Weil Frühling

gerade das Thema ist. Mit dem der reisende himmlische Bote in Afrika es allerdings nicht so hat. Ob die Dame hinter ihm ihn deshalb des Platzes verweist, ist uns nicht bekannt. Aber als Gute Hirten sind beide bereits in die Geschichte eingegangen.
 
Sa, 21.03.2009 |  link | (2817) | 7 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Artiges



 

Es flattert ...

Immer dasselbe. Das Jahr buntet sich ein. Sogar Kurz-vor-hinter-Sibirien kann nicht an sich halten und betüpfelt sich. Seit Jahrzehnten frage ich mich immer wieder, wo dieses Zeugs eigentlich herkommt. Ich habe es nicht gepflanzt. Denn man kann es nicht essen. Mein kleines Glück beginnt erst, wenn ich vor die Tür treten und mich ins Erdbeerbeet legen kann. Aber die anderen sind ja auch vollgestopft mit diesen unter spanischem Plastik emporgekommenen und genauso schmeckenden Früchten. Aus demselben Material ist auch die chinesische Windmühle, originalgetreu einer aus der Tulpen Land nachempfunden, die die Nachbarin auch schon wieder aus dem Schuppen gezerrt und ins Sichtfeld meiner noch tief schlafenden Kräuterwirrnis gestellt hat. Das ist ein untrügliches Zeichen, daß es wieder losgegangen ist mit dem frühjährlichen Polieren des grün gestrichenen Betons, über den in Bälde wieder alltäglich zweimal der Rennmähtrecker rasen wird. Bereits als ich vergangenes Wochenende zu meiner gesellschaftlichen Pflicht getrieben wurde, zu einem Geburtstag einen Strauß Buntes zu erstehen, riß man sie sich unter wüsten Empfehlungen gegenseitig aus den sich bedrohend fuchtelnden Fäusten, die in Asien und Lateinamerika von flinken und kostengünstigen Jungfrauenhänden geschnürten Vorboten dessen, was man hierzulande wohl das blaue Band der Sympathie nennt oder so ähnlich. Irgendwas Rudimentäres mit Ertrag assoziiert da in mir herum. Auch im Internet blüht es bunt auf, begleitet von juchzender Poesie. Schon schleicht sich wieder der linde Refrain vom Willen zum Grillen (auch unter acht Grad) an die noch bierzuölenden jungmännischen Stimmbändlein. Sogar auf den gräulich-bräunlich vor sich hindösenden und schlierigen Straßen legt sich die neue Jahreszeit bereits mächtig in die Kurven. Die Fahrkünste der Präpubertären auf ihren Reisbrennern beginnen einen schon wieder in die Gräben zu drängen, weil's mit der Bahnberechnung noch nicht so hinhaut. Und auch die anderen Schnellsten beharren wieder auf ihrem Recht, ihre vielen, für teures Geld erstandendenen Markenfarben zu dritt nebeneinander auf der Schnellverbindung von A nach B zu lenken. Den eigens für sie angelegten, gut breiten Weg zu benutzen, wäre unsportlich, der ist für die Rentnerpulks, auch wenn die erst im übernächsten Monat kommen, sie aber müssen trainieren, Frankreich ruft, man muß fit sein für die Zeit der Tour rund um la publicité à la télévision. Oder die ganz Aktiven müssen selber an. Ich erinnere mich:

Triadischer Volks-Sport
Einen Teil der Plagen wollten die Büddenwarderin und ich abladen. Die eine hatte die Nase in die Prüfungsvorbereitungskladde* zu stecken und meinte deshalb, das könne sie besser in ihrer randstädtischen Studentenbude. Der andere hatte heute morgen wieder anzutreten bei der vaterländischen Pflichterfüllung an der Förde. Aber zuvor wollte man noch gemeinsam meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen: Wasser und die darauf liegenden oder fahrenden Schiffchen gucken. Auch war am Bahnhof noch eine Fahrkarte zu kaufen, da ich mal wieder in die hibbelige Bundesmetropole mußte und die bürgerbefördernde Aktiengesellschaft alle kleinstädtischen Bahnschalter geschlossen hatte beziehungsweise Verhaftung drohte, sollte man im Zug ohne Beförderungsausweis angetroffen werden. Also wurde die kleine Michelinbereifte Richtung Hafen gesteuert. Kurz davor trat mitten auf der Straße entgegen eine derart uniformierte Dame, daß man meinen konnte, man befände sich in einem alten Fernsehkrimi, in dem die Münchner Schwarzen Sheriffs eine Rolle spielten. Doch die junge Frau schnüffelte weder nach Stoffen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, noch wollte sie Staatsangehörigkeitsnachweise oder Daseinsberechtigungsdokumente sehen, sondern fragte höflich: «Kann ich Ihnen helfen?» Wie bei der Telekom, Abteilung Service. Denn eigentlich wollte sie (wie bei allen Telephongesellschaften ) nicht wirklich helfen, sondern in diesem Fall mitteilen, daß es verboten sei: durchzufahren.

