Der Herr Geheimrath!

Ich hatte vergessen, eine weitere, nicht unwesentliche Beobachtung des vorgestrigen Einkaufstages weiterzugeben: Zwei extrem schlanke Herren, unverkennbar Relikte der hippieesken siebziger Jahre, vermutlich in einer ländlichen resthofartigen WG-Gruft von einem langanhaltenden Trip runtergekommen, kauften mit Hilfe eines großformatigen Kochbuchs ein. Sie schlurften innerhalb der Obst- und Gemüseabteilung von Stand zu Stand, prüften jeweils die einzelnen Erzeugnisse, lasen darüber in ihrem Buch nach, besprachen die Situation in aller Bedächtigkeit, um dann die eine oder andere Frucht in den Einkaufskorb zu legen. Ohne zuvor ein iTüpfelchen zu bemühen. Allerdings konnte ich nicht genau erkennen, wer das Kochbuch verfaßt hatte. Aber eines weiß ich gewiß: Goethe war's nicht.

Hat's ihm was gebracht, dem Namensgeber alles Deutschen, daß er Goethe geschrieben hat?! Auf sein Sozialverhalten hatte es jedenfalls nur mäßig günstigen Einfluß. Immer nur rumschäkern und -saufen in und mit der Society und auf dem Heimweg zur Christiane in der Postkutsche, dem damaligen Intercity, dann lange Poeme an junge Mädchen und edle Damen et vice versa und wirre, vermutlich unter Mutterkorneinfluß, Teufeleien schreiben, während zuhause sein Weib immerfort sehnend das Bett zu wärmen hatte, wie überhaupt er zu seinem Wohle alles hat die andern machen lassen. Was hat er vollbracht, als den Fürsten und Paukern zu dienen und Schüler zu verunsichern? — Oder so: Ich habe ihn gelesen, zumindest einen Teil der von ihm verfaßten herzöglichen Anna-Bibliothek und durchaus freiwillig, und bin dennoch kein besserer Mensch geworden. Wobei hinzuzufügen wäre, daß das auch kein Kochbuchautor schaffen würde. Ich lese keine Kochbücher. Ich verabscheue sie. Schreiben, darüber denke ich nach.

Im übrigen verursachten diese modernen Kommunikationsgeräte bereits vor gut zehn Jahren bei dem einen oder anderen sowas ähnliches wie Blockaden.
 
Mo, 01.12.2008 |  link | (2898) | 9 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ansichten


loreley   (01.12.08, 09:55)   (link)  
Goethe
Vereinfacht gesagt, hat er was für die Sprache getan. Wen interessiert da, ob er ein Egoist war.


jean stubenzweig   (01.12.08, 12:42)   (link)  
Es existiert hierbei
ein Bezug, der über die Links herzustellen ist.

Wobei, unabhängig davon, selbstverstverständlich auch darüber zu diskutieren wäre, was Goethe mehr als andere seiner Zeitgenossen «für die Sprache getan» hat. Allerdings könnte man ihm selbst bei Böswilligkeit nichtmal unterstellen, er trage Schuld daran, daß vom 19. Jahrhundert an eine ganze Kultur nach ihm benannt wurde. Obwohl es ihm sicherlich gefallen hätte, wäre es geschehen.


loreley   (01.12.08, 14:10)   (link)  
Ich wollte nnier schon fragen, was sie stattdessen in der Schule gelesen haben. Oder woran er sich erinnert. Man vergisst auch oft was im Deutschunterricht dran war oder war mal krank und schon hat man den Zauberlehrling oder den Werther verpasst.


nnier   (01.12.08, 19:18)   (link)  
Meine Antwort darauf
ist etwas länger geworden und doch unvollständig geblieben.


loreley   (01.12.08, 20:23)   (link)  
Danke für die Antwort. Büchner und Borchert kamen bei uns auch dran. Die haben mich beide beeindruckt.

Lessing, Schiller, Kleist, Brecht. Wir gingen mit der Schule auch ab und zu ins Theater. Dann war ich natürlich neugierig. Alles was ich nicht kannte, musste ich unbedingt kennenlernen. Grossen Dank an unsere Stadtbücherei.

Spricht nicht unbedingt für diese Gesamtschule. Man kann sich kaum vorstellen, dass Goethe und Lessing in einem Lehrplan an einer deutschen Schule nicht vorkommen. Nathan der Weise, was für ein Stoff. Immer noch aktuell.

