|
Nachtfahrt Ungleiche Brüder erster, zweiter, dritter, vierter, fünfter, sechster, siebter Teil und Schluß. Er schalt sich selbst einen selbstbetrügerischen Moralapostel. Zumal er sich nicht sicher war, ob er letztlich nicht doch mehr einer nicht genutzten Chance nachtrauerte. Denn was hatte sie schon Verwerfliches getan? Im Gegenteil, seinetwegen hatte sie nicht nur die Heldinnentat vollbracht, seinen Bruder zu heiraten, sondern darüber hinaus auch noch das geleistet, was er von anderen gerne einforderte, aber selbst eher selten in die Praxis umzusetzen in der Lage war, vielleicht auch, da es ihm nie jemand wirklich abverlangte: Durchhaltevermögen, gepaart mit viel Phantasie. Und ehrlich war sie obendrein gewesen. Zumindest hatte er den Eindruck, daß es sich so abgespielt, daß sie in integrer Absicht gehandelt haben könnte, denn wer mochte sich sonst eine solche Geschichte ausdenken? War es am Ende das, von dem er sich seit langem wünschte, es würde ihm geschehen, was gemeinhin als Liebe bezeichnet wurde? So fühlte sich irgendwie in ihrer Schuld. Da er ohnehin nicht einschlafen konnte, sann er darüber nach, sie vielleicht anzurufen und sich zu entschuldigen, als das Telephon klingelte. Vermutlich würde sie das sein, er würde die Gelegenheit nutzen, sie um Vergebung zu bitten, ihr als Entschädigung eine Einladung in seine Wohnung anbieten, wo sie gerne für sie beide kochen dürfe, und auch für den richtigen Champagner würde gesorgt. Der Rezeptionist kündigte ihm jedoch einen Mann an, der unten bei ihm stünde und sich nicht abweisen ließe, der behaupte, sein Bruder zu sein und dringende familiäre Mitteilungen zu haben. Nachdem der Bruder die Tür des Apartements geschlossen hatte, war sein ausholender Schlag gekommen, der ihn vermutlich zur Straße befördert hätte, hätte der Heizkörper den Schwung nicht gestoppt. Es hatte sehr wehgetan, beim Hinfassen an den Hinterkopf meinte er, Blut gefühlt zu haben, auch seine Kinnpartie war schmerzerfüllt. Dennoch hatte er den Eindruck, ohne Brüche davongekommen zu sein. Zumindest in sitzender Position war ihm daraufhin eine aufrechte Haltung gelungen. Sein Bruder stand regungslos an der Stelle, an der er zugeschlagen hatte. Ruhig hatte er zu sprechen begonnen. Seine Frau habe ihn über die Taxizentrale um Anruf gebeten und ihm genauestens geschildert, was vorgefallen war. Nachdem sie sich seiner fortwährenden und immer heftiger werdenden Zudringlichkeiten erwehrt habe, sei er wutentbrannt aus dem Haus in die offenstehende Garage gestürmt und habe mit dem Austernmesser alle acht dort gelagerten Reifen zerstochen, vier für den Winter sowie vier weitere, die er in Kürze aufziehen lassen wollte. Nicht dafür, daß er sich an seine, übrigens alleine ihm gehörende, das nur nebenbei, schließlich habe er viel Geld für sie bezahlt, Frau herangemacht habe, nicht deshalb habe er ihm eine Quittung erteilt. Über solche Schicksalsschläge käme er hinweg, daran sei er gewohnt. Was er allerdings seinen Reifen angetan habe, das sei entschieden zu weit gegangen. Ein sehr alter Film der Erinnerung schien mit einem Mal anzulaufen, einer aus den siebziger Jahren, der diese Abstrusitäten zeigte, von denen man meinte, solche Abläufe hätte das Leben nicht wirklich zu bieten. Es war seinerzeit verwunderlich genug gewesen, daß er vom Bruder gar aufgefordert worden war, dessen Heiligtum zu chauffieren. Das geschah höchst selten, meist nur dann, wenn die Müdigkeit ihren Tribut forderte. In dieser Nacht konnte das jedoch nicht der Fall gewesen sein, da er nach einer Spätschicht