Im Traum schreiben,

das ist nichts neues für mich. Da habe ich jahrzehntelange Erfahrung. Brillante Aufsätze habe ich früher im Schlaf verfaßt. Anderen erging es nicht anders. Ein Freund und Kollege selig berichtete mir von seinen geradezu traumatischen Bemühungen, die jeweiligen grandiosen Über- beziehungsweise Niederlegungen festzuhalten. Dazu gehörte, daß er sich Zettel und Stift aufs Nachtkästchen legte, um sofort nach dem Erwachen das perfekt Ausgearbeitete zu fixieren. Allerdings hatte er mir nie verraten, wie erfolgreich er dabei war. Selbst mußte ich die bittere Erfahrung machen, nämlich die, daß es keine Möglichkeit dazu gibt. Alles ist entschwunden, hat man auch nur ein Auge geöffnet. Sämtliche traumhaften Texte blieben ein Traum. Nichts blieb als die Erinnerung an etwas Großartiges. Irgendwann habe ich es aufgegeben, habe sie sein lassen, die quasi schlafwandlerische Dichtung.

Sehr lange Zeit hatte ich Ruhe. Doch nun geht das wieder los, mit einem Mal, nach vielen Jahren. Zwei durchträumte Nächte habe ich damit verbracht, herausragende Texte zu verfassen, perfekt ausformuliert, druckreif hat man das früher genannt. Allerdings sitze ich nicht mehr wie einst an meiner guten alten rasenden IBM mit ihren Kugelköpfen, sondern neuerdings liegend am Computer, und es geht auch nichts mehr in Druck — alle möglichen Blogs schreibe ich voll. Ob es daran liegt, daß ich zwei Tage nicht im Internet war? Mir schwant Schreckliches: Entzugserscheinungen.
 
Mo, 25.01.2010 |  link | (1891) | 13 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten


herzbruch   (25.01.10, 23:50)   (link)  
ich erinnere mich, dass ich im studium mal irgendeine mathe/logik/statistiksache im schlaf endlich begriffen hatte. nach dem aufwachen blieb noch eine kurze euphorie, dann war alles weg. immerhin wusste ich da, dass es grundsaetzlich moeglich sein muss, das zu verstehen...

und waren das dann mathe-entzugserscheinungen?


jean stubenzweig   (26.01.10, 01:39)   (link)  
Die Schwanung erfolgte
schließlich, nachdem die zweitägige Entfremdung vom Computer das möglicherweise erneut ausgelöst hat ...

Daß da im Oberstübchen etwas möglich sein muß, zeigte mir vor langer Zeit der Selbstversuch eines angehenden Mediziners, der für Prüfungen unter Einfluß bestimmter Stoffe paukte. Vielleicht sollte ich mal wieder was einwerfen, um meine Traumtexte doch noch fixiert zu bekommen.


charon   (26.01.10, 06:41)   (link)  
dichtung und wahrheit. war nicht auch der geheimrat aus weimar im bett mit quartheft und schreibgriffel bewaffnet? ich bin ja noch immer - und wohl fuer eine ganze weitere zeit - novize in diesem geschaeft, kann ihre schreibsucht doch schon sehr gut nachvollziehen. das "richtige" schreiben leidet darunter, aber so wie ich sehe, verschieben sich auch bei mir ohnehin die gewichte. dies ist beileibe nicht zu bedauern.


jean stubenzweig   (26.01.10, 11:55)   (link)  
Geheimraths Träume?
Ich kann mich nicht erinnern. Das liegt aber sicherlich daran, daß ich diesen obersten Weimaraner vor allzu langer Zeit zum letzten Mal gelesen – und ohnehin nie von ihm geträumt habe. Ich gehöre nicht unbedingt zur Gemeinde dieses Hohepriesters, dessen Gläubige seine Psalmen frei runterbeten können. Aber brav verfüge ich (dennoch) über zwei Gesamtausgaben. Sie zwingen mich also quasi dazu, dort hineinzuschauen. Wer weiß, vielleicht werde ich auf meine alten Tage noch zum Verehrer.

