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Alkoholtote Neunaugen «Der Trick ist, sie in gutem trockenen Sherry zu ersäufen. [...] Auf die Neunaugen muß man dabei nicht allzuviel Mitgefühl verschwenden, denn sie sterben einen Tod, den zahllose Menschen ersehnen, nämlich an akuter Alkoholvergiftung. Selig besoffen, mit anderen Worten. Sie müssen dann zwölf Stunden in einer kühlen Speisekammer in dem Sherry liegenbleiben, damit dessen Aroma das Fleisch von innen und außen durchdringen kann.Zu diesem Buch, das mich quasi zu und mit Henri II. de Hambourg erreichte, von dem ich etwa drei Viertel gelesen habe und bereits darüber zu trauern scheine, daß es bald zuende sein wird, weshalb ich es zusehends langsamer lese, es also genüßlich lutsche wie das Fett vom Auge des Salms, werde ich voraussichtlich noch näheres verlauten lassen. Es kann aber eine ganze Weile dauern, da ich es möglicherweise erst noch einmal lesen mag, weil ich diesen Alien Pie, einer Pastete aus geräucherter Katze, Karettschildkröte und vielen ebenso unexotischen Ingredienzien wie beispielsweise grünem Speck, frischem Ingwer, Haushaltspetrolium, einer Bussardfeder als Krönung und, im besten Wortsinn, köstlichen Anspielungen auf Künste und Kulturen sowie deren genmanipulierten Fehltriebe viel zu schnell verschlungen habe, weshalb die eine oder andere Zutat an meinen Geschmacksknospen vorbei kerzengerade ins Rectum gefahren sein könnte. Ein wenig fühlt es sich an, als ob da unten ein kleinkindfaustgroßer Trüffel festsäße, der nur deshalb durchflutschte, weil er mit einem Eimer voll kellerduftendem Champagner hinabgespült wurde: Ein Sakrileg, begangen an durchkomponierter Schreibkunst, hervorgerufen von zeittypischer Raserei: des Hinunterschlingens von Edlem? Oder schlicht ein Klumpen, geformt vom einen oder anderen leicht manierierten Tröpfchen sowie überbeanspruchten und deshalb zum sprachlichen Kracher verunglückten Witzchen und damit durchgerutscht und unausgewertet auf den endgültigen Abgang wartend? Ich könnte es machen wie die Wiederkäuer: alles von ganz tief unten hochwürgen, erneut und dieses Mal ordentlich kauen, um es anschließend und endgültig der Verdauung zuzuführen. Aber ich bin ja kein Rindvieh. Es geht schließlich nicht alleine um lebenserhaltende Maßnahmen, sondern um Genuß. Und den habe ich ich ohne jeden Zweifel. Aber am besten lese ich es erstmal zuende und blättere gegebenenfalls zurück in: James Hamilton-Paterson: Kochen mit Fernet-Branca. Aus dem Englischen (in ein filigranes, nachgerade wohltuendes Deutsch übertragen) von Hans-Ulrich Möhring. Stuttgart 2005
Romantik 4. Fortsetzung. «— ich nannte sie schon meine Narzisse.» Didier. Bei mir du benötigst keine Capote. Capote anglaise. Mon Dieu! Ich muß immer so lachen, wenn die Deutschen dazu Pariser sagen. Empêchement parisien, mais vrai. Didier! Wir haben das nie gebraucht. Wir beide waren immer nackt. Wie unsere Seelen. Werde es wieder! Ich möchte es wieder sehen, dein Herz! Bitte. Ich will nicht streiten. Es macht mich traurig. Ach so — laß die Grammatik den Leuten, ich studier’ den Geliebten? Es lebe der alte Mystiker Qadi Quadan. Oder wie? Oui, Didier! C'est ça! Juste au milieu. «Und eine einzige Letter les' ich, und les' sie immer wieder!» Immer und immer wieder dieses eine Zeichen lesen. Nur so lerne