Sommerlustbücher

Ich habe vorhin Madame Flüchtig vom Letzten Ausgang einen oder auch zwei Buchtips gegeben. Sie sind in meiner alten Internet-Wohnung gelagert. Aber weshalb, denke ich so für mich hin, sollen die nicht auch hier stehen? Es ist ja Tag des offenen Buches. Und es könnte ja auch sein, daß dem einen oder anderen auch nach anderem als Arno Schmidt der Sinn steht. So denn, hier, die Übernahme aus dem Literatursommer auf der Tucholsky-Bank:

Heute mag unsereins in der südwestsonnigen Nord-Résidence oder besser auf der Holzbank unterm schattigen Pflaumenbaum sitzend mal wieder etwas lesen — wiederlesen! Vielleicht einen köstlichen fruchtig-frischen Bollenberg aus dem Mutterland oder lieber einen von Madame Lucette eigenhändig für uns herangekarrten 51er Pastis dazu trinken? Also Knopf ins Ohr und ein Buch lesen, das nicht zur Pflichtlektüre gehört, möglicherweise eine Liebesgeschichte mit hohem Schmunzelanteil, etwa bei Celati, Tabucchi, Svevo, Tucholsky, oder Gedenkschmökern für Malerba? Oder ist es gar schon Zeit für solche Romane wie Inselsommer (eigentlich Zwei Sommer — denn: Deux étés —, also viel schönerer Originaltitel; ach ja, das alte Leid-Lied mit den Titelübersetzungen!) von Erik Orsenna, dessen übersetzendem Alter ego (?) Besuch von einem Verlagsvertreter aus Paris angedroht worden war:
«Über dieses kleine blaue Stück Papier wurde zuerst gelächelt. Die Einheimischen waren stolz auf die Entlegenheit ihrer Insel und machten sich über die falschen lustig, die, wie Noirmoutier, bei Ebbe durch eine Straße mit dem Festland verbunden waren, oder, noch schlimmer, durch die unendliche Vulgarität einer Brücke, selbst einer künftigen (arme Insel Re). Wäre es nach ihnen gegangen, hätten sie die Widrigkeiten der Anreise noch gesteigert und die Verkehrsverbindungen noch komplizierter gemacht. Aber sie hatten schon Freude daran, sich den Pariser Emissär nach sechsstündiger Zugfahrt auf der Hauptstrecke vorzustellen, wie er sich einundsiebzig Minuten auf einem zugigen Bahnsteig in G. die Füße vertrat (der Wartesaal war seit ewigen Zeiten wegen Bauarbeiten geschlossen).

Dann würden die Unbilden erst anfangen. Er würde in ein Faß einsteigen, das zehn Jahre lang in einer Biertonne eingeweicht worden war (so stank ohne Übertreibung der Triebwagen), und würde sich darin eine gute Stunde durchschütteln lassen wie Milch, die gebuttert wird. War diese Tortur überstanden, würde er in einem Café in P. erneut warten müssen. Diesmal auf das Eintreffen des rot-schwarzen Busses, der, nachdem er mit dem lebenden Geflügel, der Armee von Geranien (der Lieblingsblume für die Gräber), zwei Klobrillen, fünf Kartons Dosenkonfitüre (Apfel-Johannisbeere), einem Rasenmäher, einem Sea-Gull-3-PS-Motor und einer (auf dem Dach verstauten) Tischtennisplatte beladen worden war, elfmal halten würde: an der Internationalen Hotelfachschule, an der Straße nach Loguivy, an der Autowerkstatt Gicquel, im Zentrum von Ploubazlanec ..., um schließlich an der leeren Anlegestelle anzukommen: die Fähre würde wie gewöhnlich nicht gewartet haben. Der unglückliche Reisende würde sie in der Ferne tapfer das Meer durchpflügen sehen, ihm ihren weißen Hintern zeigend, über dem die Tricolore flatterte.»

 
Do, 17.07.2008 |  link | (3226) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kopfkino


fluechtig   (19.07.08, 19:27)   (link)  
Keine Liebesgeschichten, bitte. Weder tragisch noch zum schmunzeln.

Etwas leises wäre schön.

Ich danken Ihnen!!!















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 3468 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 30.10.2015, 03:53



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