Lehrling und Meister

Nikolaus Lenau meinte:

«Eckermann und Goethe — Blaserohr und Flöte.»

Und wie schrieb Heinrich Heine so schön:

«Zu Weimar, dem Musenwitwensitz,
Da hört ich viel Klagen erheben,
Man weinte und jammerte: Goethe sei tot
Und Eckermann sei noch am Leben!»


Und darüber einen Hauch Anton Kippenberg:

«Auf Winsen sich die Ruhe legt;
Kein Windeshauch die Luhe regt.
Da hebt Gemuh', Gemecker an:
Die Herde heim treibt Eckermann.»

 
Do, 27.08.2009 |  link | (2351) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

Kennst Du,

Didier, diese kleine Erzählung von Antonio Tabucchi, diesen kleinen Brief von Calypso an Ulysse? Darin trauert sie weniger der Vergangenheit wegen, in der sie ihren Gefährten durch dessen Flucht verlor. Viel stärker ist die Trauer über ihre Unwissenheit. Sie würde gerne wissen das Wesen der Zeit. Sie beneidet Ulysse und die anderen Sterblichen. Und sie möchte wieder mit ihm sein, aber nicht wie einst in der ewigen Jugend. Sie schreibt ihm, sie träume von sich als einer anderen, die alt ist, weiße Haare hat, kraftlos und gefällig.

Die Frau von Porto Pim

Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählung

 
Mi, 26.08.2009 |  link | (2332) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Zwei Tage



 

Bootsverleih

Ein älterer Tourist aus den USA auf Heimatbesuch am See Genezareth in der Sprache, die sein Gegenüber dem Aussehen nach vermutlich verstehen würde (hier zum besseren Verständnis übertragen):

Was kostet denn a Boot in der Stund?

Da Se bestimmt keine fünfzig Schekel haben, geb ich's Ihnen für nur fünfzig Dollar.

Was? Fünfzig Dollar!? Sein Se meschugge?

Na, mein Herr, das ist immerhin der See, über den dieser Jesus zu Fuß gegangen sein soll! Steht so jedenfalls in dem Buch.*

Isses a Wunder?! Bei den Beförderungstarifen.

* Gegenteilige Behauptungen
 
Mi, 26.08.2009 |  link | (2156) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten



 

Walzriges zum Wiegenfeste

Von «Grußsendung» las ich heute früh an Brightons Pier. Mit einem Mal war ich wieder mittendrin in den Sarkasmen, ohne die es zu meiner Zeit beim Hörfunk nicht ging; ich nehme an, es hat sich daran nichts geändert. Hier war die Rede von NDR 1. Jede öffentlich-rechtliche Anstalt hat solche Wunschsendungen. Beim Bayerischen Rundfunk wurde sie ebenfalls im 1. Programm ausgestrahlt, wahrscheinlich ist das bei allen Sendern so, wo Moderatoren wie der immer sanfte, ungemein sympathische Gustl Weishappel, an den ich mich auch seines listigen, geradezu wienerischen oder auch bisweilen augenzwinkernd bairisch «hinterfotzigen»* Witzes wegen gerne erinnere, früh morgens um sechs auf «sein Fensterbankl» schaute, um den Hörern zu sagen, ob sie einen Schal umlegen oder die Badelatschen einpacken sollten, das nahezu uneingeschränkte Sagen hatten, weil sie möglichst wenig sagten. Wir nannten diese damals bereits seit Jahrhunderten bestehende und deshalb niemals aus dem Programm zu nehmende wöchentliche Pflichtübung «Erbschleichersendung». Meist waren es Kinder, die von deren Eltern vorgeschoben worden waren, um der Uroma allerherzlichst zum 91. Wiegenfeste zu gratulieren. Dazu sang dann Peter Alexander der alten Dame Lieblingsmelodei. Alexandras Gesänge vom Freund Baum kamen da eher seltener vor, das war unverständliches intellektuelles Geraune. Einen Baum umarmte Urgroßmutter nicht, sie nahm dessen Äpfel, und nach dem (ersten und zweiten) Krieg wurde der auch schonmal umgelegt, auf daß es warm wurde in der Stube. Wiener Blut oder Salzburger Nockerln brachten den Schaukelstuhl der alten Dame da schon eher ins leichte Wippen. Überhaupt: Operette! Was heutzutage junge Frauen über die Elbe schwimmen oder gar den großen Teich rudern läßt, um schmachtend dem König der Löwen und höfischem Gefolge zu lauschen, war früher Die lustige Witwe. Dabei ging das Herz auf:

Vilja, oh Vilja, du Waldmägdelein,
Faß mich und laß mich dein Herzliebster sein!
Vilja, oh Vilja, was tust du mir an!
Bang fleht ein liebkranker Mann.


