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So, 07.06.2009 |  link | (3560) | 16 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Traeumereien



 

Kultur-Vogel

Die Freundin ist nach fünfzehnjähriger Tätigkeit im Dienst des wirtschaftsbelebenden Tourismus gekündigt und in die Verbannung geschickt worden. Nicht weil sie wie weiland Napoleon irgendwas vorangetrieben hätte. Es ist schlichter: sie weiß zuviel. Das meint nicht unbedingt ihre Einblicke in die sklerotischen Strukturen einer kommunalen Behörde. Eine hierfür erforderliche Verschwiegenheit hätte sich ja noch durch eine Erhöhung des Salairs erledigen lassen können. Aber genau das ist mit diesem Zuviel an Wissen gemeint: Kein Mensch interessiert sich mehr für diesen ganzen Kulturkram bis hin zum Antikenwissen. Für die drei immer wieder gestellten Fragen nach der schönen Welt des Shopping, der menschenfreiesten Calanque oder des billigsten Restaurants benötigt man niemanden mit zehn Jahren Studium. Wer will denn noch wissen, warum die ganze Stadt auf einem riesigen Griechenklo hockt? Das wird ohnehin nach und nach und still und leise zugeschüttet. Sie ist überqualifiziert — und damit zu teuer, wohl auch, weil zu alt.

Meine Güte! Da sitze ich nun in der sich zusehends friedlicher gebärdenden Dunkelheit der Autoroute und denke nach über «neue» Kündigungsmöglichkeiten am französischen Arbeitsmarkt. Da lachen ja die Bresse-Hühner um mich herum, die auf der Stange sitzen und vermutlich darüber grübeln, was das für ein seltsamer Vogel ist, der da über so so seltsame Dinge sinniert, anstatt mit sich über den Geschmack ihres Fleisches oder wenigstens über den dazu passenden, in der Nähe wachsenden wunderschönen Wein zu philosophieren, wie das jeder normale, anständige Mensch aus diesem Kulturkreis mit verzücktem Gesicht tut, wenn er an ihnen vorbeifährt.
 
Fr, 05.06.2009 |  link | (4776) | 14 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Unterwegs



 

Alles friedlich ...

Brief in die Ferne

Teure, Schöne,
schon wieder warst Du in den USA. Es scheint Dir ja gut zu gefallen dort. Bei der Gelegenheit: Mir würde es an Erinnerung mangeln, schreibst Du. Und dann kannst Du Dich nicht an das erinnern, was ich Dir mindestens dreimal erzählt habe, da es mich jedesmal reißt, wenn ich den Begriff USA nur höre oder lese. Aber für Dich wiederhole ich es erneut. Doch zuvor möchte ich Dich zum Ende dieses Textes leiten, wo das steht, was ich Dir auch mal erzählt habe. Die «Freundin» darin wird Dir bekannt vorkommen.

Also: der Bruder meines Vaters. Aus den USA. Er und seine Dame wollten mich ja sozusagen adoptieren. Sogar mein mich liebender Erzeuger hatte sein Ja-Wort dazu gegeben. Na ja, es ging auf sein Ende zu. Aber ich hatte laut nein gerufen. Denn ich war ja zweimal ein halbes Jahr in diesem schrecklichen Kaff Miami Beach. Nur besserverrentete Ruheständler. Damals. Später hat es die Jeunesse ja entdeckt. Surfing and riding waves and life. Bei den Amis sollte ich studieren. Alles hätte ich gekriegt — was ein US-Amerikaner eben so braucht. Auto, auch 'ne Harley, zwei Garagen, dreimal Stars and Stripes ff. et cetera. Die Staatsbürgerschaft hätten sie mir dann wohl auch noch auf den Bachelor-Tisch gelegt. Proud to be an american. Selbstverständlich US. Was anderes gibt's ja auch nicht. Sie wollten ein Kind, das ich sein sollte. Ein etwas größeres, bei dem man keine Windeln mehr wechseln mußte, nicht mehr caca de bébé putzen müssen, ein wohlerzogenes in dunkelblauem und edlem Feinstrick mit weißen Strümpfen und passenden Strumpfhaltern dazu, eben so, wie sie mich in Erinnerung hatten. Sie selber hatten keine Kinder. Später hätten sie's intravenös versucht, aber zu der Zeit gab's noch keine extravaginalen Uploads. Und bunte kleine Kinderchen aus Afrika war noch nicht so in Celibritäten-Mode. Es war wohl irgendein Handel zwischen meinem Vater und den beiden. Wahrscheinlich hatte mein guter alter Grigorje es sogar gut gemeint. Aber ich wollte das eben nicht. Meine Tante war genau so eine — eben aufgetakelte Fregatte wie meine Mutter zu dieser Zeit, eher ein ausgemustertes US-amerikanisches Schlachtschiff, nein, ausgeschlachteter Missisippi-Dampfer, der kurz davor war, die high wheels abzuwerfen. Die waren sich sehr ähnlich, Tante Charlotte und die meine. Auch aus dem Elsaß. Na gut, auch das wußte ich damals noch nicht. Da hielt ich meine Mutter ja noch für eine Lorraine. Also, Charlotte, meine Mutter auf US-amerikanisch. Meine nicht eben freundliche Gesinnung dürfte in dieser Zeit wurzeln. Daran haben auch all die großartigen Menschen nichts geändert, die ich später im und auch aus dem Land kennengelernt habe. Als äußerst schwerwiegend empfand ich dabei, daß mein Onkel so ein herausgeputzter Uniformierter war.

