Harakiri und Kamikaze auf dem Lande

Voda, hoda gsogg, da Bua, Voda, mia missn umbaun. Wos iss, hoda gfrogg, da Voda, wos is los? Umbaun, hoda gschrian, da Bua — da Voda hört nimma guat —, umbaun! Unsa Hof steht mittn im Dorf, do miass ma wos draus mochn. A Lokal miass ma aufmochn. Die Bauernschoft trogt eh nix mehr. Wos iss, hoda gfrogg, da Voda, wos is los? — A bißl vakolkt isa a scho. — Umbaun? Lokal? Trogt nix mehr? Wos is los? Nix is los, hoda gsogg, da Bua. Werst scho sechn.

Felix Mitterer, Der Umbau, hier zitiert nach Galerie Göttlicher


«Ein Kahlschlag geht durchs Land. Erst fallen die Bäume, dann fallen die Tore, dann fallen die Häuser. Schon sind manche Dörfer umzingelt vom gleichen Siedlungsbrei der Vorstädte. Kleine, banale, aufdringliche Kisten halten die ehemals besten Äcker besetzt und die sonnigsten Weinberge. Der Weg zu den Weiden ist lang geworden.


Und auch entlang der Dorfstraße sind sie eingebrochen, die bundesdeutschen Einheits-Bungalows, trübe Verpackungen im DIN-Format, zu hoch, zu kurz, zu laut, zu unruhig, zu kleinkariert und aufgedonnert mit Plastik, Glasbaustein und Aluminium. Sie passen nicht in die Landschaft und passen nicht ins Dorf und zu den alten Häusern. Sie wollen auch gar nicht dazu passen, sie wollen anders sein, neu, besser, komfortabler, sie wollen Stadt sein, Vorstadt immerhin, ein bißchen Film- und Fernsehkitsch dazu.»

So klagte Dieter Wieland 1978 in einer Broschüre, die mir ein Freund in seinem Büro in der obersten bayerischen Baubehörde in die Hand gedrückt hatte und die mir dieser Tage aus einem meiner offenbar immer mehr werdenden Erinnerungskartons entgegenquoll. Zwei Jahre zuvor hatte der Spiegel, auch er wollte raus aus der kalten Einsamkeit des feuchten Dachbodens, zwar bereits Harakiri auf dem Lande getitelt, aber im Gegensatz zum Autor dieser Beschreibung eines japanischen Freitodrituals in deutschen Gebieten, des Kritikers Peter M. Bode, der damit eine wochenendliche Landpartie unternommen hatte und dann wieder in die niedlichen Häuserschluchten des Molochs München zurückgekehrt war, blieb Dieter Wieland bodenständig und untersuchte die folgenden Jahrzehnte beharrlich jedes Detail in den Veränderungen ländlicher Architektur. Nach der Übernahme der Ostzone durch das Westkapital, von manch einem Revolution genannt, getraute er sich sogar raus aus seinem ober- oder niederbayerischen oder manchmal fränkischen Bauerngarten und zog gen Norden, um alteingessesenen wie zugezogenen Rüganern und anderen modernen Neufünflandlern die aus dem Urlaub mitgebrachten Lederhosen auszuziehen, an dessen Rändern sich ja auch immer etwas Mediterranes befindet, in die sie teilweise geschlüpft waren in ihrer wendeeuphorischen Neubebauung.

Eigentlich ist es nur noch traurig, wie wenig Ehre diesem Mann zuteil wird, der sich wie kaum ein anderer um die Bestandsaufnahmen dörflicher Architektur gekümmert hat. Aber jemand, der sich um den Alltag im Kleinen sorgt, wird entsprechend niedriger eingestuft. Da wären wir wieder beim Niedrig- oder Hochwild oder auch der Hochkultur. Das Leben findet nunmal im Event Stadt statt, wie uns vor allem diejenigen unverzagt darüber aufklären, die das Landleben heutzutage für eine landschaftszersiedelnde Sünde halten und jeden Dörfler deshalb am liebsten unverzüglich zwangsumsiedeln würden — auf daß sie endlich in Ruhe ihre Ausflüge in naturbelassener Landschaft machen können, die samt Helm partnergelookten Chinaradln aufs Auto gepackt oder die Gebirgs- oder sonstigen Rennräder auf den Anhänger und wie dieser göttliche Wind gleich 神風特攻隊 immer zu dritt oder auch zu viert nebeneinander durch die dann unberührte Landschaft zu cruisen. Kein lästiger, wild fuchtelnder, am Ende gar hupender, weil zur Arbeit, zum Kindergarten oder Einkaufen vorbeiwollender Dörfler mehr, der hat keine Existenzberechtigung. Da mag seine Familie auch seit Jahrhunderten in so einem Kaff leben, dem Städter Obst und Gemüse angebaut haben — die Zeiten ändern sich nunmal. Heute kommt die Milch sowieso aus Übersee. Oder über die frühere Seiden- und heutige Ökomilchstraße aus China. Die da können sie ohnehin nicht genießen wegen ihrer Laktoseunverträglichkeit. Deshalb gehört die Kuh hierzulande endlich in den Zoo. Und das ganze andere doch nur Lärm, Mist und Gestank fabrizierende Viehzeugs gleich mit. Davon gibt's im Fernsehen schließlich genug.

