der Idylle gelegene Städtchen. Die Enttäuschung war dann doch nicht so arg, denn sie alle waren dort ja auch irgendwie anwesend. Irgendwie, da zu dieser Zeit auch die Moderne des anfänglichen zwanzigsten Jahrhunderts noch nicht so recht Einzug gehalten hatte im Millionendorf. Denn unsereins fand seine Nischen, in denen man sich passabel einmummeln konnte. Eine Liebe wurde es dennoch nie zwischen mir und diesem Großnest, das zu dieser Zeit überwiegend von Völkern aus rheinischen und westfälischen Stämmen unterwandert wurde. Es sollte mir im Lauf der Jahre allerdings tatsächlich gelingen, den einen oder anderen Münchner kennenzulernen. Als solchen bezeichne ich jetzt ausnahmesweise mal einen, der mir (oder ich ihm) 1975 oder auch zwei Jahre später zugeführt worden war. Zwar stammt er aus dem Fränkischen, siedelte jedoch bereits vor der olympischen Völkerwanderung in München an: 1965. Und wenn er auch ein paar Jährchen Zwischenstation in San Francisco machte, um das Land mit dem Fahrrad zu durchqueren, Love, Peace, Gitarre und Politische Wissenschaften zu lernen, so war beziehungsweise wurde er nach seiner Rückkehr doch zum (still leidenschaftlichen) Münchner. Für touristisches Public Relation taugt er nicht gerade, da man mit solchen Hin- beziehungsweise Sichtweisen nicht eben das richtige Geld machen kann: Mein liebster BiergartenHirschau, München, Gyslingstraße (Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 4) Aber auf diese Weise läßt sich «unsere kleine Stadt», wie sie der frühere Süddeutsche Claudius Seidl sie in seinen Beobachtungen von der selbstbespiegelnden Hamburger Brandstwiete aus suffisant bezeichnet hat, kennenlernen, ohne daß man sofort wegrennen möchte. Denn solche Plätze habe auch ich durchaus genossen im größten Dorf der Welt. Bis ich mich grollend getrollt habe, da mir der Versuch Heimat schlichtweg abhanden gekommen, vielleicht auch mißlungen war. Er wurde an sehr viel weiter weggelegenen Orten fortgesetzt. Doch nun, nach einigen Jahren, ertappe ich mich immer wieder mal dabei, hier und da mal auf das eine oder andere Bild zu schielen, das die Stadt zeigt, in die mich zum Ende hin nichts anderes mehr zog als meine Wohnung (die sich auch hätte in Pusemuckel befinden können). Deshalb wohl jubelten gute Beobachter meinerselbst fern dieser Stadt mir dieses Büchlein unter: Stille Winkel in München von Hans Pfitzinger, dem alten Copain und Troubadour. Und siehe da: Dieser Orphéoniste der München-Minne ist an Orten gewesen, die ich in beinahe drei Jahrzehnten nicht kennengelernt hatte. Denn, wie's im Münchner Eventleporello zu lesen ist: «... die Stadt an der Isar bietet auch Orte, an denen man dem Lärm, der Hektik und den Menschenmassen entkommen und eine Auszeit von Pflichten, Anforderungen, Erwartungen oder eigenen Ansprüchen nehmen kann.» Das war mir bekannt. Aber — setze ich's fort mit dem Münchner Informationsblättchen, da es so schön ausgedrückt ist, es sich trefflich zwischen Zeilen lesen läßt: «Nur wenige der Plätze stehen im Reiseführer, die