Österreich oder nicht Österreich

Das ist eigentlich nicht die Seins-Frage. Wir sind alle Österreicher. Sie, lieber Enzoo, inspirieren mich einmal mehr zu einem Dosenöffner, wie intern im Laubacher Feuilleton das linksspaltige Erstseitige genannt wurde, vor rund zwanzig Jahren angeregt durch das fast immer treffliche süddeutsche Streiflicht, hier als Beispiel herangenommen die zuvor erwähnten Investment-Punks, denen ich süddeutsche Journalisten zur Hilfeseite stelle.

Ein Versuch, den Themenblickhorizont zu erweitern, und doch bleibt er wieder hängen im Engen dessen, das mich sozialisiert hat. So gerne ich möchte, ich bekomme den Schlagbaum nicht richtig hoch, schaffe es nicht, wie die Jungen, für die mittlerweile alles grenzenlos zu fließen scheint, ihn verschwinden zu lassen. Zu sehr stecke ich fest im kleinen Grenzverkehr, der mich sozusagen anhaltend geprägt hat. Ein Zöllner stand mir immer irgendwie im Weg, sogar hoch oben auf den Pyrenäen, der hatte Langeweile und war froh, daß sich endlich mal jemand zu ihm hinauf verirrte, auf ein Gipfeltreffen. Und nun das Wetter.

Monsieur le Président bling-bling hatte ich gestern noch einmal abgehakt. Nun kreise ich den Rest des Volkes ein. Das muß «sparen», was immer das auch sein mag, was andererseits eine der Eigenschaften ist, die die Deutschen bewegt — ich weiß gar nicht, ob das ebenfalls zu den hervorstechenden Mentalitätszeichen der Austriaken gehört, wenn ich hier auch ein wenig an den punkig-libertären Investor erinnert werde —, wenn's ansonsten auch vergleichsweise wenige sind, die den Geldzusammenhalt beherrschen. Beim Sparstrumpfen dürfte es sich allerdings ohnehin eher um die Rudimente der älteren Generation handeln, die ihre mühsam gefangenen und langzeitgepflegten Felle davonschwimmen sehen. Die jüngere hat erst gar keinen Wärmeschutz mehr, die Grenzenlosigkeit hat ihren Tribut gefordert, so sieht der Triumph der Freiheit aus. So geht sie gleich nackt zur Party, und sei es unter dem barmherzigen Kardinalsmantel der kleinen Massenkunst vorm großen, hohen Haus des Gesamtkunstwerks, in dessen Götterdämmerung es sich, wie könnte es anders sein, einmal mehr um den Schatz der Nibelungen, hier im besonderen um den Euro dreht. Das ist es wohl, was den Bewegten bleibt, während sich anderswo die Bilderberge(r) stapeln; nun gut, die drängeln nicht so, bleiben würdevoll auf Distanz. Denen ist auch beim Ananaszüchten in Alaska noch warm genug. Wenn ihnen auch keine radikalfeministische Sarah Palin mehr den Inhalt ihres Dekolleté als republikanisches Transparent vor die politische Balustrade hängt; aber deren teepartytantenhafte Sittenhaftigkeit war ohnehin eher was fürs Volksschaulaufen, das läßt der Blick auf die Verkaufszahlen ihrer Autobiographie zu. Von den Kanzeln hoch oben über den Kanzleien der verdeckt Agierenden, den Volksglauben unterstützt vom naturschützenden und pflanzlichen Schmieröl-Verein mit dem niedlichen Panda-Emblem, wird Kunst für alle gepredigt. Damit meine ich das Wasser, das wird insofern als Kostbarkeit für alle dargestellt, gepriesen durch die Steigerung seines Wertes, durch den Verkauf des Erden- und Volksgutes an eben diese wenigen. Den daraus produzierten Wein trinken sie gleich Preciosen selber. Ob die Proteste letztendlich einiger weniger besser Informierter, die Bildung dahingehend richtig verstanden haben, als die sich nicht in der Steigerung firmenspezifischer Gewinne durch das Auswendiglernen von Daten und Fakten zu erschöpfen hat, ob ich das noch erleben werde, das wage ich anzuzweifeln, geht beispielsweise die deutsche Masse doch allenfalls zur Schau ihrer eigenen Beerdigung, zum Public Viewing nicht nur auf die Straße des 17. Juni, die eigentlich einer anderen Freiheit gedenken soll, der des Volksaufstands in der DDR. Der 17. Juni war einmal deutscher Gedenktag. Er mußte weichen zugunsten des Tages der «friedlichen Revolution». Die Zeiten ändern sich eben, werden geändert von den Vertretern des Volkes, das kann nichts daran ändern.

