Pöëtikäia Popäia

Nun ist er endgültig umgefallen, der schiefe Turm von PISA. Nicht in Pisa. In Hildesheim, dem neuen Weimar:

Dirk Knipphals: «Der Band versammelt die Poetiken sowie Ausschnitte aus den stattgefunden habenden Dikussionen.»

Jagoda Marinic: «Es schreibt sich in diesen schönsten, leuchtendsten Momenten etwas von der Zerrüttetheit der Welt.»

Florian Kessler: «Manchmal, vielleicht, für Momente bloß, könnte etwas wie eine Militanz der Bilder entstehen.»

Ann Cotten: «Nein, nein: Ich schreibe natürlich einfach, und vor allem solche Poetiken wie diese bloß, weil man davon lebt.»

Steffen Popp: «Gegen die ständige Bewusstheit und zur Aussteifung des episodischen Erinnerns muss man Strukturen in Anschlag bringen, Handlungen/Geschehen ausfalten, Narration betreiben.»

Dirk Knipphals: «Darüber hinaus finden sich alle Themen, mit denen sich unweigerlich herumschlägt, wer mit dem Schreiben anfängt. Reflektiert wird, dass man auf einen Buchmarkt trifft, dass man sich zwischen dem Avantgarde-Pol und dem Narrations-Pol verorten muss, dass amerikanische Erzähler oft gute Vorbilder abgeben, dass es auch Leser gibt und manches mehr.»

Mehr zu derlei Verortung des Guten, des Wahren und des Schönen in der Medienlese.

Meine Güte, ist das schwül. Zum Umfallen.

Wie soll man denn da kreativ schreiben können, Herr Ortheil?
 
So, 22.06.2008 |  link | (3167) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Oh Lord! Buy me a ...

Kunst, kam es mir dieser Tage aus dem bedeutenden Magazin für Lebensfragen entgegen, sei der Luxus von heute. Und wo grenzenloser Luxus herrscht, wie das das hierzulande nunmal der Fall ist, kocht manch einer sein Süppchen. Bald haben wir mehr Kunstmessen als Kochsendungen. Solche erhöhen, wie wir wissen, das Qualitätsniveau ungemein.

Und so wie das Kochbuch boomt, werden gerne auch Kunstfonds an- und Begleitbücher aufgelegt — bildende Kunst als Geldanlage, mit einer versprochenen Rendite von auch schonmal zehn Prozent (und mehr).

Nun, so neu ist die Idee nicht, die wahre Kunst in die Ware Kunst umzuwandeln. In den siebziger beispielsweise und auch noch in den achtziger Jahren galt es unter kapitalismuskritischen Künstlern — doch welcher Künstler war das nicht nach '68? — noch als unrein, sich zu prostituieren. Das änderte sich Anfang der Neunziger. Selbst die Produzenten der wahren Kunst nahmen ein paar von den Krümeln, die vom immer opulenter werdenden Kuchen Kunstmarkt abgefallen waren. Dann geschah, was geschehen mußte: Der Kunst-Kuchen erwies sich als Baisser, das Volumen bestand nahezu ausnahmslos aus Luft. So, wie seinerzeit quadratzentimetergroße Farbteile von den ungrundierten Leinwänden der schnell dahingerotzten Gemälde der Neuen Wilden und deren Kulturfolger fielen (heutzutage löst sich der millionenteure Tigerhai von Damien Hirst langsam auf) und manch ein sogenannter Sammler verzweifelt versuchte, ohne allzu großen Verlust sich dieser Fast Art wieder zu entledigen.

Doch der Markt erholte sich relativ rasch wieder. Mehr: Waren in den Neunzigern Bilder für irrsinnige fünfzig- oder sechzigtausend und noch viel mehr Mark in die USA verschifft worden, so kostet das einige der heutigen Jungstars und deren Galeristen ein müdes Lächeln: seit endlich wieder Männchen gemalt werden (und nicht mehr nur noch undefinierbare Pinseleien), seit aus der sogenannten Leipziger Schule Dauer-Rauch aufsteigt, seit man dort — zumindest aus dem Blickwinkel der Schlagzeilen-Presse — nur noch Astronomisches produziert. Klar: sogenannte Klassiker sind ohnehin nur noch zu Preisen zu haben, von denen Tucholsky einmal geschrieben haben dürfte: «... das ist keine Zahl für uns andre ...»

