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Omnipräsent-autokratisch Da gibt es jemanden, der zu einer aussterbenden Species gehört, da er das sogenannte gute Buch bevorzugt, da sitzt, liest, sinniert, lange Briefe und vielleicht auch Gedichte schreibt, deshalb keinen Fernsehapparat zuhause stehen hat und trotzdem ab und an hineinschaut, aber wirklich nur dann, wenn da gerade irgendwo ein Gäste- oder Hotelzimmer mit Television herumsteht. Ein solcher schrieb mir vor einiger Zeit. Daraus entspann sich einer feiner Dialogfaden, aus dem wir dann einen Austauschteppich klöppelten. So teilte ich ihm unter anderem mit, durchaus, von Zeit zu Zeit möge man doch seine früher einmal geäußerte Meinung einer Prüfung unterziehen. Daraufhin flatterte dem jungen Manne namens Christian Severin die Musikseele emphatisch auf: Ich habe mir am Sonntag eine Aufzeichnung von Beethovens Fünfter im Fernsehen angeschaut — und mein Eindruck war schlicht überwältigend. Zwar waren mir die Karajan-Interpretationen der Beethoven-, Brahms- und Brucknersymphonien seit langem bekannt, aber diese gelungene Mischung aus Aggressivität und Schönheit, Vitalität und Erhabenheit, klassizistischer Schlichtheit und barocker Eleganz (alles vermeintliche Gegensätze) übertrafen doch meine Erinnerungen von einst. Oder haben sich nur meine Hörgewohnheiten verändert, sprich: verfeinert? Beethoven jedenfalls hätte sein wahre Freude daran gehabt: das einleitende Allegro ohne überflüssige Verästelungen, der langsame Satz ein erhebender Trauermarsch, das Scherzo zwischen den Extremen pendelnd, das Finale ein Triumphmarsch sondergleichen. Und erst der Übergang vom 3. zum 4. Satz! Da hörte man den pochenden Rhythmus des Scherzo allmählich im finstersten Moll verklingen, spürte den bislang durchgehaltenen Impetus gleichsam resignieren und sah diesen im Nebel entschwinden, um das plötzliche Hereinbrechen des Finalthemas in strahlendem C-Dur nur um so deutlicher wahrzunehmen! Was sagt uns dies über Karajan? Daß nicht nur alles Fassade und Maskerade an ihm war; daß «seine» Musik, wie er einmal sagte, eben doch aus seinem Innersten floß und er in erster Linie wohl ein Renaissancemensch war, ein Ästhet, der bei seinen Aufführungen die Wiedergeburt der Antike zelebrierte und deren Schönheitsideal repräsentierte. Und in einem Punkte stimme ich Dir zu: damals, als «junger Wilder», hätte ich mich mit meiner Kritik zurückhalten sollen. Aber man lernt ja bekanntlich nie aus, wie schon Wilhelm Busch wußte: «Also lautet der Beschluß, daß der Mensch was lernen muss; Lernen kann man Gott sei Dank aber auch ein Leben lang.» Ich für meinen Teil bin gespannt, welche Meinung ich wohl in zehn Jahren über Karajan haben werde ... Sicher hat unsereiner einige Male eine Meinung kundgetan, die vielleicht dann doch nicht so fundiert war, weil's am fehlenden Wissen oder am jugendlichen Ignorieren von Fakten lag. Aber der geneigte Hörer oder Leser wird's mir vielleicht (und hoffentlich) vergeben haben. So er sich überhaupt an mein Geschwätz von gestern erinnert. Gar lang ist's her. Doch im wesentlichen muß ich rückblickend feststellen, daß die Unterschiede zum Denken und Meinen vor dreißig, vierzig Jahren nicht allzu gravierend sind. Und bei einer Meinung steh' ich festgeschillert in der Erden: Er ging mir noch immer auf die Nerven, als ich die Sendungen auf 3sat und arte anläßlich seines Hundertsten mehrfach gesehen