Tastetuden

Die Freundschaft und der Zwist bis hin zum Bruch zwischen den beiden ist Legende: Nietzsche und Wagner. Der eine landete in der geistigen Umnachtung, der andere bekam mit einer musikalischen ein Denkmal gesetzt. «... ja», schrieb der später Umnachtete über den Umwaller, «er ist der Meister des ganz Kleinen. Aber er will es nicht sein! Sein Charakter liebt vielmehr die großen Wände und die verwegene Wandmalerei! [...] Dazu thut noth, tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehn zu bleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben!»*

Während beim Wagner-Viewing zur Zeit draußen die Massen schwitzen und drinnen die geistige Elite (Gottschalk, Köhler, Merkel) über die sittlichen Nährwerte grübelt, weise ich in nächtlicher Kühle darauf hin, daß Erstgenannter, bevor er uns philosophisch den Mores ausgetrieben, erst einmal ein paar zarte, maienlinde musikalische Sträußlein geflochten hatte.

Sprechen lernte er nur mühsam und mit erheblicher Verzögerung. Doch wenn Papa Nietzsche sich ans Klavier setzte, war der kleine Fritz ganz Ohr. Das hatte Folgen: Der Philosoph als Kind begann, die klassischen und romantischen, gerne auch kirchenmusikalischen Komponisten am Flügel recht eigenwillig zu interpretieren und selber auch für Blatt und Instrument zu dichten. Er pries hienieden via Oratorium oder Choral ihn da oben, hinzu kamen seine gefühlsöffnenden Klavierkompositionen, denn es waren die Romantiker, bei denen er Anleihen nahm für die Vertonung seiner Gedichte.

Sie gereichten heute jedem anfänglichen Zauber als klingender Unterfütterung des vor allem in Bekanntschaftsanzeigen gerne zitierten Gläschens Rotwein bei Kerzenlicht zur Eh(r)e — wie meist, wenn es um eine der meistangewandten, gerne auch bewußt gesetzten Mißinterpretationen in der Kulturgeschichte geht: um die der Romantik. Darum wissend, gepaart wohl mit der eigenen Widerborstigkeit, hat Nietzsche schon mal gezielt leicht zwischen die Tasten des gern gehörten reinen Wohlklangs hauend, sprich dissonant komponiert.

1880 hat der deutsche Meisterdenker es zu Rolandseck bei Bonn musikalisch strömen lassen. Und deshalb ging der Argentinier Jorge Zulueta (fast ein Jahrhundert später) als Pianist an diesen historischen Ort, um des Philosophen musikalische Aphorismen einzuspielen. Am Frankfurter Theater am Turm bediente Zulueta dann begleitend den Steinway. Er gab so Angela Dellert und Judy Roberts stimmlichen Halt für Nietzsches Lieder. Eindrucksvoll unterstreichen die beiden Platten das Bekenntnis des Dichter-Philosophen:
«Ohne Musik wäre mir das Leben ein Irrtum.

Gott hat uns die Musik gegeben, damit wir [...] durch sie nach oben geleitet werden. Die Musik vereint alle Eigenschaften in sich, sie kann erheben, sie kann tändeln, sie kann uns aufheitern, ja sie vermag mit ihren sanften, wehmütigen Tönen das roheste Gemüt zu brechen. Aber ihre Hauptbestimmung ist, daß sie unsre Gedanken auf Höheres leitet, daß sie uns erhebt, sogar erschüttert. [...] Auch gewährt die Musik eine angenehme Unterhaltung und bewahrt jeden, der sich dafür interessiert, vor Langeweile. Man muß alle Menschen, die sie verachten, als geistlose, den Tieren ähnliche Geschöpfe betrachten. Immer sei diese herrlichste Gabe Gottes meine Begleiterin auf meinem Lebenswege, und ich kann mich glücklich preisen, sie liebgewonnen zu haben. Ewig Dank sei Gott von uns gesungen, der diesen schönen Genuß uns darbietet!»
Weshalb unsereins auf diese ollen Kamellen kommt? Anlaß ist der an sich ja großartige Akt des Beschenktwerdens. Doch da tun die Jungen dem Alten mal mit Hirn was Gutes, und nun schaut der Beschenkte dem Gaul auch noch ins Maul. Ohne Heimat heißt die CD mit dem Tenor Tjark Baumann, Holger Kuhmann an Klavier und Orgel und dem Rezitator Mathis Schrader, in der vergleichsweise bescheiden aufgeführt wird, was der famose Zulueta (unvergessen seine Collage La femme 100 têtes nach Max Ernst) so grandios interpretiert hat.