ich ein verborgenes Gesicht kennen, wenn ich es immer und immer anschaue. Dein Gesicht schaue ich immer wieder an! Ich habe es getan, als du mit mir warst. Als wir waren ein glückliches Paar. Und ich habe es immer angeschaut, nachdem su weggegangen warst. Du hast mir zwar keinen Brief wegen deiner Flucht gelassen, doch dein Gesicht. Es ist bei mir geblieben, es ist immer bei mir. Es befand sich immer, über diese ganze drei Jahre und mehr, meinem gegenüber. Die alten Mystiker — à l'ouest ou à l'est, tout le monde! — haben ihr Wissen nur deshalb erlangt, weil sie intensiv die Herzen des Menschen betrachtet haben, immer dieses eine Zeichen. Und der Mensch ist dieses eine Zeichen. In gleichem Maße innen und außen. Die Grammatik ist ihm nicht zunutze, wenn er das Geheimnis dieses Chiffre nicht kennt, aus denen die Zeichen entstehen, die er später im Alphabet zu beugen vermag. Nur so entsteht Geschichte — Geschichten in den Herzen, aus denen Histoire wird in den Köpfen der Menschen. Non. Dans le fonds de cœur. Nicht diese Seele der deutschen Romantique, die nur in Männern wohnt. Bereits diese Ondine von Fouqué hatte gesprochen: «Es muß etwas Liebes, aber höchst Furchtbares um die Seele sein. Um Gott, mein frommer Mann, wär' es nicht besser, man würde ihrer nie teilhaftig? Schwer muß die Seele lasten, sehr schwer! Denn schon ihr annahendes Bild überschattet mich mit Angst und Trauer. Und ach, ich war so leicht, so lustig sonst!» Meine Güte, was sie alles im Kopf haben! Da grüble ich mich dann doch durch mein Staunen. Sie hecheln die Romantik durch?! Didier! Ich habe es einmal gelernt. Und es ist verdammt, daß du es nicht weißt. Nicht mehr weißt. Alle unsere Gespräche. Es war einmal die Wissenschaft. Die Romantique, die Reception des Romantisme. Es ist vorüber. Lange. Die Theorie. Nun habe ich es in meinem Herzen. Tief. Mein Herz ist auch in meinem Kopf. Denn es ist das, was mich vorantreibt. Das Thema der Melusine — du hast mich eine Nymphe genannt! deine Nymphe, Didier! Friedrich de la Motte Fouqué nach Paracelsus, Heinrich Heine, dann Oscar Wilde, Jean Giraudoux — der Médiateur franco-allemand par excellence! Nicht Kohl et Mitterand. Alles dieses. Und wir haben es einmal gemeinsam getrieben. Vor ein paar Jahren. Écoute! Giraudoux' Ondine, Ihr Hans war ein Pataud. Non. Er war nicht ein Pataud, nicht ein — wie heißt es? Ah! Tolpatsch —, er war ein Vaniteux, ein Mann voll Eitelkeit. In einer Weise, wie ihr Männer es so oft seid. Er war nicht einmal denkende Seele. Wie sagte es Ingeborg Bachmann? Diese Logik habe ich gelernt, daß ein Mann Hans heißen muß, daß ihr alle so heißt, einer wie der andere, jedoch nur einer. Es ist immer nur einer, der diesen Namen trägt. Mon Dieu! Didier! So oft habe ich an diese Worte denken müssen: Und wenn eure Küsse und euer Samen von den vielen großen Wassern — Regen, Flüssen, Meeren — längst abgewaschen und fortgeschwemmt sind, dann ist doch der Name noch da, der sich fortpflanzt unter Wasser, weil ich ihn nicht aufhören kann zu rufen, Didier, Didier ... Eh bien, passé. Das ist die Erinnerung, aber nun ... Ich darf doch sehr bitten ... Pah ! Didier. Du bittest mich? Du darfst es. Vor kurzer Zeit erst hast du Bachmann gelesen. Ich habe es gesehen. Ich habe dein Buch in der Hand gehabt. Auch ich habe darin gelesen ... Das ist