Peter Rühmkorf

ist tot. Trauer!

Bleib erschütterbar und widersteh

Perlentaucher. FAZ (2004)
 
Mo, 09.06.2008 |  link | (2345) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kopfkino



 

Familienbesuch

Wir machen spätnachmittags in der Ardèche Station an der Route Nationale 102, noch vor Aubenas, an einer dieser direkt an den Querverbindungsstrecken gelegenen Gasthäusern, die von Touristen gemieden werden, weil zu den üblichen Mahl-Zeiten immer so schrecklich viele LKW davor geparkt sind. Wer nur zum Anschauen schöner Schluchten gekommen ist und ein Jahr zuvor in Castop-Rauxel oder Potsdam das Kajak-Abenteuer-Hotel mit Halbpension gebucht hat oder lediglich mal eben wieder auf die Autoroute nach Spanien will, der weiß nicht, weshalb dort immer soviel los ist. Hier würde sich kein Koch getrauen, schlechtes Essen zu einem etwas gehobeneren Preis zu servieren. Die Routières würden den Maître und seine Maîtresse mit ihren Töpfen krönen, wenn auch im umgekehrten Sinn. Und schmeckte es ein zweites Mal nicht wie zuhause schlicht, aber schmackhaft, dann wären die riesigen Schotterparkplätze für alle Zeiten unverkäuflicher Baugrund.

Die Tür geht auf, und herein kommt eine lärmende Meute. Mehrere Erwachsene und Kinder. Schlagartig ist alle Ruhe dahin. Ein radauartiges Stühle- und Tischegerücke setzt ein. Es läßt zunächst ein wenig nach, um sich dann in infernalisches Gebrüll umzuwandeln. Diese Menschen sprechen nicht miteinander, sie schreien sich an. Mit lachenden, fröhlichen Gesichtern. Irritiert schauen wir, der Tageszeit gemäß, wenigen Gäste in die Runde. Mein Blick trifft den der Bedienung. Wir schütteln synchron die Köpfe. Wanitfa, der von Menschen erzeugter Lärm eigentlich sozusagen von Hause aus geläufig sein muß, schaut entgeistert bis entsetzt.

Ich versuche, die Sprache einzuordnen. Aha. Hebräisch. Zwischendrin ein paar französische Fetzen. Vermutlich Familienbesuch aus Israel. Die Bedienung geht nach einer Weile an die Tische zu den nun doch arg krawalligen Gästen und ermahnt sie. Es seien schließlich noch andere Gäste hier. Mittlerweile ist es auch mir unangenehm, obwohl ich zu wissen meine, was hier los ist. Deshalb mache ich ein unbeteiligtes Gesicht. Wanitfa murmelt, sie verstehe mich nicht. Ich würde mich doch normalerweise schon aufregen, wenn irgendwo ein Väschen umfalle oder ein Hündchen kläffe. Das Väschen ignoriere ich, ein Hündchen, entgegne ich hingegen, diese geradezu perverse französische Unart der Tierliebe, diese Fifi-Seuche, die ich ohnehin ausrotten würde, sobald ich an der Regierung sei, sei etwas völlig anderes. Das hier ... Wie bitte? Sie faßt es nicht.

Ich will es zu erklären versuchen. Hebräisch sei es. Sie kämen aus Israel. Ob das ein Grund sei, alle anderen mit einem derartigen Krach zuzumüllen? Genau, gebe ich zu verstehen, das sei der Grund, weshalb sie es dürften. Ich ernte abgehackte Sätze, die als Synonym für Sprachlosigkeit gelten könnten. Irgendwas mit sie sei ja einiges gewöhnt von ihren Landsleuten, aber ... Eben drum, kann ich mir nicht verkneifen, wenn euer Nachwuchs bis morgens um fünf irgendeine vor Jahren gewonnene Meisterschaft gegen das Lieferantentorblech des Centre Bourse footballert und ausnahmsweise auch ihr Beurs euch als Franzosen fühlt, dann darf ich schlaflose Nächte lang von der vereinten Grande Nation tagträumen, aber ... Sie ist am Ende ihrer Sprache angelangt. Das gibt mir die Möglichkeit eines weiteren Erklärungsgversuchs.