und gehört habe; es galt schließlich, die Meinung zu prüfen. Arg loben tat man ihn und feiern, aber freundlicherweise hat man auf den beiden nicht ganz so unbedingt alles Wahre, Schöne und Gute bekränzenden Kanälen eben auch diesen schrecklich eitlen Salon- und Gesellschaftslöwen mit geehelichtem Mannequin und Porsche und Rennsegelboot und 500 Millionen Vermögen gezeigt und sprechen lassen. Daß er recht karrieristisch orientiert in Nazi-Uniform dirigierte («Es hat mir nicht schlechtgetan»), scheint unsereins beinahe (!) nebensächlich angesichts der Flurschäden, die dieser omnipräsente und autokratische Unterhaltungsindustriepanzer hinterlassen hat. Meine Meinung hat sich nicht geändert. Ich fand ihn früher schlimm, und es geht mir heute nicht anders. Ich verfüge nicht über das Musikgehör, das mir allzu differenzierende, fachliche Meinungen erlaubt. Doch mich nervte früher schon immer etwas an seiner Kunstturnerei, was auch in den erwähnten Sendungen zum Tragen kam. Wenn ich mich recht erinnere, war es Christa Ludwig (es kann auch eine andere Tenörin gewesen sein), die leicht süffisant darüber berichtete, wie Karajan ein Oratorium derart langsam spielen ließ, daß sie und ihre Kollegin Probleme bekamen. Man einigte sich, den Meister darauf aufmerksam zu machen. Der entgegnete, da müsse er sich wohl andere Sängerinnen «besorgen». Die sopranistische Retoure: Es gebe keine besseren. Worauf der Herr ein wenig flotter zeitlupte. Das ist mein Problem mit dem musikalischen Zweitverwerter Karajan immer gewesen, weshalb ich seine Platten auch nur in ganz jungen Jahren kaufte: Immer störte mich sein Tempo, da kam ständig das Getragene durch, das alles beseelende. Alles in (s)einer Geschwindigkeit. Der hat mir meinen geliebten Sibelius derart verhunzt, daß ich ihn beinahe gehaßt hätte. Doch man kam ja früher kaum an andere Aufnahmen. Und immer wieder haben sie ihn drangelassen, obwohl es viel bessere gegeben hatte zu dieser Zeit, wie etwa Sir John Barbirolli, der auch Mahler nicht so plakativ dirigierte, nicht vom Mystischen getragen — Ehrfurcht überließ der den Jüngern. Karajan hatte damals alle verdrängt, hatte sich selbst bereits zu Lebzeiten als Kunst im öffentlichen Raum präsentiert. Das nehme ich ihm (und der Musikindustrie beziehungsweise den risikofeindlichen Kulturverwaltern der Heil'gen Musikwallhallen) bis heute übel. Diesen Genius kann ich bis heute nicht erkennen (wobei ich mich auch nicht mehr weiter damit beschäftigt habe, sondern erst nach diesen Sendungen — und diesem Brief — wieder darauf gestoßen wurde): «Schönheit, Vitalität und Erhabenheit, klassizistischer Schlichtheit und barocker Eleganz.» Karajan war ein Formalästhet, einer dieser späten und auch noch oberflächlichen Winckelmann-Adepten, dem das Äußere, jawohl, das Klassizistische wichtiger war als das Innere. Er hatte nicht begriffen oder vielleicht eher: wollte nicht begreifen, daß das Ästhetikverständnis sich gewandelt hatte, daß der Begriff Schönheit seit Baumgarten nicht mehr auf die Form zu reduzieren, sondern differenzierter anzuwenden war. Er hat Musik so verstanden, wie er bereits als Jüngerer aussehen sollte: wie seine Totenmaske, innen hohl. Nichts floß da aus seinem Inneren! Aber vielleicht habe ich tatsächlich zu wenig Gehör. Ich empfinde Musik. Und Musik ist nunmal in erster Linie Gefühl. Ich lasse mich von Musik gerne wegtragen. Früher hat manch einer mich dafür