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Gefangen im Tour Pomègues m'aidez ! — may day oder Es geschah nicht an einem Tag im Mai. Zwei-Tage-Intermezzo. Raymond. Raymond Saint-Louis. Ich erinnere mich wieder — ich glaube, es war 1996. Nein. Da war ja noch alles im Lot aufm Boot, und es gab noch keine Lebensstürme. Also eher 1997. Oder doch 1998? Wie auch immer — ich war ins Wasser gefallen. Zunächst hatte er mich befreit. Das erste Mal. Ich war oben in diesem kleinen Häuschen auf der Île Pomègues. Na ja, was heißt Häuschen, doch in einer nicht ganz so winzigen Ruine, die der mittlerweile restaurierte Tour Pomègues damals gewesen war. Obwohl eigentlich alles verrammelt war, hat meine Neugierde es geschafft, mich dort hineinzuzwängen. Also, ich hatte mich irgendwie — nein, als ich eine Stunde herumgeschnüffelt hatte, stellte ich auf einmal fest, daß die Eingangstür nicht versperrt war. Und da bin ich — der oberste aller Oberangsthasen! — hinein. Es war eigentlich nicht viel zu sehen. Müll, in erster Linie. Wahrscheinlich haben ihn alle möglichen Clochards hinterlassen. Oder auch junge Leute, die dort Parties gefeiert hatten. Vermutlich hat man deshalb den Turm auch abgesperrt gehabt. Oder weil er baufällig ist. Damals war das noch eine Ruine. Nur für mich muß ihn jemand geöffnet haben — auf daß ich in die Geschichte eingehe. Sozusagen als Turmgeist. Denn als ich wieder hinauswollte, war die Tür verschlossen. Es war zwar glücklicherweise noch Nachmittag, wenn auch später. Aber dort ist ja eigentlich nie was los. Drüben, auf der anderen der Îles du Frioul, der Île Ratonneau, ja, da hat man zu tun, muß man sich der Dauerangriffe der Möwen erwehren. Zumindest während der Brutzeit. Und die Viecher treiben's den ganzen Sommer lang. Aber auf Pomègues, da kann man während der Woche ewig herumspazieren, ohne daß man einer Möwen-, geschweige denn Menschenseele begegnet. Herrlich. Aber nicht, wenn man Gefangener des Turms ist. Also habe ich gebrüllt und gebrüllt: Au secours ! A moi ! Aidez-moi ! — dieses falschfranzösische m'aidez ! von dem ich später irgendwo mal gelesen habe, daß aus diesem Hilferuf das internationale may day entstanden sein soll, weil die Amis oder die Engländer das so verstanden hätten und so daraus der deutsche Frühlingstag der Panik und der Maibaum-Kletter-Besäufnisse entstanden ist. Es hat natürlich nichts genutzt. Es war ja auch längst tiefer Sommer. So habe ich mich langsam darauf vorbereitet, die Nacht in meinem historischen Verließ unter Mäusen und wahrscheinlich auch Ratten verbringen zu müssen. Ein nicht eben beschaulicher Gedanke. Das Gespenst wurde wieder zum Menschen. Denn auf einmal rief jemand: Monsieur! Monsieur. Là-dedans ?! Lá-dedans ?! Dans le tour ?! Und ich brülle wie wild in Richtung der Stimme. Und da sehe ich auf dem Gang, der um den Turm herumführt, einen tiefdunklen Herrn — und rufe. Ici, Monsieur ! Ici, Monsieur ! Délivrer, s'il vous plaît ! Es waren damals, wenn ich mich recht erinnere, gute vierzig Grad. Draußen. Im Schatten. Wenn's denn einen gab. Der einzige hier war der Turm? Und der war Glut-Turm. Auch noch ein bißchen sehr muffelig dazu. Also, er dirigierte mich sprachlich irgendwie zur Tür. Aber die war verschlossen. Irgendjemand mußte sie eben hinter mir verriegelt haben. Dem war auch so, wie ich später erfahren habe. Der Inselhüter hat die geöffnete Tür gesehen und sie ordnungsgemäß verschlossen. Wie sich das gehört. Und mein Befreier hat sie kurzerhand eingetreten. Ganz einfach so. Mit einem Tritt hat er die