den ganzen Tag geschlafen hatte. Nach einer Weile hatte der wie ein rigider Fahrlehrer beifahrende Bruder ihn auf einen zwar noch fernen, aber letztlich doch rasch näherkommenden, auf der Fahrbahn liegenden Gegenstand aufmerksam gemacht. Trotz der zunehmend heftiger, geradezu hektisch werdenden Warnungen hatte er sich magisch angezogen gefühlt und war in geradezu traumwandlerischer Zielsicherheit darübergefahren, obwohl ausreichend Platz zum Ausweichen gewesen wäre, da sie weit und breit die einzigen Nachtfahrer zu sein schienen. Vermutlich ein Stein war es, der von einem ungesichert schuttbeladenen Lastkraftwagen gefallen sein konnte, einer von hunderten oder gar tausenden vielleicht und über eine Strecke von vielen Kilometern möglicherweise. Aber er hatte ihn getroffen. Der Reifen war völlig zerstört gewesen. Ein etwa faustgroßer Streifen war aus dem Pneu herausgerissen worden. Den Wagen auf dem Seitenstreifen der Autoroute anzuhalten, stellte keinerlei Problem dar, auch nicht, den Reifen zu wechseln, wobei der Bruder sich trotz mehrfachem Angebot nicht helfen lassen wollte. Behutsam hatte der den kaputten Reifen anschließend in eine Decke gewickelt und in den Kofferraum gebettet, als ob ein oder gar sein Kind getötet worden wäre, am Ende gar jenes, das ihm nicht vergönnt war, während des Bruders Frauen im Gegensatz zu ihm mit Freude gebärten. Die Rückfahrt in die Wohnung, die sich seinerzeit direkt neben einem recht düsteren Ort befand, war quasi von drückendem Schweigen erfüllt. Seine Tasche solle er packen und gehen, hatte er ihm damals mit von Trauerschmerz geprägter Stimme bedeutet. Mit einem Mal war ihm klar geworden, wann sie beide sich das letzte Mal gesehen hatten. Es war, bevor er alle Familienbande gekappt hatte. Das Ende.
Problemlösung Der Geschichte Ungleiche Brüder erster, zweiter, dritter, vierter, fünfter, hier sechster Teil. Sie stellte die Flasche vor ihn hin und meinte, von mädchenhaftem Kichern begleitet, das sei Männersache. Zunächst wollte er aufbegehren und auf diesen erzieherischen Unsinn eines in nicht allzu langer Zeit untergehenden und deshalb wohl langsam zur Besinnung kommenden Jahrhunderts verweisen, was bei ihr allerdings offensichtlich noch nicht angekommen wäre. Doch sofort wurde er sich der Absurdität seines emanzipatorischen Unterweisungsversuchs klar und unterließ ihn deshalb, zumal ihm ein südlich gelassenes Lächeln ins Gesicht gefahren und ihm gleichermaßen warm geworden war. So enthielt er sich des Kommentars, begann gar selber zu glucksen und öffnete das Gefäß mit dem Nektar. Sogleich hatte er den Duft in der Nase. Der war wahrlich einzigartig, und er fragte sich, weshalb er immer gezwungen war, alleine deshalb ins Mutterland fahren zu müssen, um an solchen Stoff zu kommen. Denn anderswo gab es solchen Geschmack nicht. Unter dem Siegel brut trank man weltweit Champagner meist bekannter, unter ein illustres Dach gebrachter Marken, die ihn für die Massenproduktion aus allen erdenklichen Lagen derart zusammenschütteten, daß er alle Jahre wieder immergleich roch und schmeckte, als ob es keine Witterungs- und sonstige Einflüsse gäbe. Keller gab es ohnehin nur noch für die teuersten Gewächse und den Tourismus. Oder aber eben bei den kleinen Produzenten, die sich den Unbilden des geschmacklosen Auslandmarktes nicht aussetzen wollten. Mit einem Mal merkte er, wie leicht klischeehafte «Heimatgefühle» mit ihm durchgingen. Vermutlich war der Ritt auf dem burgundischen Faß in Zielrichtung Champagne doch zu intensiv und anhaltend, am Ende gar