Le Winterkitsch

Le kitsch d'hiver. Wintermärchen.

Ein gutes Ende: Kitsch?

Ich erinnere mich sehr gerne und schaue es mir auch immer wieder einmal an, dieses im besten Wortsinn traumhafte Wintermärchen aus Eric Rohmers Zyklus Erzählungen der vier Jahreszeiten, in dem die junge Frau immer sicherer wird, eines Tages dem Mann wiederzubegegnen, von dem sie mit zunehmender Zeit mehr überzeugt ist, ihn nach wie vor zu lieben und er auch sie liebt. Mit dem sie ein Kind hat. Es entstand, wie in jedem x-beliebigen Softeisfilmchen, am sommerlichen Strand. Doch bereits der Verzicht auf das exakte Procedere verweist auf den Blick hinter das Bild. Eric Rohmer weiß ja, daß wir wissen, wie so etwas funktioniert. Er hängt die Wirklichkeit auch nicht mit fahlen Weichzeichnern zu.

Nach diesem kurzen Sommerlüftchen als Film-Entrée ist Winter. Ekelhafter Pariser Winter. In diesem flattert eine alleinstehende junge Frau mit einem etwa vierjährigen Küken von kahlem Ast zu saftlosem Zweig. Hier der bodenständige, eher vierschrötige, aber dennoch differenziert liebevolle Besitzer eines Friseurgeschäftes, Sinnbild der materiellen Sicherheit. Dort der gutaussehende, stille, belesene, allerdings tief im Katholizismus verwurzelte Bibliothekar, dessen Katechismusdenken ihm nur Denkschemata liefert, keine intellektuellen Argumente. Wie hat Arthur Rimbaud geschrieben? — «Es ist falsch zu sagen: ich denke. Es müßte heißen: man denkt mich.» Die junge Frau denkt — mit ihrem unverbildeten, also natürlichen, eben (noch?) nicht kanalisierten Satz. Ein Satz nur, ein holpriger zwar, aber eben ein selbstgedachter, bringt das Angelernte ins Wanken. Vom Übernatürlichen im Christentum sprechen die Freunde des in seinen Büchern Verlorenen, von der Transzendenz und Wiedergeburt außerhalb einer Religionslehre. Dieser Vielleser zitiert verzückt die malerischen, sinnbildhaften, die Statik ins Wanken bringenden Ausuferungen des Poeten, um ihm dann doch wieder den katholischen Lieben Gott ins Gedicht zu nageln. Sie hingegen meint schlicht, es müsse möglichst vieles von vielen Menschen und zu allen Zeiten in einem enthalten sein. Das sei erstrebenswert. Und der Friseur spricht von seinem neuen Laden in der Provinz und daß man Kundinnen nicht warten lassen könne, auch wenn das kleine Mädchen nunmal das Bedürfnis habe, eine Kathedrale von innen zu sehen. Beide lieben die junge Frau. Sie liebt auch die beiden Männer. Aber sie macht den beiden auch klar, daß jeder von ihnen sie niemals so lieben könnten, wie sie ihren Charles liebt. Sie liebt Charles, von dem sie nicht einmal den Nachnamen weiß. Irgendwas Niederländisches. Es kann auch was Dänisches gewesen sein. Aber was spielt das schon für eine Rolle?

Wer diesen hinter den Bildern tobenden Existenzkampf nicht sieht, sondern nur eine bewegt abphotographierte Restauration eines alten Hutes, für den mag das gelten, meinetwegen: Kitsch (den Milan Kundera auf die Verneinung der Scheiße reduziert oder, meinetwegen, anders definiert hat). Aber Rohmer verweist ja auf diese, ja — gottverdammte! — Scheiße zwischen den Zeilen. Er läßt sie überall hervorquellen. Houellebecq heißt Jacques Prévert ein Arschloch, weil er die Wirklichkeit verkläre. Was für eine Wirklichkeit? Die des Michel Houellebecq? Die des Arschloches Michel Houellebecq? Was ist es denn, wenn Prévért schreibt, er habe Vögel gekauft für die Geliebte? — Und Blumen. Und Ketten. Schwere Ketten.

«Und dann war ich auf dem Sklavenmarkt
Und hab dich gesucht
Aber ich habe dich nicht gefunden
Geliebte.»


Solches wird von Menschen genossen, die täglich acht Stunden an Fabrikbändern oder Versicherungs- oder Verlagscomputern malochen. Sie lesen es — unwissend? — quasi als Umhüllung der alltäglichen Scheiße. Doch die Vermutung liegt nahe, daß aus der Hülle etwas hervorquellen und sich verbreiten könnte, das sich als Natur erweist. Und ist das ein weniger anspruchsvolles Etui als die alljährliche Flucht des wehenden Schals ins Walle-Gewalle auf dem Grünen Hügel, ins nietzschesche «Gequake von Bayreuth», oder in die Loge irgendeiner Nationaloper? Ich kann es ja auch so machen, mon cher Houellebecq — ich zitiere, unter Verzicht auf den Rest Ihrer dreihundertsiebenundfünzig (deutschen) Seiten, den Schluß Ihrer Elementar-teilchen:

«Wir glauben heute, daß Michel Djerzinski in Irland gestorben ist, eben dort, wo er beschlossen hatte, seine letzten Lebensjahre zu verbringen. Wir glauben weiterhin, daß er, nachdem seine Arbeiten beendet waren, beschlossen hat, zu sterben, da ihn keinerlei menschliche Bande mehr zurückhielten. Zahlreiche Zeugnisse bestätigen seine Faszination für diesen äußersten Zipfel der westlichen Welt, der ständig in wechselhaftes, sanftes Licht getaucht ist, einen Ort, an dem er so gern Spaziergänge unternahm und an dem, wie er in einer seiner letzten Aufzeichnungen schrieb, ‹Himmel, Licht und Wasser verschmelzen›. Wir glauben heute, daß Michel Djerzinski ins Meer gegangen ist.»

Und nun? Das ist das Ende. Kitsch? Und was ist vor dem Ende? Ihr Sendungsbewußtsein? Ihre Aussage? Ist das Klitterung? Ja, es steht noch mehr drinnen in Ihrem durchaus lesenswerten Buch, Monsieur. Aber Prévert oder Rohmer beginnen mit dem Ende. Von hier aus träumt der Kulturwissenschaftler ebenso weiter wie die ständig zitierte Fabrikarbeiterin, die die Wäscherin abgelöst hat und die gerade von derjenigen abgelöst wird, die den ganzen Tag Zahlen und Fakten (oder Bewerbungen) in den Automaten hackt. Und manchmal platzt der Traum im Hirnkino, und man ist hellwach, man schüttelt sich — und sitzt mittendrin im Anfang.

Wir müssen einfach nur lesen — wie die Blinden, die am Ende des Films sitzenbleiben, um nicht von den Analphabeten niedergetrampelt zu werden, die ihr Studium an der Elite-Universität im immer vorwärts gerichteten sechssemestrigen Schnellgang absolviert haben. Und vielleicht sollte man dabei auch die Rudergänger der Revolte nicht vergessen, die auf dem Weg in die Steuerzentralen der Konzernschlachtschiffe den ganzen Denkmüll von einer besseren Gesellschaft in die Kloake der Ideale gekippt haben.

Die beiden in Rohmers Wintermärchen haben sich nur deshalb verloren, weil sie ihm in ihrer häufig vorkommenden Unkonzentriertheit eine falsche Stadt aufgeschrieben hatte. Die Häuser in der einen wie in der anderen Stadt waren abgerissen worden. Einfach so. Ein lapidarer Satz aus der jungen Frau an den kopfschüttelnden Friseur. Ohne ökobiologische Hintergrundsdebatte. Sowas kommt eben vor in einer solchen Scheiß-Gesellschaft. Alleine deshalb konnte sie ihn also nicht finden. Das ist nicht viel, aber eine Menge. Und es nährte ihren Glauben.

Nach vielen Jahren sitzen sie sich im Autobus gegenüber. Sie und ihr Seefahrer. Kurz nach dem wiederholten Beginn der Geschichte bricht Rohmer ab. Alles steht auf, während der Abspann noch läuft. Man muß unbedingt einen trinken gehen. Dabei hat die Historie doch gerade ihren Anfang genommen. Für sie bedürfte es der Fortsetzung in einem weiteren Film, um die Mitteilung zu verstehen. Aber Rohmer schart ein paar andere schöne, weil interessante Gesichter um sich und läßt sie sachte ein anderes Chanson trällern. Gehet hin in Frieden.

Eric Rohmer: Wintermärchen, Frankreich 1992
 
Fr, 18.07.2008 |  link | (2691) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kamerafahrten


loreley   (18.07.08, 11:32)   (link)  
Pseudologisch nannte Heimito von Doderer die Verneinung von Wirklichkeit.

Rohmers Film ist nicht kitschig, er ist auch nicht pseudologisch. Das ist ja das Besondere an seinen Filmen, dass sie das Leben abbilden. Darum hat er auch keine vorgefertigten Dialoge für seine Schauspieler. Die müssen improvisieren.

Houellebecq habe ich nur angelesen und gewusst, dass ich das nicht lesen will. Ich bin auch immer misstrauisch bei gehypten Büchern.


jean stubenzweig   (18.07.08, 12:41)   (link)  
Sicher sind die
Filme von Rohmer nicht kitschig (ich meine, das auch deutlich gemacht zu haben zu haben). Seine Filme sind mit das Beste überhaupt. Aber da gibt es eben unterschiedliche Meinungen. Es gibt Menschen, die jede emotionale Regung ihrer Spezies für Kitsch halten. Aber sie wissen eben oft genug nicht, was das überhaupt bedeutet. Sie haben aber auch keine Lust, sich darüber Gedanken zu machen. Und eben über Schriftsteller wie Doderer oder Kundera oder Konsorten schon gar nicht.