Ein Soldat. Seit dem Krieg. Ein bißchen ziemlich das Gegenteil seines uniformhassenden Bruders. Er ist, wenn ich mich recht erinnere, 1939 in die USA ausgewandert. Wenn man das so sagen kann. Aus Palästina nämlich. Die sind mit der ganzen Familie dorthin damals. Von Rußland aus. Und es waren ja bereits vierhundertfünzigtausend Juden dort. Er ist also vorsichtshalber abgehauen. Der Konflikt, die Kriegsgefahr. Die Araber eben. Mein Vater ist ja auch rasch wieder weg. Nur eben nicht in die USA. Dieser ehemalige US-Außenminister fällt mir dabei ein. Eine höchst zweifelhafte Figur, dieser Mensch. Jude, 1938 mit den Eltern von Deutschland aus in die USA emigriert.

Viele wissen es nicht. Wenn sie im Qualitätsjournalismus nachlesen, müssen sie glauben, er sei ein Friedensengel gewesen. Und als solcher hat er ja auch lächelnd den Friedensnobelpreis entgegengenommen für den Frieden in Vietnam. Aber er hat diesen Krieg der US-Amerikaner maßgeblich mit entfacht. Nein, er hat dafür gesorgt, daß die Flammen nicht ausgehen. Er war der Kriegstreiber schlechthin. Er hat sich über die Militärs hinweggesetzt. Wohl mit allen Vollmachten ausgestattet. Er hat die Außenpolitik entscheidend — ach was, er hat sie bestimmt. Sonst hätte das ja vermutlich nicht funktioniert. Er hat, gegen die Ratschläge seiner engsten Berater — die er Freunde nannte und sie wohl deshalb abhören ließ —, den Rolling Thunder befohlen.

Weihnachten 1972: dreitausend vollgeladene Bomber gegen die Zivilbevölkerung. Alles killen, was zappelt, was sich bewegt, war wohl der Tagesbefehl. Kleinkindern haben allein die Druckwellen der Bomben die Eingeweide implodieren lassen. Rolling Thunder nennen die Vietnam-Veteranen auch ihre — wenn ich richtig informiert bin — immer noch stattfindenden Motorrad-Demonstrationen gegen diesen Krieg, in dem von drei Millionen getöteten Vietnamesen zwei Millionen Zivilisten waren. Gezielt. Mehrmals hintereinander. Aber gegen solche Bomben, auch Weihnachtsbäume genannt, helfen keine hundertfachen Rosenkränze oder Varianten aus anderen Religionen als der katholischen. Dem gegenüber standen achtundfünfzigtausend US-Soldaten, die in diesem Krieg umkamen, in dem es um nichts anderes ging als um Macht. Ein US-Bürger, von dem ich jetzt nicht mehr weiß, welche Funktion er innehatte damals, meinte, eine Begründung für solches Handeln sei einzig und allein bei Machiavelli nachzulesen. Der Harvard-Professor für politische Wissenschaften.

