Freies Land

Wir klappern die Ostsee-Häfen ab, um Resttouristen aufzustöbern und sie nach Bayern zu verschiffen.

Es muß schließlich mal Ende sein mit dieser Ferienmacherei.

Schleswig den Holsteinern.
 
So, 07.09.2008 |  link | (741) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Aktuelles und Akutes



 

Leutchen mit Pfiff

«Ah — ihr Leutchen denkt, 'ne Zeichnung zum Beispiel sei Luxus? Das ist ein Pelzmantel auch. Ich würde mir schon zutrauen, Echt-Krokodil von I. G. Farben der Frau Feudel anzudrehen. Äh, äh — die Banausen, die hier in Rede stehen, WISSEN nämlich in Wahrheit, daß unter meiner Flagge derzeit mehr Fälschungen als Zeichnungen von meiner Pfote in Umlauf sind. Und solche sind gut zu erkennen: Sie sind in der Regel doppelt so groß wie die Originale. Für mich ist es eher komisch als ärgerlich, denn der Verkauf von Zeichnungen ist mein Geringstes, zumal ich gut + gern die Hälfte verschenke. Und wovon ich lebe, geht Euch Leutchen einen Pfiff an.

Ein Beispiel.
Ich verkaufe L. in Hamburg ein 35 cm x 25 cm großes Blumenstilleben für 700 Mark. («November»-Buch: «Mit Fasanenfeder».) Ein Herr S. «erwirbt» in München diese Zeichnung für 24.000 Mark — nur mißt die Zeichnung jetzt 60 x 40 cm. Besagter S. trifft zufällig mit seiner Beute am gleichen Tag in einer kleinen Gesellschaft auf meinen Freund T. und erzählt dem von seinem «Fang». T. läßt den S. sich auseuphorieren und sagt dann: «Wie schön, wie schön — nur das Original habe ich.» Gleich am nächsten Tag bringt S. seinen Janssen wieder in Umlauf und ruft den T. fröhlich an mit der Mitteilung, er hätte 1,5 Gewinn gemacht. Vor ein paar Tagen kam das Ding nun auf meinen Arbeitstisch. Eine Hamburger Galerie war inzwischen gegen 14.000 Mark der unglückliche Eigentümer geworden. Der Experte F. hatte das Unglück offenbar gemacht und nun wollte die Galerie von mir eine Negativ-Expertise. Hattse gekriegt. Wo das Ding heut ist, weiß ich nicht. Bis auf einige vergilbte Kleeblätter in dem Strauß war die Chose gar nicht mal so schlecht ...»


Horst Janssen

Auszug aus: Kurzschrift 3.2000, S. 23–28; mit Dank an Lamme Janssen für die freundliche Genehmigung; Erstdruck in: Konkret, Heft 8, August 1982, Seiten 68–71
 
Fr, 05.09.2008 |  link | (2597) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Lustiges Cabinett

Einigermaßen überrascht war ich im Juni über das Interesse an dem Beitrag über die Kunst und Luxus. Zunächst dachte ich ja, die hohe Klickzahl — der bis heute mit Abstand meistgelesene Beitrag meines Logbüchleins — habe mit der suchmaschinenoptimierten Janis Joplin zu tun, die vom Guten Stern auf allen Straßen umgestiegen war auf Gerhard Richter. Rock geht ja immer, allemale, wenn er in die Geschichte (rück-)blickt. Ein Richter auch, ist er doch der teuerste von allen, weitaus teurer noch als eine dieser besternten Karossen für den gehobenen Mittelstand. Sowas interessiert infolgedessen und verständlicherweise den unteren. Doch dann gab's auch noch Kommentare zur Kunst im allgemeinen. So glaubte ich mich letztendlich mit einem ungemeinen Zuwachs an Sachinteresse konfrontiert. Bis ich sah, was und wer die Flut ausgelöst, sie zu meinem bescheidenen Sabbeleckchen weit hinten am Flohmarkt der aufklärerischen Kleinrevoluzzerei hin kanalisiert hat: Monsieur Alphonse vom Tegernsee. Und was er anbietet, wird nunmal genommen. Der Rest interessiert dann nicht weiter.

Sei's drum. Aber angenehm ist's durchaus, von ihm empfohlen zu werden. Nicht nur, weil er als Multiplikator, sondern eben nicht zu diesen Kunstmarktkunstsaugern zählt (klar, sonst hätte er dazu nicht seine Visitenkarte abgegeben). Vor allem, weil er jemand ist, der eine Verbindung herstellt zwischen dem Stück Torte, das es umgebende und bereichernde Silberbesteck und dem Blick und der Teilhabe an dem von ihm genüßlich als Rätsel arrangierten Stilleben, das eben nicht nur ein paar Äppel und Birnen und ein bißchen Federvieh zeigt, sondern darauf verweist, daß jede Kunst ihre Geschichte hat, der auch vermittelt, daß ein Stilleben dann doch etwas tiefer in der Historie schürft als das, was einer dieser gedruckten Wissensbriketts mal über das spanische Bodégon freigab:

«Ein lustiges Cabinett mit allerlei Eßbarem, was im spanischen Klima wächst.» Wobei das Charakteristische des Bodégon gleich mit weggelassen wurde: Der Begriff Bodégon entstammt dem der Bodéga, jener ärmlichen Spelunke, in der jener billige Wein ausgeschenkt wurde, der die Armut vergessen ließ (und in der man urlaubstechnisch auch heute noch preisgünstig essen kann).

