|
Schmidtiomanie «Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität.» Unsereins kann im Bett nur fernsehen. Denn dafür ist so ein Gerät ja da. Einschalten, und der Schlaf setzt in der Regel innerhalb kürzester Zeit ein. Dabei spielt es keine Rolle, ob Aida, Annette Gerlach, Heino, Isabelle Huppert, Jörg Kachelmann, der Ratzinger oder le Sarkozy oder Sarastro oder gebrochene japanische Heilige Dämme oder sonstige Überschwemmungen die 16:9-Bühne mehr oder minder beleben. Ein paar Minuten, und das Wüstenmännchen bläst mir eine komplette Sahara in die Augen. Weg bin ich. Bis Morpheus seinen Wagen wieder in die Garage schiebt. So ähnlich hat ein gewisser Schmidt den ersten Hahnenschrei beschrieben. Doch es soll ja Menschen geben, die im Bett lesen. Nicht nur Mimi ihren Krimi. Auch Arno seinen Schmidt. Mit dessen Zettels Traum wird das allerdings schwieriger. Die meisten deutschsprachigen Betten haben dafür ja zu wenig Platz (weshalb die Ausgabe des S. Fischer-Verlags von 1977 ja eigentlich auch auf dem eigens dafür getischlerten Lesepult im eigens dafür gebuchbinderten Schuber liegenbleibt; aber heute wurde es aus Gründen der Bequemlichkeit auf dem Fußboden aufgeschlagen, um nach langer Zeit mal wieder wieder darin zu lesen). Zudem: dreispaltige Träume können einem die Nacht derart zerteilen, daß einem nach dem Ausparken aus dem Lager nicht mehr klar ist, wer Morpheus war. Und so notierte der offensichtlich schlafgestörte Postillon eines Humors des Angewidertseins, dieser Komödiant für leidensbereite Schlaflose aus dem Heidedorf Bargfeld selbst einmal: «Schlafbücher müßte es geben: von zähflüssigstem Stil, mit schwer zu kauenden Worten, fingerlangen, die sich am Ende in unverständliche Silbenkringel aufdrieseln; Konsonantennarreteien (oder höchtens mal ein dunkler Vokal auf ‹u›): Bücher gegen Gedanken.» [Nebenmond und rosa Augen, Haffmans Verlag, Zürich 1991, Seite 30ff.] Dem zum Trotze: Für diejenigen, die's partout nicht lassen können, mit Schmidt ins Bett zu gehen, aber auch für diejenigen, die als Koksverächter alle Nase lang eine kreditkartenlange Linie Lästerlichkeiten benötigen, hat Bernd Rauschenbach, quasi oberster Schmidt-Verweser, eine kleine Schmidt-Insel für Fernsehflüchtlinge geschaffen: Arno Schmidt für Boshafte Mit der Rückumschlagaufschrift: «Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um Rücksichten zu nehmen.» Und mit einem Hinterherruf von Bernd Rauschenbach versehen, in wohltuender Seniorenrechtschreibung und genüßlich gelesen, über Arno Schmidts Boutaden, darin: «(Schmidts Behauptung, ein Kritiker habe ihn «den umgestülpten Mastdarm des Teufels» genannt, läßt sich allerdings nicht verifizieren.) [...] Schmidts Ich-Erzähler, die in dieser Auswahl vornehmlich zu Wort kommen, sind meist leidenschaftliche Einsame, die sich wie im rasenden Sturz durch die Welt bewegen scheinen, von der sie wissen, daß sie definitiv nicht die beste ist.» Und Rauschenbach nimmt auch denen gleich die Schimpfeslaune, die sofort wieder losgreinen ob des terminus technicus Boutade, den das Lexikon mal wieder nicht hergibt, hält es mit Georg Klein, der in der Süddeutschen Zeitung über die Neuausgabe von Schwarze Spiegel schrieb: «Falls man das Gymnasium vor zwanzig oder dreißig Jahren absolviert hat, mag man darüber staunen, was inzwischen nicht mehr als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden kann. Muss man wirklich erklären, was ein ‹Vließ›, ein ‹Vagant› oder eine ›Karawanserai› ist? Brauchen ‹Herkules›, ‹Ikarus› und ‹Robinson› eine eigene Anmerkung? Kann man nicht von Grundkenntnissen im