Falls Du, wie früher bereits, wieder fragen solltest, woher ich das alles wisse. Ich hatte es aus einer WDR-Dokumentation. Ich meine von 1999 (heute läßt sich das überall nachlesen, beispielsweise in lettre international). Also 2002, als ich Dir das erzählt hatte, war das nicht so neu, als daß der Herr Außenminister zum entsprechenden Zeitpunkt noch nicht hätte dagegen klagen können. Vor allem gegen die Bemerkung eines anderen Befragten, der meinte, nach den heutigen Kriterien — also beispielsweise wie bei dem serbischen Henker Milošević — würde unser Friedensnobelpreisträger wohl als Kriegsverbrecher angeklagt. Und er war zu dieser Oberbefehlszeit nicht mal beim Militär. Wie etwa mein Onkel, der US-amerikanische Hochglanzsoldat. Der war beim CIC. Counter Intelligence Corps-Fachleuten behilflich sein. Wie beispielsweise dem Sänger, der nicht zu den Wagnerianern auf den Grünen Hügel wollte, weil dort geschossen würde. Beirut und Bayreuth liegen aber auch sehr nahe zusammen — in US-amerikanischer Geographiekenntnis. Aber ein Spitzenopernsänger muß schließlich nicht wissen, daß in Beirut damals eher weniger Wagner gespielt wurde, nichtmal der Walkürenritt.

US-amerikanische Geographie- und Geschichtskenntnisse. Freiheit der Interpretation. Mit Schrecken denke ich an ein ins Deutsche zu übersetzendes Buch zurück, für das ich verantwortlich war und das mich mit einem Institut in Los Angeles zusammenbrachte, mit der Frau Direktorin und deren Interpretationen deutscher Geschichte. McCarthy kurz vor dem Übergang ins 21. Jahrhundert.

Wie schrieb Robert Menasse so treffend: Im Grunde bewundern alle diejenigen die Vereinigten Staaten, die noch Reste von archaischen Reaktionsweisen in sich verspüren. Er meinte damit den Grad der militärischen Aufrüstung, die militärische Gewalt. Die Anzahl der Keulen sei aber ein Steinzeitargument. Und er verweist mal eben auf einen anderen 11. September, nämlich den des Jahres 1973, als «die Amerikaner» — völlig richtig in Anführungszeichen gesetzt, weil's ja in unserem Sprachgebrauch keine anderen Amerikaner gibt —, einen demokratisch gewählten Präsidenten niederputschten. Den eines anderen Amerika eben, den von Chile. Da hatten sie Allende sozusagen ge-, na, sag ich mal, gekippt. Da war Heinrich Alfred, späterer US-Außenminister, übrigens auch federführend beteiligt. Als Allende gewählt worden war, wollte Nixon ihn gleich von der Bühne nehmen. In seinem Arsenal befand sich die großkalibrige Waffe aus dem deutschen Fürth, seinerzeit dessen Sicherheitsberater. Denn nach den Friedensabsichten für Vietnam von Nixons Vorgänger Lyndon B. Johnson kippte die Stimmung des US-amerikanischen Wahlvolkes hin zu Humphrey, Johnsons Vize. Das machte Nixons Mitarbeiter so kirre, daß sie erst einen liberalen, zu Allende stehenden General ins Abseits ließen — und dann, an besagtem 11. September 1973 eben auch Allende. Tod dem Kommunismus. Während der 11. September ohne Jahreszahl, also auf ewig, meint Manesse, als Synonym für einen Angriff auf unsere Zivilisation festgeschrieben stünde.* Wenn ich nur daran denke, meine Allerbeste, daß Du, Deine Geschwister, Deine Eltern, ihr alle bei einem Wochenendtrip zum Shopping in die USA gut hättet verhaftet worden sein können und jetzt immer noch in einem auf Cuba gelegenen US-Taule vor euch hinschmurgeln würdet wie weiland so viele zuhause. Ohne Anklage, ohne Grund. Weil ihr arabische Namen tragt. Na gut, Mister Black-People-President würde euch jetzt so langsam in die Alte Welt verschiffen lassen. Wenn die Europäer sich geeinigt haben, wohin man euch auf Halde legt. Sei froh, daß Du auf Deiner Blumeninsel hockst, Europa so weit ist.

Ich erinnere mich recht gut, was Du mir geantwortet hattest: Du trügest keinen arabischen Namen, Du hießest Risacher. Aber es stünde Dein Geburts-, Dein Mädchenname im Paß! hatte ich entgegnet. Den allein hielten die Amis vermutlich schon für eine hochgefährliche Waffe. Wer soll den sowas aussprechen? Al Arfaoui. Da bricht man sich ja die Zunge. Also ab ins Lager, zur besseren Konzentration aufs Wesentliche. Terrorismus-Prophylaxe. Aber vermutlich sähe es man Dir aufgrund Deiner eierkohlenfarbenen Augen sowie Deinem olivischen Teint sicher an, daß Du aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem elsässischen mittleren Westen kommst — alleine die blonden Strähnen ...