Ich kenne mich da aus, hatte ich doch einen engen Verwandten, der es einmal fertiggebracht hatte, auf einer Autofahrt von Berlin nach Reit im Winkl das gesamte Repertoire dieses Sangesreiches abzusingen. Gewiß, er hatte eine passabe Stimme, aber diese Musik war nicht die meine, ich lauschte lieber Tönen von auch noch sehr fremdartig musizierenden Negern, wie das damals hieß. An der unterschiedlichen Sozialisation lag es nicht. Ich kenne nicht eben wenige Menschen, die, wenn auch klammheimlich, in einem Frack und unter einem Zylinder versteckt, einschlägige Etablissements aufsuchen.

Nun gut, es gibt dafür ja immer wieder ausreichende Argumentationen, zum Beispiel diese, die Geschichte sowie deren Mythen einmal aus anderer Perspektive zu betrachten beziehungsweise zu hören. Und verstecken ist vielleicht auch nicht mehr so der korrekte Begriff für eine solche Handlung. Die Zeiten sind schließlich vorbei, als man sich als Intellektueller durch den Bühnenengang hineinschleichen mußte ins große Haus am Grünen Hügel; glücklicherweise hatte man einschlägige gute Kontakte. Heute geht da sogar eine promovierte Physikerin hinein, einstmals Sekretärin für Agitation und Propaganda bei der FDJ. Sicher doch, das war schließlich damals schon Kulturarbeit.

Aber weg von diesem agitatorischen Exkurs. Was dieser mir damals sehr nahestehende enge Verwandte und auch die ebenfalls glückselige Hörerin der Erbschleichersendung, allerdings auch ich zu dieser Zeit nicht wußten: die Operette an sich enthielt, bevor sie endgültig ins rein Seichte verfiel (oder verfallen wurde), sogar gesellschaftskritische, politische Ansätze, versteckte Anspielungen jedenfalls. Die große Zeit der Operette war ja in etwa zeitgleich mit den Monarchien, deren Herrscher an den prämusicalischen Zentren von Berlin über Paris bis Wien es nicht so gerne hatten, wenn sie verulkt oder gar kritisiert wurden. Zwar gab's im 19. und auch in den Anfängen des 20. Jahrhunderts keine so ausgeprägte kirchliche Inquisition mehr, aber immerhin noch Kaiser und Könige. So muß ich dabei beispielsweise an die herrschaftskritischen Elemente in den Stilleben der spanischen Malerei des 17. Jahrhunderts denken. Dargestellt wurde (und wird bis heute) — wie in der Operette — gerne ein lustiges Kabinett, aber die gemalten Gegenstände verweisen durchweg in symbolischem sowie theologischem Sinn auf den Menschen, deuten die Welt. Und wenn beispielsweise ein Bücherstilleben gemalt wurde, so war da häufig genug die Auflösung des Rechts im spanischen 17. Jahrhundert die eigentliche Leinwand (siehe Lustiges Cabinett).

Das aber hätte nichtmal Gustl Weishappel in seiner Anmoderation zur Galathée von Franz von Suppé zu erzählen gewagt, daß dieser Pygmalion möglicherweise deshalb einen schweren psychischen Defekt hatte, weil schon zu früheren Zeiten Frauen die Macht anstrebten und sich dabei aller erdenklichen Mittel bedienten ...

*die Wikipedia-Autoren waren offensichtlich noch nie in Oberbayern, weshalb es wohl ausblieb, dem von mir durchaus geschätzten Kluge eine kleine Aktualisierung nachzutragen.
 
Mo, 24.08.2009 |  link | (2846) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica



 







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