doch nun wirklich die Höhe ... Oui. In der Höhe. Sie steht weit oben bei dir. Oben in deinem Regal. Vor Balzac und neben Gottfried Benn. Darüben in dieser kleinen Bibliothek. Dort stehen offenbar alle deine persönlichen Freunde. Alle diese. Unsere, Didier! Ich habe gesehen, daß du ... Sie rast — hinüber ins andere Zimmer. Sie kennt sich offensichtlich gut aus bei mir. Und sie kommt rasend schnell mit Ingeborg Bachmanns Buch Das dreißigste Jahr zurück. Sie hat es aufgeschlagen. Ici! Écoute. Hierin habe ich eine Taxirechnung gefunden. Aus Paris! Hier ist sie. Sie ist eine Woche alt! Erfreulich nicht aus Marseille! Hier ist etwas angestrichen. Es sieht aus, als ob es sehr oft gelesen ist. Diese Histoire ist verknickt. Écoute: «Denn ich habe die feine Politik verstanden, eure Ideen, eure Gesinnungen, Meinungen, die habe ich sehr wohl verstanden und noch etwas mehr. Eben darum verstand ich nicht. Ich habe die Konferenzen so vollkommen verstanden, eure Drohungen, Beweisführungen, Verschanzungen, daß sie nicht mehr zu verstehen waren. Und das war es ja, was euch bewegte, die Unverständlichkeit all dessen. Denn das war eure wirkliche große verborgene Idee von der Welt, und ich habe eure große Idee hervorgezaubert aus euch, eure unpraktische Idee, in der Zeit und Tod erschienen und flammten, alles niederbrannten, die Ordnung, von Verbrechen bemäntelt, die Nacht, zum Schlaf mißbraucht. Eure Frauen, krank von eurer Gegenwart, eure Kinder, von euch zur Zukunft verdammt, die haben euch nicht den Tod gelehrt, sondern nur beigebracht kleinweise. Aber ich habe euch mit einem Blick gelehrt, wenn alles vollkommen, hell und rasend war — ich habe euch gesagt: Es ist der Tod darin. Und: Es ist die Zeit daran. Und zugleich: Geh Tod! Und: Steh still, Zeit! Das habe ich euch gesagt. Und du hast geredet, mein Geliebter, mit einer verlangsamten Stimme, vollkommen wahr und gerettet, von allem dazwischen frei, hast deinen traurigen Geist hervorgekehrt, den traurigen, großen, der wie der Geist aller Männer ist und von der Art, die zu keinem Gebrauch bestimmt ist. Weil ich zu keinem Gebrauch bestimmt bin und ihr euch nicht zu einem Gebrauch bestimmt wußtet, war alles gut zwischen uns. Wir liebten einander. Wir waren vom gleichen Geist.» Darüber haben wir sehr oft gesprochen. Und auch darüber, daß du es nicht mehr möchtest. Dieses, das zuvor war, bevor Ondine gekommen war und gesagt hat: Steh still, Zeit! Bevor ich gekommen war, denn du hast mich so gerufen: Ondine. Und, écoute, auch dieses war unser Gespräch: «Ich habe keine Kinder von euch, weil ich keine Fragen gekannt habe, keine Forderung, keine Vorsicht, Absicht, keine Zukunft und nicht wußte, wie man Platz nimmt in einem anderen Leben. Ich habe keinen Unterhalt gebraucht, keine Beteuerung und Versicherung, nur Luft, Nachtluft, Küstenluft, Grenzluft, um immer wieder Atem holen zu können für neue Worte, neue Küsse, für ein unaufhörliches Geständnis: Ja. Ja. Wenn das Geständnis abgelegt war, war ich verurteilt zu lieben; wenn ich eines Tages freikam aus der Liebe, mußte ich zurück ins Wasser gehen, in dieses Element, in dem niemand sich ein Nest baut, sich ein Dach aufzieht über Balken, sich bedeckt mit einer Plane. Nirgendwo sein, nirgendwo bleiben. Tauchen, ruhen, sich ohne Aufwand von Kraft bewegen — und eines Tages sich