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Schöne Ausssichten «... Angenommen, McCain wird im November gewählt. Dann fordert das Alter seinen Tribut: McCain hält den Stress nicht aus, wird erst berufsunfähig, stirbt nach zwei Jahren, und sie tritt seine Nachfolge an. Sarah Palin, die erste Frau, die als Präsidentin im Weißen Haus sitzt – ohne jemals Wahlkampf gemacht zu haben, ohne vom Volk gewählt zu sein. ...» tazblog
USA in unseren Köpfen «Man muß sich in Erinnerung rufen, daß die Fastfood-Industrie in Frankreich vor allem das Werk französischer Firmen war, die auf diesem amerikanischen Terrain noch besser sein wollten als die Amerikaner selbst. McD[...]'s kam Anfang der Siebzigerjahre nach Frankreich, als eine der vielen US-Firmen, die in Europa ihre Filialen aufmachten (Hotels, kommerzielle Reinigungsfirmen, Fitness-Center, Steuerberatungsfirmen und Arbeitsvermittlungsagenturen), um den steigenden Lohnkosten, dem gesättigten Markt und der übermächtigen Konkurrenz in den Vereinigten Staaten zu entkommen. [...] Auf einer anderen theoretischen Ebene sind solche Orte als Inseln kommerzieller Exzesse erkennbar, als das verzerrte Gesicht eines ungezügelten Kapitalismus in einer Gesellschaft, wo man das Problem, das sich darin ausdrückt, immerhin noch diskutieren kann. Und so spielt denn auch das Phänomen der ‹Periurbanisierung› in der Debatte über den deregulierten Kapitalismus eine wichtige Rolle: als vielfach angeführter Beleg für die französische Variante der ‹klassenlosen Gesellschaft› amerikanischen Typs. Diese Debatte bezieht sich häufig auf simplifizierend interpretierte Sozialstatistiken, die belegen sollen, daß die französische Arbeiterschaft konsumorientiert ist, zunehmend Wohneigentum erwirbt, immer weniger politisches Interesse zeigt und keinen einheitlichen Lebensstil mehr aufweist. Daß dieser gesellschaftliche Typus allmählich in Frankreich ‹heimisch› wird, zeigt sich an eben diesen ‹neuen Dörfern› mit ihren Gewerbezonen voller Supermärkte, Sportartikelgeschäfte und Einkaufszentren für Heimwerker- und Gartenbedarf. Hier finden die Bewohner, die ‹selbstbestimmten Individuen›, was sie für ihre angeblich ganz privaten Interessen benötigen. Doch in klarem Unterschied zu den USA stehen dieser fugendichten Version der gesellschaftlichen Wirklichkeit noch machtvolle Alternativen gegenüber. Es gibt andere Entwürfe des sozialen Lebens, in denen Solidarität und kollektives Handeln noch den Ton angeben. Und andere soziale Werte, die sich regelmäßig in sozialen Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene artikulieren.» Der gesamte Text in: Le Monde diplomatique
Andere Kultur Es ist zwar nicht unbedingt mein Revier, und ich will auch nicht dilettierend wildern. Aber auch das ist nunmal Feuilleton oder meinethalben Kultur oder großes Staunen: Für völlig unterbelichtet in Sachen Kapital(ismus)mechanismen halte ich mich ja nicht. Aber nach der gestrigen Sendung in arte über die kriegerische Übernahme der Marktmacht am Beispiel des (von mir allein seiner sektenartigen Verkaufsmethoden wegen seit je ungeliebten und in Europa glücklicherweise mehr oder minder glücklosen) US-Einzelhandelsriesen war ich dann doch ein wenig überrascht. Die haben den US-Amerikanern nicht nur geschätzte bis zu einer Million Arbeitsplätze eingeebnet, indem sie die Hersteller der günstigeren (Stunden-)Löhne wegen nach China (dort bis maximal fünfzig US-Cent) gezwungen haben, um die «sozialen» Preise in den eigenen gigantomanischen Läden «halten» zu können. Und dann stellen sich diese Walrösser hin und sagen's auch dem letzten, der's nicht hören will: Wir tun Gutes, da wir dem Menschen mehr Kaufkraft ermöglichen. Euphemismus wäre da ein zu beschönigenderer Begriff ... Dieser