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Wurzeln

Ich bin Jahrgang 1944 und habe viele Gesichter und Wurzeln. Vielleicht aber auch gar keine. Es gibt Menschen, die deshalb meinen, es sei kein Wunder, daß ich ein haltloser oder gar — je nach ideologischer oder gänzlich geistfreier Positionierung — vaterlandsloser Geselle sei. Die Sache mit dem Vaterland sei ohnehin eine Sache der Mutter, sagt man dort, wo ich eine meiner Wurzeln habe. Oder eben ihretwegen keine. Was mein Problem wäre, wenn ich eines damit hätte.

Ich versuche, in Lübeck Herrn Buddenbrock immerfort aus dem Weg zu gehen*, manchmal verstecke ich mich hier oder hier oder hier oder dort oben, darf mir dank der Ardennerin Madame Lucette mittels meines 51ers auch das nicht minder rauhe Holsteinische warmtrinken, genieße ihn jedoch besonders in der Bar Marengo am Cours Jean Ballard, benannt nach dem Verleger und Herausgeber der (von Marcel Pagnol als Fortunio gegründeten) Zeitschrift Les Cahiers du Sud, im 1. Arrondissement von Marseille, der Heiligen Stadt des Pastis und meiner kuscheligen Heimeligkeit am Cours Belsunce. Dort ist nicht Frankreich, dort aß man schon immer, wie Jean-Claude Izzo schrieb, die gefüllten Weinblätter der Levante, wer nur einen Spatenstich tut, stößt garantiert auf ein antikes Griechenklo, dort waren die Kanonen schon immer gen Festland gerichtet.

Nicht, daß ich ein Krieger wäre. Alles Soldatische, Militärische war mir von jeher ein Greuel. Aber man kennt es ja: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Einige Jahrzehnte habe ich, zumindest teilweise, letztendlich dann doch verkehrt gelebt, indem ich (beruflich) Regeln eingehalten habe, die meinem eigentlichen Charakter zuwiderliefen. Damit ist nun Schluß. Ich besinne mich meiner Eigenschaften. Und sei's drum, daß ich keine habe. Nun bin ich Privatier. Nun darf ich('s) sein.

Was ich hier an Geschriebenem öffentlich mache, ist meiner Eitelkeit geschuldet. In ganz jungen Jahren erreichte mich die Erkenntnis: Das Bißchen, das ich lese, kann ich mir auch selber schreiben. Doch dann erkannte ich, daß man dafür entweder ganz jung, ganz alt oder aber reich sein muß, will man davon auch noch leben. Also ging ich zwangsläufig zunächst diesen gefürchteten steinigen Weg: erst einmal etwas lernen, also mit wissenschaftlichen Assistenten im Keller Tischtennis zu spielen, Professoren zuhören und deren Bücher lesen. In logischer Folge eines sich daraus ergebenden konsequenten Nichtsuchens, aber trotzdem irgendwo Ankommens betätigte ich mich ein längeres Jahrzehnt journalistisch in Bereichen, in denen ich mich plan- und ziellos an den Universitäten herumgetrieben hatte. Als ich merkte, daß sich die Welt trotz meiner publizistischen Tätigkeit nicht nach meinen dann langsam erwachsenden Vorstellungen verändern wollte, setzte ich mich ab in den stillen elfenbeinernen Turm eines Verlages mit lauter Nachschlagewerken und Büchern von anderen, die keiner braucht und vielleicht deshalb im kleinen geschlossenen Kreis so beliebt waren und wurden. Allerdings hatte ich nicht bedacht, daß ich dort noch präziser sein mußte als im Journalismus. Harte zwanzig Jahre waren das. Aber die sind nun vorbei. Jetzt darf ich Wahrheit und Wirklichkeit endlich verquicken, zumal es in Reinheit weder das eine noch das andere gibt. Ich multikultiviere. Und das Liebste, das ich lese, darf ich mir jetzt wieder selber schreiben.

* Das ging soweit, daß er mich mittlerweile nach Hamburg vertrieben hat. Aber es ist schließlich ohnehin die Schwesterstadt von Marseille. Seit den fünfziger Jahren. So passen wir auch sehr viel besser zusammen.

Der zeichnerische Kommentar zu wurzelspezifischen Ritualen entstammt dem Stift des zu dieser Zeit vierzehnjährigen Moritz F.

 
Mi, 28.05.2008 |  link | (4140) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Inneres


jean stubenzweig   (16.01.09, 06:09)   (link)  
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