Erheblich dazu beigetragen haben die Investoren. Das sind nicht nur die vielen jungen, geradezu modisch uniformierten coolen Typen auf den mittlerweile unzähligen Kunstmärkten (bald werden es so viele sein wie Sommer-Festspiele), denen die Definition «Kunst kommt von Kunst» ansonsten sonstwo vorbeigeht. Was zählt, ist der event. Und die Gemeinde wird immer größer. Früher ging der Mensch zum Beten in die Kirche. Heute geht er zum Gospeln ins Museum. Oh Lord! Buy me a Gerhard Richter (my friends all drive Porsches ...)

Investieren! Ich stecke (viel) Geld in ein Produkt, um es nach möglichst kurzer Zeit mit möglichst hohem Gewinn wieder loszuwerden. Es soll ja Menschen geben, die im Zusammenhang mit Liebe von Investition sprechen: Ich investiere in meine Frau (und versuche sie gewinnbringend wieder abzustoßen?). Es gibt Menschen, die ihre sauer verdienten Kröten in Aktien gesteckt haben, weil ihnen suggeriert wurde, zehn Prozent und höherer Gewinn sei so gut wie sicher. Das waren zu großen Teilen Kleinanleger. Die Ersparnisse — es ist hinlänglich bekannt und manch einer weint heute noch bitterlich — sind dahin.

Und nun haben wir also den Kunst-Hype; früher nannte man das mal schlicht Rummel, Rummel wie Rummelplatz. Und dorthin geht der etwas besser Verdienende, der Bankangestellte (neudeutsch: «Banker»), der Restpostenmarktfilialleiter («event manager»?) oder dessen Frau nunmal gerne (auch auf die Volkshochschule: «Wissen. Einführung in die Kunstgeschichte des dritten Jahrtausends. Zwei Stunden.»). Oder anders: Auch bei ihm hat sich herumgesprochen, daß Kunst etwas Besonderes (und damit Wertvolles) sein muß. Und damit kennt er sich nunmal aus, zumindest der Banker im ersten Gesellenjahr: mit der Geldanlage im kleinen. Und an den Kleinanleger wendet sich manch einer dieser Kunstfond-Anbieter auch. Denn wie anders ist es zu erklären, daß man bereits ab 2.500 Euro mit dabei ist?

Bei den Schwenks über die Angebote solcher Kunstfonds — deren künstlerische Investitionen auch schonmal auf zweiter oder dritter Wahl basieren — werden gerne Bilder von A. R. Penck und Keith Haring gezeigt. An den piktogrammartigen Figuren dieser beiden geistigen Verwandten kommt ja nun wirklich keiner mehr vorbei. Die von Haring sind mittlerweile zu Signets oder Unterrichtsvorlagen nahezu jeder Grund- oder Hauptschule avanciert. Das kennt man, man geht also nicht das Risiko ein, daß der potentielle Interessent sich ausklinkt. Außerdem wird so die Hemmschwelle gesenkt (wie bei der Telephon-Aktie; ein Telephon hatte ebenfalls jeder schonmal in der Hand gehabt). Oder liegt's an den berichtenden Journalisten, denen außer Penck oder Haring noch keine anderen zeitgenössischen Künstler unter die Augen gekommen sind? Kommen die Orders für diesen Boulevard nicht ohnehin aus dem Wirtschaftsressort? Was in der Natur der Sache läge.

Als in den neunziger Jahren die Kunst-Blase platzte, war manch einer um einige Mark ärmer, der damals schon geglaubt hatte, mit Kunst sei richtig Geld zu machen. Das waren bereits zu dieser Zeit nicht unbedingt solche, die den Sparstrumpf ausleeren mußten. Doch heute — zu Zeiten, in denen nahezu jeder Kneipensparer trotz weltweiter Zusammenbrüche meint, aktiv über die Finanzmärkte bummeln zu müssen — wird's kritisch. Seit langem fragt sich die Fachwelt auch hier: Wie lange wird diese Hausse anhalten? Wann kommt (endlich!) die Baisse, nein: der Crash?

Nein, anders: Ob irgendwann mal wieder über Kunst gesprochen wird?
 
Sa, 21.06.2008 |  link | (5273) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Marktgeschrei



 

«When I am laid in Earth ...»

