|
Restefisch und Rustikales Die Küche von Marseille ist zwar in erster Linie provençalisch beeinflußt, klar, denn die Stadt ist nunmal das Zentrum der Provence, jedoch auch der gesamte Mittelmeerraum schwimmt in den Töpfen und liegt auf den Tellern. (Jean-Claude Izzo: «Bei uns essen alle gefüllte Weinblätter.») Dazu zählen selbstverständlich auch arabische Einflüsse, da ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung von dort her — zum Beispiel aus den ehemaligen Kolonien — eingewandert ist und weiterhin einwandern möchte (was immer schwieriger wird; erst haben wir sie ausgeraubt, und nun lassen wir sie nicht rein, weil sie ein bißchen was von dem abhaben wollen, das ihnen gehört). Dabei gilt allerdings zu beachten, daß hier ebenso italienisch, korsisch, spanisch, jüdisch-sephardisch oder armenisch, nicht zuletzt griechisch gekocht wird, denn aus diesen Ländern kommen überwiegend die Vorfahren der Einwohner von Marseille. Erwähnenswert ist sicherlich die Bouillabaisse, ein aus Marseille stammendes Gericht, das längst in ganz Frankreich, mittlerweile über das Land hinaus äußerst beliebt ist und auch anderenorts angeboten wird (wenn es sich dabei allerdings allzu häufig um irgendeine Fischsuppe handelt, die auf den Namen Bouillabaisse getauft wird). Doch es ist sehr selten, daß dabei die Qualität der von einheimischen Köchen (oder gar die der Fischersfrauen) zubereitete Bouillabaisse erreicht wird. In den Restaurants von Marseille gehört diese — ursprünglich, das hat sich geändert — von Fischern aus nicht verkauften Fischen, Crevetten und Muscheln — also Restbeständen (so haben's alle Fischer, eben nicht nur die ganz armen, vernünftigerweise praktiziert) — gekochte Suppe zum Standard. Selbst in überwiegend touristisch frequentierten Gaststätten wird sie (vermutlich) schmecken, da man sich bei diesem sogenannten Nationalgericht von Marseille möglichst keine Blöße geben wird. Doch am besten bedient wird man sein, wo Alteingesessene die Bouillabaisse (oder andere Gerichte) genießen (etwa in diesem dunklen Loch in Cassis, lediglich erhellt von der Suppe und den beglückten Gesichtern). In Wikitravel heißt es im (ohnehin nicht so recht zutreffenden; Stand: Mai 2007) Text zu Marseille zwar: «Meiden Sie die scheinbar einladenden Restaurants und Bistros direkt am Vieux Port! Hier findet eine regelrechte kulinarische Massenabfertigung von Touristen statt. Es ist zu empfehlen, sich vom Hafen und der Canebière weg zu orientieren und in den schmalen Gässchen nach einem passenden Restaurant zu suchen. Auch wenn es oft nicht den Anschein hat, die kleinen, unauffälligen Lokale bieten meist die mit Abstand beste Küche.» Zuzustimmen ist an dem Punkt: Besser nicht direkt am Vieux Port mit Aussicht auf die Schiffe et cetera, auch wenn sich dort am Abend durchaus sehr viele (überwiegend junge) Einheimische aufhalten. Ihnen geht es um das vielzitierte sehen und gesehen werden. (Es gibt, wie beispielsweise auf der Münchner Leopoldstraße oder dem Berliner Kudamm — ach, wer will denn da noch hin ...? —, am Quai des Belges nicht einmal für einen faltbaren Smart einen Parkplatz, so daß das schwarze BMW-Cabriolet irgendwo auf einem Trottoir einer Seitengasse aufgebahrt werden muß. Dafür wird am Oval des Quai des Belges permanent Rundstreckenrennen gefahren.) Hier, in diesen scheibenlosen Schaufenstern (wie nahezu überall in Hafenstädten) kann man einen Café, eine Limonade oder auch ein Glas Wein oder einen Pastis trinken, aber essen sollte man dort nicht. Doch es kann