leichtfertig. Waren sie sich während des Essens gegenübergesessen, hatte sie nun beinahe direkt an seiner Seite, an der Rundung des Tisches Platz genommen und hielt ihm mit glühender werdendem Gesicht ihre leere Flûte hin. Mit der Befüllung der beiden Gläser schienen sich bei ihm die Photographien abzumelden und mit ihnen alle Fragen nach dem tatsächlichen Zustandekommen seines Besuchs in der Heimatstadt und damit im hiesigen Haus. Bevor er ihr mitzuteilen vermochte, wie angenehm das Leben auch ohne dieses ständige Nach- oder gar häufig quälende Hinterfragen sein könnte, hob sie ihr Glas und wünschte ihm gurrend Gesundheit. Mit einem lächelnden Nicken erwiderte er ihren Wunsch und roch an seinem Glas. Dieser Duft, der sich mit dem ihres knisternd näherkommenden Haares vermischte sowie der avant-goût waren kaum zu überbieten. Möglicherweise doch, kam er wieder etwas durcheinander, schloß den Gedanken jedoch dahingehend kurzerhand ab, daß er ihm derartig auf jeden Fall noch nicht in die Synapsen gefahren sei. Sie rückte noch etwas näher an ihn hin und schaute ihm intensiv in die Augen. Wohlig sah er sich im funkelnden Dunkel der ihren gespiegelt und begann zunehmend, alle Zweifel abzustreifen und sich einem abzeichnenden Finale zu öffnen. Da ging ein leichter Ruck durch sie. Sie spüre, was ihn hauptsächlich beschäftige, also werde sie es ihm nun endlich erklären und damit hoffentlich das Problem gelöst haben. Nur um ihn gehe es, nicht um seine Mutter, nicht um seinen Bruder oder andere Verwandtschaft, alleine um ihn. Und damit auch um sie. Um sie beide. Sein Bruder habe sie nie wirklich interessiert. Doch da sie aus Thailand hinaus und auch unbedingt nach Europa wollte, habe sie sich die lothringische Herkunft ihres leider zu früh verstorbenen Vaters zunutze gemacht, was ihr letztendlich auch einiges erleichtert habe, zumindest dem Bruder gegenüber. An eine professionelle Agentur habe sie sich gewandt, die im besonderen Ehepartner in Europa vermittle, mit Schwerpunkt Frankreich. Recht bald habe sich der Kontakt entwickelt. Nach zwei Telephonaten seien Briefe ausgetauscht worden. Kurze Zeit später sei die Möglichkeit des Telefax' hinzugekommen, die jedoch nur dem Faktischen gedient habe, als ein Aufeinandertreffen feststand, für das der Bruder im übrigen um einiges mehr als zwanzigtausend Francs an die Agentur habe zahlen müssen. Einem der Briefe hatte er ein Bild von einem jungen Mann beigelegt, von dem sie sofort sicher war, daß nur er es sein konnte, den sie begehrte, auch wenn der mittlerweile um einiges älter geworden sein dürfte. Von ihm hatte der Bruder ihr vorgeschwärmt, von dessen warmem Wesen und Wissen, von dessen Weltgewandtheit und beruflichem Erfolg. Mittlerweile sei ihr klar, daß er sich seinerzeit mit fremden Federn schmücken wollte, zumal der junge Mann noch Student gewesen sein mußte zu dieser Zeit, also beruflich noch nicht gefestigt sein konnte. Doch vor gut drei Jahren, da sei das für sie unerheblich gewesen. Alleine diesen jungen Mann wollte sie haben, ihn zumindest zunächst einmal kennenlernen. Um das zu ermöglichen, um auf jeden Fall im Land bleiben zu dürfen und nicht darin als Sans papiers herumirren zu müssen, schließlich gälte ihr Papa als Deserteur nach wie vor als Vaterlandsverräter, auch wenn der Krieg bereits beendet war, als er in Thailand Urlaub nahm, deshalb habe sie quasi in Kauf nehmen müssen, den eigentlich wenig attraktiven und überdies recht eingefahrenen Mann zu heiraten. Ein paarmal sei sie ihren sogenannten ehelichen Pflichten nachgekommen, sie seien