Resonanzkörper

Gerade bescherte mir france musique mit Gerd Albrecht eine Geschichte.

Zu Zeiten war's, als das Leben dem jungen Mann noch übel mitspielen konnte. Aus der noch recht frischen Ehe war er geflohen, einfach so, sich ins Auto setzen, wie zum Zigarettenkauf, und nicht mehr wiederkommen. Bis hin zur Vermißtenanzeige durch die Verlassene. Was er sehr viel später erfuhr. Tagelanges zielloses Herumfahren. Quer durch Nordeuropa. Immer auf der Suche nach Gründen. Für ein verpfuschtes Leben. Endlose Trauer. Oder Selbstmitleid. Damals wußte er noch nicht, daß es so etwas gab. In einer Backfischehe lernt man solches nicht. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen, vielleicht eher, etwas über sich zu erfahren. Aber wem gegenüber? Freunde hatte er keine. Deshalb hatte er ja wohl geheiratet. Dann fiel ihm, irgendwo frierend am Skagerak stehend und die Kopulation von Ost- und Nordsee beobachtend, die Dame ein, die ihm mal Blumen geschenkt hatte. Einfach so. Ihm, einem Mann, Blumen. Für solche Ereignisse hatte er keine Vase parat. Mit schlichten Blumen wußte er nichts anzufangen, die kannte das Großstadtkind nicht. Zuhause gab es nur edle exotische Gewächse zur standesgemäßen Dekoration. Sie aber hatte auf einer Wiese einen bunten Strauß gepflückt und ihm diesen mit einem liebevollen Lächeln in die Hand gegeben.

An sie erinnerte er sich mit einem Mal. Er fuhr ins winterlich vereinsamte Städtchen und radebrechte, unter Zuhilfenahme von scheinbar dänisch parlierenden Händen und Füßen, die Frage nach einem Telephon zusammen. Es war schwierig. Entweder gab es nur im Sommer Fernruf oder man schätzte seine leicht mitgenommene Anwesenheit nicht. Oder es lag am Sand, den er überall hineintrug in die gewohnt blitzsauberen Stuben. Dann fand er ein kleines Hotel. Da er sich nicht getraute, einfach nur nach einem Telephon zu fragen, mietete er ein Zimmer. Von dort aus rief er in die fast tausend Kilometer entfernte Ferne.

Er hatte den Eindruck, mit seinem Anruf nicht unwillkommen zu sein. Fast sah er durch die Leitung dieses Wiesenblumenlächeln, das ihn dann auch noch daran erinnerte, daß sein Geburtstag bevorstünde. Schon damals überraschte es ihn, wenn Menschen sich so etwas merken konnten. Das Gespräch floß so dahin. Es würde sicher sehr teuer werden, war kurz sein Gedanke, der jedoch hinweggewischt wurde von ihrer Frage, ob er sie nicht besuchen wolle. Er setzte sich über die Frage hinweg, woher sie denn wissen könne, worum es ihm ging, und antwortete, durchaus gerne, aber er habe noch einiges zu erledigen und wann es denn recht sei. Komm halt her, kam es weich und warm aus dem Telephon, sie sei immer da, sie müsse sich ja um die kranke Mutter kümmern, und der Vater sei auch nicht mehr der Jüngste mit seinen siebzig. Und Platz genug sei auch im großen Haus. Er erneuerte seinen Hinweis auf zu erledigende Dringlichkeiten, ging an die Rezeption, zahlte Zimmer und Ferngespräch, achtete nicht auf die Kosten, setzte sich ins Auto und fuhr in Richtung Süden.

Wieder wurde er mit Blumen empfangen, keine von heimischer Wiese, denn dazu war nicht die Jahreszeit. Er brauche gar nicht groß auszupacken, eröffnete sie ihm nach einem oder zwei Gläsern Weißwein, es mögen auch mehr gewesen sein, denn morgen ginge es direkt weiter in südlicher Richtung. Sie müsse dringend in ihr Haus nach San Valentino alla Muta. Und er würde doch sicherlich gerne mitkommen. Sie legten sich schlafen, und nach einem wohligen Traum fuhren sie los. Die weiteren achthundert Kilometer schreckten ihn nicht. Er war seit frühester Kindheit an Entfernungen gewohnt.