Diese wundersame Geldvermehrung treibt immer ärgere Blüten, als ob ihr System sich ein letztes Mal aufbäumen würde, bevor es sein Leben endgültig dahinhaucht. Auch wenn der Boden längst ausgelaugt, kaum noch Früchte hervorzubringen scheint, wird er weiterhin heftig künstlich, fast künstlerisch oder auch «kreativ» gedüngt von Politikern aller Länder, die darin einig sind wie ein Volk von Brüdern. Es lebe der Kapitalismus — nur noch in seinen schlimmsten Auswirkungen. Da bereitet die bundesdeutsch republikanische Regierung ein Gesetz vor, das den Verkauf von in behördlichen Amtsstuben gesammelten privaten Daten anstrebt. Was die Unternehmen der Datenkrakerei können, meinen die Politiker wohl, das können sie allemale, wen interessiert denn heute noch so etwas wie Datenschutz oder auch informationelle Selbstbestimmung, man muß schließlich im internationalen Wettbewerb bestehen. Wie das Wasser wird des Volkes Gut verhökert, Tafelsilber gleich zur Schuldentilgung, Privatisierung genannt, sollen die Griechen doch ihre Akropolis, überhaupt ihre Inseln verscherbeln, also beileibe nicht nur in den unterentwickelten Ländern der von Erstklassigen so genannten dritten oder vierten Welt.

Und auch der Völker Sparguthaben geht den Weg alles Irdischen, nämlich hinab wie die achteckige Fleischkiste, auf deren Inhalt gefräßige Würmer warten. Wer vor dreißig Jahren im herkömmlichen Verständnis des Begriffes, also tatsächlich gespart hat, die ganz Klugen beispielsweise über seinerzeit noch sichere deutschstaatliche Schatzbriefe oder auch Bundesanleihen, vergleichbar dem französischen emprunt à l'état, der schaut heute nur noch in die tiefe Grube. Von einst bis zu zehn Prozent oder gar noch höheren Zinsen etwa für die geschätzten Briefe sind allenfalls noch ein Zehntel und weniger übriggeblieben. Eine 1982 abgeschlossene Lebensversicherung, zu der Zeit war noch nicht die Rede von dringendst notwendiger Altersversorgung, da versprach ein Politiker in blümigen Worten noch deren Sicherheit, die am Ende zweihunderttausend Mark erbringen sollte, wurde nicht nur durch den abnehmenden Euro-Wert halbiert, auch die zunehmende Geldentwertung nagt mehr als heftig an dem Haufen Nahrung, den der nach der Theorie der Aktion Eichhörnchen handelnde Hamster angelegt hatte. Wer will denn heute tatsächlich noch sparen? Man muß doch bereits dafür zahlen, wenn man den Banken Geld leiht.

Von Schulden ist allenthalben die Rede, die die Völker, ob deutsch, französisch oder sonstwie, abzutragen hätten, und das, obwohl sie die im wesentlichen nicht einmal angehäuft haben, sieht man einmal davon ab, daß die einen oder anderen mit in den Genuß eines Schwimmbades oder eines superben Autobahnkreuzes gekommen sein dürften, das letztlich zur Lagerhaltung nicht nur der PKW-, sondern auch der Billigheimer-Produktion dient, das die einen oder anderen Lokal- oder auch Regionalpolitiker zur eigenen Heiligsprechung haben errichten lassen und auf deren für das öffentliche Publikum veranstalteten Sektempfängen sie herumstolzieren. Die Feierlichkeiten für ihrer Länder Banken will ich nicht vergessen, während derer es auch schon einmal Gesöff aus der Champagne gibt, das sie oftmals nicht von dem aus dem Billigheimer unterscheiden können, weil sie's nicht wirklich mit dem internationalen Austausch haben, den beispielsweise ihre Geldhäuser ziemlich verlustig veranstaltet haben und für deren Niedergänge der wackere Demokrat nun auch noch löhnen soll, in Österreich oder anderswo.
 