Englischen und einem geschichtlichen Basiswissen ausgehen? Wer indes gelegentlich mit den gegenwärtigen Abiturienten und Literaturstudenten zu tun hat, wird die Genauigkeit des Kommentars keinesfalls für übertrieben kleinlich halten.» Allerdings läßt Rauschenbach den außerordentlichen Kunst- und Kulturkritiker Albrecht Fabri diesen Begriff erläutern; wobei er zugleich auf einen weiteren Autor hinweist, der wie andere im Nirgendwo zu enden scheint: Ein Passus aus Albrecht Fabris 1948 erschienenem Essay Der schmutzige Daumen paßt ziemlich genau auf Schmidts Ausbrüche: « ‹Boutade› nennt man diese Art von Ausspruch im Französischen: ein Wort, für das wir im Deutschen kein Äquivalent haben. Saillie d'esprit et d'humeur definiert es der Dictionnalre der Académie françalse; der Dictionnalre von Littré sagt: saillie d'esprit ou d'humeur. Aber der humeur ist nicht ad libitum in der Boutade, sondern ihr Prinzip und Motor. Eine Boutade ist ein Ventil, durch das sich eine Irritation Luft macht. Daher das Element Rabelais und Münchhausen in ihr: eine Boutade ist hyperbolisch oder überhaupt nicht; sie will abstoßen, provozieren, ihrem Autor Feinde machen; an der Boutade erkennen und scheiden sich die Geister. Darum auch gibt es keine Antwort auf eine Boutade. Eine Boutade ist kein Wort, sondern eine Art von militärischem Signal. Sie ruft gleichsam zu den Waffen; sie zwingt, Positionen zu beziehen; ist man betroffen von ihr, bleibt einem nur, sich drüber zu ärgern; ist man unbeteiligt, mag man sich dran ergötzen.» [A. F., Der schmutzige Daumen. Zweitausendeins, Frankfurt/Main 2000, S. 135 f.] «Selten», dann wieder Rauschenbach, «hat ein Schriftsteller in seinen Texten mit solchem Anspruch, mit solcher Macht ‹Ich› gesagt wie Arno Schmidt. Und in seinen Erzählungen und Romanen, die bis einschließlich Zettel's Traum in der Ich-Form geschrieben sind, zwingt Schmidt dem Leser in jeder Zeile, in jedem Satz dieses Ich auf.» Daß es sich dabei um ein anderes Ich handelt, weder um das der Ich-Sager der achtziger Jahre, die des Politischen überdrüssig geworden waren und sich nach innen geflüchtet hatten, noch um das der prospektiv-dymanischen Ich-Protzer, die im dritten Jahrtausend damit ihr inhaltsloses Egoversum aufzufüllen trachten, sondern um das eines Schriftstellers, dem es bitter ernst war in seinem Witz, das muß hoffentlich nicht erwähnt werden. Möglicherweise ist Arno Schmidt für Boshafte — unlängst erstanden für sechs Euro im Bücherbogen am Savignyplatz, wo so etwas immer herumliegt am Kassentisch (Schokoladenbonbonabfangtische für Menschen, die doch unbedingt schnell nur dieses eine Buch kaufen wollten) — ja tatsächlich ein Einstieg auch für Jüngere. Und sei's drum, daß sie mal miserable oder gewollt falsche, von keinen Oberlehrern ins Gesetzbuch gehobene Rechtschreibung beziehungsweise Interpunktion wie die von Schmidt mit Inhalten gefüllt sehen wollen. Rauschenbach beschreibt's taktisch weiser, geht mit seiner (gerechtfertigten) Schmidt-Preisung seriöser vor: «Schmidts Aussprüche sind keine Diskussionsbeiträge zur Lösung von Problemen, sie sind die Kriegserklärungen eines von Schopenhauer geprägten Pazifisten an eine Welt, die ‹besser nicht wäre›. [I,I,48] Der Leser des vorliegenden Florilegiums der Bosheiten wird nicht erwarten, den Identifizierungs-Effekt bei diesen aus jedem Zusammenhang gerissenen Zitatbrocken zu erleben — der kann nur bei der Lektüre vollständiger Werke auftreten. Hier aber hat er die Chance, Schmidts Aussprüche und Ausfälle in ihrer Isolierung als die Fundamentalprovokation wahrzunehmen, die sie ist. Er mag sich ruhig ‹dran ergötzen›. Doch manchmal sollte er sich auch ins Auge geschlagen fühlen — ‹Es ist eine der Aufgaben des Künstlers, boshaft zu sein !