Sie kamen den Hohlweg gerade noch hinauf, und das, obwohl er seit frühen Jugendtagen ein geübter Schnee- und Eispilot war. Dann würde man das Auto nicht mehr benötigen, meinte sie erleichtert, denn ab sofort erledige man alles zu Fuß. Zwar würde der Bauer den Weg morgen so gut es gehe freiräumen für die weiteren Besucher, aber insgesamt werde man die nächsten drei Wochen so leben wie die Menschen, die vor dreihundert Jahren dieses Haus aus Holz zwischen die Felsen gesetzt hatten. Die am nächsten Tag Anrückenden schafften es dann doch nicht, mußten ihre Autos unten im Ort stehen lassen und zu Fuß den Hohlweg hinaufgehen. Aber der Bauer lud das Gepäck, die wertvollen Musikinstrumente vorsichtig lagernd und alles kälteschützend abdeckend, auf den Anhänger und zog den mit seinem Traktor hinauf.

Er war etwas verstört angesichts der vielen Musikanten, hatte er doch auf das ruhige Vorspiel der Cellistin gehofft. Doch allesamt waren sie angenehme Menschen. So kam er zwar nicht dazu, seinen Lebensschmerz loszuwerden, aber die allgemeine Fröhlichkeit heiterte ihn dann doch irgendwie auf.

An einem der nächsten frühen Abende bat seine Gastgeberin ihn, hinunterzugehen zu den beiden Alten vom Wirthaus. Der Wein sei ausgegangen, und ohne ginge ja wohl gar nichts hier, das wäre ja wohl einzusehen, und die anderen seien alle so beschäftigt, da müsse er wohl ... Zwar war er nicht eben begeistert, aber weniger der knapp zwei Kilometer langen und recht kalten Strecke, sondern ihrer Dunkelheit wegen. Er fürchtete sich. Aber dann nahm er allen seinen Mut zusammen sowie die große Weinkanne und stapfte hinunter ins Dorf. Dort stellte man ihm zunächst mal ein Glas Wein hin, es würde etwas dauern. Es dauerte dann doch drei Gläser lang, bis das bucklicht Männlein, der jüngere Bruder der beiden Schankwirte, es geschafft hatte, wieder aus dem Keller hervorzukommen. Der kräftige Südtiroler Rote gab ihm Kraft, das sich hinauf zu den Felsen ziehende Dunkel zu besiegen.

Nach etwa der Hälfte des Weges vernahm er für die nächtliche Natur ungewöhnliche Klänge. Er schaute hinauf zu den Lichtern des abgelegenen Bergbauernhauses, von dorther schienen sie zu kommen. Und tatsächlich, als er davorstand, meinte er vor einem riesigen Klangkörper zu stehen, die kleinen Fenster wirkten wie die Schallöffnungen des Korpus einer Violine, eines Cellos oder einer Bratsche. Wie verzückt fühlte er sich, umgeben vom dunkelbläulichen Schnee und dessen Klängen, alle Kälte war gewichen, die Musik wärmte ihn, als ob sie direkt aus dem jahrhundertealten Kamin käme. Dann endete das Spiel, aus einer der Öffnungen des Resonanzkörpers lehnte seine Gastgeberin sich heraus und bat ihn, ins Haus zu kommen. Dort angelangt, erhob sich das kleine Orchester, die erste Geige streckte kurz den Bogen nach oben, gab einen Ton vor, dann sangen sie ihm a capella zum Geburtstag, dirigierten ihn zu einem Stuhl mittendrin und begannen wieder zu musizieren. Er war Musik.


Für die extreme Abwandlung der Photographe von fotogeiger entschuldige ich mich. Auch wenn sie nach CC zulässig war. Aber mir war so nach Symbolhaftem.
 
Mi, 27.05.2009 |  link | (3426) | 12 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Unterwegs



 

Neu- und altgierig

Da's ein Thema für sich zu werden droht, kommt's auf Seite 1.