Fr, 06.07.2012 |  link | (1701) | 9 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gesellschaftsspiele


jagothello   (06.07.12, 18:10)   (link)  
Immer hilfloser
Bewegung kommt in die Sache, wenn die Erste der Welten niemanden findet, der sie rettet. Die deutsche Volkswut wird sich Bahn brechen, wenn das Benzin wirklich nicht mehr zu zahlen ist, die Immobilienkredite platzen, die Policen zu Staub zerfallen; wenn passiert, was derzeit anderswo passiert.
Aktuell wird ja noch an der einen oder anderen Schraube herumgestümpert. Gerade erst hat man noch einmal die Zinsen gesenkt, was die Neuaufnahme von Schulden weiter vereinfacht und Anreize schafft, alles Weitere in die ferne Zukunft zu schieben. Eine Mentalität, die mir persönlich übrigens ganz zupass kommt- erschütternd aber, dass auch die Welt-Nomenklatura nicht anders tickt. Kein gutes Signal, wie ich finde.


jean stubenzweig   (07.07.12, 12:12)   (link)  
Die Zinssenkung
vermindert aber das Angesparte noch weiter. Und sie dient der Schuldenreduktion zu Lasten derjenigen, die diese Politiker gewählt haben. Ich hatte es oben angedeutet: Wer will denn heute tatsächlich noch sparen? Zugestanden: wenn er das überhaupt kann, aber noch sind es viele, die dies könnten oder tatsächlich tun möchten. Nach der derzeitigen Lage muß man doch (bald?) bereits dafür zahlen, wenn man den Banken Geld leiht; die kriegen es nämlich mittlerweile für Null. Und die verleihen kaum noch etwas, um den von den punkigen Journalisten des Alltags und der Moden permanent gebetsmühlenhaft herbeizitierten Wirtschaftsaufschwungskonsum brav mit anzukurbeln, und wenn doch, dann trotz Senkung zu Zinsen, die in keinem Verhältnis stehen. Selbst ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich beispielsweise mittelständischen Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen, kommen sie kaum noch nach. Die haben vermutlich Angst, der anhaltend von ihnen kreierte Schein einer die tatsächliche Wirtschaft um ein Mehrfaches Übersteigendes könnte sie doch noch zerreißen, weil niemand sie mehr retten mag oder auch kann. Trotz alledem treiben sie ihre Hütchenspiele weiter, und kein Politiker hindert sie daran.

Und das Volk, das macht immerfort so weiter, es ist unverdrossen gläubig, betet das Wirtschaftswachstum an, das ihm politikerseits als Religion angepriesen wird. Wahrscheinlich, weil ich grundsätzlicher Skeptiker und Zweifler bin, habe ich das bereits zu Zeiten, als ich gutes Geld zu verdienen begann, infragegestellt. Und da dachte noch kaum jemand an die Zustände, die jetzt herrschen, die vor dreißig Jahren Margret Thatcher mit ihrer Verfreiheitlichung eingeläutet hat, als sie die Finanzmärkte losließ, auf daß die ihre Klingelbeutel rumgehen lassen durften, die bald auch beim Volk angekommen waren. Zu deutlich sind mir die Festgeldzinsen der achtziger Jahre von bis zu vierzehn Prozent in Erinnerung, die manch ein eher schlicht denkender Mensch ebenfalls kassieren wollte. Nicht zuletzt fällt mir der Irrsinn mit der Telekom-Aktie ein, der auch einige aus meinem Bekanntenkreis mit eher bescheidenem Einkommen fast in die Gummizelle brachte, weil sie dem trommelfeuerartig verbreiteten Glauben glauben schenkten und auf diese Weise ein wenig mit raffgieren wollten. Einher damit gehen die seitherigen Wirtschaftsnachrichten, die Börsenbarometer, die offenbar mehr Aufmerksamkeit finden als andere Katastrophenmeldungen, etwa der Wetterbericht, der die via Klimawandel stattfindenen Apokalypsen ankündigt. Wie die Geier aufs Aas hat sich die Hälfte einer Republik auf die vermeintlichen Gewinne gestürzt. Und heute jammern sie durchweg herum und fühlen sich betrogen. Daß vielfacher Betrug durch mangelnde oder fehlende Information über die Handelsware Finanzpapier vorgekommen ist, daran besteht kein Zweifel, aber auf die über die Sechs hinausgehende Zahl der Verzinsung haben sie nahezu alle mit glänzenden Augen gestiert wie auf den geilen Geiz.