Das war nicht etwa eine Fremdenverkehrsdirektorenassistentin — oder besser: langjährige Praktikantin? —, die diese auf Volkslexikonformat reduzierte Informationsflut in brillantem Deutsch auf die kunstbegierige und schlangestehende Gemeinde abließ. Kunsthistoriker waren es allesamt, mehr oder minder gestandene spanische und deutsche, die ihr Wissen auf diese Formel gebracht hatten. Knapp und prägnant. Noch unter dem Twitterlimit. Die Menschheit bloß nicht mit diesem ganzen Hintergrundkram verunsichern, sondern sie sanft an die schönen Künste heranführen. Denn wen interessiert das schon:

Die dargestellten Gegenstände der Stilleben verweisen in symbolischem und theologischen Sinn auf den Menschen, deuten in Bildern die Welt oder erinnern an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Im Bücherstilleben eines unbekannten Meisters geht eine konkrete politische Aussage auf die Bewegtheit des ersten Drittels des (spanischen) 17. Jahrhunderts auf. Zwar erklärt besagter, von Fachleuten zentnerschwer armenbibelartig befrachtete Katalog, daß die zerlesenen Bücher römische Rechtsschriften sind, verdeutlicht aber nicht, daß hier die Vergänglichkeit, die Auflösung des Rechts in Spanien symbolisiert ist. Weder in einem der fünf Katalogaufsätze noch in einer der Bildbeschreibungen wird auf die religiöse, ergo politische Symbolik der Stilleben hingewiesen. So zum Beispiel, daß im Granatapfel die Einheit der Kirche mit ihrer großen Menge an Gläubigen aufgeht oder er auch als Zeichen der Auferstehung gilt. Die Schwertlilie deutet auf Marias Schmerz hin, Blumen stehen für die fünf Sinne, die den Menschen so stark an das Irdische binden, und Früchte sind Nahrungsmittel der Armen und deshalb am Hof als Dessert verpönt.

Solches torkelt mir durch die Ganglien, wenn ich in einer Zeitungsanzeige ein Arrangement vor Landschaft (Orchideen in chinesischer Vase vor Golfplatz) sehe und darunter lese: ein wunderschönes Stilleben, ganz in der jahrhundertealten Tradition dieses Genres. Die Agenturpraktikantin, die diese hochinformative Bildunterschrift im Auftrag des mecklenburgischen Achtzehnlochkunden verfaßt hat, sollte ihr Wissen vielleicht doch weniger aus Kunstkatalogen beziehen und des öfteren mal in elektrischen Tagebüchern stöbern.
 
Fr, 05.09.2008 |  link | (3360) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Artiges



 

Leben und leben lassen

«Das gemütliche Frankreich, in dem man es nicht so genau nimmt. Und dann auf der anderen Seite das Frankreich, das man in Deutschland nicht kennt: Das Land, das hoch modern ist, dessen Handwerker zuverlässig und präzise sind, das Land, das in Infrastruktur investiert hat und dessen Postboten auch in der France profonde noch regelmässig kommen.»

Richard Graf Rappoldstein kommentierte gestern so die Roman(t)ische Ruine. Ich hebe den Kern seines Kommentars hier auf Seite 1, da ich vermeiden möchte, daß er ungelesen in der Ablage verstaubt. Und weil es ein Thema ist, das eben nicht nur so ein trou perdu da unten in der südlichen Wüste betrifft.

Was der roman(t)ische Bauherr da aufgezogen hat, ist ebendiese kleinkrämerische Billigheimermentalität, über die er sich abends in gepflegter düsseldorferischer oder hamburgischer oder münchnerischer Restaurantrunde beim edlen Piemonteser gerne ein wenig lustig macht: Diese ganzen Käsköppe und, ach ja, auch die Deutschen, die zuhause den Wohnwagen mit Konserven und Kartoffeln vollpacken und damit auf Reisen gehen. Ich für meinen Teil denke mir mittlerweile so manches Mal: Meinetwegen, so sei's denn drum, sie kennen eben nichts anderes als deutsche Speckbohnen aus der Dose, und außer Liebling Linda darf nichts ran an knolligen Nachtschattengewächsen an ihre sensibel geweiteten Magenwände.

