Suchend versuche ich's

jetzt hier: Hat irgendjemand von den freundlichen Menschen, die mich beziehungsweise mein Poesiealbum manchmal besuchen, Texte von mir irgendwo verlinkt oder auf eine andere Weise darauf hingewiesen? Zwei davon befinden sich seit dem 2. April nämlich langsam, aber unaufhaltsam auf dem Weg zum Gipfel. Allzu gerne wüßte ich, wer ihnen den steinigen Weg zum Olymp bereitet hat. Auch ließe sich sagen: es macht mich mittlerweile konfus oder: Ich platze vor Neugier.

Ich nenne sie bewußt nicht beim Titel, weil es sonst die Bilanz verfälschte. Und von der Art hatten wir ja genug in letzter Zeit.
 
Sa, 09.05.2009 |  link | (2307) | 13 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Aktuelles und Akutes



 

Liebesgeschichte(n)

Hirnkino für Hanno Erdwein und Gattin. Und selbstverständlich auch für die, die's ebenfalls mögen.

Schon hinter Vitrolles spürt man es. Dann, nach dem Kreuz, wo die Autobahn von Westen, etwa von Martigues her einmündet, sieht man es — la mer. Es ist nicht zu beschreiben. Ein pulsierendes, immer höher schlagendes Herz ist nicht zu zeigen. Selbst eine Kamera des höchsten technischen Niveaus vermag lediglich die ansteigende mechanische Pumpfrequenz abzufilmen — die chemische Reaktion dieses Glücksgefühls bekommt sie nicht aufs Bild. Weit geht der Blick hinunter auf die Rade de Marseille; auch am Mittelmeer kann's blasen, und manchmal, eigentlich unvorstellbar so kurz vor Afrika, gibt's sogar richtig Schnee. Aber bei guter, also spätfrühlingshafter Sicht reicht er bis hin zu den Îles de Frioul, zum Zeugungsort meiner armenisch-nordafrikanischen Calypso mit Blut aus Sand, der Île Ratonneau, deren Grenze zur Nachbarin Île Pomègues diese wunderschöne offene, bei aller Geborgenheit das Gefühl grenzenloser Freiheit bietende Badewanne ist, und zum alten Knast des Grafen, der ja tatsächlich existierte, was die wenigsten wissen — la taule de histoire. La vie est un roman!

Zur Linken zeigt sich weit unten die sich über dreißig Kilometer ans Meer schmiegende Métropole du sud mit ihren Ausuferungen, nur unterbrochen — wenn der Begriff der Unterbrechung hier allerdings fast Blasphemie ist — von unzähligen Buchten, insgesamt vierundzwanzig Kilometer Calanques, die unvergleichlichen Buchten mit blauem, grünem, türkisem, manchmal, von den leuchtenden Felsen her fast weißem Wasser, je nach Tiefe. In den Höhlen übersommert so mancher Naturfreund. Und man verhaftet ihn nicht. Gegenüber dem etwa dreißig Kilometer entfernten Cassis ragen die höchsten Meeresklippen Europas auf. Nicht so überragend ist dabei, daß ein — mittlerweile auch keine englischen — Fußbälle mehr fangender Kahlkopf da oben wohnt. Neben altem Adel. Selbstverständlich. Neues Geld zu altem. Die 1864 geweihte Notre-Dame de la Garde begrüßt mich. Sie versucht es immer wieder, obwohl sie genau weiß, daß ich eher ein Techtelmechtel mit dem romanischen Saint Victor habe. Die Stille steht mit sechs- bis neunhundertjähriger Ruhe auf fünfzehn Jahrhunderte altem Grund inmitten des siebten Arrondissements. Die im Vergleich dazu backfischige Basilika-Dame oberhalb von Vauban oder Endoume oder Saint Victor oder wo auch immer — man sieht sie von überall — ist nicht weit davon entfernt, doch sie überragt eben alles und macht sich ein bißchen wichtig. Dementsprechend huldigt ihr auch der — im Vergleich zu anderen großen alten Stätten gleichwohl harmlose — Tourismus, der sich in die geheimnisumwobene Verbrecherstadt des deutschen Sechziger-Jahre-Kinos getraut. Die gigantische Hafenanlage macht sich ebenfalls bemerkbar. Unsinn. In dieser Stadt macht sich bis auf ein paar jüngere BMW-Cabrio-Beurs und eben Notre-Dame de la Garde niemand wichtig.