Mit der nach Wissen strebenden Gesellschaft meine ich zunächst einmal das, was ich gerne Klappentext- oder auch Kreuzworträtselwissen nenne. Bei Bouvard und Pécuchet gibt es hübsche Parallelen insofern, als die beiden meinen, dadurch zu höherem Ansehen zu gelangen, zumindest zu gewinnen: «Wissen ist Macht, nichts wissen macht nichts — doch wie macht man sich das erworbene Wissen zunutze? Wenn man weiß, daß man nichts weiß — woher weiß man, was man wissen soll, und wie kommt man an das Wissen heran? Schließlich kann das Gefühl von Unwissenheit enorm nagend sein.» Nimmt man heutige Quiz- oder Wissenssendungen, schaut nach den gefragten Titeln im Buchhandel, scheint das in diese Richtung zu laufen. Es ist noch nicht so lange her, als der Geschäftsführer eines Zeitungsverlages mir gegenüber äußerte, das sei der neue Trend — und verwies auf die Ausschlachtung aller Zeitungsartikel des Hauses, eingepackt von Buchdeckeln, alles so geistig edel wie das führende Blatt des Hauses selbst. Dann überrollte ihn das Internet wie ein mit Makulatur beladener LKW; Papier hat enormes Gewicht.

Aber nicht nur davon kann man überrollt werden, wie die Literaturliste zu Dummheit, Irrtümer et cetera belegt, was die beiden Nachfahren der Encyclopédistes ja auch dazu bewegt, die Welt korrigieren zu wollen. Allerdings sind die Korrekturen selbst längst vom US-Großscanner digitalisiert, so daß auch wirklich jeder die Fehler des anderen aus dem Internet ab- und und in den Qualitätsjournalismus hineinschreiben kann. Walter Vitt hat das mal thematisiert, einige Zeit vor dem aufrechteren Gang von Wikipedia, wo allerdings ohnehin nie wirklich niemand abschreibt, und es später in ein Büchlein binden lassen.*

Doch zurück zu der nach Wissen strebenden Gesellschaft und den ganzen Rätseleien. Es ist auch kein Wunder angesichts der aktuellen curricularen Systeme, die zumindest im Hochschulbereich genau das beabsichtigen, was man zuvor eigentlich nur von den juristischen Repetitorien kannte: Auswendiglernen; schulisch beispielhaft bekannt als das vielzitierte 333 — Issos Keilerei. Aber weshalb und wieso es zur kriegerischen Auseinandersetzung kam, das Wissen um Zusammenhänge fand in Benotungen kaum Niederschlag (schon gar nicht in Bayern, wo der aus der Fremde hinzugezogene Abiturwillige als erstes einen Malus einidruckt bekam). Und so sieht's heute bei den Universitätsabgängern aus. Nicht nur bei den Bachelors. Da habe ich einiges an jüngsten Erfahrungen. Wobei auch diese Neuheit ein alter Hut zu sein scheint, wie ich hier erfahren mußte, bezugnehmend auf die «eingeschränkte Halbwertzeit», nach der beispielsweise für viele Kunsthistoriker die Geschichte der Kunst, mit, sag ich mal, bei Beuys beginnt. — Hintergründe zum Dilemma sind auch in Somlus Welt angerissen.

Und genau das scheint viele Menschen wißbegierig werden zu lassen, aus dem mittlerweile ein ebenfalls sprachlich reduziertes neugierig geworden ist. Was dann entwicklungstechnisch den Nagel auf den Kopf trifft: altgierig ist nicht cool. Außerdem müßte man da möglicherweise komplette Bücher lesen. Wofür keine Zeit ist, denn die benötigt man für die zwei oder drei Jobs; zum Beruf hat's die ökonomische Ausrichtung des Studiums nicht kommen lassen; möglicherweise lag's am reinen Auswendig- oder am Zuweniglernen. Pech gehabt.

Mit den aktuellen Ereignissen kam mir auch leicht Vergangenes in Erinnerung. Kürzlich ärgerte sich die junge Frau in der Familie sehr darüber, daß die Note für die Diplomarbeit wegen ein paar Zehnteln nicht für den Höchstwert gereicht hatte. Aber bereits Mitte der Neunziger nahm der Freund eine geradezu ungeheuerliche Rigorosum-Schlacht auf sich, um den Doktor auf den Schild eines auch wirklich nicht mehr besser zu bewertenden summa cum laude zu heben.

Andererseits — was nutzt die ganze wißbegierige Leserei, wenn's einem so ergeht wie unseren beiden Helden Bouvard und Pécuchet (die in die Kommentare verbannt sind):


* Walter Vitt: Palermo starb auf Kurumba. Wider die Schlampigkeiten in Kunstpublikationen. Köln/Nördlingen 2003. — Vitt beklagt die vielen biographischen und sachlichen Fehler, die in Künstler-Lexika und Katalogen zu finden sind und durch unkritisches Abschreiben dann in der Häufigkeit ihres Aufscheinens zu «Wahrheiten» mutieren. Der Autor vertraut der Verläßlichkeit lexikographischer Arbeit im Kunstbereich nicht mehr.

