Schlechte Aussichten?

Frau Moll hat's mir irgendwie angetan. Nun ja, vielleicht eher ihr Schatten, der sich als Vergangenheit assoziierend über mich legt, wenn ich nach längerer Zeit mal wieder Rilke lese. Das habe ich eine Zeitlang getan, und nicht immer nur Herbstliches. Nicht immer habe ich gewacht, gelesen, lange Briefe geschrieben. Es war schließlich auch mal Sommer in meinem Leben. Da gab's dann solche sporterotische Spielereien:
«Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
im Fliegen, oben, fortgibt, sorglos wie
sein Eigenes; was in den Gegenständen
nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,
zu wenig Ding und doch Ding genug,
um nicht aus allem draußen Aufgereihten
unsichtbar plötzlich in uns zu entgleiten:
noch unentschlossener: der, wenn er steigt,
als hätte er ihn mit aufgehoben,
den Wurf entführt und freiläßt —, und sich neigt
und einhält und den Spielenden von oben
auf einmal eine neue Stelle zeigt,
sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,
um dann, erwartet und erwünscht von allen,
rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
dem Becher hoher Hände zuzufallen.»
Rainer Maria Rilke: Der Ball, aus: Die Gedichte, Der neuen Gedichte anderer Teil (1908), Frankfurt am Main 1993, Seite 585f.

Leicht verführbar war ich einmal. Auch ich konnte mich einst Konsumräuschen hingeben. Aber das erzähle ich ein andermal. Als ich meinen hauptsächlichen Standort noch im Süden hatte, in der nach Meinung vieler, überwiegend aus dem Niederrheinischen oder Oberschwäbischen oder Ostwestfälischen oder Südniedersächsischen Zugezogenen, also vielleicht nicht ganz so autochthonen, aber eben weiterhin tiefprovinziellen Isar-Athenern italienischsten Stadt nördlich der Alpen, da trieb mich möglicherweise deshalb die Wollust ständig in den Norden. Nicht alleine der dort angesiedelten Blondine wegen, die mit mir am Elbstrand lustwandelte und dabei auf die Sonne wies, die hinter Blohm + Voss im nahen Osten unterzugehen drohte. Vielleicht eher wegen des dort behausten Freundes oder dessen zauberhaften Wohnung hoch oben am Eppendorfer Baum, ein paar Schritte nur zum Kaufrausch in der feineren Isestraße. Vor dem schon wohlgeformte und nicht minder -gebildete junge Mütter mit schnittigen dreirädrigen Kinderwagen schausaßen und eine Latte nach der anderen gelangweilt in sich hineinlöffelten, als die Synagoge an der Oranienburger Straße noch das einzige renovierte Gebäude im gesamten Kiez, als das ganze Viertel noch von den herben Granateinschlägen des zweiten Weltkrieges und selbst der vorderste Hinterhof noch von Abfall und nicht so sehr von Datenmüll übersät war. Dort also, wo ich zu so vielem verführt wurde, das ich noch ein- bis zweimal im Leben benötigen würde. Damals, als der Hamburger Flughafen noch aussah wie einer am Wüstenrand oder der Stuttgarter, flog ich noch zum Augenarzt am Klosterstern. Und der sagte mir dann irgendwann: Wenn du dir nochmal was anschauen möchtest, dann geh los, bald siehst du nichts mehr, dann bist du kein Star mehr, sondern hast einen. Dann bin ich los.

Mittlerweile sehe ich so gut wie keine Käufe mehr. Nun ja, ich will's nicht übertreiben. Die Weitsicht ist es, die sich und damit mich zunehmend zurücknimmt. Allerdings ist es mit der Nahsicht auch nicht mehr allzu weit her. Deshalb ist es ja auch aus mit der Freiheit der Freiwilligkeit. Ich muß. Denn nur im Internet ist das Gute noch nah. Das sehe ich nämlich nur noch in der Süße dieser Gefangenschaft. Nur der rosarote Blick gewährt mir noch Erinnerung — auch wenn es noch so finster wird um mich. Aber ich benötige eben keine Parkbank mehr. Die Sonne hat sich ohnehin längst hinter Blohm + Voss verabschiedet. Nur mein Bauch denkt noch an sie. Nur das nette Netz läßt den retrospektiven Blick noch zu. Nie mehr gerät etwas in Vergessenheit. Jedenfalls nicht für die Nachwelt.
 