Und überhaupt diese Geldpumperei. Auch ich habe mal einen nicht unerheblichen Kredit zum Kunstkaufrauschen aufgenommen, eine ziemliche Weile ist's allerdings her. Aber da wußte ich auch um den Gegenwert, der zur baldigen Auszahlung bereitstand. Anschließend wurde das Darlehen sofort zurückgezahlt. Und danach habe ich immer nur das Geld ausgegeben, das mir real zur Verfügung stand. Meine feine, von einem Münchner Künstler Schlampenschlepper genannten, in Frankreichs Provinzen nicht unbedingt gern gesehene Voiture hatte ich mir auch nur deshalb zugelegt, weil ich ihn steuerlich absetzen konnte, er mich also einen nichts weiter ins Gewicht fallenden Teil meines Monatesverdienstes kostete. Dann bin ich, ja, durchaus auch aus Vernunftgründen, auf Deux Chevaux umgestiegen, der sollte mich mit hunderfünfzig Mark, heute fünfundsiebzig Euro, im Monat belasten. Aber Lieschen und Fritzchen oder mittlerweile gar Marius et Jeannette leasen sich das neueste sportive Modell für das Doppelte und Drei- und Mehrfache. Die Leute sollen sehen, daß man es zu etws gebracht hat.

Kreditkarten habe ich immer nur kurzfristig genutzt, beispielsweise in Ländern, in denen man droht, verhaftet zu werden, wenn man mehr Münz als für die meisten gewohnt im Beutel hat. Es hat mich immer kopfschütteln gemacht, als man in den neunziger Jahren un Café oder deux petit Rouge mit der Carte bleu bezahlt hat oder die auf den Brücken ihren afrikanischen Fabrik-Tinnef verkaufenden Straßenhändler die alten Ratsch-Ratsch-Kreditkarten-Beleg-Entwerter nutzten. Und dieses plastikschillernde Scheingeld, diese virtuelle Masse kam bei mir auch immer nur in dem Maß in Gebrauch, in dem ein Guthaben vorhanden war. Was aber haben die US-Amerikaner allesamt gemacht und machen es, nicht wenige Europäer tun es, wie beinahe alle Moden dieses Kapitalismus für die Dummen, ihnen nach. Möglicherweise ist das eine Generationsfrage, aber ich zahle nach wie vor lieber bar, diese Automaten an allen möglichen Kassen sind mir suspekt, und das wahrlich nicht nur, weil es mir widerstrebt, mich als Lieferant irgendwelcher dubiosen Profile und zu Werbezwecken des Konsumterrorismus ausnehmen zu lassen, sondern weil ich auf diese sogenannte konservative, also bewahrende Weise immer weiß, über welche Summen ich verfügen kann.

In Süddeutschland haben sie sogar begonnen, so eine Art Allgäumark als regionale Währung einzuführen (ohne daß dies den Euro an sich infragestellt). Das ist real: Ein Brot, eine Stunde Tätigkeit eines Handwerkers, der Gegenwert fließt zurück in den regionalen Wirtschaftskreislauf. Wer bei mir konstant mitgelesen hat, weiß, daß ich immer für solche Kreisläufe plädiert habe, bereits zu Zeiten habe ich meine Einkäufe gezielt und bewußt in den jeweiligen Regionen getätigt und das auch propagiert, als man dafür noch noch als Öko-Spinner abgetan wurde. Heutzutage spinnen mit Bio-Öko-Regio diejenigen herum, die mich des Rückwärtsdenkens bezichtigen. Im Zusammenhang mit dem Lebensgefühl Speis und Trank habe ich das zuletzt, sogar auch als Antwort an Sie, angeführt: José Bové, le Malbouffe und die Confédération paysanne. Die Gesellschaften müssen wegkommen von diesem System ständig wachsender Wirtschaften, die im Grunde nur noch überwiegend den Gewinnen der weltweit operierenden Konzerne dienen und die kleineren Unternehmen kaputtmachen. Wer bei solchen Gedanken möglicherweise mit dem Argument des Mittelalters oder gar der Rechtsradikalität daherkommt wie der in Meerbuschschaumsauce trottelhaft auf mich wirkende jungdynamische österreichische Investment-Punk, belegt seine mangelhafte Bildung, die sich bis auf sein bißchen vermeintliches Herrschaftswissen im Prinzip nicht von der des dummen, ungebildeten Bürgers unterscheidet, weiß er, um das zu wiederholen, doch nicht einmal, welche gravierend andere Bedeutung sein Gattungsbegriff ursprünglich hatte. Er ist nichts anderes als ein zum Wirtschaftsprunkschaulaufen angetretener Idiot, dieser Privatmensch der Antike, der nichts zu sagen hatte innerhalb der sogenannten demokratischen Gesellschaft, die von oben bestimmt wurde, wenn auch nicht von einem Gott oder mehreren Göttern, sondern von den sogenannten oberen Zehntausend, zu denen er wie so viele gerne gehören würde.