bevorstehende Geschichte korrigiert. Also, ich habe mich ganz herzlich bedankt. Habe ihn gefragt, ob ich das irgendwie wieder gutmachen könnte, schließlich verdankte ich ihm ein Stückchen meines Restlebens. Er hat immer nur gelacht und gesagt, es sei schon gut. Es klang so wie das hamburgisch-holsteinische Dafür nicht, das anstelle des dankerwidernden Bitte gesagt wird. Dann wünschte er mir freundlichst einen guten Tag und rauschte ab. Er hat noch irgendwas gesagt und dabei auf die Tür gedeutet — irgendwas von réparer und so. Da ich nun ziemlich verdreckt war, vor allem an Händen und Füßen, ging ich hinunter zum Wasser. An die Bucht, ein hafenähnliches Gebilde. Dort sollte ich meiner Dame eröffnen, meine Liebe zu France sei grenzenlos. Ich würde es anders machen als Walter Benjamin. Ich würde in Frankreich ins Wasser gehen und nicht zum Sterben ins spanische Port Bou auswandern. An diesem Tag muß mich die Abenteuerlust geritten haben. Oder der Schwachsinn. Vermutlich eher letzterer. Ich will mich also säubern. Will zum Wasser. Doch anstatt in Richtung Fährhafen und damit zu einer der kleinen Calanques zu gehen — es war ja auch schon relativ spät —, kraksle ich die Felsen hinunter zu diesen Fischbecken. Nein, zum Hafen, offenbar. Der Weg außen herum war mir zu weit. Deshalb habe ich das Bergabsteigen geübt. Ich Übersportler. Weshalb, weiß ich nicht. Ich habe nur drei, vier Menschen gesehen da unten. Das wird wohl der Grund gewesen sein. Die Sehnsucht nach Menschen, da ich gerade dem sicheren Einsamkeitstod entronnen war. Daß es am Fährhafen noch mehr Menschen gegeben hätte, kam mir nicht in meinen Schwachkopf. Unten angekommen plätschere ich in dieser dunkelgrünen Brühe herum. Das war ja kein richtiges Meerwasser, solches für Moules eben. Schmecken tun Muscheln ja gut. Aber — na ja, ich rutsche aus auf so einem veralgten Stück Stein. Vermutlich das einzige weit und breit. Ich falle rein in diese Brühe. Und ich hänge fest. Also wieder gefangen — in meiner eigenen Dummheit. Also wieder rumbrüllen — au secours ! au secours ! Dieses Mal geht's rascher, daß jemand angerannt kommt. Und wer ist es? Wieder mein Anderspigmentierter. Und was macht der? Er lacht. Er lacht sich fast so kringelig wie du gerade. Irgendwas von keinem guten Tag für mich, erzählt er. Und ich schäme mich fürchterlich. Was macht der?! Er hüpft hinein in die Brühe und löst mich aus irgendwas heraus. Irgendein Netz oder sowas ähnliches, was so ein Muschelangler da reingehängt hat. Aber sicher nicht, um mich altertümlichen Weißfisch zu fangen. Dann hievt er mich, mal eben so, auf die steinerne Beckenabgrenzung hinauf und steigt mir — sehr, sehr! sportlich — nach — hups, und er ist draußen. Na gut. Drinnen war ich ebenso schnell. Ich bin sprachlos angesichts solcher Güte und umarme ihn. Es war nicht weiter tragisch, denn naß waren wir ja beide. Dann schüttelte er mir die Hand. Aber nicht, um das Wasser aus uns herauszurütteln, sondern um sich vorzustellen. Sicher nannte er mir seinen Namen. Den hatte ich allerdings, wie üblich, schnell wieder vergessen. Eines blieb mir jedoch auf ewig, Absence hin oder her, in Erinnerung: Guten Tag. Ich bin hier der Hilfsneger, gemäß unserer uns zugedachten Gene: immer zu Diensten. Es war dennoch kein endgültiger Abschied. Denn wir sollten uns noch einmal begegnen an diesem Tag. Lange sollte es nicht dauern. Vermutlich wußten wir damals schon, daß wir beide Andersgeartete sind und auch zu einer Familie gehören. Ich trotte also über den Digue Berry gen Hafen, um zum Festland