nicht von Bedeutung gewesen und auch, da sie sich zunehmend abgeneigt zeigte, bald nicht mehr gefordert worden. Was nicht heiße, daß damit alle Probleme gelöst seien, sehe der Bruder sich doch in einer Art Besitzrecht. Hin und wieder vergnüge sie sich mit Freunden, die ebenfalls aus den Ländern um das ehemalige Indochina stammten, unter ihnen übrigens der Lieferant des Champagners. Erst nach intensiver Befragung habe ihr der Bruder gestanden, diesen jungen Mann seit bald zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen zu haben, da es zu einem irreparablen Zerwürfnis gekommen sei. In winzigen Häppchen schließlich habe sie die Familienverhältnisse und damit erfahren, daß ein Aufeinandertreffen aus familiärem Anlaß kaum möglich sei. So habe sie nach anderen Möglichkeiten gesucht. Mit Hilfe ihrer Freunde, von denen einer bei der Verwaltung des Départements und ein weiterer bei der Police nationale tätig sei, sei sie an weiterführende Information über den Gesuchten gekommen. Nicht nur seinen Wohnort im Ausland samt privater Anschrift und Telephonnummer habe sie so in Erfahrung bringen können, auch, welcher beruflichen Tätigkeit er nachgehe und daß er seit einiger Zeit an der Universität von Toulouse lehre. Also sei sie dorthin gefahren und habe ihn sich angeschaut, ein Bild von ihm gemacht, ihm zugehört bei seinen Vorträgen und Gesprächen mit den Studenten. Das habe ihren Wunsch nach einem Zusammentreffen verstärkt. Direkt auf ihn zuzugehen habe sie sich nicht getraut, da der Bruder zunehmend ablehnend auf Fragen nach dieser Verbindung, zuletzt gar nur noch herablassend oder gar böse reagiert habe. Vor einigen Wochen nun sei sie gebeten worden, die im Pflegeheim befindliche und ihrer multiplen Sklerose wegen nahezu bewegungsunfähige, zudem in die Jahre gekommene Mutter zu besuchen, von der ihr Gatte im übrigen ebenfalls nicht sonderlich freundlich spräche, möglicherweise, da die mit Vorliebe in der Vorbildfunktion des jungen Mannes herumtaumelte, obschon oder auch weil sie den rund zwei Jahrzehnte nicht gesehen habe. Die sporadischen Besuche ihres anderen Sohnes fänden vermutlich in erster Linie deshalb statt, weil der sich dadurch eine Erbschaft mindestens in Höhe des größten verfügbaren Mercedes erhoffte. Doch bei dieser Gelegenheit sei ihr die Lösung ihres Problems gekommen. Einen der Freunde habe sie überreden können, besagtem jungen Mann den Tod der Mutter zu übermitteln. Die telephonische Benachrichtigung sollte stattfinden, wenn der seinen Lehrverpflichtungen nachkomme, also mit Sicherheit sich nicht in seiner Wohnung aufhielte. Die Dame des Sekretariats der Universität sei überaus freundlich und auskunftswillig gewesen, was die jeweiligen Aufenthaltsorte ihres mittlerweile gar fest berufenen Professors betraf. Und der säße nun hier bei ihr und tränke mit ihr Champagner und würde sich hoffentlich bald an sie und sich in sie hineinschmiegen. Er war aufgestanden, um im Hotel anzurufen. Selbstverständlich könne er auch um diese Uhrzeit noch ein Zimmer haben, als Inhaber der Carte fidélité sei schließlich jederzeit für ihn reserviert. Selbst auf die Gefahr hin, an seinen Bruder zu geraten, rief er nach einem Taxi. Kaum fünf Minuten später stand eines vor der Tür, dessen Chauffeur ihm durch das Fenster betrachtet unbekannt schien. Er verabschiedete sich knapp von der wie völlig entleert dasitzenden Schwägerin und fuhr in die Herberge, in deren Garage ohnehin sein Wagen auf ihn wartete, um ihn aus diesem Moorleichendunst der Blutsverwandtschaft herauszufahren. Das Ende naht.