Der neue Hafen hat wichtigeres zu tun, als ausgerechnet auf mich winzigen, inzwischen ebenfalls antiken Heimkehrer zu achten. Er schiebt sie hinaus, die Fähren nach Afrika, nach Korsika, die Schiffe in alle Welt. Immerhin ist er zusammen mit dem einst gallisch-römischen, nur noch in kümmerlichen Resten ans 12. Jahrhundert erinnernde und heute völlig verdreckten Fos-sur-Mer der nach Rotterdam und Antwerpen drittgrößte Europas; vielleicht aber stimmt das nicht mehr und der schwesternstädtische hat ihn längst überrankingt als Kraftmeier des über die Meere schwimmenden Konsums. Ohnehin hat der Hafen, der alte, heute nur noch als historisches, dem Tourismus dienendes Schmuckstück herumliegende, für Marseille bei weitem nicht mehr die Bedeutung, mit der er diese Stadt über zweieinhalb Jahrtausende geprägt hat, nachdem Protis an Land gegangen war, um sich mit der schönen Ligurerin Gyptis zu vereinen. Protis war Phäake, und die Phäaken, dieses Seefahrervolk von der Insel Scheria, hatten nicht nur einen gastfreundlichen König namens Alkinoos, der den schiffbrüchigen Odysseus aufnahm, um ihn dann in sein Ithaka zu geleiten. Er hatte auch eine schöne Tochter. Nausikaa war es, die den gestrandeten Odysseus fand und ins Haus ihres Vaters führte. Immer diese Mädels. Wie in Marseille. Es wurde von der Liebe gegründet. Aber diese sehr viel eher mit Griechenland als mit Frankreich verwandte Schönheit ist ja sowieso längst selbst Mythos. Und die Mythologie (über-)lebt eben nur in ihres ürsprünglichen Wortes Bedeutung — in der Erzählung, in der Überlieferung. Hier eben als Liebesgeschichte.


Die anläßlich des 2.500. Geburtstages von Marseille abgebildeten Gyptis und Protis entstammen dem Aufsatz Who were the «Celts» des Institute for Advanced Technology in the Humanities der University of Virginia aus der Reihe Ethnic and Cultural Identity, worin die Autoren «the mysterious Ligurians» zur Sprache bringen. Ach ja, unsere US-amerikanischen Freunde: God moves in mysterious ways.
 
Fr, 08.05.2009 |  link | (9244) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Linksrheinisches



 

Die Schöne und der Trampelpfad

Eben fliegt es vorbei, Cavaillon, mein anderer Ausgucksort zum Heiligen Dichter- oder Radfahrerberg Mont Ventoux. Es wäre ja auch ein sehr schönes Stückchen Erde, die Haute-Provence. Doch es liegt so weit östlich. Sofern man Italien als Osten bezeichnen kann. Und so hoch. Schön ist es zweifelsohne, beispielsweise dieses wirklich nette Reillanne unweit von Manosque, dem hübschen Heimatstädtchen von Jean Giono. Da könnte ich auch leben. Unsinn. Das Meer würde mir dann doch fehlen. Und die Stadt. Die richtige. Ach — ich denke doch südlicher. Als nächste Denkstation wird Salon-de-Provence auftauchen. Gerade mal zwanzig Kilometerchen. Unaufhörlich nähern wir uns dem Glück auf Erden. Kurz danach werde ich den Étang de Berre riechen. Das sind dann schon Meeresdüfte. Ein winziger Schlenker nach links noch, und dann ignorieren wir Aix-en-Provence.

Die Schöne, die im Sommer lediglich aus einer Einkaufsmeile und einem Trampelpfad pour faire du shopping de brocante zu bestehen scheint — Cours Mirabeau und die rue Espariat. Zweimal habe ich stundenlang an der vermutlich wieder mal einzigen Bar weit und breit gesessen, die auch Einheimische anlaufen. Klar — Bar-Tabac. Die Besucher der Stadt bringen sich ihre Zigaretten in Dosen von zuhause mit — es ist ja alles so teuer geworden im einstigen Land des billigen Lullingers —, außerdem trauen sie sich auch nicht rein in diese eigenartigen Einheimigkeiten, also kein Fremd-Trafic. So sind es immer die besten Plätze. Ich suche sie grundsätzlich auf. Das ist bei weitem spannender als Kino. Dort, vor der Bar Espariat, eingekreist von ein paar sehr fröhlichen Spaniern, kann man sie dann sehen, wie sie sich hinaufschieben und gelangweilt wieder hinunterrollen, die Mittel- bis Nordeuropäer, denen der Provence-Prospekt die Stadt verordnet hat. Oben gehen sie ein bißchen alte Architektur gucken und kaufen ein paar miserable Cézanne-Reproduktionen für unvorstellbares Geld im angeschlossenen, nach dem Maler benannten sogenannten Museum. Zwischendrin gibt's dann hier noch ein wenig Tand und dort ein bißchen Touristenmüll. Die Auslage der Buchhandlung KiLi besteht ausnahmslos aus Bilderbüchern. Dann können sie zuhause nachschauen, wo sie überall waren und was sie alles nicht gesehen haben. Oder was sie hätten sehen können, es sie jedoch nie wirklich interessiert hat und sie's schon deshalb nicht gesehen hätten, auch wenn sie mittendrin gelegen wären. Denn Rest kriegen sie dann auch noch gekullert — bis zur Place de la Libération oder auch Place de Gaulle. Dort gibt's dann endlich Eiscafé. Mit Crème de plastique. Oder zwei oder drei. Denn wenn man allzu lange an einem sitzt, kann einen schon der messerscharfe Blick des Kellners treffen. Wenn es ein sommerliches trou perdu unter den historischen Innenstädten gibt, dann ist es Aix-en-Provence. Im Winter ist es angenehmer, weil die Alteingesessenen sich mal aus dem Haus getrauen, in diesem Vorort von Marseille. Das ist despektierlich, ich weiß. Aber mir wird einfach nicht klar, weshalb alle Welt dieses Kaff so zauberhaft findet. Sicher ist es hübsch. Aber alte Architektur gibt es in diesem Land mehr als Touristen. Glücklicherweise. Sogar im Schwabinger Universitätsviertel ist im allerhöchsten Hochsommer mehr los. Und trotz der mittäglichen Hitze sieht man in Marseille ein Leben vor dem Tode. Aber Aix ist voller Leichen. Unglaublich tote Touristengesichter. Selbstverständlich werde ich es tunlichst unterlassen, derart Lästerliches von mir zu geben, wenn ich dann doch immer wieder hinfahre.