hinüberzufahren. Als ich ankomme, fährt gerade ein Schiff. Es war das letzte dieses abenteuerlichen Tages. Dachte ich. Heute weiß ich, daß um Mitternacht noch eines fährt. Aber damals war ich einfach nur erledigt. Da sitze ich nun am Anleger auf einem Poller und hadere mit meinem Schicksal. Beinahe eins mit mir. Was soll's, dachte ich mir. Besser, als im Turm gefangen zu sein. Dann werde ich mich eben windgeschützt in eine der Calanques legen und die Natur der Nacht kennenlernen. Das einzige, was mir nicht so recht war, war die Tatsache, am Abend verabredet zu sein. Doch das war eben auch nicht mehr zu ändern. Telephon hatte ich keines dabei. Aber das war damals ohnehin noch fest im Auto installiert. Doch dann kommt ein Boot um die Kurve. Dem bedeute ich nichts weiter bei. Es fahren viele Boote hier ein in den Hafen. Es liegen ja sehr viele vor Anker hier, vor allem im größeren Hafen in Blickrichtung Hôpital Caroline. Aber dieses Boot tuckert langsam auf den Anleger, auf mich zu. Und wer ist es? Mein Nicht-von-der-Sonne-Gebräunter. Und was macht er? Er lacht. Und er fragt mich, ob er vielleicht heute noch einmal etwas für mich tun könne. Er täte es gerne. Er habe sich so an mich gewöhnt, quasi wie an jemand Angeheirateten oder so ähnlich. Schmeißt mich in sein Bateau und schießt mich nach Marseille. Dort trinken wir einen gegenüber im Tabac. Oder auch zwei. Und ich lache mit ihm. Meine Verabredung sage ich ab. Es hat dann nämlich noch ein bißchen gedauert. Auf jeden Fall war's ein wunderschöner Abend. Er hat sich nur mal eben kurz zurückgezogen, um zu telephonieren. Ich nehme an, er hat meine spätere Schwägerin angerufen, um ihr zu sagen, er müsse auf einen extrem gefährdeten Menschen aufpassen. Wir waren dann noch essen — oben, an diesem Platz, in den die Rue de Rome einmündet, wo man diese Fisch- und Austern- und so weiter Berge besteigen muß, um sie zu verputzen. Um sich einen Eiweißschock fürs Leben zu holen. Oben, ja genau, am cours Saint-Louis — ja, richtig, cours Saint Louis! Ich war offensichtlich mit Saint-Louis in Saint Louis. Ich hatte ja längst wieder vergessen, daß der auch so hieß, mein späterer Schwager. Ihr wart bei Toinou. Genau. Selbstverständlich haben wir auch Muscheln gegessen. Irgendwie war das naheliegend, sozusagen natürlich. Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählungen
Casino de Vienne Die Ostumgehung von Lyon gibt, hat man den Stau beinahe hinter sich gelassen, den Blick frei auf das, was dem geneigten Südurlauber in Erinnerung bleibt von dieser Stadt. Wenn er, zurück von seiner Braterei an den Stränden mit Würstel con Krauti, mal wieder unsereiner Schwärmerei vernimmt von dieser Pforte zum Süden, und diese empört zurückweist: Da soll's schön sein?! Da sieht's ja aus wie in der DDR. Oder so ähnlich. Gemeint sind damit in der Regel die Plattenbauten hinten auf den Hügeln, für die man allerdings nicht unbedingt an Lyon vorbeifahren muß, sind sie doch über ganz Frankreich verteilt. Hätte der Urlauber in spe nicht soviel Furcht vor diesem Verkehrsmoloch und führe hinein in ihn, wäre er nicht nur sehr viel schneller über die Schwelle zum Süden, weil's unterm Strich sehr viel flotter vorangeht, käme er auch näher ran an diese Metropole mit ihrer überall sichtbaren, gewachsenen Historie. Und er käme, vorbehaltlich des ausgelassenen Zwischenstops, der ihn dann doch für eine Weile länger in der Stadt festhalten könnte, immer an der Rhône entlang, in diesem Bereich vielleicht nicht so attraktiv, da für Geschwindigkeit angelegt, in Vienne an. Nein, nicht