durchaus ganz in der Nähe der Canebière oder des Quai des Belges, also des Alten Hafens sein. Oftmals sind es nur ein paar Schritte zu einem der «kleinen, unauffälligen Lokale», die «die mit Abstand beste Küche» bieten. Vorsicht geboten ist allerdings in der direkt hinter dem Quai de Rive Neuve gelegenen rue Saint Saëns um die place Thiars: Hier findet tatsächlich besagte «regelrechte kulinarische Massenabfertigung von Touristen statt». Es ist eher anzuraten, etwa die rue Saint Saëns vom Cours Jean Ballard aus in Richtung rue Paradis zu gehen, vorbei an der place Ernest Reyer, dem Opernvorplatz (die putains, die Bordsteinschwalben, die vom frühen Nachmittag an dort flanieren, sind absolut unaufdringlich; man lebt hier, wie überall im Zentrum, sozusagen multikulturell). Dort sind einige der «kleinen, unauffälligen Lokale» zu finden. Vorteilhafter ist es ohnehin, vom Quai de Rive Neuve aus mit dem bereits von Kurt Tucholsky genutzten Ferry Boat (das allerdings am Abend nicht mehr fährt) zur anderen Seite des Alten Hafens, zum Quai du Port zu fahren — oder eben über den Quai des Belges herum dorthin zu schlendern (wenn man sommerabends überhaupt durchkommt). Hier wird das Restaurant-Leben deutlich angenehmer, was auch daran liegen dürfte, daß diese Gegend von Touristen deutlich weniger besucht wird. Hinzu kommt, daß man nur ein paar Treppen hinaufgehen muß, um ins Panier zu gelangen. Und dort, etwa an der Place du Lenche (mit dem ältesten italienischen Restaurant von Marseille) oder in den Gassen dahinter ist das Angebot weitaus vielfältiger, ist der Wein besser, weil süffiger, steigt insgesamt die (Lebens-)Qualität — nicht zuletzt wegen sinkender Preise. Das größte Angebot an Meeresfrüchten findet man von morgens sieben bis abends sieben bei Toinou am Cours Saint-Louis, etwa 500 Meter vom Alten Hafen aus direkt an der Canebière beziehungsweise dem Übergang des (mittlerweile zum Gähnen verkehrsberuhigten und — wieder — mit Tram versehenen) Cours Belsunce in die Rue de Rome gelegen. Dort kann man sehr preiswert von der kleinen bis zur großen Platte das haben, was eine Büddenwarderin nie und nimmer runterbringen, ja nicht einmal anfassen, in das die Jungverlegerin sich allerdings am liebsten (nicht nur aus wellness-Gründen) hineinlegen würde: fruits de mer. In der traditionellen Marseiller Küche wird (wie überall in Frankreich) frisch und mit Zutaten aus der Region gekocht. Fisch und Meeresfrüchte werden bevorzugt, allerdings auch Fleisch und Geflügel sehr gerne gegessen. Frische Gemüse und Kräuter sind dabei unabänderliche Grundsätze. Allein Knoblauch wird beispielsweise dort, wo der Cours Belsunce noch so heißt, in Marktständen, aber auch in containerartigen Büdchen in riesigen Mengen angeboten, doch auch am rechts von der Canebière gelegenen Markt in der rue Longue des Capucins, ein paar Schritte nur vom Cours Saint-Louis entfernt. Dort decken sich überwiegend die arabischstämmigen, aber auch die anderen (aufgeklärteren) Marsaillais mit Grundnahrungsmitteln und durchaus auch mit Delikatessen — etwa den für Europäer gewöhnungsbedürftigen Süßigkeiten — ein. Gerne sei auf den Bericht von Matthias Brunner verwiesen, auch wenn in ihm einiges leicht aus dem Ruder läuft, da er Eindrücke vom Markt an der rue Longue des Capucins im Quartier de Noailles und dem tatsächlich fischwilden oben hinter der Porte d'Aix miteinander vermischt. Es gibt auch an ersterem zwar wunderliche Gerüche, aber Altöl dürfte dort eher weniger fließen. So in etwa. Aber die Schilderungen