Das Schreiben an sich – nun ja, das mit der Sucht war zwar von der Ironie unterfüttert. Aber bei rechter Ausleuchtung schimmert da durchaus etwas Ironiefreies durch, also weniger Sucht und mehr Sehnen. Es würde mir tatsächlich ziemlich etwas fehlen, dürfte ich es nicht mehr tun. Allerdings möchte ich es nicht mehr tun müssen wie in früheren Zeiten, schon gar nicht gehetzt von Termintreibern (der ich selber auch noch einer war). Das war allzu oft harte Arbeit – verfolgt von ihr bis hinein in den Traum, von dem ich eigentlich Süßeres erwarte. Dieses (scheinbar?) disziplinlose Vor-sich-Hindippeln, das ist schon ein angenehmer Zustand. Heute früh erst habe ich dazu wunderschönen Klartext gelesen: «Jetzt geniesse ich die Narrenfreiheit des Alters [Ursula T. Rossel Escalante Sánchez, Notizen aus Kangerlussuaq, ist nach eigenen Angaben Jahrgang 1975] und nehme mir heraus, mich nur noch mit Dingen zu befassen, die mich wirklich interessieren (mehr noch: die ich liebe), und dies vor allem auf eine Weise, die mir entspricht. Ich mag nicht einen einzigen weiteren Tag meines Restlebens in Ernsthaft verbringen.»

Sie haben sich ja nun einen schönen Übungsraum geschaffen, aus dem Ihre feinen Études herausklingen. Das «richtige Schreiben» werden Sie noch lange genug haben. Und obendrein die Disziplin, nichts und niemanden leiden zu lassen.


prieditis   (26.01.10, 21:21)   (link)  
in Ernsthaft
Stark! Das gefällt mir sehr! Also, dieses feine Wortspiel, nicht der Zustand...


genelon   (26.01.10, 17:18)   (link)  
Das Erinnern
ist reine Trainingssache. Ansonsten gilt, was Ihr Freund tat: direkt nach dem Aufstehen so weit wie möglich erinnern, möglichst schnell aufschreiben. Verlustrate von 50-60% ist normal. Umso länger man mit dem Aufschreiben wartet, umso mehr verzerrt und simplifiziert die Traumarbeit den Hergang der Ereignisse.
Nach vier bis sechs Wochen zeigen sich erste Erfolge in der erhöhten "Merkfähigkeit". Angeblich kennen Menschen, die sich mit ihren Träumen beschäftigen, sich selbst besser. Kann aber auch Schukuluku sein, vor allem wäre der Effekt ziemlich schwer nachzuweisen.

In der Disziplin, im Traume Erschaffenes mit rüber in die Welt zu nehmen, bin ich Novize bzw. komplett unfähig, es klappt gar nicht. Muss man sowas auch trainieren oder kann man das, wenn überhaupt, von Anfang an?


terra40   (26.01.10, 18:00)   (link)  
Traumdeutung
Im Traum schreiben können Sie, schreiben Sie. Selber bin ich dazu nicht imstande. Aber ich kann etwas anderes: nachher erzählen was ich geträumt habe. Es erscheinen die schönsten Geschichten, die besten Lösungen, die rätselhaftigsten Sachen. Versuchen Sie es mal. Meta-schreiben und meta-träumen. Beschreiben wie man im Traume schreibt. Erzählen was man träumt.
Gruß, T.


mark793   (26.01.10, 18:19)   (link)  
Im Urlaub
und unter Internet-Entzug habe ich tatsächlich schon einmal geträumt, ich würde einen Blogbeitrag verfassen. Beim Aufwachen war es aber so wie nach den Träumen, wo man die Lösung der Welträtsel träumt, mühelos fliegen kann oder lang gesuchtes wiederfindet - das Wesentliche lässt sich nicht in den Wachzustand mit rübernehmen.

