Mamans Brustduftdrüsen

Die Milchbauernblockade und ein Kommentar von Mark auf dessen Dunkler Seite ist Auslöser einer interessanten Debatte geworden. Zuletzt verwies — hier thematisch nomen est omen? — Gorillaschnitzel auf die Möglichkeit, Milch direkt beim Bauern zu kaufen. Davon mal abgesehen, daß nicht jede Mutter oder auch Vater eines städtischen Kleinkindes dazu die Möglichkeit hat, da die Bauernhöfe sich in den Großkommunen zunehmend zu reduzieren scheinen — es gibt ein weiteres Problem, auf das ich hinwies: nämlich, daß (ähnlich den Krabben direkt vom Kutter) die also unbehandelte Milch «... allerdings für an fettarme Tütenmilch gewohnte Geschmacksnerven nicht ganz unproblematisch sein dürfte. Für Kinder ganz besonders. Die weigern sich gerne, sowas zu trinken.»

Dieser Kommentar meinerseits erregte ihn sichtlich. «Das ist richtig. Es handelt sich bei der Ware ja schließlich um Milch und nicht um diese verwässerte entferntmilchähnliche Brühe. Es gab tatsächlich bereits Menschen, die allen Ernstes behauptet haben, so eine laktosefreieeins-fünfprozentige ‹Milch› schmecke besser. Aber es mag auch Menschen geben, die Instant-gemüsebrühe leckerer finden.»

Bei allem (berechtigten, aber vielleicht auch ein wenig bemühten) Ärger gegenüber dem Konsumverhalten einer Gesellschaft gegenüber, der man zunächst einmal die Geschmacksnerven tötet — es bleibt eine Tatsache. Denn es ist nunmal so, daß Kinder früher — etwa in meiner Kindheit oder auch noch eine Generation später – in der Regel nicht via Kaiserschnitt aus Mutterns Leib gehoben wurden, um Rückblicke auf eine Schwangerschaft zu vermeiden, oder gar als Frühchen keine Muttermilch bekamen, was eine entsprechende Geschmacksbildung verhinderte. Denn nur via Madame Mamans Brustduftdrüsen, so synapste das kleine Gehirn, daß diese sich gerne die tägliche Milchportion direkt vom Bauern in den Mund strullen ließ oder frischen Fisch mit Kräutern bevorzugte oder ungemein gerne ein Omelette von Eiern aß, das aus Würmer und Käfer und Samen vertilgenden Hühnern kam, auch die netten weißen Trüffelschnitzchen dazu sehr schätzte und auch lieber mit der Weinkanne zum Winzer ging, um sich dessen Haustrunk nicht nur abzuholen.

Versuche man mal jungen Menschen, die mit US-Bratklops im Gläschen, Mehlschwitze oder gar Tütenschlabber aufgewachsen sind, eine mit Fleischsaft und Pineau de Charente zubereitete Sauce schmackhaft zu machen oder einem Poulet aus der Bresse, der ausschließlich mit feiner Rebe aus der Bourgogne besoffen gemacht wurde. Manchmal klappt es, aber es dauert mitunter Jahre.

Man sollte sich vielleicht mal außerhalb von Schwarzgelbgrün Gedanken darüber machen, wie auch Kinder von eben nicht besserverdienenden Eltern wieder mit Nahrung versorgt werden könnten, die nicht aus der Experimentalküche der chemischen und pharma-zeutischen Industrie stammt, die ihre Erzeugnisse ungestraft Lebensmittel nennen darf. Es muß ja nichtmal Ökobio sein, das ohnehin der Bezeichnung nicht gerecht wird, da es aus dem Supermarkt kommt und der wiederum es aus Übersee bezieht. Und schon gar nicht Demeter, da die fruchtige Göttin dem Minderbemittelten für eine Mahlzeit soviel aus dem Portemonnaie ziehen würde, das ansonsten einem Wochen-versorgungsetat gleichkommt. Es gibt glücklicherweise immer mehr Bauern (und auch Fleischer), die nicht unter dem Öko-Banner segeln und trotzdem unverseuchte Nahrungsmittel sähen und ernten (und metzeln). Die das tun, was ihre Väter in den fünfziger und auch noch sechziger Jahren getan haben: ohne Giftgülle Klasse statt Masse produzieren. Es geht! Es gibt es.