meisten sind Entdeckungen abseits der Touristenpfade, kleine Überraschungen wie etwa das ‹Tanzende Rokoko› auf dem Kirchbergl, Espenlaub und Sommerstock am Tivoli-Pavillon oder eine vermeintliche Begegnung mit Johnny Depp in der Schack-Galerie in der Prinzregentenstraße. Viele kennen die Auer Dult auf dem Mariahilfplatz, den Jahrmarkt, der jährlich Groß und Klein anlockt. Doch mit Sicherheit nur wenige waren schon einmal in der Mariahilfkirche. Das durch seine stille Größe und edle Schlichtheit sich auszeichnende Gotteshaus ist vor allem wegen seiner Akustik einen Besuch (z. B. bei einem Orgelkonzert) wert.»Die Auer Dult, nun, dort war ich schon des öfteren. Die Reise zur anderen Seite, also rechts der Isar gehört eigentlich dazu, sogar für einen in Schwabing Ansässigen. Denn gerade in den Anfängen des Wohnungseinrichtens bekommt man dort so manches Küchengerät, für das heutzutage bei Manufactum ein Betrag hinzulegen wäre, der heute einen nicht unerquicklichen Teil monatlicher Münchner Mietnebenkosten ausmachte. (Vermutlich hat ohnehin das mittlerweile Herrn Otto gehörende Manufactum die Auer Dult aufgekauft.) Aber deshalb im Anschluß in diesem neugotischen Monstrum gleich ein Kerzlein anzünden als Dank für den gelungenen Einkauf, auf die Idee wäre ich dann doch nicht gekommen. Zumal diese Neogotik des beginnenden 19. Jahrhunderts nicht eben zu meinen architektonischen hoschia'na-Rufen beiträgt, in diesem Fall also nicht Maria, sondern allenfalls Herr hilf! «Lange Warteschlangen an der Kasse bei Museen oder Ausstellungshallen, überfüllte Anlagen, wer darauf keine Lust hat, sollte diese außerhalb der starken Besucherzeiten ansteuern. Zum Beispiel das Orchideenhaus im Botanischen Garten. Wer dort am Morgen vorbeischaut, kann — wenn er Glück hat — auf freilaufende Schildkröten stoßen. Auch im Winter kann der Botanische Garten seine Reize haben, zum Beispiel bei einem Spaziergang am Morgen durch den Park: ‹Da bekommt man das Gefühl, das Gelände gehöre einem allein.›»Den Botanischen Garten kenne ich nur vom angrenzenden Nympenburger Friedhof bei den Englischen Fräulein. Nicht der Frauleins wegen war ich dort. Dort hatten wir 1995 den so jung gestorbenen Thomas Lehnerer beerdigt, den liebevollen, wunderbaren (Mit-)Begründer der Weltgesellschaft für Glück, dem es nichts genutzt hat, denn gerademal vierzig Jahre alt ist er geworden. Zwei-, dreimal habe ich ihn dort besucht, vielleicht auch, weil ich ihn, der ja nicht alleine Künstler und Philosoph, sondern eben auch Theologe war, immer wieder fragen wollte, wie ich denn wieder enttauft werden kann, denn eine solche katholische (Knoblauch-)Ölung hatte er mir 1982 schmunzelnd (feixend?) angedeihen lassen in der Residenz vor meiner von Studenten betriebenen Zwangsverheiratung mit dem Akademiekollegen, ein paar Jahre später ebenfalls selig. — Und Orchideen? M e i n e Güte! Erstens sollen sie nicht schmecken, nichtmal in allerfeinstem, provençalischem Olivenöl gebraten, und zweitens dürfte ich sie dort ja auch nicht pflücken. Hinzu