ausgelacht. Es war mir anfänglich nicht immer wurscht, es hat mich durchaus verunsichert. Aber es änderte sich, als solche fachlichen Äußerungen auch von denjenigen kam, die den Kopf schüttelten, wenn ich Konzerte von Alexander von Schlippenbach besucht oder das Jazz Composer's Orchestra oder den gesamten Grieg, eben nicht nicht nur Ases Tod gehört habe. So etwas hielten die dann für «pervers». Es gibt anstrengend-schöne oder auch aufregend stille Perversitäten. Es ist wohl diese Aversion gegen einen Perfektionismus, der so lange am Niveau herumfeilt, bis es niveaulos geworden ist. Das sogenannt Perfekte dürfte mit der Grund sein dafür, daß ich unter anderem Bach nicht sonderlich mag. Es mag sein, daß ich den Meister nicht verstehe. Aber ich bin von dieser reformatorischen Unterwürfigkeit unangenehm berührt, bisweilen macht sie mich sogar aggressiv. Ich habe was gegen an die Kirchenpforte genagelte Musikthesen. Auch ist mir da zuviel gottesfürchtige Mathematik drinnen, in der heutigen Aufführungspraxis teilweise verlogener lutherischer Kniefall mit -schutz. Bei Glenn Gould überkommt mich dann gar ein technoides Frösteln. Ganz schlimm wird es für mich, wenn er zu den christlichen Festtagen radiodauergenudelt wird. Da lege ich wahrlich anspruchsloser Bequemling tatsächlich andere Musik auf als die angebotene. Aber auf jeden Fall keine Aufnahme mit Karajan als Takt- und Tempogeber. Doch da gibt es ohnehin nur noch Restbestände aus Zeiten, in denen ich mich des öfteren mal geirrt habe. Im Alter ist man ja glücklicherweise immun gegen Irrungen und Wirrungen. Sie lösen sich völlig unerhaben auf.
Eilende Mütter oder Die Rasenden in den Dörfern1 Es geht um ein Phänomen, das zwar nicht unbedingt regionalspezifischen Ursprungs sein dürfte, mir jedoch in der hiesigen Gegend besonders auffällig zu sein scheint: die Geschwindigkeiten der motorisierten Verkehrsteilnehmer. Seit einiger Zeit bin ich, aus dem tiefen Süden kommend, im hiesigen Raum Mieter eines dörflichen Büros und mehr oder minder gezwungenermaßen auf den Straßen der Umgebung unterwegs. Auslöser ist ein nachgerade einschneidendes Erlebnis, das ich vor ein paar Tagen hatte: Bei der Einfahrt in einen Ort war ich mit etwa 45 Stundenkilometern beinahe zu schnell unterwegs. Etwas mehr, und ich hätte das circa dreijährige Mädchen überfahren, das mit seinem Fahrrad unvermittelt aus einem Grundstück herausgeschossen kam, weil es wohl die Bremstechnik noch nicht so recht verinnerlicht hatte. Es schaute mich großäugig fragend an, und meine Augen blieben vor Entsetzen geweitet. Ich unterließ es, auszusteigen und der Kleinen vorzubeten, sie möge doch in Zukunft bitte ganz fürchterlich aufpassen. Es würde die Nachlässigkeit der Eltern nicht verstehen, das Tor zwischen Grundstück und Straße nicht geschlossen zu haben ... Andererseits: Wenn Kinder schon nicht dörflich fröhlich vor sich hinradeln dürfen ... Im Bereich des Kindergartens an der Straße, in dem sinnvollerweise eine Begrenzung der Geschwindigkeit vorgegeben ist, überholte mich in eben dieser 30er Zone schon sehr flott ein PKW — am Steuer eine junge Frau, im Fond zwei kleine Kinder. Es ist dabei unerheblich, daß das Kennzeichen einen Verweis auf eine einheimische Renn-Pilotin ergab, denn Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten nunmal bundesweit. Ich halte diese Fahrweise grundsätzlich für unverantwortlich. Doch daß eine junge