Reifende Früchte Der Geschichte Ungleiche Brüder erster, zweiter, dritter , vierter, hier fünfter Teil. Gegen achtzehn Uhr schob der Bruder ein außerordentlich umfangreiches Stück Quiche à la lorraine in den kleinen Strahlenkasten. Dabei gackerte er fortwährend etwas von einer «Junggesellenmaschine». Als er die beiden verdutzt fragenden Gesichter sah, erklärte er seiner Gattin, mit dem Kopf auf seinen mittlerweile mit einem Pastis ausgestatteten nahen Verwandten weisend, von dem da, dem Kleinen, habe er das. Das sei früher dessen Bezeichnung für den so verachteten Mikrowellenherd gewesen, den der ja nicht benötige, da er selber und richtig koche oder sich bekochen lasse. Er erinnerte sich. Tatsächlich befand sich in seinem Haushalt längst ebenfalls ein solcher, den er sogar selbst gekauft hatte, wenn auch mehr aus Mitgefühl mit den Werkern, denen zusehends mehr abverlangt wurde, nachdem der Gründer der Fabrik in der Normandie dieselbe seinen Mitarbeitern «überlassen» hatte. Doch da er unmittelbar danach keine weiteren Gedanken mehr an dieses Ereignis verlor und ihn auch nie benutzte, was auch kaum möglich gewesen wäre, war er doch nahezu unerreichbar weit oben aufgestellt worden und ihm somit der möglicherweise tatsächlich von ihm geprägte Begriff abhanden gekommen. Des Bruders Gedächtnis indessen schien von der Zeit ihrer beider letzten Begegnungen zu zehren, die weit davor lag. Ob er seine Hure de cochon nicht möge, fragte sie ihn, sie habe den Schweinskopf eigens für ihn gekauft. Sie könne ihn ja zubereiten, er äße ihn morgen, er habe schließlich eine Junggesellenmaschine, aber nun müsse er sich hinlegen, er habe eine anstrengende Nachtschicht vor sich. Er schlang das enorme Stück Speckkuchen hinunter und verließ die Küche, ohne den Gesprächspartnern auch nur einmal in die Augen geschaut zu haben. Nach dem Ausschlafen werde er abreisen, teilte er ihr lakonisch mit, er wisse nicht, was er hier ansonsten zu tun habe. Zunächst einmal gut essen, entgegnete sie, in etwa einer Stunde sei alles bereit. Und ob sie nicht, schob sie fast ein wenig herausfordernd lächelnd nach, auch eine kleine Begründung für seine Anwesenheit sein könne. Die Vorstellung habe durchaus etwas Appetitliches, dachte er, aber sagte es nicht. Er vermied eine klare Antwort, indem er lediglich nickte. Lieber nahm er von dem weißen Burgunder, den sie für ihn geöffnet hatte mit der Bemerkung, der Bruder tränke so etwas leider nicht, lieber mal ein Bier oder auch zwei, die nähme er dann allerdings inmitten der Kollegen. Für später habe sie ihnen beiden noch eine schöne Flasche Champagner kühlgestellt, ein Freund sei in einer kleinen Kellerei tätig, die diesen ambrosischen Trank ausschließlich für Franzosen produziere und der bereits nach Aphrodites Meeresschaum rieche. Auf das Essen freute er sich, durchaus auch auf das Danach, die Unterhaltung mit ihr, die zusehends aus dem Bild eines eurasischen Dummchens heraustrat, das er von ihr gezeichnet hatte. Andererseits begannen ihm ihre Koketterien zunehmend auf die Nerven zu gehen. Er mochte es nicht, wenn Frauen sich als Damen gerierten und damit alle Natürlichkeit an der Garderobe abgaben, weil sie glaubten, Männern damit gefallen zu können oder zu müssen. Selbst wenn er ihren Kulturkreis berücksichtigte, der ohnehin von einem früheren Jahrhundert sowie der Kolonialisation beeinflußt schien. Er kannte diese Attitude, die häufig