Hohes Lied

Des Weibes Leib ist ein Gedicht,
Das Gott der Herr geschrieben
Ins große Stammbuch der Natur,
Als ihn der Geist getrieben.

Ja, günstig war die Stunde ihm,
Der Gott war hochbegeistert;
Er hat den spröden, rebellischen Stoff
Ganz künstlerisch bemeistert.

Fürwahr, der Leib des Weibes ist
Das Hohelied der Lieder;
Gar wunderbare Strophen sind
Die schlanken, weißen Glieder.

O welche göttliche Idee
Ist dieser Hals, der blanke,
Worauf sich wiegt der kleine Kopf,
Der lockige Hauptgedanke!

Der Brüstchen Rosenknospen sind
Epigrammatisch gefeilt;
Unsäglich entzückend ist die Zäsur,
Die streng den Busen teilet.

Den plastischen Schöpfer offenbart
Der Hüften Parallele;
Der Zwischensatz mit dem Feigenblatt
Ist auch eine schöne Stelle.

Das ist kein abstraktes Begriffspoem!
Das Lied hat Fleisch und Rippen,
Hat Hand und Fuß; es lacht und küßt
Mit schöngereimten Lippen.

Hier atmet wahre Poesie!
Anmut in jeder Wendung!
Und auf der Stirne trägt das Lied
Den Stempel der Vollendung.

Lobsingen will ich dir, o Herr,
Und dich im Staub anbeten!
Wir sind nur Stümper gegen dich,
Den himmlischen Poeten.

Versenken will ich mich, o Herr,
In deines Liedes Prächten;
Ich widme seinem Studium
Den Tag mitsamt den Nächten.

Ja, Tag und Nacht studier ich dran,
Will keine Zeit verlieren;
Die Beine werden mir so dünn —
Das kommt vom vielen Studieren.
Heinrich Heine

Aus: Heinrich Heine Werke. Neue, reich illustrierte Prachtausgabe in einem Band, Verlag von Otto Maier, Leipzig 1901
5
Schwarz bin ich
und schön,
Töchter Jerushalajims,
wie die Zelte Kedars
wie die Behänge Shelomos.

6
Seht mich nicht so an,
weil ich wie schwarz bin —
getroffen
hat mich die Sonne.
Die Söhne meiner Mutter schnaubten mich an,
hießen mich die Weinberge hüten —
und meinen Weinberg,
Ja meinen,
hüte ich nicht.
«Kein Stück des Buchs der Bücher hat so die Phantasie beflügelt wie das Lied der Lieder. Denn was kaum zu verstehen war, wie es ‹dastand›, wollte doch erklärt, mußte gerechtfertigt werden im Kanon der Schriften, nachdem es in ihn einmal hineingeraten war. Je unfaßbarer das Gemeinte (zumal im Zusammenhang), um so größer der Verdacht, es müßte um anderes gehen als an der Oberfläche erschien, um so dringender das Bedürfnis, sich von den Spuren im Text zu dem führen zu lassen, der sie hinterlassen hatte. Dabei lag die Schwierigkeit nicht einmal so sehr bei den doch zu vermutenden Löchern und Lücken, in die immer ein göttlicher Geheimnisträger einspringen konnte, sie lag vor allem in den Zumutungen dessen, was so unmißverständlich klar zu verstehen war, aber so doch nicht verstanden werden durfte: der schieren Erotik. Und gerade sie dürfte die nicht wahrgehabte Kraftquelle gewesen sein, aus der die Exzesse der Ausleger sich immer wieder, immer neu belebten.»

Klaus Reichert


Aus: Das Hohelied Salomos, übersetzt, transkribiert und kommentiert von Klaus Reichert (zweisprachig). 1996, Residenz Verlag, Salzburg und Wien. Das Buch ist vergriffen, bei dtv allerdings offensichtlich und glücklicherweise wieder erhältlich.

Die Rechte von Albrecht Dürers Adam und Eva aus dem Jahr 1507 liegen beim © Museo Nacional del Prado.

 
Mo, 23.03.2009 |  link | (1909) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen


tropfkerze   (23.03.09, 18:14)   (link)  
Sie mögen's mir hoffentlich verzeihen...
...aber hier muss ich doch einmal mit Anakreon kontern. (An manchen Stellen scheint Heine abgeschrieben zu haben.)


Male den Bathyll mir also,
Meinen Liebling, wie ich sage.

Salbenglanz gib seinen Haaren,
Dunkelschattend nach dem Grunde,
Außen aber Sonnenschimmer.
Kunstlos nur gebunden, laß sie,
Wie sie eben wollen, selber
Sich in freie Locken legen;
Und den zarten Schmelz der Stirne
Schmücken dunkle Augenbrauen,
Dunkler als des Drachen Farbe.

Trotzig sei sein schwarzes Auge,
Doch von fern ein Lächeln zeigend;
Jenes nimm von Ares, dieses
Von der lieblichen Kythere:
Daß man, bange vor dem einen,
Bei dem andern hoffen könne.
Male seine Rosenwange
Mit dem zarten Flaum der Quitte;
Und sieh zu, daß sie das edle
Rot der Scheu erkennen lasse.