besinnen, wieder auftauchen, durch eine Lichtung gehen, ihn sehen und ‹Hans› sagen. Mit dem Anfang beginnen.» Wir haben mit dem Anfang begonnen. Es war auch, weil ich anders war als diese Ondine von dieser armen Ingeborg Bachmann. Mein Herz war nicht so schlimm verwundet wie das ihre. Gar nicht war es verletzt. Es hat nicht geblutet. Jedoch es hat gebrannt. Non. Wie heißt es deutsch — ah! es war entflammt. Denn meine Liebe war frei. Sie hatte gewartet. Und mein Hans war gekommen. Du und ich, Didier, wir haben einen Teil dieser Seele, die bei uns ein Herz ist, einmal den Männern, deinem verehrten Novalis, die religieux-schwebende Seele in etwas verwandelt mit ein wenig mehr Lust auf Fleisch, vielleicht auch mit viel mehr, mit Lust auf Opulence, sie herausgeschnitten und in die Frau hineingeformt — nicht mehr nur dieses: «Mag die Flamme der Liebe und Sehnsucht auflodern und dem Geliebten Schatten, die liebende Seele nachsenden.» Allons donc! Mais non! Was sage ich?! Ihr kommt aus uns! Die Frauen, so waren wir beide uns einig, verstehen nicht nur sehr viel, sondern sehr viel mehr von der Gemeinschaft als Männer. Bereits Fouquè hat keinen Zweifel daran gelassen, daß Ondine ihrem Ehemann überlegen ist. Er ist unfähig, das Absolute ihrer Liebe zu erwidern oder auch nur zu verstehen. Bei Giraudoux es gibt keine Zeit für sie und keine Ewigkeit. Lassen wir also Staat, Kirche und Öffentlichkeit dem Mann, haben wir laut gerufen. Für die Gemeinschaft ist die Frau Geborgenheit. Aus ihrem Leib ist sie geboren. Lassen wir auch diese Ondine française eingehen in ihr Idéal von einer philosophische Liebe für das grand Amphithêatre, für ein Staunen von einem großen Auditoire. Wir haben sie mit Oscar Wilde in uns hineingeführt — Liebe ist besser als Weisheit. Wie Merleau-Ponty geschrieben hat, Lévinas, Riccœur gedacht haben — Leib und Seele stehen nicht contraire zueinander, sie sind Einheit. Der Leib ist Nature, er gibt dem ein Gesicht, was wir Culture nennen, was sich in deiner fühlenden, nicht alleine in deiner denkenden Sprache, was sich in unserer — deine und meine! — Sprache Liberté d'esprit, auch Valeurs spirituelles, vielleicht auch nur das Spirituelle nennt — alle Bedeutung in einem, in fühlendem Denken und denkendem Fühlen. Wir haben der Seele, diesem deutschen Geist des Romantisme einen anderen Namen gegeben. Liebe ist besser als Weisheit, das haben wir mit Oscar Wilde gerufen, als wir hinübergefahren ... Ach! Doppel-Merde! Mystifikation. Ich und Mystifikation. Was hab ich denn mit dieser Gottsucherei zu tun?! Ich halte es eher mit Diogenes. Der hat mit seiner Laterne in die Ecken der Athener Agora hineingeleuchtet und Menschen gesucht. Und bei Jean Baruzi heißt es, es gibt keine mystische Entzückung der Seele ohne vorherige Entleerung. Aber Wildes Fischer hatte außerdem ein Verhältnis mit seiner Seele, une liaison avec ihr, mit der war er eigentlich eher verheiratet. Und er hat auch gesagt, daß diese Liebe nicht nur besser ist als Weisheit und kostbarer als Reichtum, sondern auch schöner ist als die Füße der Töchter der Menschen, daß die Feuer sie nicht zerstören können und die Wasser sie nicht ertränken. Und? Was war dann? «Keine Blumen wuchsen dann mehr auf dem Grab.» Der Pfaffe ist sogar hops gegangen, ist irre geworden daran, hat sich Chorhemd und Stola