Mutter ihrem motorsportiven Trieb nachgibt, läßt auf eine mangelnde oder vielleicht eher emotional gebildete Intelligenz schließen. Ich kenne das aus Städten, in denen elterlicherseits lange Zeit für die Einführung einer 30er Zone gekämpft wurde. Als es dann soweit war, wurde ich auf dieser engen Straße bevorzugt von Müttern überholt, die ihre Kinder mit einem guten Siebziger an mir vorbei eben mal noch pünktlich zur Schule bringen mußten. Bleibe ich auf dem Lande: Möglicherweise ist diese junge Mutter mit ihrem mittleren Managmentsgatten aus dem Moloch Stadt weg- und bewußt in ein kleines Dorf umgezogen, ernährt ihre Kinder in gesundheitserhaltenden sowie ethikfördernden Maßnahmen nach streng ökologischen, auch ökomenischen Kriterien, fragt während eines Biobauerhof-Tages der offenen Tür für bewußt Lebende oder, je nach Lebenseinstellung, Bewußtlebende, nach den hoffentlich unbedenklichen Ingredienzien des angebotenen Bratlings statt -wurst, lehnt Fernsehen für Kinder ab — da dies die reinen Seelen der Kleinen beeinträchtigen könnte —, raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, hinterfragt permanent un- respektive soziales Verhalten, fährt ein Vier-Liter-Hybrid-Auto, dessen höherer Anschaffungspreis der Umwelt geschuldet ist, und hat wie ihre städtische Mitmutter im Rahmen einer Bürgerinitiative erst einmal dafür gesorgt, daß in eben diesem Teilstück der Straße eine Tempo-30-Zone eingerichtet wurde. Sicherlich hatte es sie es eilig. Denn zuhause im liebevoll entkernten und mit Panoramafenstern bedachten zweihundertjährigen Reetdachheim wartete der Papa (der mich kurz vor Ortseingang mit seinem Achtzylinder immer schnell noch überholt) der Süßen, der endlich einmal mit ihnen (und ihr?) spielen wollte (oder aber nicht in der Lage war, sich eigenhändig ein Leberwurstbratlingbrot zu schmieren, da seine zielgerichtete Ausbildung es nicht zuließ, auch noch die schlichteren Angelegenheiten des Lebens zu studieren). Kurzum: in solchen Sonder-Fällen werden Tempo-30-Zonen außer kraft gesetzt. Das ist kein Einzelfall. Ich erlebe es ständig, daß die Autofahrer innerhalb der Ortschaften viel zu schnell unterwegs sind. Selbst wer die vorgeschriebenen 50 Kilometer in der Stunde einhält — was innerorts häufig genug zu schnell ist —, gilt als Verkehrshindernis; immer wieder mal wird man aus einem Meter Abstand angeblinkt oder behupt, oder aber man wird man von ihnen, auch auf engsten Sträßlein, überholt (während sie draußen auf der etwas kurvigeren Landstraße der Geschwindigkeitsmut verläßt). Die innerörtlichen Geschwindigkeitsbegrenzungen werden eigentlich nie eingehalten — 60 Kilometer in der Stunde und gerne mehr innerhalb der Ortschaften sind der Normalfall. Erst kürzlich kam mir in besagter dörflichen 30er Zone kurvenschneidend ein PKW mit sicherlich 60 Stundenkilometern entgegen Der Motorradfahrer, der diese Strecke, bevorzugt in den Morgen- und Abendstunden und mit aufgedrehtem Hahn — also erster Gang bis etwa 70 km/h —, wohl zu Gehör-Test-Zwecken für die Anwohner nutzt, scheint ohnehin usus zu sein. — Auch hier wieder der spekulative Gedanke: Es war die Zeit nach Feierabend, und der Fahrer mußte wohl schnell nach Hause, um das Dreirad seines dreijährigen Sprößlings zu reparieren. Vielleicht drosselt dieser Vater seine Geschwindigkeit, wenn das Kind nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. Aber vielleicht reicht ja der Tod des geliebten Hündchens oder der Katze bereits aus — in diesem Fall vielleicht beklagt von der Gattin oder den Kindern. Daß auch außerhalb der Ortschaften entschieden zu schnell gefahren und an unübersichtlichen Stellen überholt wird — und wahrhaftig nicht nur durch sehr junge Fahrerinnen und Fahrer (hat sich nicht erst kürzlich in der Nähe ein 47jähriger um den Baum gewickelt?)