Seine Lippen - weil ich denn auch
Selbst, wie du mir diese malest?
Weich, von Überredung schwellend.
Wisse kurz: Das Bild, es müsse
Redsam selber sein im Schweigen!
Unterm Kinn, da schließe zierlich,
Wie ihn nicht Adonis hatte,
Elfenbeinern sich der Hals an.
Gib ihm Brust und beide Hände
Von der Maia schönem Sohne,
Leih ihm Polydeukes Schenkel,
Bauch und Hüften ihm von Bakchos.
Dann, ob jenen weichen Schenkeln,
Jenen feuervollen, gib ihm
Eine glatte Scham, die eben
Aphrodites Freuden ahne.
- Aber deine Kunst, wie neidisch!
Kannst du ihn doch nicht vom Rücken
Zeigen! Herrlich, wenn du's könntest!
- Soll ich erst die Füße schildern?
Nimm den Preis, den du verlangest,
Und gib diesen Phöbus auf, mir
Den Bathyll daraus zu bilden.
Wirst du einst nach Samos kommen,
Male nach Bathyll den Phöbus.


jean stubenzweig   (23.03.09, 23:10)   (link)  
Kein Ärgernis, eher Amusement
ist er und auch schön, dieser «Sängerwettstreit». Zumal wir wissen, daß auch vor Zeiten des Internets bereits abgeschrieben wurde. Allenfalls entgegnen könnte ich nun, wie undeutlich oder auch klarer es hierbei wird, wer von wem abgeschrieben hat. Nein, ich meine weniger Heine von Anakreon, sondern möglicherweise letzterer von Salomo, der ja etwas früher dran war.

Dessen ins Ungefilterte übertragene, von keinem kirchlichen Moralitätsgewand züchtig bedeckten Verse waren zuvor in den Stein der Erotik gemeiselt worden. Deren außergewöhnlichen Feinheiten sind mir eben in Klaus Reicherts Buch zum ersten Mal richtig aufgefallen, zumal sie in hebräisch und deutsch veröffentlicht worden waren. Es ist weniger erheiternd, daß solche Bücher sich nicht so ewig am Markt halten wie die Geschichte im allgemeinen. Aber das ist wohl der Tatsache geschuldet, daß die Aufklärung zusehends einer seltsamen Kreativität weichen muß – die Sehnsucht wird's schon richten.

Hinzu kommt ja, daß es ein kleiner Nachtrag zu Gute Hirten sein sollte bzw. zur Afrika-Reise des einen, der eine gut katholische bayerische Fürstin bestätigte, die mal meinte, sie täten ganz schön viel schnackeln, die da unten, und das sollten sie auch, aber gefälligst ohne Überzieher, denn das ganze Gesundheitswesen würde schließlich von Lieben Gott geregelt. Was er wiederum von Mutter Teresa weiß.


7
Ja sag mir du,
den mein Atem liebt,
wo wirst du weiden,
wo lagern
zu Mittag?
Denn was soll ich wie eine Verhüllte sein,
eine Schmachtende,
um die Herden deiner Gefährten?

8 Weißt du's nicht, du
Allerschönste unter den Frauen,
geh nur den Spuren der Schafe und Ziegen nach
und weide deine Zicklein
bei den Hirtenzelten.

9
Einer Stute am Streitwagen Pharaos
vergleiche ich dich,
meine Liebste.

10
Zauberhaft —
deine Wangen
mit den Kettchen,
dein Hals
mit den Korallenschnüren.

11
Kettchen aus Gold
machen wir für dich,
gesprenkelt mit Silber.

12
Da der König um mich war,
duftete meine Narde.

13
Ein Strauß Myrrhe
ist mein Liebster, der zärtliche,
mir,
zwischen meinen Brüsten
weilt er die Nacht.

14
Ein Büschel Zyperntrauben
ist mein Liebster, der zärtliche,
mir
aus den Weinbergen von En-Gedi.

15
Sieh doch — schön bist du,
meine Liebste,
sieh doch — schön,
Deine Blicke
Tauben.

16
Sieh doch — schön bist du,
mein Liebster,
ja wie lieb,
Unser Bett ja wie üppig grün.

17
Die Balken unseres Hauses —
Zedern,
unser Getäfel —
Wacholder.


Aus: Das Hohelied Salomos, übersetzt, transkribiert und kommentiert von Klaus Reichert (zweisprachig). 1996, Residenz Verlag, Salzburg und Wien. Das Buch ist vergriffen, gebraucht allerdings erhältlich.


tropfkerze   (24.03.09, 08:17)   (link)  
Ganz ausgeschlossen ist es nicht, dass Anakreon das Hohelied kannte oder ähnliche Dichtung, lebte er doch lange Zeit an der kleinasiatischen Küste, die von den Persern heftig bedrängt wurde. Allerdings dürfte aus persischen Quellen wenig geflossen sein (da gab es nicht viel, was fließen konnte), eher aus phönizischen.















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