› — hoffentlich gibt er dann Funken.» Oder ganz anders, vielleicht verlagstechnisch gedacht: Eigentlich könnte der Titel ja auch lauten: Schmidt für Journalisten. Oder Schmidt für Bluffer. Also: Schmidt für unsereins. Denn Rauschenbach hat doch tatsächlich unter jedes Textfitzelchen genaue Nachweise gesetzt, etwa so: «llustrierte : die Pest unserer Zeit ! Blödsinnige Bilder mit noch läppischerem Text : es gibt nichts Verächtlicheres als Journalisten, die ihren Beruf lieben.» [I,I,206] Die erste I steht innerhalb der Bargfelder Ausgabe für Werkgruppe I: Romane, Erzählungen, Gedichte, Juvenilia Die zweite I für Band I, darin: <Schwarze Spiegel, nämlich Seiten 199 bis 260. So sich denn also der berufsliebende Mensch der Mühe unterzieht, hinten hineinzuschauen, um seinen Lesern oder Hörern oder Zuschauern mitteilen zu können, was er so alles in seiner Bibliothek stehen und gelesen hat, wird er allerdings vermutlich gewahr, noch viel schreiben zu müssen, bis er an die Schmidtschen Quantitäten heranreicht. Von den Qualitäten mal abgesehen. Nun, es soll ja auch Menschen geben, beispielsweise Hans Pfitzinger, die freiwillig ganze Schmidt-Passagen lesen (von kompletten Büchern ganz zu schweigen). Zum Beispiel Seelandschaft mit Pocahontas. [I,I,391-437] «Denken. Nicht mit glauben begnügen: weiter gehen. Noch einmal durch die Wissenskreise, Freunde! Und Feinde. Legt nicht aus: Lernt und beschreibt. Zukunftet nicht: seid. Und sterbt ohne Ambitionen: Ihr seid gewesen. Höchstens voller Neugierde. Die Ewigkeit ist nicht unser (trotz Lessing!) ...» Aus dem guten alten, leider verblichenen Stahlberg-Verlag in Karlsruhe (der Arno Schmidts Bücher einst verlegte, später dann Haffmans, auch er hinüber), also Stahlberg von 1959, hier zitiert nach dem Fischer-Taschenbuch aus dem Jahr 1966. Lesen ist schrecklich gehört zu meinen elementarsten Schmidt-Botschaften, einem Auszug aus Nebenmond und rosa Augen (laut des kleinen Schmidt-Breviers Werkgruppe I, Band 4, Seiten 135 – 140). Doch ich will die Gelegenheit nutzen, nochmal nachzuladen: «Eigenen Gedanken soll ich mich überlassen? Davor möge mich Gott bewahren! : meist habe ich gar keine; und wenn wirklich, dann sind die auch nicht erste Qualität. Ich habe ja alles versucht; ich bin wissenschaftlich geworden ; ich habe mir eine ganze Sammlung von Werken über den Mars angelegt, ausgesprochene Autoritäten, von Schröter über Schiaparelli bis Antoniadi und Graff : wenn ich dann im Geist über den rostroten Wüstenboden von Thyle I oder II wanderte, und in flechtenüberkrustete Felslabyrinthe einbog — bummelte nicht um die nächste Ecke schon Frau Hiller, einsam und listig? (Oder, noch schlimmer, die verdorbene Kleine vom Drogisten an der Ecke !). Geschichtliche Werke? : ich habe mich gewissenhaft in das Zeitalter Cromwells vertieft ; und unverzüglich die Kollegen durch ein trotziges und verwildertes Benehmen überrascht; tat seltsame Schwüre : ‹Bei Gott und dem Covenant!› ; unserm Einkäufer schlug ich vor, seinen Sohn zu taufen ‹Obadja-bind-their-kings-in-chains-and-their-nobles-with-links-of-iron›.» Ich mag den Alles-Plattmacher und Datensauger Amazon nicht. Bücher werden von mir im Buchhandel gekauft, und wenn's gar nicht anders geht, dann gibt es andere Versandhändler, die auch kostenlos und schnell liefern. Sogar den Nachwuchs und dessen Umgebung habe ich mittlerweile so weit hingebogen gekriegt, das einzusehen. Jetzt darf ich alles besorgen.
