Doppelter Lorbeer

«Denn wenn man Erzählungen schreibt oder liest, sieht man Landschaften, sieht man Gestalten, hört man Stimmen: Man hat ein naturgegebenes Kino im Kopf und braucht sich keine Hollywoodfilme mehr anzusehen.»

Gianni Celati, Cinema naturale, Wagenbach 2001


«Das Wort besitzt die unschätzbare Gabe, die Faszination des Möglichen hervorzurufen und aufrecht zu erhalten», so Francis Vanoye in seinem Buch L’image et la parole, im Kapitel über Eric Rohmer.

In Filmen, in denen Liebe Bestandteil der Handlung ist — und wo wäre das nicht der Fall, irgendwie?! —, bei denen und für die ich ins Schwärmen gerate, findet, wie in jedem wirklich guten (Dreh-)Buch, Sexualität in der Phantasie, nicht auf der Leinwand oder auch dem Bildschirm statt. Es bedarf ihrer Schilderung nicht. Ich benötige keinen Hinweis auf einen Vortrag über die Beschaffenheit dieser feinsten, dünnwandigen Blutgefäße, in denen der Stoff- und Gasaustausch mit den Körperzellen erfolgt, die Bindeglied sind zwischen Arterien und Venen, ich will keine Lichtbilder vom Danach, wie es sich frühmorgens aus dem Bett quält — mir ist bekannt, welch' poetische Schlacht zwei Neiglein eines zehn Jahre alten Champagners über die Krieger Kapillaren in den Teilen jener Körper hat toben lassen, die sich bereits für die Praxis im Arbeitstag präpariert hatten.

Der mehr gehauchte denn ausgeführte Kuß reicht mir — und damit meine ich ohnehin nicht die meist schmatzende, gewalttätig, nachgerade kannibalistisch wirkende und sich wohl bald auch im Nachmittagsprogramm weiter unten fortsetzende Penetration. Ich weiß, wie er aussieht, wie er ihm ins Gesicht geschrieben steht, der kleine Tod des Mannes (nach dem das Leben der Frau gerne noch ein bißchen weiterginge; aber ach ...). Er ist mir auch assoziativ Finale genug. Denn ihm voraus gingen Bewegungen, Blicke, Berührungen, Wörter und Worte, ausgeführt und gesprochen von Schauspielern, denen ein schlüssiges Drehbuch und eine einfühlsame Regie sanfte Herausforderung ihres Darstellungsvermögens sind. Dieses Drehbuch ist vorbereitet wie die Menschen, die eine gute (durchaus schlichte) Handlung zum Höhepunkt treiben: Es ist immer wieder überarbeitet, oft von mehreren Autoren, die im Leben stehen und nicht hinterm Schreibtisch sitzen und auf Quoten schielen, auf seine Authentizität (so heißt das ja heute), seine Schlüssigkeit, seine Tragfähigkeit hin geprüft. Die Regie hat gemeinsam mit dem Besetzungsbüro die Darsteller ausgesucht. Sie haben mit ihnen Gespräche geführt, aus denen klar ersichtlich wurde, daß hier zwei die Rollen derjenigen spielen müssen und das auch tun, die unterschiedliche Charaktere bedeuten, beispielsweise in solchen Szenen:

Da der Literaturwissenschaftler, der während er die Crème löffelt und mit einem 89er Grand Cru aus Saint-Emilion hinunterspült, seiner Tischnachbarin bedeutet: «Wer das Gefühl reiner herausfiltern will, dem geht die Vorrenaissance einer in hundert Anspielungen lebendigen Antike verloren»* und überdies vergißt, welche Schande und wieviel Blut in diesen Liedern fließt. Und dort seine neben ihm sitzende, aufmerksame, sich auf ihn konzentrierende Zuhörerin, der er zum Kaffee in die Bibliothek gefolgt ist und die ihm dann das Gefühl rein herausfiltert, die ihm, quasi mit den Augen vorlesend, verdeutlicht, daß sie auch trotz solcher oder gerade mit solchen, dem Petrarca-Band entnommenen Worten sich ein paar Kinominuten später an seinen Körper schmiegen wird:

«Dich ihr, mit klugen Schilden (hinter denen
Euch weder Qual noch Mitgefühl entfärben)
gen Amors stets umsonst gespannten Bogen ...»


