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Erlösung Hier war ein Zitat aus einem Text von Elfriede Jelinek zu lesen. Ich habe es entfernt, nachdem ich von Gorillaschnitzel (Dank) darauf hingewiesen worden bin, daß sie solches ausdrücklich nicht wünscht. Sie wird ihre Gründe haben. Das hatte ich im Eifer übersehen. Da ich niemanden mit Rechtsproblemen konfrontieren möchte, habe ich es entfernt. Möge man sich einfach selber die Seite begeben und lesen: Von Ewigkeit zu Ewigkeit Kapitel: Zu Österreich. Mit erlöstem Dank für den Hinweis an: Lebensweise
West-Ost-West-Bahn «Wenn 'se nach Novosibirsk, Swerdlowsk oder nach Wladiwostok fahn wolln», sprach die leicht uniformierte Mittfünfzigerin, «dann können se hier abfahn. Hier jibt et nur Russn. Dette hier heißt nich mehr Bahnhof Zoo, det is jetzt der KdW-Bahnhof.» Ich sei zwar auch gerne ein wenig Russe, gab ich zu bedenken, und wolle durchaus in den Osten, aber in den des ehemaligen Westens, und der läge nunmal westlich ... «Wir sin hia zwa im Westen», setzte die Dame am erstaunlicherweise noch erhaltenen Dienstleistungspunkt ihre Suada ohne hörbare Interpunktion fort, «aba wenn se nach Westen wolln, da müssen se erstma nach Spandau. Det is Westen. Aber wia ham ja ohch noch'n Hauptbahnhof Richtung Osten, naja, Mitte, aba is ja ohch Osten. Den können se ohch nehm'n. Da fahn se erstma hin, mit die S-Bahn. Dann kommen se zwa wieda hia durch, durch den kleenen Zoo im Westen, aber der hält hia nich, erst wieda in Spandau, der Eurocity von Prag nach Aarhus üba Hamburg.» Irgendwie hat mich das dann doch ein wenig irritiert. Nicht nur, daß das genau der Zug war, in den ich einsteigen wollte und für den ich nun eine Rundreise antreten sollte. Mehr noch das: In München hält der Intercity Expreß sogar in Pasing, wohin doch eigentlich niemand wirklich möchte. Hamburg bietet gleich drei Fernbahnhöfe. Von Paris oder ähnlichen Städten gar nicht zu schreiben. Aber in der europäischen Metropole Berlin wird der Bahnhof, in dem jahrzehntelang die Welt ankam und von dem sie dann auch wieder abfuhr, zum S-Bahnhof degradiert. Und das, obwohl der gesamte Provinztourismus zum Ku'damm will, weil hier Kunst und Kultur der guten alten Zeit angesiedelt sind. Aber die heißt ja jetzt KadeWeh, ebent. Aber so ist es mit dem Gedächtnis: Er höhlt sich aus, der Zahn der Erinnerung.