an sich sind schlüssig und durchaus charakteristisch. Bei dem obigen Text handelt es sich nicht um einen aus Wikipedia abgeschriebenen, sondern um den ersten Teil dessen, der am 24. Mai 2007 um 11 Uhr 06 im gesamten von mir dort hineingestellt wurde (ich will gar nicht wissen, wie er jetzt aussieht), allerdings für die andere, demnächst zu schließende Seite (weshalb der Beitrag jetzt hier ‹gesichert› wird), mit Änderungen und Ergänzungen versehen, auch jetzt hier wieder. Deshalb gilt für die vorliegende Version selbstverständlich nicht das Wikipedia-, sondern das Urheberrecht. Der zweite Teil: Geistiges und Restliches
«Die beiden Besucher krieg ich kaum mit. Ich höre hauptsächlich mein eigenes Tippen, wenn ich das nächste Buch in die elektronische Maske eingebe, und ab und an Schritte. Mehr ein Schleichen. Als wären Bücher Beute. Viertel vor sechs. Ich geh rüber in Raum 2, wo ein Ensemble zum Lesen einlädt: Designer-Stühle, deren Rücken aus strammen, silbrigen Seilen geflochten sind, wie bei Harfen, aus denen Silbermusik tönt, wenn man sich anlehnt. Ist aber niemand da. Lehnt sich niemand an. Die Beiden sind schon weiter, in Raum 3. Wo die Kunstbücher sind. Meine Schätzchen.» Mittendrin, hier aus Engel und Indianer planen sich selbst, eine der stilleren Erzählungen von einem, bei dem ich etwa einmal pro Woche reinschaue und von dem ich mich nicht erinnern kann, daß er mich je gelangweilt hätte, ich auch nur einmal eine Geschichte nicht zuende gelesen hätte. Es liegt nicht an den Themen, die nicht meine Welt sind und von denen ich mir auch nicht erhoffe, ich könnte in sie eintauchen. Seine außergewöhnliche Erzählkraft ist es, sein unverwechselbarer Stil, sein eigenartiger Humor und sein von Selbstironie durchsetzter Witz, seine Einfühlsamkeit bei der Beschreibung seiner Charaktere, die mich geradezu zwingen, alles genau zu lesen. Also tauche ich doch ein, unvermeidlich. Und manchmal bin ich dabei erschüttert, so wie heute: Nur ein paar dumme Stunden
Biederb(r)aumeister Weil's ein Thema ist und aus gegebenem Anlaß auf die Seite 1 gehoben. Auf Helmut Jahn aufmerksam wurde ich mit dem Messeturm in Frankfurt am Main, der um 1990 eingeweiht worden sein dürfte. Da überkam mich jenes Schaudern, das mich nach wie vor überkommt, wenn von postmoderner Architektur (von verbeamteten oder demokratisch gewählten Baukunstexperten immer noch) gesprochen wird — dieser von Jonathan Borofskys global aufgelegtem hämmernden Mann illustrierten Mainhattan-Tower stellt für mich das Symbol dieser trivialeklektizistischen Baukunst dar. Nun gibt es sicherlich erträgliche Ergebnisse dieser Postmoderne (übrigens ein Begriff, der mit der Literaturtheorie der sechziger Jahre aufkam und vom Architekten Charles Jencks in eine Sprache überführt wurde, die bald von vielen gesprochen werden sollte: so etwas wie das Denglish oder der Germslang des zeitgenössischen internationalen Bauens der Siebziger bis Neunziger). Aber was Jahn an weiterentwickeltem Architektur-Kauderwelsch überall hingestellt hat und stellt, war und ist die Ausgeburt dessen, was da gerade zusammengekracht ist: der Geld-Schein. Nicht beton brut im Sinne eines (oftmals bewußt mißverstandenenen) Le Corbusier, also der reine Beton, das sichtbare Material, sondern das protzig zugehängte derer, die dem Volk zeigen wollen: Schaut, hier ist euer Geld gebunkert. Sicher. Und da das Volk sich nunmal gerne beeindrucken läßt, im besonderen die kleinen Bankschalterangestellten, die sich gerne Bänker nennen und für mich in der Achtung