* Robert Menasse, in: Süddeutsche Zeitung v. 22. Mai 2002, Feuilleton, S. 13

Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählung

 
Do, 04.06.2009 |  link | (3762) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Zwei Tage



 

Schwarzfußfranzosianer

Nach Algerien hatte kürzlich Hanno Erdwein gefragt. Ich muß dabei immer wieder und zunächst an die pieds-noirs denken. Deren Herkunft und Bedeutung dürfte außerhalb Frankreichs weitgehend unbekannt sein; anzunehmenderweise wissen es auch viele, allen voran jüngere Franzosen nicht.

Besançon ist hier mehrfach erwähnt. Die Stadt am Rand des französischen Jura lag auf der mir nicht nur wegen des allerbesten Comté angenehmsten und deshalb häufig befahrenen Strecke von München über das Grenzdörfchen Lauterbourg nach Marseille und wieder zurück. Isar-Athen ist schon lange nicht mehr, jedenfalls für mich. Aber auch von Hamburg beziehungsweise dem Holsteinischen aus am besten via Belgien, Luxembourg, Wissembourg und Strasbourg fahrend übernächtigt man sich gut im alten Universitätstädtchen am Doubs. Man muß nicht, aber es kann einem recht wohl sein dort, wenn man den Arbeitspfaden der Touristen ausweicht. Zudem hat ein Freund ein paar Kilometer in die Hügel des Franche-Comté hinein sein Häuschen stehen. Na ja, es ist schon ein richtiges Haus. Und auch nicht mehr ganz so jung ist die ehemalige Industriellenkate aus dem 19. Jahrhundert. Und, nicht zu vergessen: von dort zum immer hilfsbereiten Dorfschmied sind es nur ein paar Schritte.

Zum ersten Mal bewußt beziehungsweise neben den deutschen und schweizerischen Shopperhopsern sowie dem Wanderstrom zur Citadelle erlebt hatte ich Besançon in Le Diga-Diga-Doo. Dort bin ich den einheimischen Schwarzfüßlern — und damit einem Stück eigener Vergangenheit — begegnet. Sie sind teilweise französischer als alle Franzosen zusammen, etwa so wie auf Martinique, wo der Einheimische mir sagte: Will man (wie) in Frankreich leben, dann muß man hierherziehen, denn wir leben die Tradition, haben noch Familien, essen noch gut. Und so weiter. Unter denen im Diga-Diga-Doo waren einige, von denen ich nie und nimmer angenommen hätte, sie könnten etwas anderes sein als Elitehochschulabsolventen und damit Kinder von mehralsbesserverdienenden Eltern. Sie sprachen nahezu alle ein (fast schon wieder übertrieben) gutes Französisch, sie benahmen sich (ausgesucht?) extrem höflich, also weitaus höflicher, als es der gemeine Franzose ohnehin tut, sie waren auch tagsüber gekleidet, als ob sie gleich ins Konzert und anschließend zum souper, dem einer Veranstaltung folgenden Abendessen, gehen wollten. Und einen Engländer hatten sie in ihrer Mitte — der war der kurioseste von allen. Er sprach ein Französisch wie auf dem Hoftheater des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts. Er hatte es in Canada gelernt, wo ein Neuzeit-Franzose nicht so recht verstanden wie gleichermaßen belächelt wird; ähnlich den Portugiesen in Brasilien. Teilweise wird in Quebec nämlich gesprochen wie zu Zeiten, als die französische Landnahme geschah. Und tatsächlich war's ein Arbeiterkind aus Manchester, das es via Montréal als Französisch-Dozent an die Université de Franche-Comté verschlagen hatte. Armer Leute Kinder waren auch all die anderen. Nur eben nicht aus England.

In mir hatten sie wohl einen Reisenden gesehen, der sich auch mal für was anderes Französisches interessiert als das deutsche Hochglanz-Savoir-Vivre. Als ausgewiesener Franzose wäre ich nicht so freundlich aufgenommen worden in diesen Kreis — und schon gar nicht von Fadila. Denn mit den Franzosen haben sie's gar nicht so, diese Vorzeige-Franzosen. Vermutlich waren sie es, die ausgerechnet Le Pen als anderes Übel gewählt hatten seinerzeit, bevor der griechischstämmige Ungar sich aufmachte, endlich ordentlich französische Seiten aufzuziehen im Land ...