À propos Antike. prä und post. Rainer Willert hat in einem 1994 verfaßten Aufsatz, da war die Finanzwelt morgens um sieben noch in Dortmund, auf einen wesentlichen Aspekt verwiesen:
Die Entwicklungslinie vom Menschenopfer über das Opfertier zu dem noch symbolischereren Opfer Geld steht zur Debatte. Alle drei gelten nur, wenn man an sie glaubt. Der Glaube ans Geld liegt heute in seiner simulierten Kaufkraft. Sollte hingegen jedes Geldstück diese Kraft real beweisen, dann fände sich niemand, der Geld akzeptierte; jeder wollte es ja umsetzen. Dem gegenüber auf die augenblickliche Vergewisserung zu verzichten, zugunsten späterer Segnungen, ist allen Opfern gemein. Nur, anstatt der Kaufkraft, ist es beim Götteropfer die Weihe durch den Priester, die die Anerkennung vermittelt. Neben dieser Ähnlichkeit geht die Spur des Geldes noch ganz unmittelbar in den Kult zurück: Zum kultischen Opfer gehören Gerätschaften, und mit diesen zu hantieren, zeichnet die berechtigte Person, den Priester aus. Die Übertragung solcher Werkzeuge vermittelt Prestige an die Nächsten, die kultischen Geräte selbst erhalten eine Aura, werden Objekte des Glaubens und Begehrens. Der Schritt zu einer Art ‹Gerätegeld› könnte erfolgen, indem die Priester solche Werkzeuge an würdige Nachfolger weitergeben und, mehr noch, an verdiente Personen — einem Orden gleich — verleihen. Tatasächlich fand Gerätegeld in der Bronzezeit weite Verbreitung, war in ganz Mitteleuropa in Gebrauch, wobei allerdings schon massenhafte Verwendung darauf schließen läßt, daß hier nicht nur Originale in Umlauf kamen. Um Fälschungen aber handelte es sich ebenfalls nicht, in Umlauf gelangten schlicht Nachbildungen der ursprünglichen kultischen Geräte. Diese Opferwerkzeuge waren im praktischen Sinne keine mehr. Ihre Form war stilisiert, verkümmert. Die Äxte etwa hatten stumpfe Schneiden, geringere Größe, verengte Stiellöcher; dem ideellen Wert dieser Gegenstände konnte das jedoch nicht schaden. Zu beweisen ist es zwar nicht, aber die Möglichkeit liegt nahe, daß die Priester selbst solche Nachbildungen der Kultgeräte anfertigen ließen und in Verkehr brachten — dies, um dem Opfernden einen Beweis seiner Gabe aushändigen zu können, ihm wieder, dem Orden gleich, ein Ehrenzeichen zu verleihen.