Mademoiselle Mimi gehört zu ihm. Aber man darf unter CC.

 
Mo, 25.05.2009 |  link | (5979) | 13 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ansichten



 

Platon und der liebe Gott

Gratulation an einen Staat

Die einen haben einen lieben Gott, die anderen haben Platon. Denen antworte ich jetzt hier auf Seite eins, weil mir das gerade recht kommt und weil's schließlich einen Geburtstag zu feiern gibt; hier geht sowas ja, im gehaltvollen Qualitätsjournalismus wäre das nicht seriös oder so. Ich meine das nicht negativ, also nicht ironisch, und schon gar nicht, wie man das heute sprachlich leicht reduziert so bezeichnen würde: zynisch. Mir ist der alte große Weise in seiner Höhle ohnehin näher als der da oben über uns Wachende, dem anderen so ähnlich Sehende nämlich, der uns, wie ich gestern aus dem Mund von Frau Käßmann erfahren habe, die Menschenrechte geschenkt hat.

Bei solchen Äußerungen müßte ich die Frau eigentlich und tatsächlich zynisch auf das reduzieren, auf das es gerne nach wie vor viele Menschen tun: auf das Weib. Die titelige Aussage trifft auf sie selbstverständlich nicht zu, dazu ist sie zu gebildet und zu aufgeklärt. Aber als Bischöfin muß man sowas vermutlich sagen. Täte sie das nicht, beispielsweise auch noch solches wie mehr Kirche ins Fernsehen, ich könnte mir durchaus vorstellen, mit ihr an einem Tisch oder sonstwo zu sitzen oder sonstwas zu wollen. Doch wieder Exkursion über Gott und Götter beziehungsweise den Glauben an sie oder auch nicht? Eigentlich habe ich mich ja eindeutig genug erklärt. Aber es treibt mich doch immer wieder um und voran.

Ach, Herr Cosidetto, sind sie wirklich gestrandet? Als die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde, hätte man das sicherlich sagen können, da war's wirklich noch gefährlich für Menschen wie Sie. Aber heute? Ja, die Moral schreitet unaufhörlich fürbaß wieder zurück in die Zeiten vom guten alten Kaiser Willem, den man wieder zurückhaben will in nicht nur einem bundesdeutschen Ministerium. Aber so ist das eben bei vielen, die sechzig und älter geworden und dort angekommen sind, wo sie vor vierzig Jahren möglicherweise nun wirklich nicht hinwollten. Bei solchen wie mir ist das nicht der Fall, ich gehöre zu den Unverbesserlichen. Oder so: Wer sich ein wenig mit der Entwicklung der Gesellschaft(en), also mit (Kultur-)Geschichte beschäftigt hat, mit der Histoire de la Civilisation, wie das in Frankreich heißt, der, sei's drum, setzt sich zu Ihnen an den Meeres(st)rand, schaut den Horizont erweiternd ins olle Griechenland und hört Ihnen zu. Gerne. Ich gehöre zwar nicht Ihrer Fraktion an, halte aber Ihre intensionalen Intentionen (nur mal so, zur Erklärung für diejenigen, die damit nichts anfangen können) für bedeutungsvoll in Richtung der persönlichen Freiheiten, die der Mensch (eben nicht Gott) sich im Lauf der Zeit geschaffen hat und die die Kirche und was alles dranhängt an ihr immer zu verhindern gesucht hat — zumindest früher, wo man wieder hinwill (Frau Käßmann sicherlich nicht, aber die ist ja, das sei zu ihrer Ehrenrettung gesagt, auch kein Man; allerdings hat sie einige Kollegen, nicht nur in Rom).