Ohne Heimat kann man getrost dem Liebsten als Flüsterei aus dem KlassikRadio-Unterground vorspielen, vielleicht, um irgendetwas Fieses damit zu erreichen (neuere Untersuchungen ergaben, daß bei leichter klassischer Musik — was auch immer damit gemeint sein mag — der Kaufwille zu ungeahnten Höhen sich emporklimmt), oder aber der Angebeteten damit — laß' rote Rosen regnen — vermitteln, daß der letzte Sprung zur Seite nunmal aber wirklich nur der auf einen zukommenden Gefahr galt. Aber zum genauen Hinhören scheint diese Produktion ohnehin nicht unbedingt erdacht worden zu sein.

Es mag (auch) daran liegen, daß unsereins weiblich-stimmliche Oberweiten gegenüber männlichen bevorzugt, die zunehmend tümelnde Interpretation der Romantik (gerade erst wieder im Volkssender WDR, von leuchtenden Moderatorinnenaugen glücklich unwidersprochen) eher ablehnt, da es in ihr nunmal messerscharf Denkende gegeben hat, die überdies sehr wohl virtuos die (Selbst-)Ironie betrieben. Und eines hat der (musikalische) Oberbanause auch festgestellt: Da mögen die alten Vinylischen auf dem Teller noch so kratzen und eiern, das Trio Dellert, Roberts und Zulueta gehen da kraftvoller und in den Nebentönen auch weniger (Nationalfarben?) tragend an das Thema. Vielleicht wäre der überstrapazierte Begriff Leidenschaft hier tatsächlich mal wieder anzuwenden, da Nietzsche sie in der Musik erkannt hat, und vielleicht auch wegen der Unbeschwertheit eines Latinos und dessen Begleiterinnen? Zumal Zulueta Nietzsche Fritz auch schon mal hat intonieren lassen: «So lach doch mal für Klavier».

Nun denn, die Empfehlung: Wer die beiden Platten Klaviermusik und Lieder antiquarisch ergattern kann, sollte dies tun (PHL 8101 und 8103). Möglicherweise, um Nietzsche auf die Füße zu verhelfen (indem man seiner Musik zuhört und nicht nur den Klappentext liest). Nicht nur die musikalische Romantik steht bei dieser Gelegenheit gleich mit auf.


* Kritische Studienausgabe (KSA), hrsg. v. Giorgio Colli/Mazzino Molinari, München 1999, Bd. 6, S. 436 — 439; diese Ausgabe ist seitenidentisch mit der Ausgabe von 1980. Das hier hier kursiv gesetzte ist im Original (KSA) g e s p e r r t gedruckt.

Klavierstücke von Nietzsche eingespielt hat auch Jan Leontsky

 
Di, 29.07.2008 |  link | (2945) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: La Musica















Werbeeinblendung

Jean Stubenzweig motzt hier seit 4707 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 01.03.2021, 08:58



... Aktuelle Seite
... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis)
... Themen
... Impressum
... täglich
... Das Wetter

... Blogger.de
... Spenden



Zum Kommentieren bitte anmelden

Suche:

 


Letzte Kommentare:

/
Migräne
(julians)
/
Oder etwa nicht?
(jagothello)
/
Und last but not least ......
(einemaria)
/
und eigentlich,
(einemaria)
/
Der gute Hades
(einemaria)
/
Aus der Alten Welt
(jean stubenzweig)
/
Bordeaux
(jean stubenzweig)
/
Nicht mal die Hölle ist...
(einemaria)
/
Ach,
(if bergher)
/
Ahoi!
(jean stubenzweig)
/
Yihaa, Ahoi, Sehr Erfreut.
(einemaria)
/
Sechs mal sechs
(jean stubenzweig)
/
Küstennebel
(if bergher)
/
Stümperhafter Kolonialismus
(if bergher)
/
Mir fehlen die Worte
(jean stubenzweig)
/
Wer wird schon wissen,
(jean stubenzweig)
/
Die Reste von Griechenland
(if bergher)
/
Richtig, keine Vorhänge,
(jean stubenzweig)
/
Die kleine Schwester
(prieditis)
/
Inselsommer
(jean stubenzweig)
/
An einem derart vom Nichts
(jean stubenzweig)
/
Schosseh und Portmoneh
(if bergher)
/
Mit Joseph Roth
(jean stubenzweig)
/
Vielleicht
(jagothello)
/
Bildchen
(jean stubenzweig)






«Ist Kultur gescheitert?» ? «Bitte gehen Sie weiter.»



Suche:

 




Anderenorts

Andere Worte

Anderswo

Beobachtung

Cinèmatographisches + und TV

Fundsachen und Liebhaberstücke

Kunst kommt von Kunst

La Musica

Regales Leben

Das Ende

© (wenn nichts anders gekennzeichnet): Jean Stubenzweig





pixel pixel
Zum Kommentieren bitte anmelden

Layout dieses Weblogs basierend auf Großbloggbaumeister 2.2

pixel pixel