@Genelon: Ihre Fähigkeit, Träume zu erinnern, beeindruckt mich immer wieder. Ich schaffe es trotz guten Willens oft überhaupt nicht, mich an irgendwas zu erinnern, selbst am Wochenende, wenn ich das Wachwerden etwas mehr in Muße und Bewusstheit erleben kann. Unter der Woche wirkt der Radiowecker oft wie ein großer Schluck aus dem Fluss des Vergessens...


clicktsde   (26.01.10, 18:39)   (link)  
Schlaf
Manchmal träume ich auch was, und schreib darüber, aber meist es dann ein Artikel für die arbeit

gruss


vert   (26.01.10, 18:49)   (link)  
und manchmal wacht man auf und ein seo-ceo spammt kommentare...


giardino   (26.01.10, 20:41)   (link)  
Und manchmal wacht man auf und hat Link und Login verloren.


vert   (26.01.10, 21:36)   (link)  
:-))


jean stubenzweig   (27.01.10, 01:18)   (link)  
Arbeit am Traum
ist es ja nicht, sondern Arbeit im Traum. Mit dem Aufschreiben eines Traums, Genelon, habe ich nicht unbedingt Probleme, das gelingt mir hin und wieder auch oft Stunden danach. Ich träume seit meiner Kindheit sehr viel. Doch nicht alles will in die Welt hinausgetragen werden; wenn ich das eine oder andere hier auch bereits notiert habe. Hier ist vor allen Dingen gemeint das perfekte Verfassen von grandiosen Essays, in denen es nur so sprüht von Geistesblitzen und köstlichen Formulierungen
– die da oben, Prieditis, dieses «... Restlebens in Ernsthaft ...» wäre eine solche –,
von denen meist wenige Minuten nach dem Aufwachen alles entschwunden ist. Sozusagen am Höhepunkt dieses Procederes befinde ich mich, was gerade die letzten beiden Male der Fall war, wenn ich den Akt des Entschwindens bereits mitträume, mir im Traum befehle, unbedingt notieren, aber bereits während dieser Kürzestpassage genau weiß, daß es wieder mißlingen wird. Und, um's zu krönen, nachdem der alte Hippie dann mal Pipi war, geht es neuerdings nach dem erneuten Einschlafen gnadenlos direkt wieder hinein in denselben Arbeitstraum. Interessant dabei ist auch, daß der erwähnte selige Freund und Partner diese traumhaften Arbeitsanfälle ebenfalls hatte, uns Mitleidende allerdings nie untergekommen waren; aber wahrscheinlich sind wir damit nicht ausreichend hausieren gegangen. Einzelfälle wie bei Ihnen, Mark, die wird's sicher immer wieder geben. Aber das Wiedereinsetzen dieses lange ausgebliebenen Vorgangs nach zwei Tagen Internet-«Abstinenz» hat durchaus etwas Seltsames. Und dann noch diese Ballung, die nun wieder einsetzt, die macht mich stutzig.

Ich fürchte, irgendjemand will mich dafür bestrafen, nicht ausreichend hart gearbeitet zu haben in meinem Leben – «Restleben in Ernsthaft». Oder es ist die geträumte Sehnsucht, sehr viel besser schreiben zu können, als es mir die Wirklichkeit bietet.

Ihr Vorschlag, Herr der Bagatellen, hat etwas. Ich sollte es versuchen; das wäre mal ein Traumprotokoll. Doch ich ahne und vermute, mein Erinnerungsvermögen wird mich wie bisher im Stich lassen.

«Link und Login verloren», Giardino und Vert, wäre ich in der Lage, auf irgendetwas anderes spezialisiert zu sein als auf das Nichtspezialisiertsein, dann wäre es das. Deshalb schreibe ich alles auf. Doch ob ich's auch wiederfinde in meinem speziellen Ordnungssystem, das darf durchaus angezweifelt werden.















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