Was mich zunehmend ins Grübeln bringt: daß diese vielen mans, zu denen eben auch viele Frauen gehören, unter bisweilen seltsam anmutenden Vorwänden das Licht wieder löschen wollen, nicht nur das in den Schlafzimmern, sondern auch das des siècle de la lumière (obwohl's da ja nun wirklich den lieben Gott noch geben durfte; zumal man nichts anderes kannte). Ständig wird von Geschichte, von Geschichtsbewußtsein gesprochen und geschrieben, und daß das ja so wichtig sei. Nur, wann beginnt Geschichte? Bei Kaiser Willem? Oder nicht vielleicht dann doch ein bißchen früher? Möglicherweise sollte man sich mal darauf besinnen, daß das Denken und die Gedanken an die Freiheit, mit allem, was sich damit verbindet, zu Zeiten dieser anderen Götter bereits fröhliche Urständ gefeiert hat. Aber das, das wäre dann doch ein bißchen zuviel, soweit wollen wir dann doch nicht gehen. Dann wäre wir ja wieder bei 68 und diesen ganzen «frivolen», wie man früher mal das «Anzügliche» nannte, Begleiterscheinungen, bei diesen unapetittlichen und auch noch kriegsgegnerischen Hippies zum Beispiel. Und damit ist ja nun wirklich kein Staat zu machen. Mit Platon oder so.
 
Sa, 23.05.2009 |  link | (4116) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Unglaubliches



 

Ein weites Europa

Brief aus den Kolonien

«Jeder trägt seine Heimat an der Sohle und führt an seinem Fuß die Heimat nach Marseille.» Joseph Roth


Mein so kluger und weiser Kulturjude — Deine mélange de réligions et culture sagt Dir etwas aus dem Coran, aus der 33. Sure von den Verbündeten: «Dann schlossen wir eine Allianz mit den Propheten, mit dir, mit Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn von Maria, und wir schlossen ein festes Bündnis.» In dieser Sure spricht der Prophet in einer Sentence davon: Wenn ihr aber eure Väter nicht kennt, so laßt sie sein eure Brüder in der Religion und eure Genossen. Er war auch kein Frauenfeind, der Prophet! «Wenn ihr das Leben hier unten begehret mit seiner Pracht, so kommt. Ich werde euch versorgen und entlasse euch ehrenvoll.»*

Es erstaunt mich, daß Du so vieles nicht mehr weißt, Du nach so vielem neu fragst. Hast Du wieder Schwierigkeiten mit der Erinnerung? Das wäre sehr schlimm. So sehr haben wir gekämpft, sie zurückzuholen, Deine, unsere Vergangenheit. Aber vielleicht liegt es daran, daß ich nun selbst eine solche bin, so weit weg. Doch ich möchte nicht vergessen. Auch nicht, daß Du es tust. So erinnere ich ...

Nicht alles ist aus der Bonbonnière meines Papa. Solche Stücke hat Maman herausgesucht. Doch Papa hat zu Beginn dieser komischen Tragödie als Architekt diese Bonbonnière her- und hingestellt und sie auch geöffnet. Manchesmal hat Maman ihm vielleicht etwas zuviele dieser arabischen Hönigstücke herausgefunden und genommen. Vor allem, wenn Maman zuviele davon hat an ihre Töchter weitergegegeben. Es hat, glaube ich, oft Kampf gegeben in seinem Inneren, und er hat versucht, dieses Etui der Freiheit etwas zu verschließen. Gelungen ist es ihm nicht sehr oft. Aber — er hat immer gelächelt. Doch es war auch Maman, die hat sehr klug und weise darauf geachtet, daß es eine gute, ausgewogene Mischung bleibt. Und für uns Töchter hat es dann wirklich oft etwas weniger an Süßem gegeben. Aaron ein wenig mehr. Typisch für diese alte Bergvolkfrauen. Doch ich lebe noch. Wie Du siehst.

Ich möchte noch einmal kurz nach Armenien reisen mit Dir. Du weißt, daß in keinem Land Westeuropas so viele Armenier leben wie in France. Weißt Du auch, daß es eine Zeit gab, in der laut gerufen wurde: Chirac, du kriegst unsere Stimmen nicht mehr! Jospin, wir haben dich noch nicht gewählt? Man hat es gerufen am 24. April 2001. Der 24. April ist der Tag, den meine Maman neben dem 14. Juli feiert. Nicht feiert. Sie gedenkt. Es ist der Tag des Mordes an den Armeniern. Chirac und Jospin haben diese Rufe gehört. Es ist zwar nichts Besonders herausgekommen, aber doch immerhin ein Satz, der Gesetz geworden ist: Frankreich erkennt öffentlich an den Genozid von 1915 an den Armeniern. Sogar die deutsche Regierung hat das später unterschrieben. Es gab ziemliche Proteste von jüdischer Seite, weil der alleinige jüdische Anspruch auf den Völkermord in Gefahr war.