! —, ist ein Thema für sich. Alleine Wildunfälle sind hier ja offenbar an der Tagesordnung (wie ich den Medien entnehme, sind die Monate Juli und August besonders gefährdend). Wenn das durchlackierte Gefährt Beulen und Schrammen aufweist, bricht Zeter und Mordio aus: Man sollte das Wildgetier abschaffen, wie Bäume nunmal in den Wald und nicht an Straßenrand gehören — und Kinder nicht auf die Straße, sondern nach Hause in Mamas Schoß ... Solange es einen selbst nicht betrifft — ich aber bin bereits be- oder beinahe getroffen, wenn mir auf der sehr engen, hügeligen Straße durch den Wald, wo, nicht minder sinnvoll, die Höchstgeschwindigkeit auf 50 Stundenkilometer begrenzt ist, eines dieser Lieblingsspielzeuge der Deutschen — die geländegängigen (man lebt schließlich auf dem Land), hubraum- und PS-starken Nobelkarossen (für die sinnigerweise bis vor gar nicht so langer Zeit lediglich eine Nutzfahrzeugsteuer entrichtet werden mußte) — über einen Hügel hinweg entgegengeflogen kommt, so daß ich mich in den Graben retten muß, um nicht in den Kofferraum meines Autochens geschoben zu werden (wie neueste Tests ergaben). Davon mal abgesehen, daß die Einheimischen froh sein sollten, daß diese winzigen Nebenstraßen hierzulande für den allgemeinen Verkehr freigegeben sind — in anderen deutschen Bundeslanden ist das eher seltener der Fall —, sollten einige dieser mörderischen Pilotinnen und Piloten doch erstmal die Außenmaße ihrer Fahrzeuge kennenlernen, bevor sie sich in ihrer Wahnwitzigkeit auf die Piste begeben. Denn wie wenig sie ihre (nicht nur die großvolumigen) Fahrzeuge kennen, belegt allein und immer wieder die Tatsache, daß in den Städten regelmäßig aus drei Parkplätzen einer wird; ersichtlich wird das an den Kennzeichen, die die ländliche Herkunft belegen. Ich bin wahrlich kein ständig nach Ordnung oder gar Polizei rufender Mensch. Denn ich halte Eigenverantwortlichkeit für ein probates, weil: demokratisches Mittel. Auch im Straßenverkehr sollte soziales Verhalten gelten: also ein Miteinander und nicht diese (überhandnehmende) selbstbezogene, eigensüchtige (Fahr-)Praxis. Landauf, landab höre ich das Wort ‹Abzocke› durch die Exekutive. Doch angesichts der hiesigen Zustände wünsche ich mir auch hierzulande manchmal eine Rigidität, wie sie in Frankreich seit vielen Jahren praktiziert wird — und die zu einer erheblichen Senkung der Unfallquoten geführt hat: Rückbau, also Verschmälerung der innerörtlichen Straßen sowie ständige und konsequente Geschwindigkeitskontrollen innerhalb der Ortschaften, und das häufig zweimal innerhalb eines Dorfes. Drastische, um einiges höhere Geldbußen als in der Bundesrepublik Deutschland sowie rigider Führerscheinentzug haben ihren Teil dazu beigetragen. In den letzten Jahren wurden innerhalb Deutschlands aus Frankreich so viele sinnvolle Straßenbaumaßnahmen wie etwa die Einrichtung von verkehrsberuhigenden Verteilerkreisen oder sogenannte Schikanen eingeführt, daß man auch über solche Maßnahmen ernsthaft nachdenken sollte — davon einmal abgesehen, daß in Frankreich außerörtlich ohnehin eine Höchstgeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern gilt und, wie bereits erwähnt, seitens der Behörden auf strengste Einhaltung geachtet wird.