abnehmen lassen ... Oui! Weshalb opponierst du? Weil du es mußt? Auch Marquis de Sade hat es betont. Nichts würde gehen, ohne daß beides ist in Harmonie, eine Einheit. Vielleicht ist es dir lieber? Weil du meinst, in Opposition gehen zu müssen? Als einen Grundsatz deiner selbst? Aber der Marquis de Sade hat die Pfaffen niedergemacht! Er hat sie allerdings nicht ermordet. Er hat sie niedergeschrieben. Er hat's zumindest versucht. Wenn's auch nix geholfen hat. Das einzige, an das de Sade geglaubt hat, war der Mensch. Hier de Sade und seine Laterne. Aber nix Sonne, Mond und Sterne als Produkt eines göttlichen Wesens. Er hatte mit diesem Mystifikationskram nichts am Hut. Alles Lug und Trug. Sogar die Révolution hat Gott wieder erscheinen lassen. Monsieur! Uff! Als ob ich je ein Anhänger der Revolution gewesen wäre! Jedenfalls nicht dieser Revolution. Nicht des Terrors ... Dein von dir nicht sehr geliebter Goethe? Ist es möglich? «Weil ich nun aber die Revolutionen haßte, so nannte man mich einen Freund des Bestehenden. Das ist aber ein sehr zweideutiger Titel, den ich mir verbitten möchte.» Ach du meine Güte! Eckermann. Das halt ich ja im Kopf nicht aus. Herr Gott Goethe und sein gelehriger Lehrling Eckermann. «Eckermann und Goethe — Blaserohr und Flöte.» Nikolaus Lenau. Und wie schrieb Heine so schön: «Zu Weimar, dem Musenwitwensitz, Da hört ich viel Klagen erheben, Man weinte und jammerte: Goethe sei tot Und Eckermann sei noch am Leben!» Und dann noch der Hauch von Anton Kippenberg: «Auf Winsen sich die Ruhe legt; Kein Windeshauch die Luhe regt. Da hebt Gemuh', Gemecker an: Die Herde heim treibt Eckermann.» Es ist ein Phénomène! Ein sehr komisches, das muß ich betonen. Wann immer man dir gibt das Stichwort Goethe, es kommt aus dir wie eine springende Quelle. Es ist, als ob man ein Zauberwort spricht, als ob man wäre im Buch Harry Potter. Man muß nur die beiden ersten Buchstaben sagen, und es kommt zu einem Ausbruch, wie aus einem Gefängnis. Es sind enorme heiße Quellen in diesem Anti-Goethe-Vulkan Didier. Es ist mir also wieder gelungen. Wie früher. Es ist alles noch in Funktion. Wenigstens dieses. Sie wissen sehr viel. Seltsam viel.
«Als säßen wir hier nicht in einem freien, demokratischen Europa, wo die einzige wirkliche Gefahr nicht Gedanken sind, sondern ihr Fehlen.» James Hamilton-Paterson: Kochen mit Fernet-Branca, Stuttgart 2005
Henri II. de Hambourg Feier- oder Jubeltag ist heute, auch für mich. Also gehe ich jetzt ebenfalls ein bißchen feiern. Nicht deswegen, nein! Da ist sonstwas vor, das ist nicht mein Quartier. Mir wurde schlicht schon wieder einer geboren, gestern, um acht Uhr zehn, 3.953 Gramm und 53 Zentimeter: Henri. Mit i! Wie Bergson oder Cartier-Bresson oder La Fontaine oder Lefebvre oder (Bernard-) Lévy oder Matisse oder Michaux oder Mitterand oder Poincaré oder der Quatre oder Rousseau oder Stendhal oder Toulouse-Lautrec oder so, in dieser Richtung, und, sei's drum, meinetwegen, als gebürtiger und wohl für alle Zeiten geborener Hamburger, Nannen. Nein, eine Beteiligung meinerseits hat da nicht stattgefunden. Es liegt an der außerordentlichen Fruchtbarkeit der großräumigen Familie. Ich freue mich sehr. Große Gratulation: C. und M.! Und H., selbstverständlich. Aber mußte das sein? Bei dem Sauwetter, meine ich. Ich wär' dringeblieben.