Verläßlichkeiten «Das Verläßlichste sind Naturschönheiten. Dann Bücher; dann Braten mit Sauerkraut. Alles andre wechselt und gaukelt.» Arno Schmidt
Bibliomanie ![]() Sucht, Bücher zu besitzen und zu sammeln. Descartes hat gesagt, die Lektüre sei eine Unterhaltung, die man mit den großen Männern der Vergangenheit führe, aber eine auserlesene Unterhaltung, in der sie uns nur ihre besten Gedanken enthüllen. Das mag bei großen Männern zutreffen. Da aber die großen Männer sehr selten sind, so wäre es verkehrt, diese Maxime auf alle möglichen Bücher und aller Arten der Lektüre anzuwenden. Es haben so viele mittelmäßige Leute und auch so viele Toren geschrieben, daß man im allgemeinen eine große Büchersammlung, von welcher Art sie auch immer sein mag, als eine Sammlung von Denkschriften über die Geschichte der Verblendung und Torheit der Menschen betrachten kann, und so könnte man über dem Eingang aller großen Bibliotheken die folgende philosophische Inschrift anbringen: Narrenhäuser des menschlichen Geistes.Jean Baptiste le Rond d'Alembert Denis Diderot, Jean Baptiste le Rond d'Alembert (et coll.): Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers par une société de Gens de Lettres. 28 Bände, 1751 bis 1772; hier zitiert nach: Artikel aus Diderots Enzyklopädie, Auswahl und Einführung von Manfred Naumann, aus dem Französischen von Theodor Lücke, Röderberg-Taschenbuch, Band 4, 1985, S. 212; © Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1984; siehe auch: Diderots Enzyklopädie
Gute Nachricht Eigentlich wollte er sich ja nach drei Monaten auf seinem Überwachungsturm wieder in die Niederungen der reinen Schriftstellerei begeben. Man käme ja sonst zu überhaupts nichts mehr, ließ er mich dieser Tage wissen. Doch nun warf er mir, dem gewöhnlich nicht so gut unterrichteten Kreis, ein exclusives Körnchen rein: Er wird sein Blog weiterhin füttern, wird weiter wachen, lachen, böse Sätze schreiben. Ob's daran liegt, weil er (endlich) verdientes Lob auch von für gewöhnlich immer gut informierter Seite aus bekam? Der nebenberufliche Sargnagelschmied Chat Atkins und im Hauptberuf als Meinungsmacher tätige Klaus Jarchow schrieb nämlich am 12. Juli, quasi kurz vor Wachturmschluß, in der Medienlese: «Nicht nur die Bild und der Spiegel haben ein eigenes Blog, das sie von Ausgabe zu Ausgabe begleitet, auch der taz hat [...] Hans Pfitzinger ein eigenes Blog eingerichtet, worin er wiederum die zahlreichen Blogs des darbenden Kampfblatts für den arrivierten Akademiker mit viel Solidarität kommentierend begleitet ...» Pfitzinger (hap) schreibt zwar nicht über taz-Blogs, sondern das oder den tazblog über die gedruckte taz. Aber wer kann das heutzutage noch unterscheiden? Dennoch ist das ist mal eine gute Nachricht. Aux armes, citoyens ! Marchons, marchons !