in der österreichischen Hauptstadt, sondern dem Südzipfel von Lyon, der von leicht Unbedarften auch schonmal als Satellit oder Schlafstadt bezeichnet wird, was er nun wirklich nicht ist, sondern ebenfalls außerordentlich was an Geschichte aufzuweisen hat. Und auch eine solche schreibt: Auch in Vienne ist an einem frühen Montagabend nichts los. Das ist ungünstig, wenn die Geschmackssignale ständig laut einen Pausenpastis ausrufen, vielleicht mit einer Kleinigkeit dazu, und seien es die üblichen Aperitiferdnüsse. Doch nahezu alles scheint geschlossen. Bis auf die kleine Bar vielleicht, wie jede trist herumstehende Kneipe im Land genannt wird, die von außen genauso aussieht, als wäre es Mittwoch- oder Samstagabend, sieht man diesem Gastronomietypus doch häufig nicht an, ob er betriebsbereit ist. Und sollte er es tatsächlich sein, heißt das für Fremde noch lange nicht, daß sie auch willkommen sind. Einfach ignorieren, diese französische Variante von Fremdenangst, bestellen, trinken, nochmals bestellen, und dann kann es geschehen, daß man ein leichtes Ziehen in den Mundwinkeln des Wirtes zu sehen bekommt, das unter Umständen als ein Lächeln gedeutet werden darf. Das im konkreten Fall zu prüfen, unterbricht man sogar die Diskussion über eine europäische Verfassung und weshalb manch einer im Land höchstenfalls ein Europa gegen eine Globalisierung wünscht. Da das Gespräch ohnehin in einen Streit auszubrechen droht, steigt man lieber aus und schaut nach, ob wenigstens die banale Bedürfnisbefriedigung geöffnet hat. Es ist einmal mehr ein Treffer. Immer wieder bestätigt sich mein Instinkt. Ich habe ein untrügliches Gespür für mir genehme Gastronomie. Es ist schon geschehen, daß ich eine Stunde herumgegangen bin und überall herumgeschnüffelt habe. Und das war's dann auch in der Regel. Aber häufig weiß ich es auf Anhieb. Wie auch jetzt wieder — eine kleine Bar. Keine Musik. Fünf, sechs Menschen sitzen an den kleinen Tischen und sprechen ruhig miteinander. Der Tresen ist frei. Der Wirt macht, wie gehabt, nicht eben ein freundliches Gesicht. Aber das hat nichts zu sagen, sagt mir die französische Erfahrung. Außerdem sind mir mürrische Menschen lieber als aufgedreht heitere. Clown bin ich selber. Deshalb weiß ich, was hinter einem solchen Gegreine steckt. In spröder Erde steckt tief unten meistens der eigentliche Lebenssaft. Zunächst einmal bestelle ich zwei Café und ein Mineralwasser, gazeuse, s'il vous plaît, Monsieur; ich gehöre zu der Minderheit im Land, die im Wasser neben den Fischen auch noch das Prickeln mögen, und sei es noch so gesalzen, nicht nur im Preis (die Auswahl der kohlensäurehaltigen Wasser ist eher gering), weshalb ich auch auf das überall im Land kostenlos angebotene und in der Regel wohlschmeckende Leitungswasser verzichte. Sehr rasch stellt der Angesprochene das Gewünschte vor uns auf den Tresen und wünscht leicht lächelnd Genuß. Auf deutsch. Mit französischem Unterton zwar, aber immerhin. Verdutzt schauen die freundlich Bedienten sich an. Er beeilt sich, die nonverbale Frage recht wortreich zu beantworten. Er habe ein paar Jahre in Deutschland gelebt. Aber zuhause, am Tor zum Süden fühle er sich doch wohler, und vielleicht ginge er ja auch bald noch ein bißchen weiter runter, hier sei nicht allzuviel los. Ich bin versucht, zu verstehen und zu entgegnen, dieses dunkle Loch hier gebe ja wohl kaum etwas vom Licht der weiter unten leuchtenden Provence wider, einige mich mit mir doch vorsichtshalber auf die höflichere Variante. «Militaire à Spire» kommt es dann