Sie haben früher schweigen müssen. Immer. Über Jahrhunderte. Immer und immer und überall. Und wenn sie zusammen sind, machen sie Lärm. Sie machen sich Mut, wenn sie in der Familie, unter Freunden sind. Normalerweise machen sie das nur zuhause in Israel. Dort sagt ihnen niemand mehr, sie sollen schweigen. Hier scheint mir jetzt die Wiedersehensfreude ein bißchen eine Rolle zu spielen. Ich hab das früher im Gelobten Land auch immer ziemlich verflucht. Es ist ein geradezu infernalischer Radau. Schlimmer als in Marseille, der Stadt, in der der Achtundvierzigstundenlärm erfunden wurde. Viel schlimmer. Vor allem bei Familienfesten. Da drehen selbst die ansonsten ruhigeren Temperamente geradezu durch. Und es wird dauernd irgendwas gefeiert. Und hier und jetzt haben sie eben auch was zu feiern. Zuhause sagt ihnen niemand mehr, sie sollen die Klappe halten, weil sie sonst eine draufbekämen. Ich vermute auch, daß die legendäre Unhöflichkeit der Israelis, das immerwährende schlechte Benehmen damit zu tun hat. Sie machen einfach, was sie wollen. Das dürfte auch der Grund sein, daß sie heute erst zuschlagen und dann erst fragen, was denn eigentlich los ist. Danach. Niemand soll ihnen mehr was vorschreiben. Niemand soll ihnen mehr etwas wegnehmen. Nie wieder darf ihnen jemand mehr an die Haut! Es ist äußerst schwierig, das in den hiesigen Breiten zu vermitteln.

Ich tue etwas, was mit Sicherheit noch vor kurzer Zeit selbst in meinen kühnsten Heldenträumen nicht geschehen wäre — ich gehe zu den Israelis hin und krame meine wenigen Brocken Hebräisch zusammen, die noch übrig sind von meinen früheren Reisen in das Land, dessen Bürger ich beinahe einmal geworden wäre (hätte nicht der Sechs-Tage-Krieg begonnen, der mich vor einem soldatischen Dasein in Nahost abhielt und lieber in Mitteleuropa hat revolutionär sein lassen). Ich grüße freundlich und wünsche einen guten Tag, der ja in Israel mit Frieden beginnt. Ich bitte um Verständnis dafür, daß solcher Ausdruck an Lebensfreude für hiesige Ohren doch etwas ungewohnt sei. Und ich bastele noch die Bemerkung zusammen, man habe hier vielleicht auch nicht diese triftigen Gründe. Ich blicke in sehr erstaunte Augen. Ein älterer Herr steht auf, geht auf mich zu und umarmt mich. Er wünscht mir Frieden. Für alle Zeiten. Ich grüße zurück, wünsche dies ebenso. Ich wende mich ruhig um und gehe an unseren Tisch. An ihm sitzt eine zwar zauberhafte, aber auch fassungslose Beurette. Und sie hat Tränen in den Augen. Sie schüttelt ganz sachte den Kopf. Wir schweigen ein wenig. Alle. Es wird dann wieder lauter, aber doch wesentlich reduzierter. Es wird nicht lange dauern, und der Pegel wird sich wieder nach oben orientieren. Es ist so. Und es ist auch gut so.

Wir bitten die Bedienung, zahlen zu dürfen. Sie nickt und signalisiert ihr sofortiges Kommen. Als ich den Blick wieder etwas senke, steht ein niedliches, entzückendes — ach was, alle Kinder sind entzückend — etwa vierjähriges Mädchen mit großen runden, fast schwarzen Augen und mittelblonden Locken am Tisch. Es hält etwas Weißes in den nach oben geöffneten Händchen, das wie ein Tuch aussieht. Es murmelt etwas, das ich nicht verstehe. Ich beuge mich zu ihm hinunter. Nein. Ich stehe auf und gehe in die Hocke, auf seine Höhe. Es streckt mir die Händchen entgegen und bedeutet mir, das Tuch aus der Hand zu nehmen. Ich sehe aus den Augenwinkeln, daß alle an den beiden Tischen Sitzenden die Szene aufmerksam beobachten. Ich folge behutsam der Aufforderung und nehme das Tuch. Ich schlage es auf. Es entfährt mir ein lautes mon Dieu! Es ist ein kleiner, goldfarbener Magen David, ein Davidstern. Nun fehlen mir die an sich schon dürftig vorhandenen Worte. Es durchströmt mich eine schier unglaubliche Freude. Und zugleich ist es mir unsagbar peinlich. Dafür, daß ich einmal meine Feigheit etwas niedergerungen habe, soll ich gleich so belohnt werden. Ich küsse die Kleine auf beide Wängchen. Ich sehe, wie Wanitfa sich zu ihr hinunterhockt und sie in den Arm nimmt. Ich überzeuge mich davon, daß dort, wo soviel Überwindung vorhanden war, noch ein bißchen mehr Kraft stecken muß, und gehe zu ihnen hin. Ich konzentriere mich, um einen einigermaßen verständlichen Satz zuwege zu bringen. Ich bedanke mich mit ruhigen, klar gesprochenen Wörtern. Dann gehe ich zu jedem einzelnen hin, umarme ihn und kehre ohne einen weiteren Blick an unseren Tisch zurück, bitte Wanitfa, die Rechnung zu begleichen, verlasse das Restaurant und gehe langsam in Richtung Auto.