Nun gut, man stellte den Kleinen an die Seite, es seien ja nur ein paar Meter, meinten die Kleinen. Doch als ich Fußlahmer die paar hundert Meter schließlich geschafft hatte, waren da nirgendwo Schiffchen zu sehen. Die hatte man wohl in Sicherheit gebracht vor diesen rennenden und radelnden und hechelnden und schnaufenden Menschenmassen und deren Zugucker am Rand des Hafenbeckens. Es war kein Durchkommen, auch nicht zum Café, wo man in Ruhe Kaffeetrinken wollte. Von rechts und von links kamen sie angerennradelt, schüttelten einen zu mit dem an ihnen haftenden Wasser, das sie vom Wettkraulen mitgebracht hatten. Irgendein grünschwarzer Jungdynamischer brüllte in ein von Lautsprechertürmen unterstütztes Mikrophon: Herzlich willkommen in Kiel beim Volks-Triathlon! (Wer nicht dafür ist oder älter als fünfunddreißig, ist dagegen und hat draußen zu bleiben. Wir sind ein Volk!)

Also sich wieder zurückkämpfen durch die vermutlich auch ohne Zusatzstoffe sportbeseelte und -beglückte Menge und vorbei an orangebejackten Volkssporthelfern im Ereifererton: «Mach, daß du von der Fahrbahn runterkommst!» Das allerdings hätte für mein krankes Fußgestell in etwa einen Umweg vom Umfang eines Drittels einer solchen Triade bedeutet. Also den weitaus gefährlicheren, aber weniger schmerzbereitenden Rückweg genommen, zurück zur Sänfte. Wenigstens zum Bahnhof fahren und nicht gehen müssen, die ebenfalls leidende Bahn AG unterstützen. Vorsichtshalber eine sogenannte großräumige Umfahrung nehmen.

Dennoch: keine Ankunft am Kieler Hauptbahnhof. Alles abgesperrt. Also auch keine streiksolidarische Fahrkarte.

Wenigstens den Junggeneral in seiner Fördenkaserne abliefern. Doch selbst dabei wußte der nächste Schwarze Sheriff keinen rechten Rat. «Jetzt fahren Sie mal erst rechts und dann wieder rechts, dann immer geradeaus, bis es nicht mehr weitergeht — und dann fragen Sie am besten nochmal.» Nach einer Stunde Fahrzeit durch die sonntäglich menschenleere Landeshauptstadt wurde schließlich die die Republik bewachende, zur Seeseite hin gelegene militärische Schlafstation gefunden. Dann rasch noch die Prüfungsgestreßte an ihrer Studentenbude abgegeben — und nichts wie weg.

Darüber wird dann gegrübelt auf der Rückfahrt: Ob es künftig nur noch denen gestattet sein wird, die Zentren der Städte zu besuchen, die Shopping und Hopping neudeutsch buchstabieren können. Einen ganz und gar unsportlich dicken Hals kann man kriegen bei dem Gedanken daran.

Und alles andere als Frühlingsgefühle.

* Mittlerweile erledigt. Diplom, unter anderem dieses hieroglyphischen Inhalts: Die PfACD- α-Ue des Wildtyps war in der Lage, die Arsenolysereaktion ohne die β-Untereinheit zu katalysieren. Sie zeigte ein Vmax von 2,5 U/mg. Der Km-Wert wurde für Acetyl-CoA mit 7,56 µM bestimmt. Und so weiter.
 