Mechanismus hat den USA überdies ein gigantisches Handelsbilanzdefizit eingebracht. Mit eingefädelt hatte das bereits Bill the Clinton, der seinen Landsleuten vermittelte: China ist ein riesiger Markt für uns! Heute stehen etwa drei Milliarden US-Dollar Export circa 130 (bis 150?) chinesischer Einfuhr gegenüber. In den USA wächst kaum noch ein Produktionspflänzchen. Weit weg? Die Amis sind selbst schuld? Falls es noch niemand gemerkt haben sollte: Dieses soziale Verhalten großer Handelsketten hat seit langem bei uns Einzug gehalten. Auf eines dieser unzähligen Beispiele verweist Andreas Pramanns Göttinger Landbote. An die Bewertung der euroglobalen Arbeitsmarktdaten — von den meisten Informationsverlautbarungsorganen, privat oder öffentlich-rechtlich, meist vornehm unterlassen — mag jeder sich selber machen. So werden enorme Gewinne gemacht und die Löhne der hiesigen Arbeitnehmer halbiert und auch auf ein Viertel reduziert. Es ist ja nicht das erste Mal, daß ich auf dieses eine absurde Beispiel hinweise: Bio made in China. Unterhaltungselektronik, beispielsweise der allseits geliebte und überlebensnotwendige Flachbildschirm: ein Drittel kommt mittlerweile aus dem Reich der Mitte, das so heißt, weil es sich von jeher als Weltgeldmaschine verstand. Der Käufer bekommt das nur nicht mit, weil die altbekannten Firmennamen auf den Produkten kleben (auf die Herkunftshinweiese schaut ohnehin kaum jemand). Aber lange wird's nicht mehr dauern, bis auch die gänzlich verschwunden beziehungsweise von anderen ersetzt sein werden. Fusionen, zumindest aber joint ventures auch europäischer Firmen mit chinesischen Unternehmen sind an der Tagesordung. Wann wacht der Mensch eigentlich auf und macht kaputt, was ihn kaputtmacht? Zerschlagen kann beziehungsweise soll so aussehen: Boykottieren! Anderswo kaufen. Es gibt noch Händler, die privat geführt und nicht von nimmersatten Börsenzockern bestimmt werden, aber trotzdem durchaus sehr preisgünstige Waren anbieten. Sicher, die sind gezwungen, bei dieser Preispolitik mitzumachen. Aber auch als nicht so Betuchter sollte ich lieber ein seriös geführtes mittleres Unternehmen «unterstützen» als diese Horden, die nichts als Verwüstung hinterlassen. Und wenn wir denn endlich wieder das Geld verdienen, das wir verdienen, dann können wir ja dann endlich (wieder) dort einkaufen, wo's so romantisch ist: beim Bauern. Wenn der dann überhaupt noch eine Kuh oder ein Huhn im Stall hat und Käse und Eier nicht längst aus fernöstlicher Plasteproduktion bestehen und der ganze Weizen nicht längst von unseren Renn-LKW und den Hyperkähnen weggesoffen worden ist. Ich gebe zurück an die Expertenzentrale.
Storchs-Nest «Was die Intellektuellen und die Künstler in den letzten Jahren vielleicht vergessen haben, ist, die Vorstellungen vom Ende mit denen des ‹Storchs-Nestes›* zusammenzubringen. Sie haben die europäischen Aufgaben unter sich verteilt: hier die Denker der Ohnmacht, dort die Praktiker der kleinen Schritte. Einig sind sich beide Fraktionen aber — überwältigt von ihrer Medienfaszination — in ihrer Zaghaftigkeit, in ihrem Kleinmut, in ihrem festen Glauben an die Utopielosigkeit. Auch sie nehmen teil an der Aufteilung der Welt, an den unermüdliche Parzellierungen und Grenzziehungen, die zur Zeit im Gang sind. So ist die westliche Kunst im Moment dabei, sich autistisch ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen. Ihre Museumskathedralen werde immer opulenter, reicher, ihre Cafes und Bars immer schicker, ihr Galerien immer weißer, ihre Zeitschriften und Kataloge immer bunter und ihre Lofts immer größer: formalisiertes Leben neben dem Leben. Die Kunstwelt kapselt sich von der übrigen Welt ab, bildet einen eigenen Kosmos, dem sich die Theorie