Platt und Volkstheater Bei letztgenanntem Begriff, lieber Hanno Erdwein, habe ich zunächst mal meine Bedenken. «Für den Münchner Ober-Grantler Gerhard Polt ist der Begriff Volkstheater ein Widerspruch in sich: Was sei denn, meinte er anläßlich der Diskussion um die Notwendigkeit einer solchen Institution, das Publikum im Parkett eines Theaters anderes sei als das Volk?» Lesen Sie mal in den den Text des Kollegen unter diesem Link hier rein, der ist zwar schon etwas älter, aber das Rad des Thespiskarrens rollt ja auch schon eine ganze Weile. Oder so: Was in der Regel als solches ausgewiesen wird, zähle ich nur bedingt dazu. Wenn Sie jedoch das ursprünglich Mundartliche – das auf diesen sogenannten Volksbühnen in der Regel nichts ist als eine synthetisch gequirlte, für den Tourismus aufbereitete, na ja, Masse ist – meinen, dann rücken wir zusammen. Früher konnte ich gar nichts damit anfangen, vermutlich, weil mir jeder geographische Bezugspunkt fehlte und ich idiomfrei deutsch gelernt hatte. Aber mit der vor etwa zwanzig Jahren einsetzenden Altersweisheit zog bei mir wohl die Erkenntnis ein, daß uns da eine ungemeine kulturelle Vielfalt verlorengeht, wenn die Dialekte zusehends verschwinden. Das dürfte zur Folge haben, daß bald nur noch ein undefinierbarer Kauderwelsch zur Verfügung stehen wird, der keiner Region mehr zuzuordnen ist. Wie beim Essen, das für viele junge Menschen ja heute schon aus der Fabrik kommt und die nicht mehr in der Lage sind, den Geschmacksunterschied zwischen Erbsen und Linsen zu erkennen, da alles unter einer industriell vorgefertigten Gewürzpampe verschwunden ist. Die sich häufenden Kochsendungen dürften damit einhergehen: Das kochende Volk spürt, wie sehr sein Organ verkümmert, da es kaum noch gebraucht wird. Daselbe dürfte auch auf das allgemein angestiegene Interesse an regionalspezifischen Sprachen zutreffen. Das trifft nicht nur auf die deutschen Lande zu. Gut in Erinnerung habe ich noch, welchen außerordentlichen Zulauf beispielsweise im Südwesten Frankreichs etwa seit Anfang der neunziger Jahre das Okzitanische hatte, das vom zentralistischen Paris quasi verboten und wieder zugelassen worden war, als man merkte, wie sehr die EUropäisierung die eigene altsprachliche und literarische (Ur-)Kultur verdrängte. Nicht anders dürfte die Zuwendung zu werten sein, die die deutsche Sprache an sich und die einzelnen Dialekte im besonderen des deutschen Sprachraums erfahren. Koch- und Sprachauftritte diverser Prominenter sind dabei vermutlich bei weitem mehr als Kuriosa; denn ohne die scheint es offensichtlich nicht zu gehen, muß auf ein Problem oder auch Phänomen aufmerksam gemacht werden, und sei es, sie funktionierten als schlichte Aufhänger. Meines Erachtens lugt dabei aus allen Ecken eine Renaissance der Romantik. Das ist nicht einmal bedingt unfreiwillig komisch. Renaissance bedeutet Wiedergeburt, Wiedererwachen; als Epoche die Wiederbelebung der griechischen und römischen Antike in Europa. Nun gut, die alten Römer kannten immerhin Bad, Toilette und Zement. Aber während der Romantik sehnte man sich nach dem Mittelalter — zurück zur quasi