Einen ähnlichen Wandel in Richtung Gerätegeld haben die bronzenen und später eisernen Spießchen durchgemacht, die im frühen Griechenland dazu dienten, den Beteiligten am öffentlichen Opfermahl die ihnen zustehende Fleischration zuzumessen. Den Bürgern wurden dieserart ihre Verdienste für den Staat durch den Staat entgolten, wobei die Fleischration als ‹Zahlung› mehr als schlichten Nährwert besaß. Ihr Mehrwert hieß Ehre, war die Auszeichnung, die man als Teilnehmer am gottgeweihten Opfermahl erfuhr; ein gewisses Mengenargument steigerte die Ehre, und das drückte sich in der Größe des Spießchens aus, das man beim Opfermahl zugeteilt bekam. So ein Spießchen übrigens hieß ‹Obelos›, und im Zusammenhang mit Geld kommt der Obolus selbst heute noch vor.
Geld und Heilige Kühe, Gold oder Kunst
Über all das hinaus bezweifle ich, daß die für eine Änderung der Zustände erforderlichen Massen auf die Straße gehen, jedenfalls in Deutschland. Es sind vergleichsweise wenige, die das allüberall tun, nahezu durchweg diejenigen, auch das habe ich erwähnt, aufgrund ihrer über das Mehrwerträchtige hinausgehenden Ausbildung in der Lage sind, die Problematik zu intellektualisieren. Infragestellen darf ich ebenfalls, ob die akademisierten Arbeitslosen unter ihnen auch dann protestantisch auf die Straße gingen, wenn sie in ordentlichem Brot stünden. Man muß sich das mal vorstellen: In Spanien herrschen zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit, gar die Hälfte aller jungen Menschen dort sind betroffen. Aber die Finanzwelt darf ungebrochen weiterhin Scheingeld produzieren, das der tatsächlichen Wirtschaftskraft entgegensteht und das Land haushalttechnisch in die Grube treibt, die diese Jonglierer ausgehoben haben. Vielleicht braucht es das in Deutschland, dann gibt's Revolution, wenn sie nicht einmal mehr Billigheimerfraß zu essen haben. Dabei dräut über mir der Gedanke an das Schwert des Damokles, das an einem Roßhaar hängt, die Gefahr sich möglicherweise doch wiederholender Geschichte. Autobahnen brauchen sie nicht mehr, nicht nur, weil sie kein Benzin mehr haben, das wenigstens ihre geleasten Fahrzeuge zum Bauern hin bewegt, den es allerdings auch nicht mehr gibt, da nur noch weltkonzerniger Malbouffe produziert wird, der deshalb von seinen Erzeugnissen nicht mehr leben kann. Doch möglicherweise findet sich ein anderes politisches System.


jagothello   (07.07.12, 16:08)   (link)  
Wir versaufen unser Oma
ihr klein Häuschen. Merkwürdigerweise leisten sich aber gerade diejenigen, die sich professionell und aus marketingtechnischen Gründen gerne "konservativ" nennen, eine ganz andere Position. Konservativ ist es da, die Ansiedlung des weltweit profitabelsten Sportwagenherstellers in Leipzig mit 100.000.000 öffentlichen Geldes zu goutieren, oder die Schulden, die Nonnenmacher mit 5.000.000-Gehalt im Milliardenbereich verantwortet, aus dem Steuersäckel zu begleichen. "Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen" (Tucholsky), aber nicht die Zechensiedlungsbewohner in Castrop-Rauxel gehen in die Spelunken oder ihre traditionellen "Volksvertreter", sondern, heute, Christlich-Soziale und Ihre koalierenden Kämpfer für die Freiheit der Selbständigen, immer neue Einnahmequellen zu erschließen. Eine neue Dimension der Obszönität, weil die Korrumption der gesamten politischen Klasse so offenbar wird.
Neben auch sonst allem anderen gefällt mir Ihr Verweis auf das Kultisch-Mythische der Opferhandlung. Im Kleinen ist es vielleicht die Kreditkarte, die goldene zumal, die das Fiasko repräsentiert aber doch auch eine geradezu priesterliche, prestigeverleihende Gerätschaft am Altar-Waren-Tresen darstellt. Gesellschaftliche Weihen gerade für diejenigen, die das Unsystem immer weiter auf die Spitze treiben, Ausgrenzung derjenigen, die keine paypal- Mastercard- oder sonstige Kreditkonten betreiben.