Hörbuch und Film zum Buch, damit habe ich so meine Probleme, Frau Flüchtig und Herr Hap. Ein Freund des Hörspiels bin ich durchaus und gerne. Aber bei dem Begriff Hörbuch legt sich meine Dackelstirn in Denkerfalten. Man kann einen Stoff wie beispielsweise Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins dramatisieren (und ihn dann umbetiteln, wie ich das gerne tue). Dann wird's gegebenenfalls zum Hörspiel, dann wird darin eben gespielt, wie im Film. Aber ein Buch hören? Für jemanden, der eines Gebrechens wegen nicht in der Lage ist, es selber zu lesen, der mag sich die digitale Vorleserin ins elektrifizierte Haus kommen lassen, das ist einzusehen. Doch ich werde den Verdacht nicht los, daß es nach den — ehrenwerten! — Anfängen zu Beginn der Neunziger in den Köpfen der jungdynamischen Neuverleger kassenartig klingelte, da sie erkannten, wie zurückgenommen in Zukunft der Mensch würde mit dem Alphabet umgehen (können). Das war ja auch mit der Grund für den (großartigen!) francophonen Sender TV5MONDE, die Spielfilme in der französischen Originalsprache französisch zu untertiteln. Nun gut, ein wenig ging es auch darum, den Zugang zum oftmals weggenuschelten Französisch zu erleichtern, vor allem in dem Teil Canadas, in dem die Ursprache zusehends am verschwinden war (und ist, denn auch dort wird eben überwiegend der — nicht untertitelte — Unterhaltungsmüll konsumiert). Aber mir sagte mal einer der Verantwortlichen, die Untertitelei sei durchaus auch der Tatsache geschuldet, daß es immer weniger Muttersprachler gebe, die die Sprache ihres Vaterlandes sprächen — nein, so herum: nicht wüßten, wie es geschrieben wird, was sie (und die da im Fernseher) da sprächen. In Frankreich beispielsweise ist das ein elementares Problem. Und es wird wohl nicht mehr allzulange dauern, bis ARD-Tagesschau und ZDF-Heute ihre Sendungen deutsch untertiteln werden, um den analphabetischen Turm von PISA wenigstens ein bißchen abzustützen. Ohne zynisch werden zu wollen, sondern nur um ein bißchen sarkastisch Assoziationen herzustellen: Bei PHOENIX sind die Nachrichten längst durch die Gebärdensprache untertitelt. Ein Buch also hören? Zwar kann ich mich dabei auch in den Sessel setzen (aber nicht mehr ein wenig in Herrn Beethovens Coriolan-Ouverture in der wunderbar bombastischen Interpretation von Léo Ferré hineinhören). Anders: Die Vorleserin gibt mir bereits eine Interpretation vor. Ich aber bevorzuge die Urvariante von Gianni Celati, der in Cinema naturale schreibt: «Denn wenn man Erzählungen schreibt oder liest, sieht man Landschaften, sieht man Gestalten, hört man Stimmen: Man hat ein naturgegebenes Kino im Kopf und braucht sich keine Hollywoodfilme mehr anzusehen.» Womit wir beim Film zum Buch wären. Es mag sein, daß Philipp Kaufmans Film Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins eine der wenigen Ausnahmen von der Regel ist. Es gibt sie, das ist bekannt. Von Cyrano de Bergerac wissen wir's, zumindest Herr Pfitzinger und ich. Recht gerne erinnere ich mich auch an Die Blechtrommel, dessen Adaption Volker Schlöndorff recht gelungen ist. Bin ich jetzt mal (wieder und gerne) ein bißchen deutsch- und amifeindlich: Er hat's Kinomachen ja auch im Filmland Frankreich gelernt. Aber ich bin insgesamt allzu oft enttäuscht worden von diesen Versuchen, Bücher in Bilder umzusetzen. Vor einiger Zeit, als der Rummel wieder abgeklungen war, habe ich's mal wieder versucht, da ich Elementarteilchen zwar für kein sonderlich gutes, aber doch auf jeden Fall für ein wichtiges Buch hielt und halte und