Fr, 20.03.2009 |  link | (3486) | 17 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Land.Leben



 

Halbwertzeit des Wissens

Das Öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen bringt mich dort, wo es sich der Masse zugewandt demokratisch-aufklärerisch geriert, immer wieder mal in verzweifelnde Verblüffung und andersrum. So räumte vergangene Woche die Experten-TV-Sendung neues unter Zuhilfenahme einer buchbewerbenden Autorenkrücke unter anderem mit dem «Mythos» auf, Viren und sonstige Monster würden Apfel-Systeme nicht angreifen. Durchaus täten sie das, aber wie! Das ist mal wieder so eine halbe Wahrheit wie die bei dem mehrfach und vorgestern erst wieder erwähnten Beuysschen Diktum, jeder Mensch sei ein Künstler.

Das erinnert mich an die Äußerung von Anne Maier, die dem Wissen sogenannter Experten eine «eingeschränkte Halbwertzeit» vorwitzelte. Damals planten Direktorium und andere hauptamtliche Mitarbeiter des doch eigentlich recht renommierten Münchner Kunstvereins eine Ausstellung, die unter anderem das Informel sowie die Situationistische Internationale zum Thema hatte. Da käme man wohl kaum, so das damalige Vorstandsmitglied Maier, um einen Künstler herum, den deutschen «spiritus rector» dieser Bewegung(en). Doch man kannte ihn nicht in dieser altehrwürdigen Institution, dem ältesten deutschen Kunstverein, also ausgerechnet in der deutschen Stadt, in der das am meisten Wirbel verursacht hatte, nicht zuletzt durch die Mitwirkung des Galeristen Otto van de Loo. Es ging um Hans Platschek, der Titel eines seiner vielen Bücher lautet Über die Dummheit in der Malerei.

Diese öffentlich-rechtliche Macintosh-Entmythologisierung (man möchte meinen, Rudolf Bultmann habe mitgewirkt) also fand in der Form statt, indem man darauf verwies, auch der Apfel sei angreifbar. Vermutlich assoziierte man die Vertreibung aus dem Paradies. Diesen zweifelsohne feinen Geräten, die, lange bevor sie von ein paar Menschlein als Massenabgrenzungsstimulans entdeckt wurden, einfach nichts als gut und einfachst zu bedienen waren, muß doch endlich irgendwie der Garaus gemacht werden im deutschen Fernsehen. Und so wird nicht weiter darüber nachgedacht. Das Prüfen von Fakten ist ohnehin nicht Sache einer Redaktion. Und der jugendlich-frischen Moderatorin zwischen zwei eingeschränkt witzigen Internetkomödianten Aufgabe ist das schließlich auch nicht; sie dürfte ohnehin in besagtem Flachwasser der «eingeschränkten Halbwertzeit» dümpeln. Daß sich diese hackenden und virenverteilenden Kämpfer der Computerwelt mittlerweile auch den Systemen der nach wie vor eindrucksvoll gestalteten Geräten angenommen haben, dürfte im Zusammenhang einer Steigerung des Marktanteils stehen und der wiederum damit, daß sie seit 2006 von anderen Prozessoren «angetrieben» werden. Daß diese Information unterbleibt, hat die Büddenwarderin, die's ohnehin nicht so mit diesen ganzen technischen Weisheiten hat und sich deshalb auch weitgehend aus Sicherungsmaßnahmen raushält, schier gegen mich aufgebracht. Mein Hinweis, sie schreibe ihre Lockungen mit Apfelpfannkuchen schließlich an ein Methusalem für das allgemeine technische Neuheitenverständnis und auch noch mit einem System, das noch Jahrhunderte auf die Sintflut der Hacker warten würde, ausgenommen vielleicht staatsschützende, für das alles sich also keiner der manischen Netzpenetratoren interessiere, glättete sich die Gischt ihres Wutblutes dann wieder ein wenig. Was blieb, war die Frage, weshalb einem die öffentlich-rechtlichen Aufklärer das nicht mitteilten, denn man zahle immerhin ganz ordentlich reichlich Gebühren für dieses Informationsrecht. Einmal mehr vermochte ich lediglich auf die vermutlich «eingeschränkte Halbwertzeit» des jungdynamischen Journalismus verweisen.