Es ging auch — einmal wieder — um das Geld, um den Handel zwischen Frankreich und der Türkei, um das fließende Geld. Frankreich ist, war, ich weiß nicht, ob es noch so ist, ich bin so weit weg hier, der größte Warenlieferant in die Türkei. Dann — wir als alte Angehörige der Revolution geben unseren Geist auch lieber den unterdrückten Völkern von Palästina. Und auch, die Türkei hat vielen Juden geholfen und eine traditionell gute Beziehung zu Israel. Theodor Herzl hat 1898 auf dem zweiten Kongreß der Zionisten dem osmanischen Sultan seine Loyalität versichert. Und Bernard Lazare, ein prominenter Verteidiger von Dreyfus, hat in der Zeitschrift Pro Armenia Herzl dafür sehr scharf angegriffen. Allerdings sind die Armenier heute sehr stark in Frankreich. Ich wiederhole es: Dafür verschmierten die Türken die armenischen Monumente ...

Ich habe einen Brief von Dir gefunden auf meinem Computer, darin steht: «Ich erinnere mich aber auch, daß es in dieser Proklamation sowie in dem Gesetz auch hieß, wenn es der Türkei nicht einmal gelänge, die historische Tatsache des Völkermordes an den Armeniern anzuerkennen — wie sollten da die Staaten Westeuropas auf eine Änderung der türkischen Politik in der Kurdenfrage hoffen. Damit war auch das brünftige Verlangen der Türken gemeint, Europa zu penetrieren. Ich habe nie verstanden, weshalb die mit ihrem Fitzelchen Land in Europa sich dazuzählen. Na ja. Selbstverständlich weiß ich es — Absatzmarkt Europa. Arbeitsmarkt Europa. Ach, irgendwie ist mir das auch wurscht. Sollen sie halt rein. Aber dann gehört auch Armenien und Algerien rein. Die Regierungen sind ja bereits hier. Und einen General haben wir auch da.»

Du meintest damals Mon feld-maréchal Marietta Taline Al Arfaoui née Malakian aus der Famille der Hagopian, dieses wilde Volk aus den Bergen. Mit Mohamed François Al Arfaoui. Aaron Al Arfaoui und Mirjam. Und gefragt hast Du — was machen wir mit den Saint-Louis aus dem Sénégal? Und Du hattest Dir selber geantwortet: «Der wird unser Sicherheitsminister. Seine Leistungsfähigkeit hat er ja ausreichend unter Beweis gestellt als Leibgardist des ansonsten nicht überlebensfähigen Risacher. Selbstverständlich gehört damit der Senegal auch zu Europa.» — Und angefügt hattest Du: «Du sprichst sehr viel mehr über Armenien als über arabische Problemata. Irre ich mich da?»

Es ist richtig. Wir stehen Armenien näher als Algerien. Sogar Papa haben wir hineingenommen in diese Zone am Rande von Europa. »Europa!?» hattest Du laut gefragt und ausgerufen. Erinnerst Du Dich? Auch Maman ist extrem beeinflußt von der europäischen Kultur. Ihre Familie. Es sind die Kultivierungen aller dieser Länder. Alle haben ihre Bildung aus europäischen Ländern. Die meisten haben in einem europäischen Land studiert. Auch Papa. Er hat in Aix studiert. Er ist hiergeblieben. Nach dem Militär. Algerien war ja noch französisch zu dieser Zeit. Er war in Deiner Heimat, zumindest in der von Deiner Maman. Er ist gewesen für drei Monate in Metz. Und dort war er, Du hattest es einmal genannt: «Im hohen Norden, kurz vor den Pfahlbauten der barbarischen Boches.» Aber er war dort nur für drei Monate. Dann hat man ihn verschoben nach Lyon. Danach ist er nach Marseille gegangen. Aber seine Familie — sie lebt noch immer in Algerien. Sie möchten auch nicht weggehen. Doch auch ihr Blick ist nach France gerichtet. Und um Deine Frage nach Tunesien zu beantworten: Seine Eltern sind von Tunis nach Algier gegangen, bevor es autonom wurde von Frankreich. Wenn ich nicht irre, es war 1950. Dann sie wollten nicht mehr wandern, als Algerien auch von Frankreich wegging. Doch sie sind noch immer sehr verbunden. Mit France! Und Papa mit Algerien. Es ist so. Auch wenn sie seine wunde Seele immer zudecken mit ihren armenischen Küssen, diese armenischen Frauen mit ihren Gesängen und ihren schwellenden Lippen, diese Marietta Taline und Naziza und Mirjam und Anouk und Esther. Denn auch die beiden letzten sind halbe adoptierte armenische Töchter. Da kann auch ihr Papa, dieser starke Negerhäuptling nichts dagegen ändern. Wir Frauen sind stärker. Nein. Es stimmt nicht. Papa weint manchesmal. Es ist vor allem der schlimme Zustand in seiner alten Heimat. Es war ein so schönes Land einmal, sagt er immer. Sein Herz hängt mehr daran als an Tunesien.