Do, 02.09.2010 |  link | (2227) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten


famille   (02.09.10, 16:33)   (link)  
Hat der Star jetzt endgültig
den Notausgang zur Zukunft zugestellt? Vielleicht wäre so ein großstädtisches Parkbänkchen doch nicht so schlecht. Dann läßt die Sonne sich bestimmt auch wieder blicken, von Osten her, und sichtbar ohne Brille.


kopfschuetteln   (02.09.10, 19:18)   (link)  
ähm.

mit dem hinweis auf die parkbank wünschte ich mir, das ganze entspannter anzugehen. die idee war, alles auszumachen. sich mal hinzusetzen und zu überlegen, ob es irgendeinen zwang geben kann. was ja auch heißt, dass man alles anmachen kann, wenn man will. leben und leben lassen. ohne duktus, ohne geschrei, auf einer parkbank, einer hollywoodschaukel oder im Strandkorb (da bleib ich bei).

es ist die frage, ob ich mich getrieben fühlen soll von all den informationen oder ob ich dank des „allwissenden“ netzes in erinnerungen stöbere. bücher wiederfinde, deren autor, deren titel ich nicht mehr auf dem schirm hatte. es muss mich aber nicht interessieren was das für mein image bedeutet.

ich wünsche ihnen freilich alle blicke, rosarot und wie sie es wollen. und sonne, die herbstsonne ist phantastisch, man muss sie nur lassen.


jean stubenzweig   (03.09.10, 07:47)   (link)  
Ihre Parkbank ist
hinter den Horizont in einer ziemlich herbstllchen Kryptik geraten. Eigentlich hatte ich lediglich vor, auf Ihren klugen und gerne gelesenen Beitrag zu verweisen, den ich durchaus in Ihrem Sinn verstanden hatte. Dabei habe ich ihn in einen Humor-Kontext gestellt, der zum Mißverständnis führen mußte. Aber nachdem Sie es (zu recht) geradegerückt haben, lasse ich den Text jetzt so stehen. Und bitte um Nachsicht – ich hatte einen Verwirr(t)-Tag.


kopfschuetteln   (03.09.10, 13:43)   (link)  
alles gut, kein thema. und danke.


frau braggelmann   (03.09.10, 07:30)   (link)  
o.k. honey,
samstag bei ihnen zum frühstück ! dann prügele ich ihnen den herbst schon aus.


jean stubenzweig   (03.09.10, 16:27)   (link)  
Kein Prügel kann mich
treffen. Zum einen, das sollten Sie so langsam wissen, da ich nicht frühstücke (ganz viele Espressi und noch mehr Gitanes bzw. Rothe Hand zählen Sie ja nicht dazu; na gut, manchmal eine gewisse Süße schleicht sich ein). Und zuguterletzt, da des Herbstes sanfter Schutzschirm über mir ausgebreitetet ist.


frau braggelmann   (04.09.10, 09:17)   (link)  
gitanes, espressi und ein paar bosheiten...
das IST ein komplettes frühstück !


apostasia   (11.09.10, 18:00)   (link)  
Herbstliches
»Welche Grenzen des guten Geschmacks aber durchbrochen werden müssen, um Rilke bestsellerfähig zu machen, demonstrierte eine Kostprobe, gegen die jeder Heimatabend mit Liedgut auf der Hammondorgel einen schlanken Fuß macht: Auf einem vierstufigen Podest räkelte sich Jürgen Prochnow wie ein wild entschlossener Laiendarsteller, der für sein erstes selbst gedrehtes Erotik-Home-Video noch etwas zaghaft übt.«















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