besonders von Menschen gepflegt wurde, die in den Niederadel eines passablen Einkommens erhöht worden waren, aus anderen französischen Kolonien, selbst dann, wenn es ehemalige sein sollten, wo der Mann noch als jemand gesehen wurde, zu dem mehr oder minder raffiniert aufgeschaut werden mußte. Auf ihn wirkte das als alberne Geziertheit, und die war ihm ein Greuel. Diese Haltung wurde ihm des öfteren zum Vorwurf gemacht, die einmal in der spöttelnden Bemerkung der in Österreich sozusagen gerne in der Diaspora lebenden Freundin gipfelte, er sei gar kein richtiger Franzose oder einer, dem die vielen Auslandsaufenthalte die Wurzeln gekappt hätten. Seine «schöne Arlesierin», wie er sie hin und wieder nannte, hatte es eines Künstlers wegen nach Graz, den Artisten dann ins tiefe Klagenfurt verschlagen, was ihren gewohnten Vorstellungen von Süden zuwiderlief. Worauf sie jedoch nicht etwa in die von ihr bei jeder Gelegenheit gepriesene heimatliche Region am Rand der Camarque zurückkehrte oder zumindest, wie so viele Menschen vom Land, in die weltweit gloriolisierte Metropole der Grande Nation eintauchte. Sie blieb. Aber nicht etwa aus verletztem Stolz, den man ihr zuhause nicht ansehen sollte. Da genoß sie lieber ihren Status als eine Einäugige unter diesen Blinden, die Frankreich aus dem Fernsehprogramm, allenfalls von einem verlängerten Wochenende um Montmarte, Montparnasse und Quartier Latin kannten. Kaum ein gesellschaftliches Ereignis gab es, zu dem sie als «Pariserin», die ihre Hauptstadt auch nur von einigen Wochenenden her kannte, nicht eingeladen worden wäre. Möglicherweise hatte es jedoch auch mit ihren hervorragenden Deutschkenntnisen zu tun, an die sie als Studentin der Germanistik an der Universität zu Montpellier sowie in Bett und Küche des Hochschullehrers gelangt war, des gemeinsamen Freundes aus Köln. Zurückblickend meinte er auch, dieses offenbar von Frauen geforderte Verhalten an seiner Mutter oft genug erlebt zu haben, häufig dann, wenn ihr ein Gläschen mehr verabreicht worden war, und durchweg während ihrer vielen gemeinsamen überseeischen Aufenthalte, obwohl sie verantwortlich im Beruf stand, nicht zuletzt deshalb materiell bestens versorgt war und diese Selbsterniedrigungen nicht notwendig gewesen wären. Der fremderzogene und wohl deshalb leicht andersgeartete Bruder konnte aus diesem Grund über solche Erfahrungen nicht verfügen. Um die Situation zu entzerren, kam er wieder auf die Photographien zurück. Mit leichtem Entsetzen, von dem er nicht wußte, ob es echt oder gespielt war, wehrte sie ab. Später, entgegnete sie mit abgesenkter Stimme, wenn er aus dem Haus sei. So überließ er sich zunächst seinem Schicksal, das außergewöhnlich schmeckte. Seit er zweimal bei dem Freund in Paris zu Gast war, hatte er nicht mehr so gut thailändisch gegessen. Leider war der unlängst nach Brasilien versetzt worden, so daß er seither keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, in den Hochgenuß dieser Küche zu kommen, diesem idealen Konglomerat unterschiedlicher asiatischer und europäischer Regionen. Dieser Freund war es auch, der ihm den Rat erteilte, solche Restaurants grundsätzlich nur in Begleitung jener seiner Landsleute aufzusuchen, die selbst für eine eigene ausgezeichnete Küche bekannt waren. Seine Schwägerin könnte eine solche Begleiterin sein. Doch diesen Gedanken verwarf er rasch wieder, war ihm doch nicht an einer Restauration