jean stubenzweig   (07.07.12, 19:42)   (link)  
Ein traditioneller Irrtum
ist das mit der Deutung des Konservativen. Der kürzlich als Primus inter pares oder auch Mitbegründervater der Umweltschutzorganisation BUND zurückgetretene Enoch zu Guttenberg wies mich Anfang der Achtziger in seinen Heil'gen Hallen fast wutschnaubend, beinahe angeekelt, der damals schon soignierte Herr machte auf jeden Fall ein ziemlich im Gegensatz zur ästhetischen Ätherik seiner wahrlich konservativen neubeurischen Bach-Dirigate stehendes Gesicht, auf den von ihm so bezeichneten «Rhein-Main-Donau-Altar» hin, diesen Modell-Vorläufer sämtlicher von Lokalpolitikern feierlich eröffneten Wellness-Freischwimmbäder in Castop-Rauxel oder sonstwo im verpleiteten Zechengebiet oder in den blühenden Ländern des Ostens, also in Leipzig oder anderswo. An diese gesellschaftsphilosophische Erkenntnis konnte sein christsozialer Sohn Karl Theodor nie gelangen, er ist, wir haben es erlebt, die nachfolgende, nenne ich sie mal moderat degenerierte, Generation dieser Konservativen, die wie so manch anderer bereits gestrig zur Welt Gekommene die Begriffe nie auf die Reihe gebracht haben. Das adjektive Wort konservativ, darauf verwies beharrend der Vater des damals etwa zwölfjährigen Schnösels, komme von conservare, also bewahren. In den meisten Ansichten waren und sind er und ich einander recht fremd. Aber diese Begriffsdeutung, die noch einmal zehn Jahre zurück mir unter seinerzeit noch jüngeren, heute Altlinken als wertkonservativ ins Ohr drang, heutzutage von besonders Intelligenten als Wortstamm schlechthin bezeichnet, beeindruckte mich vor rund dreißig Jahren so sehr, daß ich bis heute an nichts anderes denken kann und mag in diesem Zusammenhang. Zurück- und ausgetreten aus seinem Bund ist der alte Enoch übrigens unter anderem wegen der neuzeitlichen, die moderne Moderne in der Erbauer Sinn weiter vollendenden Windrades, das allüberall die Berge zustellt, obwohl es nachweislich andere Möglichkeiten der Energiegewinnung gebe. Welche, darüber mag man streiten oder sich aus dem Internetz massig Informationen herausfischen. Aber es ist auf jeden Fall etwas dran an dieser konservativen Ansicht, die bald keine mehr ist, wenn man auf diese Weise weiterhin Arbeitsplätze, vor allem aber mehr als ausreichende Gewinne schafft. Ich muß annehmen, denn wissen tu' ich's gewiß nicht, daß es bei der Auftragsvergabe zur Energiegewinnung ebenfalls köstliche und gesellige Politikerparties geben wird.

Richtig, das hier deutsche Volk ist in den Allerwertesten gekniffen bei diesem System oder, weil's noch ein bißchen aktuell ist, bekommt in seinem verblassenden Sommermärchen die rote Karte gezeigt, gesellschaftlichen Platzverweis erteilt. Es ändert nichts an der Tatsache, daß es das demütig, hinnimmt, katholisch-protestantisch wie es nunmal ist, sozusagen ökumenisch schicksalhaft vereint. Warten wir's ab, was sich Frankreich unter dem elitischen ENA-Sozialismus tut, oder in Gesamteuropa. Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels, etwa in Jungpolitikern, die ihn vielleicht gar im Gesamten mittels eines postpostmodernisierten Siècle des Lumières ausleuchten. Ich kann mich mittlerweile des Eindrucks nicht mehr erwehren, daß man bei der Berufswahl Politik automatisch sein Gewissen an den Pforten der Parlamente abgibt. Aber es ist in den meisten Fällen schließlich längst kein Ehrenamt mehr. Sie wollen in ihrer Beruf gewordenen Berufung nur noch wiedergewählt werden.


einemaria   (09.07.12, 10:20)   (link)  
Da stimme ich ihnen voll zu. Allerdings - sollte es zu einer Revolution jemals kommen - so wird sich diese gegen die falschen richten. Königsköpfe rollen heute nicht mehr.


jean stubenzweig   (09.07.12, 18:45)   (link)  
Wären die rollenden Köpfe
der Könige Ihrer Meinung nach die falschen? Oder: Was sind die der aktuellen Politiker letztlich anderes? Die meisten regieren doch (selbst)herrlich wie Potentaten. Nicht einmal parlamentarische Regeln achten sie, oft werden Vorhaben wie das oben erwähnte Meldegesetz ohne Debatte durchgewunken, begünstigt noch durch Abwesenheit der meisten Volksvertreter und zudem, gern praktiziert, ohne jede Aufmerksamkeit der Beherrschten während der Volksdroge Fußball. Man braucht dem Volk, das revolutionieren sollte, lediglich in einen permanenten Rausch zu versetzen. So hat es einen Dauerkater und keine Kraft mehr, aufzustehen.


