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Pro- und Nekrolog Bleib erschütterbar und widersteh Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten: Allen Durchgedrehten, Umgehetzten, was ich, kaum erhoben, wanken seh, gestern an und morgen abgeschaltet: Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet: Bleib erschütterbar — doch widersteh! [...] Widersteht! im Siegen Ungeübte, zwischen Scylla hier und dort Charybde schwankt der Wechselkurs der Odyssee ... Finsternis kommt reichlich nachgeflossen; aber du mit — such sie dir! — Genossen! teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr, leicht und jäh — — — Bleib erschütterbar! Bleib erschütterbar — und widersteh. Peter Rühmkorf Ein Dankeschön an den Meister und den Schenker hap, der's geschenkt hat: Selbstredend und selbstreimend (Auszug aus Prolog). Auswahl und Nachwort von Peter Bekes. Philipp Reclam jun. Stuttgart 1987, S. 7 Original in: Haltbar bis Ende 1999. Gedichte. Rowohlt, Reinbek 1979 (hier auch Biographisches zu Rühmkorf)
Seltsame Bewegungsunlust überkommt mich seit einigen Tagen. Es mag daran liegen, daß ich mich zuviel bewegt habe oder vielleicht auch und daß mich zuviel bewegt hat in letzter Zeit, daß das (allerdings ohnehin seit langem leicht bemitleidenswerte) rechte Auge läuft und läuft, als ob es Auslauf hätte, es aber nicht hat, sondern wehtut, während das linke immerzu die irgendwo in der Welten Läufe versteckte Hoffnung weitersuchen möchte, was es allerdings nicht darf, da sie laut des göttlichen Herrn Nietzsche die Qual verlängere, andererseits ich neulich die durch Herrn Mark793 aufs Banner einer Anhäufung von Rebellen ohne Markt genagelte These vernommen habe, Herr Gott habe behauptet, der andere sei tot. Also: ein wenig tot fühlt sich das alles an in mir. Wobei: ein bißchen tot ja ebensowenig möglich ist wie ein bißchen schwanger. Aber so fühlt sich das nunmal an: als ob sich etwas ausbreitet in mir, von dem ich weiß, daß es das nicht geben kann, nicht einmal zum Schein, da es mir an den erforderlichen Organen mangelt, also nichts ist als ein Nichts. Da ich aber ebensowenig weiß, was ein Nichts ist, wird dieser mein Guck- und Schreibkasten eine Weile lediglich sporadisch geöffnet und bedient sein beziehungsweise werden. Vielleicht solange, bis der mein Hirn- und Denkgewirr besser als ich kennende Ophthalmo- wie Neurologicus herausgefunden hat, was es mit der buchstäblichen Stäbchenmaschinerie meiner Setzfabrik aktuell oder akut auf sich hat: nichts. Wenigstens nur ein bißchen davon.
Volksfest und Flaggenlied Vor einiger Zeit bestätigte eine Untersuchung, was ohnehin längst bekannt gewesen sein durfte, zumindest denen, die schon einmal etwas von Völkerwanderung, von den römischen Eroberungen gehört hatten und beim Beharren der Bayern oder Preußen oder Holsteiner et cetera auf Rassereinheit mehr als nur schmunzelten. Unlängst hat es die Wissenschaft mit Zahlen belegt: Gerademal dreißig Prozent derer in diesem unserem Lande dürfen sich germanischer Abstammung erfreuen — wenn sie das denn überhaupt erfreut. Doch diese Erkenntnisse sind ja auch erst ein paar Jahrzehntchen her, wie uns Der Querschnitt. Das Magazin der aktuellen Ewigkeitswerte in den zwanziger, dreißiger Jahren übermittelte: Die Leute ums Hakenkreuz halten sich bekanntlich für Arier und sind überzeugt, wenn sie es auch nicht bestimmt wissen, daß jeder von ihnen die Götter Walhalls in nächster Verwandschaft hat. Wenn gar einer zufällig mit blauen Augen und blonden Haaren auf die Welt gekommen ist, was dazwischen der Fall sein soll, dann hält er sich selbst für den wiedergeborenen