noch zusätzlich und leicht gedrückt aus ihm heraus. Aha, Speyer, übersetze ich für mich und füge noch ein hübsch an. In logischer Konsequenz folgert er daraus, ich müsse die Stadt kennen. Das dürfte ihm aber auch nicht allzuoft passieren, zumal die französische Armee das pfälzische Kaff bereits vor einiger Zeit freigegeben hat und ein Speyrer sich wohl kaum hierher an den Rand der Rennstrecke nach Spanien verirren dürfte. Zwar möchte ich mich lieber mit meiner Begleitung weiterhin ein bißchen über die verzweifelten Versuche vieler Franzosen streiten, die US-Amerikanisierung draußen zu halten, und andeuten, man habe sie sich schließlich selber hereingeholt seit den fünfziger Jahren, als man den Supermarkt eingekauft hat im wilden Westen und damit auch noch verantwortlich ist für diese gesamteuropäische Tristesse in den Innenstädtchen und den Dörfern. Aber wir werden die gut dreihundert Kilometer bis Marseille noch ausreichend Gelegenheit haben, den Disput fortzuführen. Zumal er dasteht mit höflich fragenden aufgerissenen Augen und anfügt, er habe während seines militärischen Aufenthaltes viel Kontakt mit Deutschen gehabt, die er allerdings weniger aufgesucht habe, sondern die allesamt zu ihm gekommen seien, um ein wenig französische Lebensart kennenzulernen. Daraus schließe ich, er könne nur im Casino der Grande Armée tätig gewesen sein, und teile meine Erkenntnis mit. Das reißt ihm die Augen noch weiter auf vor Freude und seine rechte Hand um ein Haar eine Flasche Champagner. Ich verhindere das mit heftigem Kopfschütteln und dem Verweis auf eine lange Strecke noch bis Marseille, aber gegen einen Pastis hätte ich nichts, wenn das nicht zu unhöflich sei, zumal ich ab jetzt Beifahrer sein dürfe. Ein bestätigendes Nicken zu meiner Rechten läßt ihn schnell auftischen, damit auch das ersehnte französische, zum Apéritif gereichte Knabbergebäck mit den unvermeidlichen Erdnüssen. Madame bekommt noch einen Café und ich, wie anders, einen Einundfünfziger. Und dann erzähle ich von meinem Freund in dem Städtchen, das heutzutage allenfalls in seiner einstmals bedeutenden Geschichte gemütlich vor sich hinschmurgelt. Dieser Freund hatte sich nach umfangreichen Studien der Kunst in seine Heimatstadt zurückgezogen und sich dort sein eigenes kleines römisches Reich errichtet, in dem an kaum etwas anderes gedacht wurde als an die Macht des Essens. Am liebsten den lieben langen Tag lang, und wenn's ihn kurz vor Mitternacht leicht anhungerte, dann selbstverständlich auch, was durchaus auch schonmal eine viele Kilometer lange Fahrt ergeben konnte, um kurz vor Toreschluß noch eine besondere Art des panierten Kalbsschnitzels zu erreichen. Auch wenn das Gasthaus so gut wie geschlossen war, man erwartete, man kannte ihn, wußte um ihn, wenn sein Gehirn einen alles andere als neutralen Goût ausgesandt hatte.* * Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die erzähle ich ein andermal. Am besten auch die, weshalb's dann doch nicht weiterging in Vienne. Die Photographie von maerzbow verweist zwar auf ein tiefes Inneres im etwas nördlicher gelegenen Dijon, aber ob sich da drinnen was tut, weiß man auch nicht so genau. Wie überall im Land schaut's aus: Man geht schließlich nicht ständig erhobenen Hauptes durch die Gegend.