Draußen fällt mir unser Gespräch wieder ein über Humor und Witz und die schweinerne Wurst, die sich mit Gottes Hilfe in Fisch verwandelt, über Christen- und Judentum, den Islam, über Religionen im allgemeinen, das wir geführt hatten auf dem Weg von Le Puy an und dessentwegen das eben Geschehene wohl geschehen mußte. Ich nehme es wieder auf und schließe es zugleich ab:

Nun denn. Jacques Monod meinte, der Mensch müsse seine Vergessenheit am Rande des Universums endlich erkennen. Es sei taub für seine Musik und blind für seine Hoffnungen, Leiden und Verbrechen. Darauf das kleine Männchen mit die listige Oigen, Albert Einstein: Wenn das Weltall die Frucht blinden Zufalls sein sollte, so sei das so glaubwürdig wie eine Druckerei, die in die Luft fliege und alle Buchstaben wieder zur Erde fielen — aber in Form eines fehlerfreien und gedruckten Lexikons. — Immerhin war Monod ebenfalls Naturwissenschaftler. Na ja, wohl zuerst Biologe, nein, Biochemiker, na, das ist ja sowas ähnliches, und dann erst Christen-Philosoph. Und sehr, sehr komisch finde ich auch Einsteins Antwort auf die Frage, ob er an Gott glaube — womit wir noch näher am jüdischen Witz wären. Einstein meinte, er brauche ihn nicht. Denn er sähe ihn ja täglich bei der Arbeit.
 
Mo, 09.06.2008 |  link | (2696) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Unterwegs



 

Mutterländisches

Ach, mein lieber Yves,
dieser zunehmend anschwellende Bocksgesang, dieses tragedische Schuld-und-Sühne-Geschwafel, dieses letztendlich inhaltlose, ausnahmweise mal westjiddische Geseire um Vater-, meinetwegen auch Mutterländisches. Und dann diese immer neuen Mauern, die sie bauen. Da führen sie ein Welttheater auf, die Deutschen, um den sogenannten Fall der Berliner Mauer. Und was geschieht kurz danach? Sie errichten Wälle, wie sie alle Ulbrichts und Honeckers dieser Erde höher nicht hätten ziehen können. Nur eben ein paar Kilometer weiter weg. Das überlassen sie nun denjenigen, die sie vor ein paar Jahren noch überrannt haben. Sie geben es weiter an Europa, das sich nunmal abgrenzen muß, um nicht überrollt zu werden von allen diesen bis an die Zähne bewaffneten Attilas und Saladins. Aber auch Rom hat es nicht geschafft, sie abzuwehren, diese Goten und Kimbern und Teutonen und Vandalen aus dem Barbaricum. Der keltische Gallier Asterix hat es offensichtlich zu sehr in Atem gehalten.