Das hat einen Beitrag aus der Erinnerung hochgespült, der ähnliche Irritationen durch Experten aufwies.


Design-Genetik?
«Der auf jahrzehntelanger, stetiger Produktinnovation basierende Erfolg der Apple Inc. hat in jüngster Zeit einige betagtere deutsche ‹Markenexperten› dazu verleitet, die Gründe dafür den FAZ- bis Absatzwirtschaft-Lesern mit selbstgebasteltem und dann von ahnungslosen Journalisten unredigiertem Markentheorie-Bombast verklickern zu wollen — worüber Apple-Kenner natürlich schallend gelacht haben.»

Der hier lacht, die anderen auslacht, ist Bernd Kreutz auf seiner Seite Reklamehimmel. Und man kann durchaus mitlachen, na ja, zumindest ein wenig schmunzeln darüber, wie der erfahrene Werbefachmann in gewohnt drastischen Worten meint, das Tal der Unwissenden fluten zu müssen (auf daß es sie hinwegschwemme aus der Öffentlichkeitsherstellung?). Vermutlich hätten «diese Pseudotheoretiker», schreibt er in Richtung derer, die leichtfertig vom genetischen Code der Marke Apple «schwafeln», noch nichts von der Ulmer Hochschule für Gestaltung gehört, «auf deren Maximen schon der Erfolg der Firma Braun beruhte und deren reine Lehre heute Apple in die Praxis umsetzt».

So weit, so gut und auch amusant — für unsereins, die wir ebenfalls seit etwa tausend Jahren mit Macintosh-Gerätschaften den Volksbildungsacker pflügen. Und wahrlich käme uns nichts anderes ins Haus, wie unsereins ja auch mit Braun geweckt, gefönt, Haare geschnitten, musiziert, rasiert und epiliert wird. Darauf wurde hier mit Braun-O-Manie ja bereits hingewiesen. Mit einer solchen Design-Bewertung ist bei uns also durchaus offene Türen einrennen. Aber bei Bernd Kreutz liest sich das so, als ob Steve Jobs Dieter Rams als Chefdesigner installiert hätte. Das wäre jedenfalls dann noch nicht bis zu uns durchgedrungen.

Bekannt ist oder sollte sein, daß es letztlich eine Art idealistischer Ableger der Ulmer Schule war oder der Tradition des Bauhauses entsprungen ist: die Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Dort nämlich hatte Hartmut Esslinger studiert, und der hat frog design gegründet, Gestalter der mittlerweile legendären Rechner von Macintosh in den achtziger Jahren. Das sieht man ihnen erfreulicherweise auch heute noch an. Hartmut Esslinger von Federal Republic Of Germany-Design also hat entscheidenden Anteil daran. 2006 hat er alle Anteile an frog design verkauft. Sollte deshalb den Referenzen von frog design auch nicht zu entnehmen sein, daß die Verbindung zu Apple noch heute existiert? Bestünde sie nach wie vor, wäre das sicherlich einschlägig vermerkt; eine solche Krone setzt man sich doch auf. Es ist allerdings eine Tatsache, daß, wie Daniel Turner in der Technology Review schreibt, «Apple-Mitarbeiter sich in Gesprächen regelmäßig dafür entschuldigen, daß sie eigentlich nichts sagen können. Neue Geräte werden in einer kleinen Gruppe ausgeheckt, wer über Produktideen plaudert, wird gnadenlos gefeuert oder — wie im Falle von Fanblogs — verklagt. Nicht ohne Grund witzeln Apple-Mitarbeiter, bei ihnen gelte der Mafia-Schweigekodex Omerta.»

Aber vermutlich ist Bernd Kreutz mit seinen Verbindungen weitaus besser informiert als unsereins opn Dörp in Kurz-vor-hinter-Sibirien und weiß ganz genau, daß Steve Jobs den Design-Ötzi Hans Gugelot im Hinterzimmer im Glaskasten aufgebahrt hat, wohlbehütet und -bewacht von Braun-Rams.
 
Do, 19.03.2009 |  link | (6177) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ich schau TeVau



 







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