weit unter den zeitgenössischen Bäckern stehen, weil die nämlich wissen, daß sie den Leuten Chemiegemisch als Brötchen zusammenrühren, klebt Jahn hier eine Applikation aus edlem Gestein hin und stülpt dort ein bißchen Tand über schlichten Entwurf und banalen Baustoff, nennt es, meinethalben, Phantasie des Fortschritts und wird von den vielen Bankkaufmannsgehilfen oder BWL-Bachelors und den ein bißchen Rendite begehrenden Sparanlegern auch staun- und glotzäugig und letztlich auch noch stolzbrüstig so wahrgenommen. Gerade am Beispiel der jahnschen Architektur wird deutlich, was in den Köpfen ihrer Bauherren vorgeht: so stellen sich die Lieschens und Fritzchens Müller bis hinauf in die Vorstandsvorsitzendenetage vor, würden Ludwig der Vierzehnte, besser vielleicht der Bayern-Kini vermutlich gebaut haben, lebten sie in der Jetztzeit. Es ist das Architekturdilemma schlechthin, daß immer wieder ein solcher (Ver-)Blender wie Jahn seine protzige Einfallslosigkeit aus einer seiner drei Schubladen ziehen darf. Aber vom Schein lebt diese Gewinnmaximierungsgesellschaft nunmal. Und ausgerechnet der Moderne werfen diese aber auch rein garnix wissenden Apologeten der Nachmoderne ff. vor, sie sei der Verursacher der Unwirtlichkeit unserer Städte; von dieser Formel haben sie irgendwann mal gehört. Daß die sogenannten Highlight-Towers in München ausgerechnet an der Mies-van-der-Rohe- beziehungsweise Walter-Gropius-Straße liegen (dürfen? müssen?) — am Ende hat man diesen Bau mit diesen Namen aufgewertet (die beiden können sich ja nicht mehr wehren) —, schlägt der Architekturgeschichte die Wirklichkeit der Ignoranz in die Bücher. Das wäre ein Grund gewesen, die Stadt zu verlassen, um in Kurz-vor-hinter-Sibirien Ananas zu züchten. Aber ich war glücklicherweise schon weg, um im tiefen Süden das Stangeneis zu produzieren, das meine Wut über diese Art von Kultur(-verständnis) runterkühlt. Bremen im schönen jahnschen Schein. Das ist, mit Verlaub, so provinziell, wie's provinzieller nicht mehr geht. Es deckt sich mit den Eindrücken, die ich noch jedesmal hatte, wenn ich dorthin kam: irgendwie eine etwas zu groß geratene Kleinstadt. Über das neue Bremen muß ich mich erst noch richtig informieren, aber so viel sehe ich jetzt schon: Hamburg holt sich die meines Erachtens zu recht gepriesenen Herzog und Meuron für die Elbphilharmonie, die eine Synthese aus alter und neuer Architektur bauen; das ist, wenn's denn durchdacht ist, ein immer erstrebenswerter Ansatz, da er Fortschreiten und Rückblicken zugleich zeigt, da in der Zukunft auf die Vergangenheit verwiesen wird (ein Beispiel). Bremen aber läßt diesen Kerla bauen, der ständig auf der Suche nach Mitteln ist, sein fränkisch-kleinteiligiges Denken zuhängen zu können. Nie möge der Verdacht aufkommen, eigentlich säße er ja lieber im Bratwurstglöckla oder braute und/oder söffe beim weit- und weltfernen Schlenkerla Rauchbier. Dieser provinzielle Nörmbärcher Provinzzubetonierer (nichts gegen Betonfacharbeiter aus der Provinz!), dieser (Vor-)Gaukler, der so gerne bei Hofe auftreten möchte, aber immer nur vom hinterwäldlerischen Niederadel eingeladen wird, der nichts zu bieten hat als niederes Wild, also Karnickel und ein paar aufgeschreckte Hühner, weshalb die unteren Grade der höfischen Gesellschaft auch so heißen, er möge dem unterworfen werden, was Herr Pfitzinger als weltweites Motto vorgeschlagen hat: «No Jahn inside». Womit nicht der mit den Hendln gemeint ist! Aber dessen Architektur ist ohnehin längst zusammengebrochen ...