nach langem Warten mir dann doch ein eigenes Urteil darüber bilden wollte. Das war ja dann sowas von niederschmetternd schlimm, daß ich das hier nicht verlinken werde. Oskar Roehler heißt der Regisseur, der mir alles gezeigt hat, nur nichts vom Buch, der da was nicht verstanden hat, der versucht hat, elementare Teilchen einer Gesellschaftskritik unter einen internationalen Hut zu zaubern. Und's war dann doch wieder eines dieser von Deutschen so geliebten Baseballkäppis mit Constantin-Schriftzug, die ihm der Eichinger Bernd aufgesetzt hat. «Der Mensch, über den wir hier sprechen, wird sich ohne Sexualität fortpflanzen», lese ich bei Michael Dlugosch, «— und alle damit zusammenhängenden Konflikte werden verschwinden. Dieser Satz, Houellebecq zitierend, stand im ursprünglichen Drehbuch zu ‹Elementarteilchen›. Im Film kommt er vor, aber als allzu belangloser Nachtrag über zukünftige Entwicklungen; für die Verfilmung ist die Wirkung seines unerhörten Inhalts auf Publikumsverträglichkeit gedimmt.» Aber das ist ja gar nicht das Thema hier. Vermutlich werde ich mir den Film dann doch ansehen, wenn auch eher im Heimkino. Denn wenn Herr Hap schreibt: «Einer der wenigen Filme, die einer Buchvorlage gerecht wurden ...» Vielleicht nicht so sehr wegen Juliette Binoche. Und auch nicht wegen der Gefahr von Überlänge. Denn da sind wir uns seit Cyrano de Pardieu einig: Gute Filme können gar nicht lang genug sein. Wie Bücher, die man nicht mehr weglegen mag. Beim Selberlesen. Und alle Nächte wieder ruckelt und zuckelt und zickelt Madame Magenta, und wieder will sie's nicht gewesen sein. Auch wenn's dann meistens wieder durch die Leitung fließt, wenn man mal wieder mit ihr ein wenig geplaudert hat nächtens am Telephon. Vermutlich ist sie schlicht einsam. Aber wenn sie so weitermacht, wird sie bald überhaupt niemand mehr liebhaben.
Lundi le 14 juillet 2008 Nicht, daß heute deshalb so ein besonders wichtiger Tag wäre, weil es sich um diesen Feiertag handelt. Nein, das vielleicht eher weniger. Aber er hat sich nunmal vor fünfzehn Jahren genau auf diesen Tag von uns verabschiedet. Also eher nicht so: Allons enfants de la Patrie, Le jour de gloire est arrivé! Contre nous de la tyrannie, L’étendard sanglant est levé.(2x) Entendez-vous dans les campagnes Mugir ces féroces soldats? Ils viennent jusque dans vos bras Egorger vos fils, vos compagnes. Refrain: Aux armes, citoyens, Formez vos bataillons, Marchons, marchons! Qu’un sang impur Abreuve nos sillons! (Auf, Kinder des Vaterlands! Der Tag des Ruhms ist da. Gegen uns wurde der Tyrannei Blutiges Banner erhoben. (2 x) Hört Ihr auf den Feldern die grausamen Krieger brüllen? Sie kommen bis vor eure Arme, Eure Söhne, Eure Ehefrauen zu köpfen! Refrain: Zu den Waffen, Bürger! Formiert eure Bataillone, Vorwärts, marschieren wir! Damit unreines Blut unserer Äcker Furchen tränke!) Sondern lieber so: La Marseillaise
Le kitsch Von Zeit zu Zeit lese ich eines der früher mal gerne gelesenen Bücher erneut, auch deshalb, um herauszufinden, ob die damalige Begeisterung die Jahre in und mit mir überstanden hat. Momentan ist Milan Kundera an der Reihe, und ich mache den Anfang mit dem Buch, das damals die Spalten füllte und das mich als Präsent erreichte, was zu Folge hatte, daß ich es erstmal lange liegenließ, da ich von jeher ungern gelesen habe, das zur Lekture von Millionen Fliegen gehört. Bis heute ist das so. Wer mir eine Freude machen möchte, schenkt mir ein Buch, das völlig in Vergessenheit geraten, aber vermutlich noch nicht in einem meiner Regale (oder