Wir hatten vor einiger Zeit alle eine Petition unterschrieben. Sie war gerichtet an die Regierung, weil sie schon seit vielen Jahren die algerische Politik unterstützt, die die Opposition töten will und damit große Teile der zivilen Bevölkerung. Frankreich hat eine entscheidende Rolle beim Aufbau der Kriegsmaschinerie in Algerien! Es lieferte Waffen und bildete Soldaten aus. Es gab in France eine große Discussion über Folterungen während des Freiheitskampfes, doch unsere Regierung gab ihren Segen für sehr schlimme Verletzungen der Rechte von Menschen dort in Algerien. Dafür haben wir das alle unterzeichnet. Papa hat nicht bitten müssen. Nein. Es war sogar Maman, die mit diesem Papier ankam. Maman, la combattante. Mon Général. Sie kämpft immer. Auch bei Attac. Dort übersetzt sie in das Armenische und das Arabische. Parolen des Kampfes. Und ich helfe ein wenig. Maman kämpft. Nicht nur flüchtenden Männern ...

Zurück zu Papa. — Es erstaunt mich sehr, daß Du das alles nicht mehr weißt. — Geboren ist er 1938 in Tunis. Geheiratet hat er 1960 in Marseille. Eine armenisch-persische Bergziege. Und ich bin sehr schnell gekommen. Obwohl Papa ein Musulman und Maman eine Christenfrau aus jüdischem Blut waren. Sie haben schon immer sehr gerne zugemacht ihre Augen. Wie Papa beim Schweinefleisch. Wenn man schließt die Augen und sagt, stelle dir vor, es ist ein Fisch, dann sieht Gott es nicht. Das habe ich von Dir.

Ja, wir sind — keine richtigen Araber. Europäische Araber mit armenisch-persisch-jüdischem Bergblut. Von allem ein bißchen. Aber nicht richtig ist, was Du geschrieben hast: «... schon gar nicht gottesfürchtig.» Man kann es so nicht sagen. Es hat schon immer Religion gegeben. Mehr Glauben als Religion. An einen Gott, nicht verschiedene. Und auch etwas Strenge es hat schon gegeben. Mon Dieu! In dieser Zeit. Es ist nicht wie heute! Ein Mädchen mußte gesittet sein. Und nicht nur eines des Islam. Wenn es heute wiederum auch völlig anders ist. Es ist nicht zu vergleichen. Allerdings meine ich damit nicht diejenigen, die assimiliert sind. Doch sie haben nie einen Versuch gemacht, mich zu verkuppeln, mich zu verheiraten. Diese Mischung hat uns, das glaube ich, sehr gut getan. Diese Mischung aus allen Religionen. Dieses schöne Durcheinander, wie Du es einmal genannt hast. Nachdem Maman Allah wissenschaftlich untersucht hat und Papa damit ein wenig zum Schweigen gebracht. Es hat geöffnet. Und es hat nie eine Kritik gegeben an meinem Studium. Sie haben das immer nicht nur gebilligt, sondern es auch unterstützt. Weil es mir gefallen hat, deutsche Sprache und Kultur zu lernen. Leider ist Papa krank geworden mit seine schlimme Arthritis und konnte nicht mehr gut Geld verdienen. Als er wieder gesund war, gab es keine Arbeit mehr für ihn. Dann war er eben doch ein Araber. Obwohl er eine französische Uniform getragen hatte. Und meinen Doktorhut mußte ich an die Stange hängen. Merde. — Und deshalb sitze ich jetzt auf der Blumeninsel der Europäischen Union und gewähre deutschen Touristen meine Gunst.

Sans rancune ...

* 33. Sura von den Verbündeten, in: Der Koran, Verlag Julius Kittls Nachfolger, Leipzig-M.Ostrau o. J., Seiten 416 – 419

Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählung

 
Fr, 22.05.2009 |  link | (4595) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Zwei Tage



 







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