Also: Der Begriff kommt von Schwarzfuß, vermutlich, weil die Kolonialisten dunkle Stiefel und Stiefeletten trugen; aber das ist nur eine von vielen Erklärungen, die allesamt nicht belegt sind, auch nicht die vom Traubentreten. Sie setzten sich zusammen aus Spaniern, Marokkanern, Franzosen, Oran, Algier, weiter nach Tunesien hin, Italienern, Korsen, Sarden, Deutschen, die, anstatt nach Amerika zu gelangen, im nordafrikanischen Wilden Westen landeten, Elsässern, die nicht Deutsche werden wollten irgendwann, Kommunarden von den Aufständen in Lyon — die Seidenweber — und sehr vielen Weinbauern aus Südfrankreich, zur Zeit des Zusammenbruchs des Weinbaus wegen der Rebstockkrankheit — inzwischen sind alle Stöcke auf US-amerikanische Wurzeln aufgepropft! 1830 bis 1847 wurde eben Algerien auch als Folge einer innenpolitischen Krise in Frankreich erobert. England und Frankreich teilten sich anschließend die Einflußbereiche in Afrika auf.

Fadila fragte mich damals verwundert, woher ich das denn alles wisse. Ich erzählte von einer Handgranate, eine mütterlich-algerische der Front de Libération Nationale (FNL) oder eine der OAS, Organisation de l’Armée Secrète, der väterlich «eigenen» Algerienfranzosen. Sie hatte in Algier einem Pied-noir-Mädchen im Kindergarten die Hand abgerissen. Über lange Zeit hielt ich Kontakt zu ihnen, war auch, vor einigen Jahren zuletzt in Valanciennes, mit bei ihren Zusammenkünften. Deshalb war ich informiert über die Pieds-noirs. Solche, die sich nicht nur in ihr Heimatland zu assimilieren versuchen, sondern auch darum kämpfen. Die Jungen. Sie machten ihren Alten Feuer untern Hintern. Wie die Zigeuner, die man möglicherweise deshalb so nicht mehr nennen darf ... Als sie nämlich zurückkamen aus Nordafrika, wollte diese Sorte Franzosen, die sich dann gerne und häufig auch noch mit Einheimischen vermischt hatten, niemand haben in Frankreich. Abschaum mögen wir nicht im Land. Fast so schlimm wie die Beur.

Andererseits müsse ich dabei oft daran denken – ob die Deutschen wüßten, wen sie alle umgebracht haben und wieviele, daß sie, beispielsweise, Franzosen in deutscher Uniform an die Front geschickt hätten? Die dann zuhause als Vaterlandsverräter ebenso geschaßt wurden wie die Pieds-noirs. Aber das wüßten eben wahrscheinlich auch viele Franzosen nicht. Oder wollten es nicht mehr wissen. — Nun denn. Und es sei außerdem ähnlich wie mit diesem Türken in meiner ehemaligen Nachbarschaft. Einer, der von ganz unten und mit harter Chauffeursarbeit in einem großen Mercedes zu einem leidlichen Mittelstandsverdienst gekommen war, mit dem er die fetten Ratenzahlungen für seine noble Voiture leisten konnte. Sehr gepflegt. Wie seine Karosse. Wie aus dem Ei gepellt. Wie aus dem Ei gepellt angepaßt. Wie der Italiener, der schweizerischer Staatsbürger wurde und dann, als aufstrebender Jungpolitiker, keine Italiener und sonstiges Gesockse mehr hineinlassen wollte in die Schweiz. Das schweizerische Boot sei voll. Ich glaube, meinte ich seinerzeit noch gegenüber Fadila, der oder mein Nachbarschaftstürke, die würden sich am liebsten die Haut bleichen — wie diese Frauen in Afrika.

In Afrika?! rief meine Gesprächspartnerin aus. Alle Städte der Grande Nation seien voll mit diesen Läden, in denen man sich die Mittelchen kaufen könne, um wenigstens die Haut zu erhellen, wenn schon nicht den Geist. Zum Zerstören der Haut! Und den Restgeist vermutlich ebenso. Auch würden es immer mehr! Nach ihrem kurzen Ausbruch meinte sie dann jedoch, wir sollten vielleicht doch besser zurückkehren zu den Sephardim, über die wir zuvor gesprochen hatten. Das sei etwas, das sie noch nicht kenne.


Die Photographie stammt von Casside unter CC.
 
Mo, 01.06.2009 |  link | (8984) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Linksrheinisches



 







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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6504 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00



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