Und oh! Elementarteilchen ist durchaus ein Buch, das ich für wichtig halte. Gelesen habe ich es zweimal, einmal aus beruflichen und einmal aus privaten Gründen. Seine Gesellschaftskritik und seine Thesen haben mich lange Zeit intensiv beschäftigt. Ich halte es lediglich passagenweise für ein wenig wirr und unausgegoren. Aber es ist eine flammende Rede. Wie auch immer man dazu stehen mag.


hap   (18.07.08, 21:38)   (link)  
So ist Paris
Lieber Stubenzweig, ich kann's nicht ändern - auch wenn du nicht der große Fan von Juliette Binoche bist, in diesem Zufallsgespinst hängst du mit drin. Also guck dir das mal an, steht heute im tazblog - und schönen Danke für die Empfehlung unter "Dauerhaft":

Je t'aime

Gibt's Zufälle? Der Filmregisseur Barbet Schroeder hat mir mal erzählt, für ihn gebe es nur einen Gott, und der hieße Azar, und das sei arabisch für Zufall. Nun will es dieser, dass ich vor ein paar Tagen über den Film "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" von Philip Kaufman geschrieben habe, mit der Ansicht, dass es sich dabei um eine der wenigen vollauf geglückten Literaturverfilmungen handle, und der Film dem Roman von Milan Kundera durchaus ebenbürtig sei. Und habe am Ende noch hinzugefügt: Und in Juliette Binoche habe ich mich auch verliebt im Kino.
Nun schreibt Jochen Schmidt über den neuen Film "So ist Paris" und leitet seine Kritik mit allgemeinen Bemerkungen zum Großstadtleben ein: "Das Zusammenleben von Millionen Menschen in einer Stadt ist eigentlich ein erstaunlicher Zustand. (...) Dem Zufall eine Chance geben ist eigentlich unsinnig, denn in der Stadt ist jeder Moment Zufall. Aber wie erzählt man diesen chaotischen Zustand." Der Regisseur Cedric Klapisch versucht es mit einem Episodenfilm, der in der taz sehr wohlwollend besprochen wird. Und Jochen Schmidt fügt am Ende noch hinzu: "Und wer hätte gedacht, dass man sich nach so vielen Jahren ein zweites Mal in Juliette Binoche verlieben kann?"
Nachtrag: Ein Versuch, "diesen chaotischen Zustand" Großstadt zu erzählen, stellt auch "Delfina Paradise - Der aufrechte Gang" dar, die Liebesnovelle aus München, die hier weiter unten beworben wird. Da geht's auch ganz viel um Zufälle. Die Hauptperson sah übrigens der Schauspielerin Juliette Binoche sehr ähnlich.


hap   (18.07.08, 21:50)   (link)  
P. S.
Barbet Schroeder war übrigens der Produzent von Eric Rohmers Filmen. Zufall.
Hehehe.
Love & peace!
Hans


jean stubenzweig   (19.07.08, 09:32)   (link)  
Barbet Schroeder?
Soll ich mich jetzt auch noch in den verlieben?!

Da nehm ich dann doch lieber Madame Binoche — die ich im übrigen durchaus für eine gute Schauspielerin halte. Vor allem, nachdem ich weiß, daß ich sie mit Emmanuelle Béart verwechselt habe — die ich im übrigen dennoch für eine gute Schauspielerin halte.

Ich komme mit diesen vielen schönen und klugen kleinen Französinnen ständig irgendwie durcheinander. Glücklicherweise ist die erste Dame der Grande Nation eine Italienerin. Die kann zwar nicht singen ... — oder doch? Du bist ja der Experte für Madame la Président. Doch, sie muß singen können. Alle Italiener können singen. Moment: die Italienerinnen auch?


hap   (19.07.08, 10:21)   (link)  
Verliebereien
Ich glaub, was das Verlieben in Filmmänner anbelangt, bist du ja mit Gerard Depardieu gut versorgt. Aber dass der Barbet Schroeder die Rohmer-Filme produziert hat, finde ich schon bemerkenswert. Dazu hat er auch noch eigene Spielfilme gedreht (guggle oder jahuhe die mal, höchst interessant!) und Dokumentarfilme: Über Idi Amin, über Coco, die (zeichen-)sprechende Gorilladame, und über Charles Bukowski - in dieser Reihenfolge. ;-)
Zur Präsidentenehefrau hab ich schon im tazblog geschrieben:
Ich hab ja oft Schwierigkeiten, Frauen zu verstehen, wenn ich sehe, wo die Liebe manchmal hinfällt, aber wenn eine Sängerin so einen Arsch wie den Nicolas "Kärcher" Sarkozy heiratet, dann will ich auch nicht hören, was sie singt.
Vielleicht bin ja auch nur eifersüchtig. Oder Erich Kästner hat mal wieder recht, mit seinem Lied in "Tangorhythmen, langsam, sinnlich":

Ob er nun Staatsmann ist, ob Börsenheld, ob Krieger, -
ich liebe den Sieger!
Drum kann geschehen was will:
Ich liege immer richtig!
Und bei der Liebe
ist das besonders wichtig.
Man hat mich im Verdacht,
ich liebe das Neue.
O nein - ich lieb nur die Macht
und halt ihr die Treue!

(aus: Das Leben ohne Zeitverlust, 1946)















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