Wohltemperierter Punk Es gilt, das Bild von den Deutschen, die von Deutschen allzugerne in den Worthungerturm von Pisa weggesperrt werden, (wenigstens) ein bißchen zu korrigieren, na ja, der Einzelheit wegen vielleicht besser: zu retuschieren: Gestern, von einem letzten Gruß kommend, in der S-Bahn Blankenese (für der monetären Geographie Unkundige: in diesem Hamburger Vorort leben überwiegend etwas noch ein bißchen besser Verdienende) in Richtung der pekuinär-konsumistischen Landungsbrücke Jungfernstieg. Ein junger Mann im Protestgewand des zwar eher angedeuteten, aber durchaus als ernstgemeint erkennbaren Punk, zurückgezogen in (s)eine autistisch scheinende Welt, die ohne Musik nicht mehr zu ertragen sei, allerdings und verblüffenderweise in einer Lautstärke, die andere nicht teilhaben ließ an seiner Angewidertheit von eben diesem unserem Planeten. Unsereins mutmaßte bereits, der junge, circa Zwanzigjährige höre am Ende gar nicht das, was häufig als Geräusch empfunden, sondern wohltemperiertes Klavier, als es sich auch schon ereignete: Er zog irgendwo zwischen Ketten und antifaschistischer Halsumwicklung sowie friedensbewerten und antirassistischen Knöpfen einen Briefumschlag hervor, nahm mit zartfühlenden Fingern den vermutlich nicht zum ersten Mal gelesenen Brief heraus und las still und immer wieder. Zwar hielt unsereins trotz schier übermächtiger Neugier diskreten Abstand, doch die altersbeeinträchtigten Augen stellten sich so scharf, um sowohl auf dem Umschlag als auch dem dreiblättrigen, vor- und rückseitig beschriebenen Brief zu erkennen: in akkurater, feiner Mädchenhandschrift die Botschaft, nach der es (vermutlich) einen denkenden und fühlenden Mikrokosmos gebe und glücklicherweise nicht alle Frauen des 21. Jahrhunderts Matt, unklug und irgendwie selber schuld ... seien. Mit einem leichten Lächeln im Gesicht stieg unsereins dann in das stadträndisch parkende und ridende Gefährt, um einen anderen Zwanzigjährigen aufzunehmen und ihn zu dessen Freundin zu kutschieren. Und da erzählt dieser junge Wilde doch tatsächlich davon, er müsse dringend dorthin zu ihr, um die letzten hundertfünfzig eines dort liegenden, geschichtlich bedeutsamen, gestern begonnenen, insgesamt vierhundert Seiten dicken Buches zuende zu lesen. Nein, keine Piratengeschichte wie zu früheren Zeiten, von Störtebeker etwa und dessen tobenden Enteignungen, keine zeitvertreibende Weltablenkung, sondern bildungsvertiefende Lektüre mit wissenschaftshistorischem Hintergrund, und die auch noch als spannend bezeichnend. Und da, die Verblüffung hatte sich noch nicht gelegt, kehrte es in die kalkigen Alterswindungen zurück: Seine Gefährtin liest ja selber so einen Kram, und zwar mit soviel Genuß, daß offensichtlich die Lust sogar überspringt auf junge Männer, die vor gar nicht allzu langer Zeit nichts anderes zu tun hatten, als mit rollenden Bügelbrettern über die Koppel zu fliegen und dem Ortsbullen sowie den Restdörflern Ängste vor der vor nichts zurückschreckenden Jugend einzujagen. Womit wir beim hiesigen Dauerthema wären, gestern an anderer Stelle aufgenommen.
Fischstäbchen im Öko-Bach Heute früh spielte zur Stunde des öffentlich-rechtlichen Minderheitenprogramms oder der senilen Bettflucht jemand eindeutig ein Stück wohltemperierten Bach, irgendwas (vermutlich) in moll, wegen der Unzeit. Davon mal abgesehen, daß unsereins Seelchen bei den Kompositionen dieses deutschen internationalen Großdenkmals ohnehin nicht eben emphatisch aufflattert, der Pianist oder die Pianistin — nein, nicht der unverkennbare US-amerikanische Nebenbachgott Gould — traf immer wieder einen Ton, den Steve Jobs bei dem thüringischen Oberorganisten für seine eMail-Ankunftserkennungsmelodei geborgt haben muß. Mehrfach war ich versucht, den Espresso in seinem Ursprungszustand zu belassen und süchtig an meine G 5-Maschine zu