Lebendig, dabei ungestüm «Nackt war sie dagelegen, sich ihm anbietend und wartend auf seine Hände, seinen Mund, seinen erregt verhärteten Penis und während er darüber nachdachte, in welcher Stellung er zuerst in sie eindringen solle, sagte sie es. Erst hatte er gar nicht richtig begriffen, was sie gesagt hatte, vielleicht weil es so gar nicht zu ihr passte. Wild war sie und lebendig, dabei ungestüm und zügellos.» Heringe heißt das, was da beschrieben ist und worüber (unter anderem) heute bis 22.00 Uhr abgestimmt werden soll in der Schreibwerkstatt. Zu Besuch in Hildes Heim?
Diven, Madonnen und Kiki Gestern stellte ein freundlicher Mensch eine Photographie von einem lädierten in seine Seite, den ich so oder auch anders nicht erkannt hätte: eine mehr als derangierte Dame, die so oder so unter der üblichen Titelei Bekannt aus Film, Funk und Fernsehen und den angeschlossenen Magazinchen firmiert. Was als Denkanstoß des Einstellers auf unser bisweilen seltsames bis fragwürdiges Sehverhalten gedacht war, endete dann tatsächlich in einem befürchteten Kommentar: «...wieder einmal merken wir, dass wir uns haben verarschen lassen. aber egal, nächste zeitung aufschlagen, fernseher an, dann ist es schnell vergessen.» Der Kommentator relativierte dann zwar diesen wohl achtlos dahingeworfenen Denkhüpfer und es entspann sich ein interessanter Austausch über Celebritäten und deren Claqueure, aber bei «fernseher an, dann ist es schnell vergessen» kam ich dann doch leicht ins Grübeln. Es erinnerte mich an die Passage einer Diskussion bei Herrn Alphonso, die da lautete: «Ich war diese Woche krank. So krank, daß die Konzentration nicht mal für eine DVD ausgereicht hat. Und da habe ich den Fehler begangen, mich mal zwei Stunden durchs Nachmittagsprogramm zu zappen.» Anstatt Morpheus um Hilfe zu bitten, zwitscht die Dame sich freiwillig durch analoge und digitale Tagmahre und stöhnt auch noch gequält auf. Als ob sie jemand dazu gezwungen hätte. Unsereiner mußte darauf meinen: «Wer sich zwei Stunden lang Fernsehen für bildungsferne Schichten antut, dem ist nicht zu helfen. Die Nachmittagsprogramme sind ohnehin nicht für Menschen gestaltet, denen auch in den persönlichen Tiefen nach Höherem der Sinn steht. Wenn man aber unbedingt möchte, dann geht's sogar dort: arte oder 3sat oder phoenix wiederholen in der Regel tagsüber ihre teilweise wahrlich lohnenswerten Beiträge vom Vorabend. Denn viele Menschen sitzen zu dieser Zeit am Computer, weniger um zu arbeiten, als zu internetten.» Das scheint mir, ach was, es ist ein Problem. Ohne die Hingabe an irgendwelche Divchen oder Madönnchen, ohne Fleisch- samt angehängter Modeschau, oftmals versteckt unter dem Deckmäntelchen hehrer Kultur, meint man auch in den gebührenbetriebenen Bedürfnisanstalten nicht mehr auszukommen, auch nicht in meinem dereinst mal unschuldigen Blütensternengärtchen, ganz viel früher mal «Fernsehanstalt gewordener Zen-Buddhismus». Es kann nicht anders sein als eine (deprimierende) Anbiederung der Öffentlich-Rechtlichen an die Privaten. Aber: die letztgenannten benötigen Einschaltquoten, um höhere Werbeeinnahmen zu erzielen. Das ist das Gesetz dieses unangenehmen Marktes, der überdies noch mehr