Es muß die Zeit gewesen sein, als sich meine kindliche Opernschockstarre langsam löste und ich allenfalls das Gängige im Repertoire hatte. Als einer, der allmählich dazu übergegangen war, Klassik und Oper als Klangteppich über die Unbilden des Alltags zu hängen, saß ich mit einem Mal stocksteif, wie mit Elektroschock therapiert, als dieses Lied aus dem Radio kam. Das hatte ich noch nie gehört. Und schon gar nicht diese, solch eine Stimme. Dagegen war meine griechische Kindheitsmarter wahrlich eine parodontitische Kreissäge. «Remember me», sang dieses Wesen aus einer anderen Welt, «but ah! forget my Fate.»

Dennoch geriet das Klangereignis in Vergessenheit. Ich war noch nicht so weit, wieder oder überhaupt gezielt Oper zu hören. Konzentriert zuhören war nur möglich beim Jazz, in den ich ich geflüchtet war: das Jazz Composer’s Orchestra oder Alexander von Schlippenbach waren mir musikalisches Mauseloch, auch das Chanson, das in Frankreich unter Variété zu finden ist. Dann sah ich mich eines Tages in einem Plattenladen einem faszinierenden Gesicht gegenüber. Und da es hin und wieder vorkam, daß ich eine Platte kaufte, weil mir die Interpretin so gut gefiel, nahm ich auch diese Vinyl-Scheibe mit. Zuhause legte ich sie auf meinen grauen Braunteller — und war dem Déjà-vu nahe. Nunja, zumindest meinte ich, diese Musik schonmal gehört zu haben. Sie behagte mir sehr, und ich setzte mich in den Sitzsack, um zu lauschen. Und mit einem Mal war es wieder da, dieses Faszinosum, und es sang: «When I am laid in Earth ...»

Seither geschieht es immer wieder mal, daß ich den Klangteppich wegräume, alles verdunkle, mich in den zum Sessel gewandelten Sack setze, die Platte auflege und ihrem außerirdischen Gesang konzentriert zuhöre, den sie in aus Henry Purcells Dido and Aeneas (pdf) herauszaubert.

Gestern abend war nach zweieinhalb Stunden Schlaf Ende. Das kommt vor, und das beste Wiedereinschlafsandmännchen heißt bei mir nunmal: Fernseher einschalten. Allein dafür steht er am Bett. Es funktioniert in der Regel: meist bin ich nach zehn Minuten wieder eingeschlafen. Aber gestern klappte es nicht. Dann da war es wieder, dieses Gesicht, das für mich als Synonym für Schönheit steht: eine Nase, wie sie Albert Uderzo bei seiner Cleopatra nicht hinbekommen hat, Lippen, bei der mir eine edle bretonische Erdbeerauster in mein Hirnkino fährt. Kein Alter Meister fiele mir ein, der diese Harmonie der Vielfalt auf die Leinwand bekäme: Intelligenz, Wärme, Sanftmut, Wachheit, Energie.

Ich bin offensichtlich in den Anfang der Sendung hineingeraten. Denn rund vierzig Minuten durfte ich genießen, was dieser Sopran quasi als Vervollkommung seines Gesichtes äußerte. «Sie spricht mit dem österreichischen Künstler André Heller», heißt es bei arte, «über ihre künstlerische Laufbahn, ihre Ängste, Inspirationen, Freuden und Verstörungen sowie über die Schwierigkeiten, ein Star zu sein.»

Ich hab's nun wirklich nicht mit Stars. Wer als solcher bezeichnet wird, dem kann es durchaus passieren, bei mir auf Mißachtung zu stoßen, und sei er noch so brillant (später entdecke ich ihn dann möglicherweise für mich ganz alleine). Und Pressetexte berauschen mich auch nicht gerade. Aber den von arte unterschreibe ich, unter anderem das von mir Gefettete: «Das Gedankenpanorama und die Bekenntnisse der charismatischen Künstlerin werden dramaturgisch immer wieder durchbrochen von Liedern und Arien.» Zum Schluß, das mußte sein: «When I am laid in Earth ...»

Dem tat diese unsägliche Inszenierung zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution dann auch keinen Abbruch mehr. Ich verzeihe ihr, daß sie sich hat in eine aufgeblasene Tricolore hat stecken lassen. Sie hat sie für die Galerie hübsch gesungen, die Berlioz-Marseillaise. Kein Blutgesang mehr, nur noch Kunstpathos, wenn es auch ganz ohne Marschtritt nicht zu gehen schien.

Die Sendung wird wiederholt, erzählt arte.
 
Fr, 20.06.2008 |  link | (3363) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 







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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6513 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00



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