stürzen, um die sich permanent ankündigenden weltweiten Werbe-Neuigkeiten entgegenzunehmen. Doch es war noch recht früh, und deshalb wohl dauerte es ein Weilchen, bis ich feststellte, daß der iMac noch gar nicht eingeschaltet war. Es ging also eine ganze Zeit dahin, bis ich wahrgenommen hatte, daß es sich um einen großen Ton aus der Kunstwelt und nicht um einen profanen Klang aus den Niederungen der Elektronik handelte. Und da das Denken nun schonmal so für sich hinfloß, fiel mir die Fischstäbchen-Olympiade ein, die vor einiger Zeit in den öffentlich-rechtlichen Beratungsdauerwellen lief. Fünfmal je ein Produkt trat zum Wettkampf an, und das biologische erwies sich als das am wenigsten dynamische. Es sähe, so die sich einigen Kinderkampfrichter, nicht nur ziemlich schlapp aus, auch sei es von einer gewissen Geschmacklosigkeit geprägt. Zusammenhang? Wenn ein altersbedingt Kauhilfeberechtigter wie ich schon nicht mehr weiß, wie (ein ökologisch intakter) Bach tönt*, woher sollen dann die noch Frischen wissen, daß der Fisch früher mal ohne den Schwimmgürtel «natürlichen» Aromastoffes ins Panadestäbchen geschwommen ist. Sie halten ja längst (im Erzeugerland der trinkbaren Plaste schon seit fünfundzwanzig Jahren) den chemisch aufgepeppten, aus Konzentrat bestehenden Orangensaft für den natürlichen und verschmähen letzteren. Und das in einem Land, das immer wieder Nobelpreisträger aufzuweisen hat. Damit meine ich nun gerade keine politischen Friedensbringer oder gar geistig Umtriebigen (ja, die durchaus auch schonmal), sondern Naturwissenschaftler! Unsereins dachte bis zum vergangenen Jahr, das sei gar nicht mehr möglich, da die alle in die US-Emigration geflüchtet worden seien, der in Deutschland herrschende Forschungsförderungs-Notstand habe sie vertrieben. So war es jedenfalls immerwährend zu hören und zu lesen — nicht nur in diesen gebührengeförderten Medien, deren Verantwortliche Fischstäbchentests für den Olymp der Aufklärung halten. Und dann hat, wie das Kulturradio vor einiger Zeit meldete, noch ein großer Deutscher eine Großtat vollbracht. Ein vom Niveau her ansonsten etwas weiter unten angesiedelter, ständig große Deutsche gebender Schauspieler durfte andere Kunstfertigkeit beweisen und an ein weiteres deutsches Heiligthum Hand anlegen. Er hat sich wohl endlich einen Kindheitstraum erfüllen und in einer Encyclopädie herummalen dürfen. Wie der das Café Deutschland der Nachkriegsrevolte fixierende Malerkrösus noch zu Lebzeiten die geheiligte Schrift, heftig beworben von einem bebilderten Massenblatt, das lieber weniger Buchstaben, aber die dafür etwas größer druckt. All das vermutlich für diejenigen, die des Lesens nicht so recht mächtig sind. Wenn das nichtmal das Angekommen-Sein im Zeitalter der biblia pauperum bedeutet, dieser fast ausschließlich aus Bildern bestehenden Armenbibel. Allen aktuellen Mißliebigkeiten zum Trotz, der Deutsche hat schon allen Grund, es auszurufen, dieses: Wir sind stolz .... * «Doch der Natur- und Umweltschützer Enoch zu Guttenberg hat noch einen weiteren Verursacher beträchtlicher ‹Flurschäden› im Visier. Als international geachteter Dirigent sakraler Musik empfindet er es als unerträglich, daß Bachsche Messen oder Passionen zusehends zu sportlichen Übungen im Konzertsaal verkommen. Hier schlägt der Künstler Guttenberg einen plausiblen Bogen zwischen dem Komponisten Johann Sebastian Bach, dessen Kunst in ihrer im Religiösen wurzelnden Ursprünglichkeit einen Einblick verschaffen könnte in das Denken und Leben seiner Zeit, und der Begradigung des Baches, dessen einst natürlicher Verlauf die Gewachsenheit eines Dorfes, einer ganzen Landschaft bestimmte bzw. charakterisierte. Beide sind nach Guttenberg meist nicht mehr erkennbar in ihrer natürlichen Form.» Der begradigte (J. S.) Bach
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