naturbelassenen Natur, ungeachtet des Kots und des Unrats, der mitten durch die Dörfer floß. Es war die Angst vor dem Verlust des Lebens durch eine zunehmende Industrialisierung, die viele Menschen in die heimeligen Erdlöcher trieb, aber auch großartige, scharfsinnige Poeten wie E. T. A. Hoffmann, Novalis und zum Ende hin Heinrich Heine hervorbrachte. Ähnliches ist heute wieder zu beobachten. Die einen gehen in den Wald, singen liebliche Lieder, würden in ihrer Not auch auf sanitäre Anlagen verzichten, glauben sinnsuchend wieder vermehrt an den da oben und kämpfen nach dem Freiluftgottesdienst mittelalterliche Schlachten nach. Und am Rand schreiben einmal mehr (nicht ganz so?) große Geistesgrößen wie ich kokett Geschichtchen vom verlorenen besseren Leben auf, die nichts anderes bedeuten als jene klaglose Hoffnungslosigkeit, die den dichterischen Geniussen der Romantik immanent war. Wenn es einen Sprachraum gibt, der mir schon immer wohl in den Ohren klang, dann ist es der norddeutsche. Begründen kann ich das nicht, habe ich doch keinerlei Wurzeln dort. Sprachlich und musikalisch unbegabt, wie ich leider bin*, werde ich auch das nicht lernen, das so köstlich liederlich bei mir ankommt, wenn mir der gerade noch verbliebene Bauer op'n Dörp weise sagt: «Sei moal weck'n Tähn di stött, wenn d' upp d' Kriessoag sittst! — So geiht dat dat Mäk'n ok, de wett ok nich, von wäm se dat Jöör hett!»** Aber ich bin mir dessen gewiß: Wenn wir dieses Theater, das ja das Volk und dessen Kultur spiegelt, nicht festhalten, dann können die in zweitausend Jahren noch so tief graben, aber finden werden sie nichts; nicht einmal die Grabräuber der unbezähmbaren Gold- oder Geldsucherei. Wenn ich also auf solche Seiten verweise wie auf die von Wolfgang Biegemann in Husby, dann nicht nur des Klamauks wegen, der dabei anklingen könnte. «Die richtige Internetseite für alle, die bereits im niederdeutschen Fahrwasser schwimmen», setzt er zwar als Motto ein, «aber», fügt er an, «besonders auch für diejenigen, die noch zögernd am Ufer stehen.» Ich bin ein solcher Zögerling, der sich allerdings bewußt ist, daß er fortgerissen wird, wenn er nicht mitschwimmt, solange es es noch ein Wässerlein ist. Und die gar nicht genug zu lobende Arbeit eines Liebhabers — wie der Dilettant*** früher mal hieß — wie Biegemann (und anderer!) steht für mich zweifelsohne als Synonym auch für andere Sprachregionen. Längst haben sich die Linguisten an den Universitäten der Protokollierung angenommen. Doch ohne Unterstützung aus dem Volk dürfte nichts gehen an diesem Theater. * Auch fast dreißig Jahre Bayern haben mich die unterschiedlichen Landessprachen nicht zu lehren vermocht. ** «Sag mal welchen (Säge-) Zahn du dir stößt, wenn du auf der Kreissäge sitzt! — So geht es dem Mädchen auch, sie weiß auch nicht, von wem sie das Kind hat.» *** So er in diesem Fall überhaupt einer ist und nicht ohnehin Sprachforscher?
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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6598 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
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