kommt, daß die Büddenwarderin mich ohnehin ständig von Blüte zu Blüte zur glühenden Hochblüte treibt, da sie diese bunten Blättchen mehr liebt als mich. Doch ich komme einmal mehr vom Thema ab; man verirrt sich eben gerne, wenn das Alter der Erinnerung die Sporen gibt: «Sie leben vom Gedächtnis anstatt von der Hoffnung, weil das, was ihnen vom Leben bleibt, wenig ist im Vergleich zur langen Vergangenheit» (Aristoteles). Es geht schließlich um die Gegenwart, um das, was es zu besuchen, zu betrachten gilt, es geht um die zu Recht gepriesenen München-Ansichten des Liebenden: «Hans Pfitzinger, Münchner aus Überzeugung, gelingt es, den jeweiligen Ort mit nur wenigen Worten greifbar zu machen. Er bietet historische Informationen und schafft Eindrücke und Atmosphäre. Zum Beispiel bei seiner Begegnung mit einem schwerkranken Freund im Rosengarten. Schönheit und Tod liegen nahe beieinander. Am liebsten möchte man dem Erzähler sofort nachreisen, die stillen Winkel erkunden und testen, ob sie ähnliche Empfindungen auslösen wie bei ihm. Mit feinem Humor und ehrlicher Emotionalität lässt der Autor die Stadt von innen leuchten. Kurz: Eine Anregung für alle, die München lieben oder lieb gewinnen möchten.»Zwar werden trotzalledem keine noch so starken zehn Argumentationspferde mich gar nie nicht und nimmer wieder dorthin zurückbringen. Aber ich weiß mit Hilfe dieses wunderschönen Lesestoffs jetzt wenigstens, wie das eine oder andere unmaßgeblich gefällte (Vor-)Urteil zustande kam: Weil ich nicht richtig hingeguckt habe. Und eines hat Hap Pfitzinger dann doch noch für die notleidende Münchner Fremdenverkehrswirtschaft getan: Unsere vielen Kinners wollen nach der Lekture (!) dieses Buches unbedingt wieder hin, um nun die Pfitzingersche (säkulare) Via Dolorosa zu begehen. Die sogenannten Attraktionen haben sie ohnehin längst abgeklappert. Die Altfassung in leichter Überarbeitung. Es ist davon auszugehen, daß das Kapitel München damit ein für allemal abgeschlossen ist. Jeder Schmerz mag mich belasten, aber keinenfalls der dieser Trennung.
Zwetschgendatschi «Der Teig ging langsam wie ein CSU-Politiker nach der Anklage wegen Kinderpornographie ...» Vom Aussterben
Mein liebster Biergarten «Hier gibt's immer diese nicht perfekten Schönheiten aus dem Volk, mit ihrem manchmal geradezu herzerweichend vulgären Stil. Geruch von Steckerlfisch (das ist kein Stockfisch, sondern Fisch am Stock; Anm. d. Red.) hängt in der weichen Luft, dazu das Gemurmel der Biergartenbesucher, das Klickern der Gläser auf dem Wagen des Mannes, der die Maßkrüge einsammelt. Tap-tap-tap: Ein kleines Mädchen, das seine nackten Füße auf den Betonboden platschen läßt, während der Vater in der einen Hand den Maßkrug, in der anderen den Brotzeitteller vor sich herträgt. Und dahinter die dunkelgrünen Baumkronen der Kastanienbäume, ein wolkenloser Himmel, blaß in Sonnennähe, tiefdunkelblau über dem Laub, ach.» —hap Hirschau, München, Gyslingstraße (Laubacher Feuilleton 18.1996, S. 4) Wegen der Einlassungen von hap und die Quelle dazu.