jean stubenzweig   (09.07.12, 19:44)   (link)  
Zur anstehenden Revolution
meint Elias Ellinger, dazu braucht's: «GENAU solche latenten Nazis, MG, GENAU solche Leistungsfaschisten, GENAU solche Vollpfosten, Deppen, Paranoiker („HARTZ IV bescheißen und wollen nicht arbeiten“), GENAU solche Jedenscheißmitmacher, Betriebswirschtfaftlichen-unsinninderu-bahnisnsIpodbrüller und dergleichen andere Gfraster mehr braucht „unsere Wirtschaft“. Der nicht mehr verwertbare und daher überflüssige Rest soll halt gefälligst bleiben wo der Pfeffer wächst, sich in Trashformaten im sogenannten „Unterschichtsfernsehen“ verarschen bzw. sich in faschistoiden Castingshows verwursten lassen.» Weiter geht's bei ihm in der Erläuterung der Anwendbarkeit des Datenschutz- oder auch Meldegesetzes


einemaria   (10.07.12, 11:30)   (link)  
Lassen wir doch die gefangenen Gedanken wieder frei wandern, lassen Sie uns zu geistigen Nomaden werden, an die sich das Meldegesetz nicht mehr adressieren läßt. Weichen wir den Schlägen und Tritten, indem wir uns weiterbewegen.

Gut daß Sie es wieder aufwerfen, The Great Gate, das Tor zur Hölle, in die jene Köpfe rollen mögen, die rollen sollten. Leider - und das hat Herr Ellinger gut erkannt - handelt es sich um Quadratschädel, die man stoßen und treten muß, auf daß sie sich überhaupt noch bewegen. Da auch die Hölle sparen muß, wird sich für die Torsi kein Platz mehr finden.

Warum sollte EMS nicht "EinigeMüssenSterben" heißen und welchen Unterschied würde das machen? Schmeißen wir doch die Politik samt Volk aus dem Land der Überbevölkerten. Nehmen wir uns doch das Recht, das es nicht mehr gibt. Scheißen wir auf die Gesetze, die bereits so unter Lügen und Müll begraben sind, daß sie von besagten Ausscheidungen garnicht mehr berührt werden. Wer Schlachtfelder schafft, darf den Krieg nicht fürchten ;)


jean stubenzweig   (10.07.12, 18:13)   (link)  
Nomade bin ich ohnehin
seit meiner Geburt, wenn seit einiger Zeit auch ein ziemlich bewegungsunfähiger, also behinderter, aber glücklicherweise nicht geistig wie so viele, die das zulassen. Ich hatte zuletzt immerhin einen kleinen Sieg, indem ich links des Rheins mit für eine Ablösung sorgen durfte. Dort gibt es, trotz aller Liebe zu Computer, Technik und bereits vorhandener Datenfreigiebigkeit, keine derartige Probleme wie die mit einem Meldegesetz, das den Datenschacher erlaubt. Allerdings dürften den ohnehin die staatlich dominierten Energie- und Telephonunternehmen bewerkstelligen, deren Rechnungen als als Wohnungsnachweise gelten; man muß bei Umzügen nicht jedesmal aufs Amt rennen, um sich die neueste Verlagerung seines Zeltes auf die Carte d'identité kleben zu lassen. Aber ob der Sieg keiner des Phyrrus' war, darüber debattieren die Astrologen noch. Wir stehen vor Asculum, wo der Herr sprach: Noch so ein Sieg, und wir sind verloren. Meine Befürchtung ist die, daß die Zustände überall so weitergehen, weil sich kaum jemand von den versammelten Wachstümern trennen will, die diesen Irrsinn mit verursacht haben. Und in EMS steckt schließlich fast ganz Europa drinnen.

Auf der britischen Insel würde ich mein Lager auch nicht aufschlagen wollen, dort hat Frau Thatcher nicht nur den mittlerweile überall in Europa herrschenden Konsumterror eingeleitet, indem sie den Wirtschaftsliberalismus aus der Gummizelle in die Freiheit entließ, sondern dort hat Big Brother längst in einer Weise Einzug gehalten, daß selbst George Orwell ein wenig ins Staunen geraten würde.

Also wohin? Nach Alaska, um mit Sarah Palin Ananas zu züchten? Die macht doch nur Tee für ihre Party daraus. Und der schmeckt dann so, als ob in Deutschland vorm Bierbrauen wieder jederzeit in den Bach geschissen werden dürfte. Da dies der Fall ist, kann man sich, wie ich's tue, also gleich auf dem Land einmauern. Das ist immer noch angenehmer, als in den Knast gesteckt zu werden. Denn dorthin gehört auch nach Volkes Meinung der Anarchist.















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