Ich hätte mit folgenden Pässen an den Asyl-Grenzen abgewiesen werden können: sowjetisch, heute also russisch, finnisch, bolivianisch, englisch republikanisch südafrikanisch, wieder finnisch; meinen Bruder hatte es zunächst polnisch erwischt. Dort überall haben meine Eltern Station gemacht, und überall hätte ich ausgeworfen werden können, hinein in eine mehr oder minder freudvolle Nationalität. Mein Vater hat es verursacht, ein Getriebener mit einem Treibmittel in den Genen, das mindestens so alt ist wie Marseille, zumindest so alt wie die Geschichte eines Volkes. Damals folgten Frauen züchtig gezüchtigt ihren Männern. Und sei es in die Hölle der Fremde, wo er eben fremd ist. Dort überall hätte ich zu einer Nationalitätsbestimmung kommen können. Aber da mein Vater die Fesseln von Religion und Ehe abgelehnt hat, bin ich aus dem Leib meiner elsässischen Mutter, die sich geographisch lagebedingt eher lothringisch fühlte, aber bisweilen auch gerne heftig pariserisch aufführte, heraus direkt erst einmal Deutscher geworden.

1870/71 mußte die französische Rheinarmee bei Metz, dem gallisch-römischen Mediomatricum, kapitulieren. Bis 1918 war es deutsch. Und dann wieder ab 1940. Das deutsche Reich hatte das durch die Annektion von Elsaß-Lothringen beschlossen. Meine Mutter war Deutsche geworden. Zwangsdeutsche. Das hat sie denen ein Leben lang nicht verziehen. Wohl deshalb handelte sie später nach der Prämisse des Bayern Herbert Achternbusch: Dieses Land hat mich kaputtgemacht. Jetzt bleibe ich solange hier, bis man es ihm ansieht. Meine ganz persönliche Deutschen-Hasserin hat’s ihnen gezeigt. Nach den langen Jahren überall im Ausländischen hat sie sich gerächt und einfach in diesem Land gelebt. Weshalb sie sich allerdings nach der Rückgabe von Lothringen und Elsaß Frankreich 1944/45 nicht schnurstracks wieder französisch gemeldet hatte, sollte mir auf ewig verborgen bleiben. Sie liebte das Rätselhafte. Vor allem ihrem Sohn gegenüber. Kinder müssen ja schließlich nicht alles wissen. Auch, wenn sie schon ein bißchen älter sind. Und hätte sie mit dem Auswurf meiner wenigstens noch ein bißchen gewartet und wäre ins Nachbarland umgezogen — am 2. Januar 1946 wurde das Saarland wieder der Grande Nation zugeschlagen —, bevor sie sich an meines Vaters Wanderleben beteiligt hat, nachdem Besatzungssoldaten ihn aus seiner kurz- und zwischenzeitlichen Behelfsunterkunft herausgeholt hatten, dann hätte ich später nicht zur Préfecture bittgehen müssen und mir die Kommentare dieses verbeamteten Generalabweisers ersparen können, die er ungefragt — auf deutsch! — ablieferte angesichts des höchstministeriellen Schreibens: Nun gut, Monsieur, nach den Gesetzen der République Française sind Sie von Abkunft her Franzose. Sie benötigen also lediglich eine Urkunde sowie einen Paß. Beides liegt hier vor mir, und es wird Ihnen ausgehändigt werden. Doch weshalb zieht es Sie so weit in, nenne ich es einmal so, in den Süden? Wäre für Sie Ihre eigentliche Heimat nicht genehmer?

Diesen fonctionnaire administratif, quasi ein elsässischer «Landsmann» von mir, wie er nebenbei erwähnte, diesen mâitre d'hôtel der Gnade, hatten sie zu den métèques kurz vor Afrika abkommandiert. Er litt bereits seit zwanzig Jahren darunter. Wahrscheinlich hatten sie ihn wegen rechtsrheinischer Umtriebe strafversetzt. Jeder Deutsche sei ihm lieber als diese racaille, das sagte er dann doch lieber französisch, fast sah man den (Ab-)Schaum vorm Mund, vermutlich in vorauseilendem Gehorsam gegenüber seines späteren Monsieur le Président de la République, den er selbstverständlich wählen würde, der das Pack, nein, selbstverständlich lediglich die Cités würde auskärchern, das äußerte er nonverbal mit funkelnden Äuglein. Auch wenn die Boche seinem Großvater bei Verdun, da hatte er die Sprache wieder ingang gesetzt, nicht in sein Sitzfleisch getreten, sondern derart hineingeschossen hatten, daß man zuhause mal wieder eine ordentliche viande hachée zu essen bekam. Begleitet war das von mildem Lächeln. Man befand sich ja unter Männern, Landsmännern sozusagen.