Touristen-Pisa erzeugt. Offensichtlich ist man in den Intendanzen der Meinung, dem Neugier genannten Ruf nach immer mehr bewegten und marktschreierischen lauten Bildern — beispielsweise — aus der Geschichte mit noch mehr bewegten und marktschreierischen lauten Bildern zu folgen. Also kauft man das Gegröle ein, das es mit den Fakten nicht so genau nimmt. Oder produziert nach demselben Muster, wie der Obergeschichtslehrer der deutschen Fernsehnation das tut und Aufklärung nennt. Aber fast muß man ihn ja in Schutz nehmen angesichts des Geschichtsunterrichts etwa der (gern eingekauften) BBC-Lehrfilmchen. Während der Herr Doktor Knopp sich ja um, wenn auch fragwürdig geschnittenes, historisches Bildmaterial bemüht, hängen die Engländer auch das fünfzigtausendste im Studio ausgegrabene antike Klo sepiafarben zu und verdecken damit die eigentliche Bedeutungslosigkeit des Vorgangs. Das hat sogar das Hollywood der fünfziger und sechziger Jahre mit seinem bisweilen recht eigenwilligen US-Geschichtsverständnis eindrucksvoller gestaltet. Nur bekommt der differenzierungsungeübte Zuschauer oder -seher das nicht mit, weil ihm niemand je gesagt hat, daß diese Art des Blickes in die ruhmreiche Vergangenheit es mit den Fakten nicht so genau nimmt oder sie auch schon mal gänzlich unterm Wissensteppich beläßt. Es ist eben das Strickmuster des Verkaufbaren, nach dem diese fragwürdige Form von Aufklärung betrieben wird. Überall muß es hineinpassen. Vor allem in die privaten Auslagen, wo jeder potentielle Konsument sie sieht — und kauft. Denn die Spalten zwischen den hochbezahlten Anzeigen möchten ja redaktionell (wer weiß?) gefüllt sein. Und da machen ARD und ZDF eben gerne mit. Zumal Massenproduktion allemale billiger zu sein scheint. Wenn das bei balltreterischen Kunstarten — um es mal tautologisch zu betrachten — nicht unbedingt zutreffen mag. Sei's drum. Solange sie uns unsere Warften der Fernsehseligkeit nicht fluten mit ihrem pseudobasisdemokratischen Müll, die Damen und Herren von der volksnahen Politik. So, wie Monsieur Alphonse nach zwanzig Jahren sich zum ersten Mal wieder in einem Raum mit Fernsehgerät aufhält, geht es unsereins seit Jahrzehnten innerhalb dieses TV-Wäldchens, in dem wir mit Madame Delon und ihrem gascognischen Trüffelschweinchen unterwegs sein dürfen. Das Erste und das Zweite sind wahrlich vernachlässigbar. Man muß es sich nicht antun. Auch auf die Regionalprogramme ist gut verzichten, trotz nicht vorhandenem Werbegetöse. Denn dort gibt es, wie im internationalen Netz millionenfach, den hunderttausendsten guten Rat; daß er dann doch wieder nicht befolgt wird vom eher neu- als wißbegierigen Fernsehvolk, hat eben zur Folge, daß er dann nochmal wiederholt werden muß, auch auf den anderen Kanälen. Das hat durchaus alles seine Berechtigung. Nur brauchen wir das nicht. Und wir stellen mit Monsieur Alphonse fest: «Ich denke, das Buch und das selbstbestimmte Internet sind immer noch die beste Alternative, egal welcher Schund dort auch läuft — man kann ihn besser meiden.» Meiden, ja, aber man findet dort eben so manchen Trüffel, wie gestern erst wieder bei Madame Rayon de soleil. Und nicht zuletzt bleibt uns ja noch unsere Bibliomanie.
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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6510 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
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