Und hier sind die Städter eindeutig im Vorteil. Denn die Wochenmärkte, etwa in Hamburg — die teilweise durchaus mit französischen mithalten können —, bieten eine sehr viel umfangreichere Auswahl als die in den Kleinstädten oder auch größeren Dörfern. Die sind nichts als Tristesse, vor allem (aber beileibe nicht nur) im Norden dieser Republik.

Dabei sei an die Auseinandersetzung mit der Kartoffel Linda erinnert (und es gibt ja wahrhaftig nicht nur die, aber eben auch nicht nur wohlschmeckende Bamberger Hörnchen!). Hier scheint sich der Verbraucher durchzusetzen. Und die Folgerung: Je mehr Menschen das kaufen, um so preisgünstiger wird es auch. Es funktioniert. Man muß es nur wollen. Und von seinem hohen Slow Food-Gaul runtersteigen. Nicht nur Manifeste drucken und maulvoll predigen in den Convivien der neuen Speicherstädte (auch des Netzes). Es vielleicht so angehen wie Alice Waters, die eine Stiftung gegründet hat und in die Schulen geht, um Fast Food-Kids den Geschmack zu lehren, den ihre Alten ihnen nicht beibringen können, weil sie selbst nunmal Legastheniker sind. Sich also auch mal tatkräftig für etwas einsetzen, das der Allgemeinheit und nicht nur dem eigenen Magen zugute käme.
 
Mo, 02.06.2008 |  link | (4425) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Geschmackssache



 

Truffe

Ich habe keinen Hund. Ich gehe mit solch einem altkontinentalen Tier durch die Fluren, durch die Auen, durch die Wälder, durchs weltweite Netz. Nur es ist in der Lage, einen solche exorbitante Schatzknolle zu ergründeln:

«Heute möchte ich Ihnen etwas erzählen, nämlich von einem unerträglichen C. Ja, von einem C, einem hohen C, einem dreigestrichenen genaugenommen: c'''. Die Geschichte trägt sich zu in Haydns Klaviersonate Nr. 59 Es-Dur, Hob. XVI/49. Es-Dur ist ja schon so eine Tonart, über die sich viel räsonnieren ließe. Aber jetzt, passen Sie auf!»

Keks zum Tee
 
So, 01.06.2008 |  link | (4045) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Cyrano de Pardieu

hap schrieb zu Le Schmachtfetzen:

Lieber Stubenzweig, was ich nicht verstehe: Wie man jemals an Gérard Depardieus Schauspielkunst zweifeln konnteLes Valseuses, Frau zu verschenken etc.pp. Die französischen Regisseure, die ihn einsetzten, wußten weiß Gott, was sie an ihm haben. Und der große Marco Ferreri wußte es auchLa femme dernière, mit Ornella Muti — mein Gott, was für ein unglaublicher Film. Ferreri hat ihn dann noch mal eingesetzt, ich glaub, der Film hieß Affentraum, Depardieu und King Kong, sehr passend.

Wenn du noch rausfinden könntest, wer die deutsche Fassung von Cyrano besorgt hat — die war genial. Dafür sollte es nachträglich den Nobelpreis für Übersetzung geben. Könnte man extra dafür einführen.

Was ich sagen will: Diese Huldigung an Cyrano de Pardieu gehört zu Stubenzweig at his best. Danke schön!