Hamburg-Hymne Über Peter Rühmkorf kamen wir, hap und ich, innerhalb eines elektrischen Postaustauschs auf Hamburg. Geschrieben hatte ich unter anderem: «Wie ich immer eine unerklärliche Verwandtschaft zu allem spürte, was mit dieser Stadt zu tun hat. Ich kann's nicht erklären. Auf jeden Fall hatte mich die Stadt angezogen, seit ich ins Land gekommen war. Überhaupt habe ich mich von jungen Jahren an immer eher in Norddeutschland zuhause gefühlt — wobei ich Berlin nicht zu Norddeutschland zähle!» Seine Antwort lautete: «Ja, deine Affinität zu Hamburg ist schon deutlich, wobei das für mich nicht so schwer erklärbar ist. Du bist ja eher in großen Städten zu Hause, auch wenn du jetzt aufm Land wohnst. Und Hamburg hat ja was Großstädtisches im besten Sinn. Mir kam die Stadt immer abweisend vor, oder ich wollte mich nicht darauf einlassen. War mir auch zu groß — irgendwann, nach meinen Begegnungen mit New York und Los Angeles und Madrid und Barcelona, später Rom, ist mir klar geworden: Ich krieg Platzangst in Großstädten, wenn ich das Gefühl habe, dass ich da zu Fuß nicht mehr rauskomme. Das hatte ich in San Francisco nie, schon weil das Meer und der wilde Strand immer da sind, und das habe ich in München auch nicht, weil ich unten an der Isar schon das Gefühl habe, ich bin draußen.»Was mich zu nachfolgenden Äußerungen veranlaßte, von denen mein Briefpartner meinte, andere dürften das durchaus auch lesen. So sei es denn: Weil Hamburg Großstadt ist? Das muß man von Berlin doch wohl auch sagen (wo ich immerhin fast zehn Jahre verbracht habe). Wobei das tatsächlich Paris sehr viel ähnlicher ist als Hamburg, das sich nicht so kleinteilig zeigt, nicht die Kieze hat wie Berlin oder Paris (oder ein bißchen auch noch München). Und in Paris fühle ich mich wohl, was ich von Berlin nun nicht unbedingt behaupten möchte. Nee. Hamburg hat schon was besonderes. Und wenn Du die Elbe langgingest — im Unterschied zur Isar ein Fluß! —, dann hättest Du auch Deinen Blick, na ja, nicht aufs Mittelmeer oder gar den Pazifik, aber auf die Nordsee. Die ist zwar noch rund hundert Kilometer entfernt, aber das Gefühl, sie sei sozusagen nur ein paar Meter weiter, stellt sich bei mir immer ein. Und Strand hat Hamburg auch, sogar einen schönen: den Elbstrand. Da kann man sitzen oder liegen und den riesigen Pötten beim Ein- und Ausfahren zuschauen. Ein paar Meter weiter draußen, da, wo Rühmkorf gewohnt hat, in Övelgönne, gibt's (gab's?) an der Elbe eine Art Glühwein-, Köm- und Würstchenbude für Schippers und zugezogene Arriviertere gleichermaßen, deren Besitzer mir vor ein paar Jahren mal innerhalb zweier Stunden über jeden vorbeifahrenden Kahn, aber wirklich jeden eine Geschichte erzählt hat; die Fakten, also Herkunft, Tonnage, Verdrängung, Tragfähigkeit, Tiefgang, Länge, Höchstgeschwindigkeit und so weiter, kannte er ohnehin. Ja, es ist schon so: Hamburg ist eine richtige Großstadt, weitläufig — und im Gegensatz zur Meinung vieler auch offen. Das Gefühl der großen weiten Welt stellt sich hier ein. Und was da jetzt mit der Hafencity geschieht, da kann man meckern, wie man will, wie ich zum Beispiel über eine Architektur wieder mal nur für die Begüterten, aber das ist nunmal das Pfeffersäckische, doch es gibt schon viel zu staunen, wie die das immer wieder hinkriegen. Seefahrerromantik, die gibt's nicht mehr. Dennoch fängt in dieser Stadt immer wieder Hans Albers in mir zu summen an, auch vor diesem (großartigen) Irrsinn Elbphilharmonie. Was hab ich geschimpft über das Verschwinden der Speicherstadt, doch nun stehe ich staunend vor dem, was da entsteht. Es dürfte keine deutsche Stadt geben, in der solches möglich ist. Das heißt auch, Hamburg ist nach meiner Ansicht die einzige deutsche Stadt, die als international bezeichnet werden kann. Berlin ist ein