unausgepackten Bücherkartons) zu stehen beziehungsweise zu liegen scheint. Oder eben eines, das nicht irgendwie gespiegelt ist. Die Wahrscheinlichkeit ist dann sehr hoch, daß ich für eine Weile unansprechbar bin. Die aktuelle Freude ist allerdings getrübt. Was nicht am Buch liegt, das in mir Bestand zu haben scheint. Sondern an dem, was mit diesem Buch, nein, mit dem Titel des Buches geschieht. Da ich wissen wollte, ob es noch nicht verramscht ist und/oder es noch vom angestammten Verlag angeboten wird, schaue ich im Internet nach. Und dann das: Wo auch immer ich hinschaue, herumblättere, auf der Tastatur durchs Netzall suchend surfe — überall stelle ich fest: Nahezu jeder Dritte dieser Intelligenzquotientler unter dem Frontspoiler eines Maulwurf GTI — allen voran unsere Medien- und Werbemeister — gebrauchen ihn, biegen ihn sich hin, wie sie's gerade brauchen, den Titel von Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Wahllos herausgegriffen ein paar Beispiele: • die unendliche Leichtigkeit des Seins durch Brille des Albrecht Maurer Trios (www.kunstsalon.de) • Die «unendliche Leichtigkeit des Seins», das klappt eben nur mit einer Dachmarke, die von vielen mit der Vorstellung der «grenzenlosen Dehnbarkeit» verbunden ist. (medien.hamburg.de/Die «richtige» Markenarchitektur finden) • Nahezu jeder Text war ein Bringer: Felix Bonke rief ein neues Zeitalter, die Googlegotik, aus, Grög! gab voller Inbrunst den Reimjunkie auf Entzug, Philipp Noss hatte eine Geschichte über nette und daher «unfickbare» Männer und Sacha trug einen Text aus seiner beliebten Reihe «Die unendliche Leichtigkeit des Seins» vor und strich die Verbindung von Lachmöwen und Xavier Naidoo heraus. (blog.claudio.de) • planetSNOW Nebel, Regen, November-Blues — da hilft nur noch die Vorfreude auf die unendliche Leichtigkeit des Seins — auf der Piste, beim Freeriden oder auf Tour. Als wirksames Breitband-Antibiotikum gegen ... (outdoor-magazin.com) • Ein schöner Tag Den Stock aus dem Arsch, den Frack in den Schrank und die unendliche Leichtigkeit des Seins zelebriert. Doppelter Rittberger, Schraube, Katerlandung und Lippenstift am Hemdkragen. So kann der Tag beginnen. Bosse dreht sich. Und die Welt gleich mit. (www.plattentests.de) • So sieht für mich «Traumurlaub» aus: Ein Mix aus Kultur und Erlebnis — wie tauchen, Sportboot fahren, Fahrad fahren, Land und Leute erkunden und natürlich auch relaxen. Oh je, jetzt hätte ich fast das geniesen vergessen........ Einfach, die unendliche Leichtigkeit des SEINS übernehmen .... (Kontaktanzeige in www.friendscout24.de) • Die unendliche Leichtigkeit des Seins ... Zürich. Er sucht Sie .... sehr humorvoller, mehrsprachiger, kommunikativer mann (45j., 185cm, 80kg) sucht die gebildete, vielseitig interessierte sie, um gemeinsam ... (Kontaktanzeige in zuerich.kijiji.ch/f) • Die unendliche Leichtigkeit des Seins: «Titanium Click» (bike-sport-news) Wie hatte Milan Kundera noch in seinem großartigen Roman geschrieben? «Bevor die Schönheit endgültig aus der Welt verschwindet, wird sie noch eine Zeitlang aus Irrtum existieren. Die Schönheit aus Irrtum, das ist die letzte Phase in der Geschichte der Schönheit.» Vielleicht sollten diese ganzen Textbieger und Rosinenpicker und Klappentextabschreiber tatsächlich mal das Buch lesen! Es gehört (nach wie vor!) zu den besten (und spannendsten!) der Literatur der vergangenen Jahrzehnte. Darin hat Kundera beispielsweise geschrieben: «Der Streit zwischen denen, die behaupten, die Welt sei von Gott erschaffen, und denen, die denken, sie