Schön, daß meine Liebeshymne an einen Film noch einen weiteren Menschen zum Klingen gebracht hat. Dann sind wir ja schon zu zweit. Das kommt bei hundert Klicks genau hin: zwei Prozent, mich eingerechnet. Oder mal eine Begebenheit ein wenig paraphrasiert: Als einmal eine Druckerei ein Buch ganz fürchterlich verdruckte und dementsprechend band und ich mich deshalb kurz vor einem Nervenzusammenbruch befand, meinte der Drucker-Binder, ich solle mich doch im Himmels willen nicht so haben. Daß beispielsweise die Register verschoben und ein paar Schnittspuren zu sehen seien, das würden doch höchstens zwei Prozent der Leser merken. Genau habe ich nicht mehr in Erinnerung, ob das beinahe zum Herzinfarkt geführt hatte, aber eines weiß ich noch genau, daß ich ihm, ob ruhig oder in Rage, geantwortet habe: Für genau diese zwei Prozent macht unsereins Bücher! Daraufhin hat er's nochmal gedruckt und gebunden, der Herr und seine Firma. Dieses eine Buch. Und dann, jedenfalls für uns, keines mehr.

Einen Preis für die beste deutschsprachige Synchronisation ausloben — das wär's tatsächlich! Und ihn Cyrano de Pardieu nennen. (Du erhältst den Preis für die Wortschöpfung!) Es wird mir, sobald greifbar, nicht schwerfallen, die DVD ein weiteres Mal einzulegen, um nachzuschauen, wer dieses Meisterwerk der sprachlichen Adaption geschaffen hat.

Denn — und das ist wieder typisch für das allgemeine Interesse an dieser Art von (Film-)Arbeit — übers Netz ist's nur schwierig herauszufinden. Das stellt sozusagen eine Synchronität her zur Unsitte, den Abspann eines Filmes entweder in rasender Geschindigkeit und in Vier-Punkt-Schrift durchzujagen oder nur noch anzudeuten oder erst gar nicht mehr zu zeigen. Auch hierbei passen sich die Öffentlich-Rechtlichen zusehends den Privaten an — auch ließe sich bequem sagen: den Gewohnheiten des gemeinen Kinogängers, der bereits bei den Fin-Lettern aufsteht und mich nicht mehr lesen läßt, wer im einzelnen für die sogenannten Sekundärleistungen verantwortlich war. Es interessiert ihn nicht, wer für sein zweistündiges Amusement gesorgt hat. Film kommt ja bekanntlich aus dem Projektor wie Strom aus der Steckdose.

Ich habe nur noch in Erinnerung, daß ich den Synchron-Autor und -Regisseur damals kennenlernte und ihm überschwenglich dafür dankte, ihn fast so an mein Herz gedrückt hätte wie Anne Brochet, der ich mal am Théâtre Criée in Marseille begegnen durfte. Aber da's eben nicht diese entzückende Dame war, sondern ein zurückhaltender, bescheidener, äußerst sympathischer Herr um die fünfzig, aber eben keine Madame Brochet oder ähnlich, habe ich wohl seinen Namen vergessen.

Doch zunächst einmal: Ich meine mich soweit zu erinnern, daß er sich damals im wesentlichen an die Übersetzung von Ludwig Fulda gehalten hatte; selbstverständlich mit den behutsamen Änderungen, die durch die Abweichungen von der Theaterfassung erforderlich geworden waren. Sicher bin ich mir allerdings nicht mehr. Aber ich werde es herausfinden. Du hast etwas entfacht, was ohnehin befeuert beziehungsweise zumindest in Glut gehalten gehört: die Ehrerbietung gegenüber der Leistung derer, ohne die es es keine aus anderen Sprachen übertragene Kultur gäbe im Land der Dichter und Denker.

Was die Leistung von Gérard Depardieu betrifft, da hast Du selbstverständlich recht. Es war unbedacht und oberflächlich von mir, beispielsweise die von Dir erwähnten Filme nicht zu nennen. Aber ich habe diese Filme allerdings (Affentraum nie) tatsächlich erst nach Cyrano de Bergerac gesehen. Denn erst durch dieses Ereignis bin ich ernsthaft auf ihn aufmerksam geworden. Aber auch das dürfte daran gelegen haben, daß ich — wie erwähnt — mich immer schon ungern auf Haufen gesetzt habe, auf die sich bereits Millionen Fliegen gestürzt hatten. Michel Houellebecqs Elementarteilchen beispielsweise habe ich erst lange nach dem Erscheinen gelesen, und auch nur, weil's beruflich erforderlich geworden war. Bereut habe ich's nicht. Das hätte ich allerdings sicher auch ein Jahr später nicht getan. Nicht, daß es sich um einen herausragenden Roman gehandelt hätte, aber er bot doch soviel Stoff, um sich sich lange und ausgiebig an Diskussionen gerade zwischen einer Generation und deren Nachrücker zu beteiligen.