familiarer Antiquitäten gelegen. Andererseits schufen die unterschiedlichen Genüsse samt dem Wein aus der Nähe von Beaune eine sinnliche Atmosphäre, in der ihm zusehends wohler wurde. Kreuz und quer hatte sie sich durch das Angebot der Märkte gekauft, auch bretonische Austern hatte sie aufgetischt und tatsächlich thailändische Garnelen ergattert. Erst jetzt verstand er es richtig, das entrückte Gesicht des Bruders angesichts der Fülle, wenn der wohl auch eher an die Kosten gedacht haben dürfte. Vier hochwertige Qualitätsreifen samt Felgen, Auswuchtung, Montage und einem Servicevertrag für zwei Jahre dürften sicher einen Gegenwert darstellen. Oder vielleicht zwei Monate täglich Quiche Lorraine. Bis etwa elf Uhr am Abend aßen sie und tranken in einem fort. Dann war ihm nach dem angekündigten Champagner als Krönung des abendlichen Mahls. Sie schüttelte den Kopf, schenkte ihm noch einmal nach vom Grand Cru aus der Bourgogne und meinte, erst sollte ihr Gatte aus dem Haus sein. Dieser besondere Champagner und damit die Verbindung zu dessen Lieferanten löse unter Umständen heftige Reaktionen bei ihm aus, das wolle sie vermeiden. Kurz danach schlurfte sein Bruder in die Küche, sah die immer noch üppigen Reste der Tafelei, warf leicht unwillig den Kopf hin und her, murmelte Unverständliches, das nicht freundlich klang, und verabschiedete sich. Durch das geöffnete Fenster hörten sie, wie der gute Stern angelassen wurde und sich entfernte. Sobald das Geräusch des abfahrenden Diesels, von dem ein Freund einmal meinte, ein solches Auto klänge immer, als ob dessen Motor defekt sei, nicht mehr zu hören war, stand sie auf, ging in den Keller und kam mit einer dort gekühlten Flasche zurück, deren Etikette ihm bekannt vorkam. Und richtig, es war dieser Schaumwein, den seine Gastgeberin Meeresschaum genannt hatte und der ihm vor einiger Zeit von einer Ecuyère de cuisine in Verneuil einmal kredenzt worden war, ein Jahrgangschampagner, wie es ihn ausschließlich im Land gab und von dessen Fruchtbarkeit er wußte. Eine Fortsetzung fehlt sicherlich noch. Vielleicht auch zwei.
|
Jean Stubenzweig motzt hier seit 6562 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
Zum Kommentieren bitte anmelden.
AnderenortsSuche: Letzte Kommentare: / Echt jetzt, geht noch? (einemaria) / Migräne (julians) / Oder etwa nicht? (jagothello) / Und last but not least ...... (einemaria) / und eigentlich, (einemaria) / Der gute Hades (einemaria) / Aus der Alten Welt (jean stubenzweig) / Bordeaux (jean stubenzweig) / Nicht mal die Hölle ist... (einemaria) / Ach, (if bergher) / Ahoi! (jean stubenzweig) / Yihaa, Ahoi, Sehr Erfreut. (einemaria) / Sechs mal sechs (jean stubenzweig) / Küstennebel (if bergher) / Stümperhafter Kolonialismus (if bergher) / Mir fehlen die Worte (jean stubenzweig) / Wer wird schon wissen, (jean stubenzweig) / Die Reste von Griechenland (if bergher) / Richtig, keine Vorhänge, (jean stubenzweig) / Die kleine Schwester (prieditis) / Inselsommer (jean stubenzweig) / An einem derart vom Nichts (jean stubenzweig) / Schosseh und Portmoneh (if bergher) / Mit Joseph Roth (jean stubenzweig) / Vielleicht (jagothello) «Ist Kultur gescheitert?» ? «Bitte gehen Sie weiter.» Suche: Andere Worte Anderswo Beobachtung Cinèmatographisches + und TV Fundsachen und Liebhaberstücke Kunst kommt von Kunst La Musica Regales Leben Das Ende © (wenn nichts anders gekennzeichnet): Jean Stubenzweig |
|
|