und Kritik zu fügen haben. Die östliche Kunst, die sich neu definieren muß, ist geneigt, sich vom Glanz solcher Äußerlichkeiten verführen zu lassen, und sie bemüht sich, teilweise im Schnellkurs, die westlichen Strategien aufzunehmen, um als Teil der schillernden Kunstwelt zu funktionieren. Dieses Spiel de grenzenlosen Grenzziehungen trägt den Januskopf der Ohnmacht. Er wendet sich einer vorgeblichen Offenheit zu, um andererseits aufzugehen in einen Bereich, über dessen Tür dick das Wort ‹Kunst› steht.» Michael Glasmeier * Georg Christoph Lichtenberg schreibt 1776 in sein Sudelbuch: «Die Klugheit eines Menschen läßt sich aus der Sorgfalt ermessen, womit er das Künftige und das Ende bedenkt. Respice finem.» Die nächste Eintragung lautet: «Vorschlag ein Storchs-Nest in Göttingen anzulegen.» Michael Glasmeier: Respice finem und Storchs-Nest, in: Üben. Essays zur Kunst, Salon Verlag, Köln 2000, S. 55
Wetterspinne Alles schreibt vom dahingehenden Sommer. Und ein paar starren auf die wetterverkündende Dame, wenn auch weniger auf deren blonden Formen als vielmehr auf die durch sie angedeuteten Hoffungskurven. Dabei ist die Hoffung nach Nietzsche das Übelste aller Übel, da sie die Qual verlängere. Und die könnte auf Ballermannorca liegen. Das einige bereits als Exil angekündigt haben. Aber es verhält sich anders: Mein Wetterfrosch ist eine Spinne, und die spinnt. Wieder. In letzter Zeit hatte sie ihre Produktion eingestellt. Vermutlich, weil sie keine Lust verspürte, den Winterpelz aus dem Schrank zu holen, ihr aber auch noch nicht danach war, hier drinnen in meinem Büro ihr Dauerschlafplätzchen aufzusuchen (sehr zur Freude der völlig arachnophoben Büddenwarderin). Es geht um meine Außenspinne. Sie ist nicht nur meine blonddralle Verkünderin, sondern sie frißt auch für ihr Leben gern Fliegen (wie andere Frösche). Zwar sind hier bei mir im Dörflichen alle erreichbaren Fenster fliegengitterbewehrt, aber es gibt da eine Species, die so winzig ist, daß sie nächtens noch jedes allerwinzigste Löchlein durchschlüpft, um auf meinem Computerbildschirm ihre nächtliche Tanzparty zu veranstalten. Wärme und eine bestimmte Luftfeuchtigkeit verursachen in ihrem Botenstofflabyrinth offensichtlich ein LSD-artiges Chaos, das Orgien auslöst, in die ich nicht anders korrigierend eingreifen kann, als die Fenster zu schließen. Und das, nachdem mir die Sonne durch rund vierzig Quadratmeter Glas das westlich gelegene Bürokathedrälchen auf vierzig und mehr Grad aufgeheizt hat. So war das, bis eines Nachts die Fliegen ausblieben. Ich dachte nicht weiter darüber nach, wurde nach der dritten fliegenfreien und ungestörten Schreibnacht dann doch so stutzig, daß ich der Sache bei Licht betrachtet auf den Grund gehen wollte. Und tatsächlich: Überall dort, wo ich die Fenster bevorzugt weit öffne, zumindest aber kippe, befanden sich auf den Fliegengittern Spinnennetze, so fein, daß auch diese übelwollende minifruchtfliegenkleine seltsame Kreatur keinen Eingang in mein arbeitssames Inneres mehr fand. Ab und an hing frühmorgens noch so ein Leichlein darin, vermutlich übriggeblieben vom üppigen Spinnennachtmahl. Mit meiner Rückkehr von der Einrolltour des neuen Roten hatte auch die kurzvorhintersibirische Sommerkälte Einzug gehalten. Und mit ihr war auch meine fliegenfressende Außenspinne samt Netz verschwunden. Verständlich, denn es gab ja nichts zu mampfen. Woran sie sich ansonsten delektierte, kann ich nicht beurteilen. Aber es war auch nicht zu überprüfen, da ich sonst erfroren wäre. Seit heute abend aber spinnt sie wieder, meine Spinne. Das heißt für Euch, die ihr die Hoffnung bereits habt fahren lassen: Es geht wieder aufwärts. Mit den Temperaturen.
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