Doch im beschriebenen Fall ist das ja noch nicht einmal mit Geschmacksgewohnheit zu begründen, sind das doch allesamt französische Produkte gewesen, die er für ein paar Centimes günstiger (vermutlich allein wegen der höheren Mehrwertssteuer) nach Frankreich reimportiert hat: die Eiche vermutlich aus dem östlichen Massif Central, die Fließen, Bidets, Wannen und Toiletten allerdings bereits aus der Gegend, mit Sicherheit aus dem Languedoc-Roussillon. Und alles nichtmal über einen Fachbetrieb — er selber verdient sein gutes Geld mit einem solchen, wenn auch einen einer anderen Branche —, sondern über einen Baumarkt, einen dieser Immer-noch-ein-bißchen-billiger-Anbieter eben, die alteingesessene Handels- und Handwerksbetriebe aus der Karte eines einst gesunden kleinmittelständischen wirtschaftlichen Unterbaus radiert haben. Viel mehr als, nach heutiger Währung, fünfhundert Euro dürfte er insgesamt kaum eingespart haben. Für das Geld hat sich eine Menge Ärger und Antipathie gekauft. Auf jeden Fall haben sie ihm dafür kein Schild über die Ortseinfahrt gehängt, das ihn als Neubürger willkommen heißt.

Ich kaufe grundsätzlich dort ein, wo ich mich aufhalte, egal in welchem Land. Vor allem, wenn ich dort leben möchte. Man könnte es auch einen Versuch der Integration nennen. Oder mal andersherum: Hätte meine verehrte Madame Lucette bei der Rettung der hiesigen holsteinischen ländlichen Ruine ihren persönlichen Bautrupp aus den heimatlichen Ardennen mitgebracht, dürfte sie sich nicht wundern, bliebe das Klo nicht nur über das Wochenende hinaus, sondern dauerhaft verstopft, da es die Terminkalender sämtlicher Handwerker aus der Gegend ebenso wären. Und zwar auf ewig.

Sie erinnern mich an einen ähnlichen Fall in La Rochelle. Dort wurde in den Neunzigern auf Geheiß eines pfiffigen geschäftsübernehmenden Juniors ein riesengroßes Bistrot am (gerade noch leicht touristisch frequentierten) Quai Valin von einer seinerzeit marktführenden Münchner Brauerei übernommen und komplett neu eingerichtet. Mit Material und Arbeitskräften aus Bayern. Allein die im Niederbayrischen gefertigte und herangekarrte und von Oberbayern installierte Ausstattung kostete seinerzeit gut 100.000 Mark; das läßt sich heutzutage nicht mehr 1:2 umrechnen, sondern eher 1:1. Lediglich an die Elektrik haben sie die Deutschen nicht rangelassen. Das wäre dann doch zu kompliziert gewesen. Auch die Abteilung Meeresfrüchte und Fisch in der Küche durften Einheimische einrichten. Davon, so klug waren sie dann doch, verstehen die Deutschen dann doch eher weniger. Daß die Umsätze bei konstant guter Restaurantqualität dennoch ständig zurückgingen (der vorherige, elsässische Bierlieferant war bereits wegen Unrentabilität ausgestiegen), dürfte nicht allein an der lederhosrigen Ausstattung gelegen haben. Die dann vielleicht doch etwas gröbliche Mißachtung des ortsansässigen Handwerks hatte sich unter den verbliebenen Stammgästen rasch herumgesprochen. Heute werden darin Randtouristen abgegrillt.

Aber es ist im eingangs beschriebenen Fall nichtmal allein das Mißtrauen gegenüber französischem Handwerk — das da unten im Süden die Restauration eines romanischen Bauwerks allemale sehr viel eher beherrscht als das aus dem Bergischen Land. Wer einem Arbeiter in Südfrankreich sein mittägliches Nickerchen im Schatten eines Baumes verwehrt, der hat etwas nicht verstanden von einem Land, in dem er vorhatte, den Rest seines Lebens verbringen zu wollen. Allein der Schatten hat zu dieser Tageszeit seine fünfunddreißig bis vierzig Grad. Deshalb arbeitet man eben sehr früh und dann wieder am späten Nachmittag bis teilweise in den Abend hinein. Während der Deutsche zuhause um halb fünf den Hammer hat fallen lassen, er selbst längst in der Hängematte und das Supermarktgrillgut auf dem Rost vor sich hinschmurgelt. Immer wieder habe ich beobachtet, wie vor allem Deutsche nach ihren geschichtsforschenden Rundgängen in der Gluthitze verwundert waren darüber, daß die eigentlich ja so faulen Südfranzosen abends so lange arbeiten. Ach was, meint Annalena daraufhin ihrem Thorsten gegenüber, die tun nur so, um uns zu beeindrucken.

Das Fleisch möchte nicht in Vergessenheit geraten. Das würde ich als Franzose niemals in der Schweiz kaufen! Nicht nur wegen des Preises. Eine Schweizerin, das kenne ich aus der eignen Verwandtschaftsmischpoche, kauft kein Fleisch, das nicht strahlend rot glänzt, schon gar keines, das den Anschein erweckt, es würde auch als Entrecôte bald wieder laufen. Kleine Erinnerung: Reifes Fleisch. Ich nehme an, Monsieur le Comte, über Lebensmittelphilosophie muß ich jetzt hier nicht auch noch weiter referieren ...
 
Do, 04.09.2008 |  link | (2896) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 







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