Und wieder ein paar Kinominuten später wird er vielleicht mit allem, das ein guter Film und sein Talent an Glück ihm ins Gesicht malen konnte, daliegen wie jener bäuerlich gewordene Max in Alain Tanners nach wie vor zauberhaftem und immer wieder gerngesehenen Film Jonas qui aura vingt-cinq ans en l'an 2000 (Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird), sozusagen zwei Lauras — die er sich zum Geburtstag gewünscht und die er bekommen hat — in einer neben sich, eine blonde und eine brünette, und wird die Kennerschaft wegwischen wie den Arbeitsschweiß der letzten Stunden (aber dabei bedacht sein, den Duft an sich haften zu lassen!**), die auf der Leinwand lediglich einen Umschnitt gedauert haben wird, er wird sich um nichts, aber auch gar nichts mehr scheren und den Krieg verherrlichen: «Ihr seht, wie tausend Tode ...» — er extemporiert noch, denn es ist (letztendlich) ein französischer Film, in dem nunmal immerfort gequasselt und abgewichen wird, fügt kleine ein, also:

«Ihr seht, tausend kleine Tode mich verderben:
doch nie hat Euer schönes Auge Tränen,
nein Zorn mir und Verachtung zugezogen.»


Worauf sie aus dem Bett hüpft, ihren schönen Körper kurz zeigt und, als italienische Einwanderin aus Bologna, lächelnd ‹singt›:

«Vivrommi un tempo omai, ch'al viver mio
tanta virtute à sol un vostro sguardo;
et poi morrô; s'io non credo al desio»


(Noch leb ich nun ein Weilchen — solche Freude/vermag ein Blick von Euch mir zu erregen;/und sterbe, wenn ich von der Sehnsucht scheide.)

Womit Buch, Regie und Schauspieler beweisen, wie man erotische Spannung sowie sexuelle Unangestrengtheit hält — und auch noch intelligent-witzige historische Volten reitet, ohne den Zuschauer zu düpieren, der von der Konkurrenz der Städte Bologna und Avignon im 14. Jahrhundert nichts weiß, die Anspielung auf den zweifachen Lorbeer des Wissenschaftlers in der Person der ‹doppelten› Laura aber ahnen kann; er hat ja, ohne jede Herablassung, jene erotische Poesie, die er als Phantasie mit nach Hause oder ins Bett nimmt — und die ihn, im nicht minder schönen Fall, möglicherweise auf einen sexuell-ekstatischen Zenit schießt.


* Petrarca, Franceso: Canzoniere, zweisprachige Gesamtausgabe (Interlinearübersetzung von Geraldine Gabor; ins Deutsche gebracht von Ernst-Jürgen Dreyer), Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1989, hier: Nachwort von Geraldine Gabor und Ernst-Jürgen Dreyer, S. 1056; daraus auch die Verse; siehe auch: Unterschiedliche Ansichten

** Napoleon schrieb in einem Brief an Josephine, sie möge sich nicht waschen, er komme (in zwei Wochen) heim.

 
Do, 05.02.2009 |  link | (3450) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kamerafahrten


jean stubenzweig   (05.02.09, 04:53)   (link)  
Napoleons Riechgelüste
habe ich im übrigens dem Buch Am Abend, als ich meine Frau verließ, briet ich ein Huhn von Abe Opincar entnommen.


hanno erdwein   (05.02.09, 14:37)   (link)  
Da haben Sie wahrlich wieder ein weites Feld abgeschritten.
Das verläuft vom Kino im Kopf bis hin zu den napoleonischen Geruchsfreuden. Hab mich sehr amüsiert. Hanno


bueddenwarderin   (06.02.09, 13:26)   (link)  
allens hett siene wetenschap,
seed de deern un pust dat licht mit'n mors ut.

alles hat seine wissenschaft, sagte das mädchen und blies die kerze mit dem hintern aus. – auch know how genannt ...


hap   (06.02.09, 20:46)   (link)  
Please, bitte, s'il vous plait
dieses Filmplakat zu Alain Tanners "Jonas ..." ist das Grauen. Sieht aus wie die Spießer, die wir mal waren, und in weiten Teilen immer noch sind. -
Und: Nein, sie blies die Kerze nicht mit dem "Hintern" aus. Wie sollte das auch gehen? Sie furzte drauf, und der Furz kommt aus dem Arschloch. Hm?
Muss man denn wirklich immer wieder von vorn anfangen, alle dreißig Jahre oder so?


jean stubenzweig   (07.02.09, 01:07)   (link)  
Mir ist schon klar,
daß Du der einzige Nichtspießer (geworden) bist unter uns allen – da braucht's kein dezentes «wir». Nicht alle wissen das, weshalb Du's auf Deine Weise ja immer wieder mal deutlich machen mußt. Nicht nur alle dreißig Jahre. Oder so.















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