Sirren, nicht Sirenen Heute erinnert er sich gut an den neben ihm stehenden, ihm bekannten Galeristen, der ihn gefragt hatte, ob ihm nicht gut sei und ob er ihm helfen könne, sich dabei allerdings nicht vom Fleck rührte. Ein anderer, den er bereits seit einiger Zeit prüfend beobachtet hatte in der Vermutung, es könne sich dabei um einen lange nicht gesehenen und auch langerwarteten Freund halten, wiederholte die Frage des Untätigen, wurde allerdings sofort aktiv, als er die Instabilität des Körpers bemerkte, mit einem Griff unter die Arme, ließ ihn sanft zu Boden gleiten und legte seine Füße auf die Fußrasten des von einer hinzugeeilten Frau herbeigezogenen Barhockers. Das Gesicht des Galeristen, bei dem er unter fester Beobachtung stand, so wurde ihm später berichtet, sah dabei aus, als ob dieser gleich einen Kreislaufkollaps erleiden würde. Im Nachhinein hätte er ihn gerne gefragt, ob man besser die Plätze tauschen solle; eine solche Bemerkung hätte dessen Hautfarbe sicherlich leicht aufgerougt. Die seine muß zusehends transparenter geworden sein, und immer häufiger vernahm er, wenn auch sich zusehends entfernende Rufe wie «Warum kommt denn da keiner» oder «Mein Gott, brauchen die aber lange» oder «Das sind ja jetzt schon zwanzig Minuten». Wie lange die tatsächlich gebraucht haben, daran kann sich niemand erinnern. An soviel dann aber doch: erst kamen Rettungssanitäter, und der (im Haus anwesende) Arzt brauchte dann nochmal so lange. Nein, nicht der Wein, der am Stand ausgeschenkt wurde, war schlecht (wurde er nicht ohnehin ausgetauscht auf seine Anmerkung hin, der Chardonnay des vergangenen Jahres sei besser gewesen?). Sicher, von Beginn der Veranstaltung an hatte er ihn ja ständig verkostet oder auch weidlich genossen. Aber er war's nicht, auch nicht das Glas Champagner zwischendrin. Auslöser vielleicht, aber nicht Ursache. Die saß in seiner Schaltzentrale oben, wie sich herausstellen sollte. Möglicherweise ein bereits bei der elterlichen Fertigung ungewollt angelegter Defekt, wie beim sogenannten Montagsauto vielleicht, ein von wochenendübermüdeten Arbeitern nicht korrekt verlegtes oder bereits zuvor schadhaftes winziges Kabel, dessen überdies zu dünne Isolierung infolge eines zu bewegten Lebens blankgescheuert worden war und den unvermeidlichen Kurzschluß verursachte. Der Motor kündigte mit einigen Rucklern die bevorstehende Abschaltung an. Ein Omen hatte es ja gegeben. Am frühen Morgen hatte der Radioplauderer darauf hingewiesen: Man möge vorsichtig sein mit dem Gasgeben, denn es sei Freitag, der 13. Doch er neigte nicht unbedingt dazu, solchen Lebensweisheiten Beachtung zu schenken. Er hatte, Platitude hin oder her, Glück im Unglück insofern, als ihm nichts besseres geschehen konnte, als vom irgendwann dann doch hinzugekommenen Arzt (einen Herzinfarkt hätte er nicht überstanden) in eine Art Schlachthaus überführt worden zu sein. Magengeschwür hieß es, eine Magen-Darm-Spiegelung wollte man dann vornehmen, drei Ärzte wedelten dem sich im Dämmerzustand Befindlichen mit einem Papier vor dem Gesicht herum. So etwas wie eine Einverständniserklärung dafür, daß man ihm in all seinen Innereien herumwühlen dürfe, wie der Ausprobierergeist lustig sei, das weiß er heute. Kein Kopfschütteln war es, sondern ein eher kraftloses Hin und Her des Kopfes, das offenbar dennoch als Nein erkennbar war. Daraufhin hatten sie ihn völlig bekleidet, einschließlich der Schuhe, in ein Bett gelegt, neben einen frischoperierten alten Mann, den man unverrichteter Dinge wieder zugeklappt hatte angesichts der Metastasen. Endstation? Für forschende Experimente unbrauchbar? Immerhin schlossen sie ihn an irgendwelche Flaschen mit irgendwelchen Flüssigkeiten an. Als er nach einer Weile aus dem Dämmern erwacht war, überkam ihn eine schreckliche Furcht vor dem, was da kommen