Flickerlteppich, ähnlich, wie erwähnt, Paris, hat aber im Gegensatz bei weitem nicht das Flair. Bei Berlin denke ich immer, da können die machen, was sie wollen, es kommen immer nur Currywurst oder Buletten oder mittlerweile Döner dabei raus, und sei das alles noch so edelförmig eingeflogen und serviert. Daran ändert auch das Kunststadtgehample nichts, das ohnehin nicht von Berlinern ausgeht, die ihre Currywurst oder Buletten eher unveredelt mögen, allenfalls noch türkisch. Die Hamburger indessen begrüßen im wesentlichen dieses Fortschreiten, das Expandieren scheint ihnen im Blut. In der von Hamburg straflos vernachlässigten Schwesterstadt Marseille (seit fünfzig Jahren, dennoch ist kaum etwas zu spüren; es wird nur noch vom Handelspartner China geredet — klar, da kommt das Geld her, nicht nur für die Hafencity) geschieht ähnliches, wenn auch leider unter anderen Vorzeichen. Hamburg hat die Nase immer schon hoch oben im Wind getragen. Das versucht man nun Marseille aufzustempeln, der Stadt ein internationales Gesicht zu geben. Das Problem dabei: Es wächst nicht gelassen, der Mentalität der Einwohner entsprechend. Die Zeiten haben sich nunmal geändert. Vorbei ist das, von dem ich mal geschrieben hatte: «Nachdem Protis an Land gegangen war, um sich mit der schönen Ligurerin Gyptis zu vereinen, ward Marseille gegründet. Protis war Phäake, und die Phäaken, dieses Seefahrervolk von der Insel Scheria, hatten nicht nur einen gastfreundlichen König namens Alkinoos, der den schiffbrüchigen Odysseus aufnahm, um ihn dann in seine Heimat Ithaka zu geleiten. Er hatte auch eine schöne Tochter. Nausikaa war es, die den gestrandeten Odysseus fand und ins Haus ihres Vaters führte. Marseille wurde also von der Liebe gegründet.» Die Oberstempler sitzen in Paris (Geld gibt's aus Brüssel), zumindest starren ein paar von «internationalem Ansehen» Besoffene ständig dort hin und vergessen dabei, daß Marseille nicht Frankreich ist. Sowas interessiert die Marseillais nicht. New York möcht' ich nicht, Los Angeles gleich gar nicht, ach, überhaupt kein Amiland. Zu den Romanischen hatte ich immer Affinität, also: Madrid und Barcelona, Rom et cetera, und ja: Lissabon. Deshalb ja immer wieder meine Verwunderung über meine Uralt-Liebe zu Hamburg. Denn was Romanisches gibt's da nun wirklich nicht. Ich bin eine gespaltene Persönlichkeit. Andere nennen das wohl: Der weiß nicht, was er will. Aber vielleicht kann's mir ja jemand erklären, was mich an Hamburg so anzieht ...
|
Jean Stubenzweig motzt hier seit 6507 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
Zum Kommentieren bitte anmelden.
AnderenortsSuche: Letzte Kommentare: / Echt jetzt, geht noch? (einemaria) / Migräne (julians) / Oder etwa nicht? (jagothello) / Und last but not least ...... (einemaria) / und eigentlich, (einemaria) / Der gute Hades (einemaria) / Aus der Alten Welt (jean stubenzweig) / Bordeaux (jean stubenzweig) / Nicht mal die Hölle ist... (einemaria) / Ach, (if bergher) / Ahoi! (jean stubenzweig) / Yihaa, Ahoi, Sehr Erfreut. (einemaria) / Sechs mal sechs (jean stubenzweig) / Küstennebel (if bergher) / Stümperhafter Kolonialismus (if bergher) / Mir fehlen die Worte (jean stubenzweig) / Wer wird schon wissen, (jean stubenzweig) / Die Reste von Griechenland (if bergher) / Richtig, keine Vorhänge, (jean stubenzweig) / Die kleine Schwester (prieditis) / Inselsommer (jean stubenzweig) / An einem derart vom Nichts (jean stubenzweig) / Schosseh und Portmoneh (if bergher) / Mit Joseph Roth (jean stubenzweig) / Vielleicht (jagothello) «Ist Kultur gescheitert?» ? «Bitte gehen Sie weiter.» Suche: Andere Worte Anderswo Beobachtung Cinèmatographisches + und TV Fundsachen und Liebhaberstücke Kunst kommt von Kunst La Musica Regales Leben Das Ende © (wenn nichts anders gekennzeichnet): Jean Stubenzweig |
|
|