Siegfried. Weil das aber nun mit den Haaren, Augen und Nasen eine eigene Sache ist (man kann nie wissen!), haben sich unsere «Völkischen» neben dem Hakenkreuz ein anderes gemeinsames Symbol verschafft. Es sind die Farben schwarz-weiß-rot. Von diesen Farben nehmen sie an, daß sich darunter nur Arier finden könnten, obwohl nicht recht einleuchtet, warum auf diese Farbenzusammenstellung nur Arier ein Privilegium haben sollten. Kann sich nun ein Mensch vorstellen, daß bereits 700 v. Chr. in Palästina die Fahne schwarz-weiß-rot geweht hat? Die Wissenschaft hat es herausgebracht: Schwarz-weiß-rot sind die Stammesfarben eines der zwölf Stämme Israels gewesen. Und jetzt rate einer welches Stammes wohl: Der Stamm Levi (ausgerechnet!), von allen zwölf Stämmen Israels der vom meisten Eifer und Fanatismus besessene Stamm, ist damals unter schwarz-weiß-rotem Banner ausgezogen. Was sagt H St.Chamberlain dazu? Wird er etwa den ganzen Stamm Levi für Arier erklären, wie er bereits Jesus von Nazareth zum Germanen gemacht hat? Das wäre eine sehr einfache und nicht unsympathische Lösung der antisemitischen Frage. Der ganze Radau ist doch überflüssig, wenn die Leviten mit unseren Völkischen die gleichen Gesinnungsfarben haben. Bisher glaubten die Hakenkreuzritter, die republikanischen Farben schwarz-rot-gold wären eine jüdische Erfindung. Was werden sie zu dem peinlichen Zusammenhang sagen, der sich für schwarz-weiß-rot aus der Feststellung der Wissenschaft ergibt? Das Leben ist manchmal von einer unbegreiflichen Gemeinheit. Da singen unsere «Arier» mit Vorliebe in vorgerückten Stunden, wenn sie die Begeisterung beim Wickel haben, ein sehr schönes Lied. Es geht an: «Stolz weht die Flagge schwarz-weiß-rot ...» Aus meinen Flegeljahren erinnere ich mich, daß dieses Lied zum eisernen Repertoire der Volksfestkapelle Lang gehört hat, die es immer brachte, wenn noch eins getrunken werden sollte. Dieses treudeutsche Lied, dem man förmlich die Blauaugen und die Blaujacken ansieht, ist nun von einem gewissen Robert Lindner gedichtet. Kein Handbuch der deutschen Literatur gibt Aufschluß über die sonstigen Taten des «Dichters», von dem bisher angenommen worden ist, daß er ein wackerer Seebär von der Wasserkante sein müßte. Aber Robert Lindner ist kein Seebär, sondern ein waschechter Jude, und hat die deutsche Flotte, die er so schwungvoll besingt, höchstens auf Ansichtskarten oder im deutschen Flottenalmanach studiert. Es ist schon ein Verhängnis mit den Farben schwarz-weiß-rot. Fast scheint es, als hätten die Juden eine noch größere Vorliebe für diese Farben als unsere Völkischen selbst; denn greift man dahinter, zuerst hinter die Fahne des wilhelminischen Deutschland, dann hinter das vielgesungene Flaggenlied, immer kommt ein hebräischer Ursprung heraus. Wann findet sich der Komödiendichter, der diesen dankbaren Stoff aufgreift? Schiller hat schon recht mit seiner Behauptung, daß «des Lebens ungemischte Freude» keinem Sterblichen zuteil wird, auch wenn er noch so fest glaubt, von den alten Germanen abzustammen, die unseres Wissens keine Fahne schwarz-weiß-rot gehabt und auch nichts von dem Flaggenlied des Robert Lindner gewußt haben. M. P. Der Querschnitt, Das Magazin der aktuellen Ewigkeitswerte. Nachdruck aus den Originalbänden, 1924–1933, Hrsg. Christian Ferber, Ullstein Verlag, Berlin 1981, Seiten 97f.; wiederabgedruckt in: Laubacher Feuilleton> 5.1993, S. 14. Wer sich hinter dem Kürzel M. P. verbergen könnte, bleibt im verborgenen. Es sei denn, aus dem Kreis der Wissenden kommt (mal wieder) ein Lesezeichen.
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