Ich habe es ihm nicht gesagt, daß ich gerade deshalb in den Süden ginge, in diesen riesigen städtischen Fischtopf, in dem seit 2600 Jahren das vorrömische Europa schwimmt, dorthin, wo alle gefüllte Weinblätter äßen, wie der italienischspanischstämmige Franzose Jean-Claude Izzo geschrieben hatte, und eben nicht, um Menschen wie ihn zu treffen, die doch besser in ihre handgehäkelte Fackwerkbiederkeit mit kleinstteilig romantisierender Deutschensehnsucht hineinpaßten. Ich habe mich ebenso duckmäuserisch verhalten, wie ich es an anderen hasse und es ihnen vorwerfe. Ich habe dazu geschwiegen, damals, wegen einer Urkunde und einem Paß, die er mir auch hätte aushändigen müssen, wenn ich ich ihn einen widerlichen salaud, einen Hundsfott geheißen hätte. Er solle doch wissen, hätte ich ihm noch sagen müssen, daß hier in dieser Stadt die Kanonen immer gen Festland gerichtet waren.

Aber ich wollte einfach endlich zuhause angekommen sein.

À bon entendeur, salut !

Jean
 
So, 08.06.2008 |  link | (5408) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Inneres



 

Multikulturalismus und Wirtschaft

«Die Aufklärung gehört dem Menschengeschlecht und nicht nur einigen Privilegierten aus Europa und Nordamerika — die sich überdies herausnehmen, sie wie verwöhnte Gören mit Füßen zu treten und anderen vorzuenthalten. Vielleicht ist der Multikulturalismus angelsächsischer Prägung nichts anderes als eine legale Apartheid, begleitet — wie so oft — vom rührseligen Gesäusel der Reichen, die den Armen erklären, daß Geld allein nicht glücklich macht. Wir tragen die Bürde der Freiheit, der Selbstverwirklichung, der Gleichberechtigung der Geschlechter, euch bleiben die Freuden des Archaischen, des Mißbrauchs nach Vorvätersitte, der arrangierten Heiraten, Kopftücher und Vielehen. Angehörige dieser Minderheiten werden unter Denkmalschutz gestellt. Wir sperren sie in ein Reservat, um sie vor dem Fanatismus der Aufklärung und den Kalamitäten des Fortschritts zu bewahren: All jenen, die uns unter dem Sammelnamen Muslime bekannt sind (Maghrebiner, Pakistani, Afrikaner) soll es verboten sein, den Glauben abzulegen, oder nur ab und zu zu glauben, auf Gott zu pfeifen oder sich ein Leben fernab von Koran und Stammesriten aufzubauen.»

Auf diese Perle bin ich gestoßen. Nein: Perlchen, denn die gesamte Perlenkette, aufgereiht von dem guten alten Pascal Bruckner, über dessen gemeinsam mit Alain Finkielkraut verfaßte Neue Liebesunordnung ich heute noch schmunzle (und nachdenklich werde), muß man lesen. Es ist wohltuend, wie unaufgeregt und wohl deshalb analytisch präzise er die Tricolore der Freiheit und damit des Geistes hochhält. Seine essaiistische Auseinandersetzung mit dem Multikulturalismus, diese Perle ist zu lesen, na wo wohl, im Perlentaucher.

In brand eins meinte er: «Wirtschaft ist keine Religion», wobei:

«Die Utopie des Internets und das Börsenfieber der Neunziger veranlaßte die Menschen zu glauben, die ganze Welt ließe sich zivilisieren und alle Menschen könnten miteinander versöhnt werden. Doch obwohl das Internet zweifelsohne eine außergewöhnliche Technik ist, ist es ihm nicht gelungen, die Ungleichheiten zu beseitigen; es hat auch nicht die Hungersnöte abgeschafft oder die Demokratie verbreitet. Es ist nicht das neue Gehirn der Welt, so wie manche dachten. Es ist lediglich ein neues Kommunikationsmittel; an den großen Problemen wie Elend, Tyrannei oder Bildungsmangel ändert es nichts. Das heißt, wir leben noch immer mit der Illusion, eine einzige Erfindung würde es ermöglichen, alle Probleme, die jahrhundertelang unlösbar waren, auf einen Schlag zu beseitigen; und das ist leider nicht möglich.»
 
Sa, 07.06.2008 |  link | (2833) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 







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