Den Film habe ich dann ausgelassen. Da habe ich mich auf mein verläßliches, später meist immer wieder bestätigtes (Vor-)Urteil gestützt, deutsche Produktionen seien zu vernachlässigen, vor allem dann, wenn sie großes Kino andeuten. Das mag zwar Geld und bayrische oder ähnliche Filmpreise in die Kassen spülen, aber kaum bleibende Erinnerungen bewirken. Mit ein Grund dafür dürfte jedoch auch sein, daß ich Literaturverfilmungen grundsätzlich skeptisch gegenüberstehe. Zum einen, weil sie in der Regel — auch hier gilt die vielzitierte Ausnahme — mißraten, und zum anderen, da ich's mit Gianni Celati halte:

«Denn wenn man Erzählungen schreibt oder liest, sieht man Landschaften, sieht man Gestalten, hört man Stimmen: Man hat ein naturgegebenes Kino im Kopf und braucht sich keine Hollywoodfilme mehr anzusehen.»

In den Genuß von Cyrano de Bergerac bin ich alleine deshalb relativ früh nach seiner Erstaufführung — der Film war allerdings bereits in die Programmkinos abgeschoben worden — gekommen, weil man sich Anbahnendes nicht von vornherein abknipst, denn sonst kämen zarte Bande ja erst gar nicht zustande. Und wie beschrieben entstand aus dieser Begebenheit ja eine Liebe, wenn auch nicht die ursprünglich angestrebte — sondern die zu Cyrano de Pardieu.

Eines ist vielleicht noch anzumerken: Französische Kino-Kassen-Erfolge sind anders zu bewerten als deutsche. Le Fabuleux Destin d'Amélie Poulain beispielsweise habe ich in einem kleinen Kino in Bergerac (ja!) gesehen. Dort hineingeschleppt hatte mich ein intellektuell nicht unbedingt unterbelichtetes Freundespaar, das den Verriß in Libération geflissentlich ignorierte, sich selbst ein Urteil bildete — und sich gemeinsam mit mir ein drittes Mal die Zaubereien dieser entzückenden Provinzlerin in Paris anschaute. Daß Amélie auch in Deutschland erfolgreich war, hat allerdings sicherlich mit dem sehnsüchtigen Frankreich-Bild zu tun, das der Rezensent von Libération nicht ganz zu Unrecht kritisiert hatte: Es käme der Realität auch nicht nur annähernd nahe. Andererseits: seit wann produziert Kino Realität? Es ist doch wohl eher der Phantasie zugetan. Und die läßt man sich im Kino- und Comic-Land France allemale nicht nehmen. Die Befreiung ist dem Volke immanent.

Nachtrag: Der DVD ist doch tatsächlich nirgendwo zu entnehmen, wer die Synchronisation besorgt hat, keine Sprecher, kein Regisseur, kein Autor. Auch über die Internet-Seite des Concorde Film-Verleihs (Tele München Gruppe) ist darüber nichts in Erfahrung zu bringen. Das stellt eine schier unglaubliche Mißachtung der Leistung jener dar, die im deutschsprachigen Raum mit für den Erfolg=Einspielergebnisse=DVD=viel Geld dieses Films gesorgt haben.

48 Seiten der bekannten Suchmaschine und weiterer Suchprogramme haben auch kein Ergebnis gebracht. Gute Nacht Deutschland, Land der Dichter und Denker. Selbst nach intensivster Suche keinerlei Hinweis. Ich bleibe dran.

 
Sa, 31.05.2008 |  link | (3220) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kamerafahrten



 







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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6517 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00



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