Naturwissenschaften finde ich auch wichtig. Mathe und Physik. Da hapert es an den Schulen oft auch.


jean stubenzweig   (02.12.08, 15:27)   (link)  
Der Weise Nathan
und die Aktualität, auf die Frau Loreley aufmerksam gemacht, das vergaß ich nachzutragen:

«Vornehmlich eine – Grille, wenn ihr wollt,

Ist ihr sehr wert.
Es sei ihr Tempelherr

Kein irdischer und keines irdischen;

Der Engel einer, deren Schutz sich

Ihr kleines Herz von Kindheit auf so gern

Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,

In die er sonst verhüllt, auch noch im Feuer,

Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr

Hervorgetreten. – Lächelt nicht! – Wer weiß?

Laßt lächelnd wenigstens ihr einen Wahn,

in dem sich Jud und Christ und Muselmann

Vereinigen, – so einen süßen Wahn!


Das verfolgt einen, über Jahrhunderte. Mich auch.


Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise; hier aus: Lessings Werke, hrsg. v. Heinrich Kurz, vol 2, Dramen, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig o. J. (vermutlich um 1870)


hap   (02.12.08, 21:23)   (link)  
Über Jahrhunderte
verfolgt es dich nicht, lieber Stubenzweig, vielleicht über Jahrzehnte, was aber bei dieser Sprachgewalt kein Wunder ist.
"Laßt lächelnd wenigstens ihr einen Wahn,

in dem sich Jud und Christ und Muselmann

Vereinigen, – so einen süßen Wahn!"
Ich bin da zu einem ganz anderen Schluss gekommen: Die drei sind ja mit ihrer - bei Echnaton im alten Ägypten begonnenen - Ein-Gott-Theorie so nah beisammen, dass sie sich, wie abtrünnige Familienmitglieder, untereinander bekämpfen müssen. Das ist der Kinderkram, in dem die Mehrheit der Menschen immer noch versumpft.
Da war Jean Paul wahrhaftiger: Die Art von Gott, die sich Jud und Christ und Muselman vorstellen, ist ein Witz: Vergleiche die "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei." (http://www.theomag.de/11/jp1.htm).
Allein die Vorstellung, wir - Menschen - könnten mit unseren "Begriffen" irgendetwas von Gott "begreifen", ist zum Wiehern. Dieser Gott ist doch, aus Verzweiflung, vom Menschen geschaffen worden. Moses und Mohammed wussten schon, was sie tun: Man muss diesen Menschen erst einmal beibringen, nicht einfach in die Wüste zu scheißen, sondern den Dreck zuzudecken. Und das Jesus-Prinzip, egal, ob er historisch war oder nicht, hat hinzugefügt: Ihr kapiert nichts, wenn ihr euch nicht liebevoll verhaltet.
Warum können wir uns nicht einfach damit abfinden, dass wir ES nicht erfassen? Und fröhlich akzeptieren?


jean stubenzweig   (03.12.08, 01:13)   (link)  
Eigentlich meinte ich
das Witzchen, vielleicht ein bißchen ein müdes, ja landen zu sehen, lieber Hans. Vielleicht hätte ich Jahrtausende schreiben sollen. Oder eine dieser neumedialen Hierolgyphen hinzufügen müssen. Aber ich mag diese Dinger nunmal nicht.

Aber insgesamt ändert es nichts an der Aktualität, die Loreley angesprochen hatte und die ich mit diesem Zitat verstärken wollte. Immerhin hat sich der Herr Lessing sich um «Jud und Christ und Muselmann» Gedanken gemacht zu seiner Zeit. Sicherlich aus der «sicheren» Perspektive seiner Zeit, der christlichen. Aber er hat's immerhin getan. Andere haben geschwiegen oder mitgehetzt oder -gejagt.

Wie ich zu den lieben Göttern stehe, dürfte oder sollte eigentlich bekannt sein, zumal ich mich erst kürzlich dazu eindeutig geäußert habe. Und wie sehr ich Jean Paul schätze, dürfte wohl auch klar sein, auch solcher Reden wegen (die ich nicht kannte; danke):

«Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde legt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht – und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater!»


nnier   (03.12.08, 09:19)   (link)  
"Na toll ..."
"... und darauf habe ich jetzt 40 Jahre lang gewartet", sagte ja schon das eine zum anderen Kind in der Karikatur zur Maueröffnung (sie stehen in irgendeinem Süßigkeiten- oder Spielzeugladen). Das Zitat von Jean Paul ist großartig, ich lese mir den Rest auch mal durch.















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