Italienisches München? In München kennen sie jeden Kuhfladen in der Toskana oder meinetwegen auch noch in Umbrien, jede Touristenpfütze in Venedig. Da fahren sie dauernd hin, weil sie sich dort heimisch fühlen. Oder vielleicht auch, weil sie dort endlich finden, von dem sie meinen, daß es zuhause so sein müßte, weil es ständig behauptet wird: italienisch, weil ... Alles schwafelt immer was von der nördlichsten Stadt Italiens. Damit sind allenfalls die paar wärmeren Tage auch im Herbst oder bereits im Frühjahr zu verbinden. Und daran ist in der Regel der Föhn schuld. Der sie so wirr macht, daß sie glauben, sie seien in Italien — und es überall rumerzählen. Dabei fahren sie lediglich bei Rot los und halten bei Grün an und rumpeln dauernd ineinander mit ihren lackglänzenden BMW-Cabriolen. Vor allem die ganzen Düsseldorfer und Bielefelder, die über die Stadt gekommen sind seit der Olympiade 1972. Dabei hocken sie in einem der miefigsten Kaffs der ganzen Republik. Italien? Dieses Biergartendorf. Was ist daran italienisch? Das bißchen der Renaissance oder (im Sinne Winckelmanns) inhaltsleer der Antike nachempfundene Architektur? Königsplatz? Mich schaudert's, wenn ich davorstehe. Filmkulisse. Wie Neuschwanstein. Disneyland. Das meiste ist ohnehin dieser süßliche, putzige, niedliche, spätputtige Barock. Nun gut. Vielen gefällt's. Zugegeben, ich bin eher französisch fundiert, fundamentiert sozusagen, bevorzuge klare, aufragende Formen. Aber viele lange Jahre hatte diese «unsere kleine Stadt», wie Claudius Seidl sie so punktgenau charakterisiert hatte, mich eben im Gemäuer ihres schlichten Gemütes gefangengehalten. Ein Kölner, der käme nicht auf die Idee, in dieser Stadt wohnen zu wollen. Der hätte ständig Heimweh in sein nördliches Italien. Mir sind einige Menschen bekannt, denen es so ging. Sie sind bald wieder zurück. Wenn's ging. Die Düsseldorfer, die fühlen sich wohl in München. Sie passen auch gut dorthin. Aber Kölner? Denn Köln ist tatsächlich italienisch. Und manchmal auch ein bißchen französisch. Schließlich haben die von links über den Rhein einmarschierenden Truppen die ehemalige römische Kolonialmetropole aus dem bis ins Mitteralter andauernden Tiefschlaf erweckt und direkt in die revolutionäre Moderne geführt. Wenn ich vorm Kölner Dom stehe und mir diese schlimme Fußbodenplatte wegdenke — na ja, ich schaue ja sowieso nach oben, weniger auf zu diesem ewigen katholischen Barträger, sondern eher zum nicht minder ewigen Baugerüst. Denn an diesem Filigranmonster wird ja nicht nur seit 1400, ach was, seit 870, sondern vermutlich noch weitere vierzehnhundert Jahre gebaut. Dann habe ich klare Gedanken: römisch, romanisch, Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Und das Vorbild hatte dann ohnehin wieder ein französisches Fundament: die Cathédrale von Amiens (man schaue sich mal zum Vergleich den Münchner Dom an ...). Oder die vielen anderen romanischen und gotischen Kirchen. Das läßt sich aus der Geschichte leicht erklären. Die Kölner haben von beidem etwas: die Offenheit der Italiener. Das ist die römische Geschichte. Und das französische laisser-faire, und manchmal auch die Sturheit. Aber nur manchmal. Und sie können über den spezifischen rheinischen Katholizismus lachen. Oder über den rheinischen Kapitalismus. Wer kennt nicht Jürgen Becker, Miterdenker der Stunksitzung, den hirschgeweihten Moderator aus dem Alten Wartessal zu Köln oder den Missionar des Rheinischen Frohsinns, der gemeinsam mit Didi Jünnemann europaweit die örtlichen Gegebenheiten für Karnevalsumzüge zu finden trachtet? Dieser Becker ist auch der Erfinder des Rheinischen Kapitalismus, Fachmann für Glaubensfragen («Kein purer Spott, sondern ein intelligenter Exkurs, der nicht nur Fundamentalisten zu empfehlen ist», hieß es in der FAZ). Er