könnte. Sie gab ihm die Kraft, sich aufzubäumen und zu fliehen aus diesem Krankenhaus, ins Hotel. Von dort aus rief er eine fachkundige Freundin an. Ob sie ihm bitte die Kanülen entfernen könne. Sie forderte ihn auf, sich umgehend in ein Taxi zu setzen, hin zu ihr. Dort setzte sie ihn auf ihr Sofa, befreite ihn von den noch an ihm hängenden Kabeln und Ösen und bereitete ihm einen Tee. Als er die Tasse zum trinken ansetzte, rutschte er nach unten weg. Der Rest ist Erzählung der Retterin: Der Notarzt sei quasi in Sekundenschnelle dagewesen. Die Fachkenntnis der Freundin hatte sie die richtige Telephonnummer wählen und entsprechende Vorabinformationen liefern lassen. Hatten ihn die Krankheitstransporteure am Tag zuvor noch liegend bewegt, wurde er nun, nachdem man ihn einigermaßen zurückgeholt hatte, in einen Rollstuhl gesetzt, da solche Fälle vorsichtshalber grundsätzlich aufrecht transportiert werden sollten. Nicht schneller als zehn, maximal fünfzehn Stundenkilometer fuhr der Krankenchauffeur, bei eingeschaltetem Blaulicht, jedes Schlagloch umkurvend, um, wie er der neben ihm sitzenden Freundin erklärte, «kein eventuelles Blutgerinsel auf den Weg zu bringen». Dann erinnerte er sich selbst wieder, anfänglich wie aus weiter Entfernung, Jahre danach immer näher: an dieses einige Male auftretende Sirren, das, wie auf der Freundin Sofa, jedesmal erneut das Loch ankündigte, in das er jeweils anschließend gleiten würde; an diese freundlichen Ärzte, an diese liebevollen Krankenschwestern, an die fröhlichen allmorgendlichen Besuche der Freundin, die ihm immer ein kleines Präsent vorbeibrachte, bevor sie in der Neurologischen Klinik nebenan ihren Dienst antrat; an seine flehentlichen Bitten an den leitenden Arzt, in die Heimat zu dürfen, an dessen Hinweis, es sei zu gefährlich, an das anschließende Wohlfühlen, nachdem die Einsicht Einzug gehalten hatte, bedingt auch durch die vielen Besuche; an den Flug nachhause, Wochen später, bei dem die eigens angereiste ehemalige Gefährtin ihn umsorgte wie nie all die gemeinsamen Jahre zuvor, an die fast komisch anmutende Fahrt im Rollstuhl übers Rollfeld zum extra nahe geparkten Turbopropellerflieger, obwohl's problemlos auch zu Fuß gegangen wäre, an die ihn nachgerade umturtelnden behutsamen und sorgsamen Stewardessen, auch wenn sie mehr als vorbereitet, vielleicht besser «geimpft» worden waren über die Ex- und dafür nun Wiedergeliebte mit ihren unverkennbaren Bühnengenen; an das Hotel in den Voralpen, in das er gebracht werden wollte, da er Sanatorien nicht ausstehen konnte, wo ihm dann ein Aufenthalt wie im Sanatorium bei personeller Dauerpräsenz samt einem Winter wie auf der Kitschpostenkarte beschert wurde, der einer Verfilmung eines Mannschen Stoffes gleichkam. Nie tat ihm irgendetwas weh, keinerlei Schmerzen hatte er während dieser seltsamen Vorgänge in seinem Kopf. Aber ein Loch befand sich darin, das mit Erinnerung aufzufüllen sehr, sehr lange dauern sollte. Die schönste, die allerdings immer vorhanden war, ist dieses Sirren. Es Sirenen zu nennen, wäre profan. Zumal es ihm einmal das unvergeßliche Bild ankündigte, sich von oben zuschauen zu dürfen, wie andere ihn zurückzuholen sich bemühten. Es gelang zwar, aber alles sollte sich ändern. Er hatte fortan eine andere Perspektive eingenommen beim Betrachten der Welt.
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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6596 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
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