sei von selbst entstanden, beruht auf etwas, das unsere Vernunft und unsere Erfahrung übersteigt. Sehr viel realer ist der Unterschied zwischen denjenigen, die am Sein zweifeln, so wie es dem Menschen gegeben wurde (wie und von wem auch immer), und denen, die vorbehaltlos mit ihm einverstanden sind. Hinter allen europäischen Glaubensrichtungen, den religiösen wie den politischen, steht das erste Kapitel der Genesis, aus dem hervorgeht, daß die Welt so erschaffen wurde, wie sie sein sollte, daß das Sein gut und es daher richtig sei, daß der Mensch sich mehre. Nennen wir diesen grundlegenden Glauben das kategorische Einverständnis mit dem Sein. Wurde noch vor kurzer Zeit das Wort Scheiße in Büchern durch Pünktchen ersetzt, so geschah das nicht aus moralischen Gründen. Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Scheiße sei unmoralisch! Die Mißbilligung der Scheiße ist metaphysischer Natur. Der Moment der Defäkation ist der tägliche Beweis für die Unannehmbarkeit der Schöpfung. Entweder oder: entweder ist die Scheiße annehmbar (dann schließen Sie sich also nicht auf der Toilette ein!) oder aber wir sind als unannehmbare Wesen geschaffen worden. Daraus geht hervor, daß das ästhetische Ideal des kategorischen Einverständnisses mit dem Sein eine Welt ist, in der die Scheiße verneint wird und alle so tun, als existierte sie nicht. Dieses ästhetische Ideal heißt Kitsch.» Ich setze mich jetzt in den Sessel, höre ein wenig in Herrn Beethovens Coriolan-Ouverture in der wunderbar bombastischen Interpretation von Léo Ferré auf der Platte je te donne hinein, lasse ihn laut fragen Muß es sein? und lese — jawoll, mit einer gewissen Leichtigkeit (über die Zickereien von Madame Magenta hinwegsehend, die mal wieder behauptet, die Leitungsruckeleien lägen nicht an ihr und außerdem interessiere sie das sowas von überhaupt nicht): Kundera! «Obwohl Tomas Teresa zuliebe begonnen hatte, Beethoven zu lieben, verstand er gleichwohl nicht viel von Musik, und ich zweifle, ob er die wahre Geschichte von Beethovens berühmtem Motiv ‹Muß es sein? Es muß sein!› kannte.» Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Roman Aus dem Tschechischen von Susanne Roth, Hanser Verlag, München-Wien 1984
|
Jean Stubenzweig motzt hier seit 6511 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
Zum Kommentieren bitte anmelden.
AnderenortsSuche: Letzte Kommentare: / Echt jetzt, geht noch? (einemaria) / Migräne (julians) / Oder etwa nicht? (jagothello) / Und last but not least ...... (einemaria) / und eigentlich, (einemaria) / Der gute Hades (einemaria) / Aus der Alten Welt (jean stubenzweig) / Bordeaux (jean stubenzweig) / Nicht mal die Hölle ist... (einemaria) / Ach, (if bergher) / Ahoi! (jean stubenzweig) / Yihaa, Ahoi, Sehr Erfreut. (einemaria) / Sechs mal sechs (jean stubenzweig) / Küstennebel (if bergher) / Stümperhafter Kolonialismus (if bergher) / Mir fehlen die Worte (jean stubenzweig) / Wer wird schon wissen, (jean stubenzweig) / Die Reste von Griechenland (if bergher) / Richtig, keine Vorhänge, (jean stubenzweig) / Die kleine Schwester (prieditis) / Inselsommer (jean stubenzweig) / An einem derart vom Nichts (jean stubenzweig) / Schosseh und Portmoneh (if bergher) / Mit Joseph Roth (jean stubenzweig) / Vielleicht (jagothello) «Ist Kultur gescheitert?» ? «Bitte gehen Sie weiter.» Suche: Andere Worte Anderswo Beobachtung Cinèmatographisches + und TV Fundsachen und Liebhaberstücke Kunst kommt von Kunst La Musica Regales Leben Das Ende © (wenn nichts anders gekennzeichnet): Jean Stubenzweig |
|
|