hat am Beispiel des Franz von Assisi die Kapitalismus-Werdung erklärt. Und das geht in etwa so: «Er war nämlich der Sohn des berühmten italienischen Tuchhändlers Piedro Bernadone. Ein richtiger Modezar, daraus entstand dann später Benetton. Der Vater reiste als Tuchhändler viel in der Welt herum und nannte seinen Sohn Francesco, den Franzosen. Dazu muß man sagen: Die Italiener lieben die Franzosen, aber sie achten sie nicht. Die Franzosen wiederum mißachten die Italiener. Aber sie lieben sie auch nicht. Das mit der europäischen Einigung wird noch schwer kompliziert.» Köln. Es ist die einzige deutsche Stadt, in der ich Italien rieche. Und manchmal stinkt's auch so. Mit dem Klima hätte ich allerdings Probleme. Und Meer gibt's auch keins. Wenn sich der Rhein auch manchmal so gebärdet, wenn er so uferlos wird wie seine Anrheiner. Nun denn: Sie haben den Protestantismus im Kölnischen Krieg von 1582 erfolgreich niedergerungen. Sie sind mit den französischen Besatzern von 1801 bestens klargekommen. Die waren über diese, damals eben, napoleonisch bedingt, nicht unbedingt so unangestrengte französische Gleichgültigkeit derart verblüfft, daß sie die kriegerischen Segel gestrichen, sich sogar fröhlich vermischt haben. In Köln spürt man Geschichte. Köln ist alt! Als Stadt! Nicht so alt wie Marseille, aber immerhin etwa so alt wie Lyon. Das wäre ein Vergleich. Köln wurde 38 vor unser aller, besser des kölschen Christus, also neutraler 38 vor unserer Zeitrechnung als Hauptstadt der von den Römern umgesiedelten Ubier als als Oppidum Uborium gegründet. Und die Kölner leben auf der Straße. Immer. Und zu jeder Jahreszeit. Sogar im arschkalten, ekelhaft nieseligen November siehst du die Menschen nachts auf dem Hohenzollernring, weil sie ins Kino oder in die Kneipe gehen. Während im italienischen Zwiebelturm-München mit seinen ganzen Provinzlern aus Düsseldorf oder Hannover ... Es ist zwar schon ein Weilchen her, aber exemplarisch für die diese Stadt: Ein Bäcker am Schwabinger St.-Josephsplatz versuchte seit Urzeiten, ich glaube, seit fünfzehn oder gar zwanzig Jahren, die Genehmigung dafür zu erhalten, Tische und Stühle auf den recht hübschen, nachgerade idealen Platz zu stellen, um Capuccino — wahrscheinlich mit Instantsahne obendrauf — und Panini zu servieren, die er den Alteingesessenen wiederum als Semmeln verkauft. Aber Semmeln mögen diese Münchner Italiener nunmal nicht. Panini müssen's sein. Wie auch immer, der Bäcker kriegt keine Genehmigung. Die Buchhändlerin von nebenan hat mir erzählt, daß es ihr wirtschaftlich um einiges besser geht, seit sie dorthin gezogen ist, von einem lediglich ein paar Meter weiter gelegenen Eck, weil an diesem Platz Leben in die Bude kommt. Es wuselt regelrecht, denn es ist eine ausgesprochene Wohngegend mit ein paar kleinen mittelständischen Betrieben. Dennoch: null. Es gibt da eine radiologische Kleinklinik. Die Menschen kommen von überall her. Sie müssen oft warten. Aber Café? Ich hab da mal verzweifelt eines gesucht, weil ich mit jemandem was zu besprechen hatte. Nichts. Aber der zuständige Bezirksausschuß oder welche abschießende Behörde auch immer sagt nein. Das deckt sich mit der jahrelangen Diskussion in der Stadt um die sogenannte Sperrstunde. Es handelt sich zwar um einen älteren Text (2002), der auch anderenorts bereits veröffentlicht war. Aber ich bin gestern von in Isar-Athen lebenden Düsseldorfern, die mal richtiges Wasser sehen und den Horizont abtasten wollten, derart penetrant zueuphorisiert worden, daß es jetzt (nochmals) rausmuß. (Siehe auch: Patois d'Cologne)
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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6509 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
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