Und schon habe ich den leichten Linksruck im Rücken. Kerzengerade geht's jetzt hinunter. Ein Stückchen noch, und hinter Rognac werde ich rechts ins Becken hineinschauen. Es hellt sich auf. Ich werde es sehen, das Wasser des Étang de Berre, das einmal richtiges Meer war. Nun, es schwimmen dort ja immer noch ordentlich Anteile davon herum in diesem Muschelteich. Klar, die Mischung aus Süß- und Salzwasser muß stimmen.

Unten, im Ebro-Delta, klemmen sie diesen Tierchen das Süßwasser ab. Gegenüber früheren Zeiten kommen nur noch etwa fünfzig Prozent davon an. Und damit die Sedimente, die in den Stauseen der Pyräneen hängenbleiben. Sie sind die Nahrung der wohlschmeckenden Tierchen, die in den Töpfen und den Paella-Pfannen der einheimischen Küchenmagiere landen. Das Salz des Meeres allein ist macht die Mytilus edulis, die feine mejillón nicht satt. Sie braucht, wie ich, Süßes. Und weil das wenige süße Wasser nicht weit genug absinkt, wächst sie im unteren Bereich der Pfähle nicht mehr. Also nicht, weil die sich vor den Touristen ekelt, die sie so mögen. Sondern weil die es sind, die entlang des salzigen Mittelmeeres das Süßwasser doch eher schätzen. Hunderte von Kilometern in den Süden wird es gepumpt. So bauen die kastilischen Spanier einen Stausee nach dem anderen oder vergrößern die bereits vorhandenen. Trotzdem kommt kaum noch Wasser der katalanischen Spanier in ihrem Ebro-Delta an. Wir schmerbäuchigen Pappnasen kriegen es, auf daß wir unten in Almeria das Salzwasser von unseren Körpern und unsere Fäkalien wegzuspülen vermögen. Und oben trocknet alles aus. Auch die Dörfer. Weil die jungen Menschen wegziehen. Acht Milliarden Euro soll die Europäische Union dafür aus der Börse ziehen. Man muß sich das mal vorstellen! Acht Milliarden für die Zerstörung der unvergleichlichen Pyräneen-Landschaft, in die — mit Hilfe europäischer Euro — ein behutsamer, landschaftserhaltender Tourismus aufgebaut wurde. Der dann absäuft in den neugeschaffenen und erweiterten Wasserspeichern für die politische Ödnis Madrids. Wie die alten Dörfer. Acht Milliarden, um den Katalanen der Pyräneen das Wasser abzugraben und es dem skandinavischen, beneluxischen oder castop-rauxelianischen Suchtpotential einer melanomfördenden, versandhausartigen, zudem nach Ungewaschenheit aussehenden Hautfarbe zuzuführen, jenen Pigmentierungen, die die Afrikanerinnen sich mit ätzenden Chemikalien wegzuschmirgeln versuchen. Und das, obwohl Frankreich sich längst bereiterklärt hat, den Spaniern eine — umwelttechnisch problemlose, sagt man, sagen die Energie-Konzerne — Wasserspende aus der Rhône zu geben. Vierhundertfünfzigtausend Katalanen haben am 10. März 2002 in Barcelona den madrilenischen Wasserspekulanten diesen Wahnsinn demonstrativ deutlich zu machen versucht. Hier sollte Brüssel doch nun wirklich mal den Geldhahn geschlossen halten. Ausnahmsweise mal kein Geld rausrücken und das Wasser im Dorf lassen.

Hier wachsen sie noch. Ich sehe sie. Na ja — ich sehe das Wasser, wenn ich vor dem leicht traumzuckenden Näschen meiner ruhenden Calypso vorbeischaue. Der Tag hat rechtzeitig das Licht angemacht. Und jetzt rieche ich sie. Die Ente läßt den Geruch durch ihre Lüftungsschlitze zu uns hinein. Das Fenster darf ich ja nicht öffnen. Denn bei diesen Klappluken kommt sofort derartig viel Frühmaimorgenluft herein, daß mein warmes Weiches zu meiner Rechten auf den Schlag der Unterkühlungstod trifft. Das hätte ich nicht so gerne. Doch dieser Anflug von aphrodisierenden Düften aus dem Muschelteich hat sie wohl bereits Morpheus entrissen.
 
Mi, 06.05.2009 |  link | (3737) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Linksrheinisches



 







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