Dabei ist man abseits solcher Metropolen wie etwa Ahrensburg, Arnsberg, Sindelfingen oder Ismaning seit langem stetig bemüht, nicht weiter aufzufallen. Die Verstädterung unserer Dörfer begann schon mit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals begannen die Städte langsam hineinzuwachsen in die Dörfer, die bald zu Stadtteilen wurden. Im 20. Jahrhundert setzte dann die Pendler-Bewegung ein. Die in der Stadt arbeitende Landbevölkerung nabelte sich ab von den traditionellen Lebensformen des Dorfes.

In die letzte Phase des grausamen Rituals der Selbstentleibung kamen die Dörfer nach dem Zweiten Weltkrieg mittels der göttlichen Formel Wirtschaftswunder. Die Ureinwohner zogen aus, um in den Städten ihr Glück, sprich Geld zu machen. Die kleinen Gemeinden, vor allem die weitab der Ballungsgebiete, gerieten in eine Konkurrenzsituation zu den Städten. Wollten sie nicht zu Geisterdörfern werden, mußten sie Attraktionen schaffen. Zwangsläufig wurde Lebensqualität gleichgesetzt mit städtischem Komfort. Manch einem Gemeinderat flatterte beim Begriff Dorferneuerung die Seele emphatisch auf. Und alles neu machte in den sechziger Jahren unter anderem das Auto, Symbol für wirtschaftlichen Aufschwung. Es hat tiefe Wunden geschlagen. Karl Ganser, seinerzeit Ministerialdirigent im nordrhein-westfälischen Städtebauministerium, führte das in einem Gespräch mit mir mal darauf zurück, daß «nicht nur Autobahnen und Bundesstraßen, sondern eben auch alle Orts- und Kreisstraßen nach sehr einheitlichen Regeln ausgebaut wurden».

Die Narben sind heutzutage nicht mehr zu sehen, da die lieblichen Versorgerbrummis lückenlos hintereinander durch die Dörfer fahren, und manchmal parken sie gar direkt im Wohnzimmer. Deshalb braucht es keine Wirtshäuser mehr, der Mitterer da oben ist eben wirklich nicht von hier und heute, auch keine alten Bauerngärten mehr, in Bayern nicht und auch nicht in Holstein und in Tirol auch nur nur noch für die Piefkes. Das gilt auch für Rügen und ebenso für Usedom. Alles kommt mittlerweile aus dem Supermarkt, auch der in den Fabriken gezogene Rasen sowie die niedriglohnigen Stiefmütterchen und später dann Geranien für den geneigten Feriengast, auf daß er sich zeitgemäß erhole von seiner Arbeitslosigkeit. Bloß nicht zu teuer eben. Wie die Brötchen von der Bäckereiattrappe, in die sie deshalb billig vorgebacken und tiefgefroren aus der Schweiz hineingerollt werden.

Hier kündigt sich mal wieder eine Fortsetzung ein. Lang will eben Weile haben.
 
Mo, 22.03.2010 |  link | (2816) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Form und Sinn


nnier   (22.03.10, 20:24)   (link)  
Weilen Sie! Ich lese mit Freude, was Sie aus den Kisten hervorholen und hinzudichten. (Das Zitat da oben ist übrigens sehr schön. Schreibt der durchgängig so?)


jean stubenzweig   (23.03.10, 04:55)   (link)  
Gut, Sie witzeln ...
Aber da ich nicht sicher bin, frage ich: Haben Sie die Piefkes nicht erlebt, die Piefke-Saga nicht gesehen? Nun ja, vielleicht vergesse ich, daß das auch schon wieder zwanzig Jahre her ist. Auf jeden Fall hat Mitterer seinen Protagonisten seinerzeit ein feines sogenanntes Hochdeutsch zwischen die Lippen geschrieben. Dieses Kunst-Tirolerische da oben gehört allerdings tatsächlich zu dessen Besonderheiten, die jedoch eher dem Theaterautor zuzuordnen sind. Als solchen habe ich in vor rund dreißig Jahren kennengelernt, und das war schon, im positiven Sinn, eigen-, damals und für mich auch heute noch, einzigartig. Aber möglicherweise benötigt eine solche Erkenntnis die Nähe zu den Bergen, zu deren Bevölkerung, zu dieser Mentalität. Die hatte ich ja damals.

Aber näher herangeführt an diese Thematik hatte mich Ende der Siebziger, in den Anfangsachtzigern der gute Hans Brenner schon lange selig, der für diese Erneuerung oder auch Richtigstellung des Begriffes Volkstheater eine beachtliche Karriere als Bühnendarsteller der Hochkultur drangegeben hatte (die Wikipedia-Informationen zu ihm sind mehr als dürftig). Er konnte ungefähr so sprechen, wie es da oben geschrieben steht. Seine Lebensgefährtin Ruth Drexel, auch sie mittlerweile dahin, war dabei die intellektuell treibende Kraft; sie stand auch den tirolerischen Volksschauspielen in Telfs künstlerisch vor. Sie fragte mal innerhalb einer Sendung des Südwestfunks (heute SDR) äußerst temperamentvoll Günther Rühle, der zu dieser Zeit gerade die Feuilleton-Redaktion der FAZ zugunsten der Intendanz des Schauspielhauses in Frankfurt am Main aufgegeben hatte, was denn Theater anderes sei als fürs Volk, wobei sie unter anderem auf Molière und Shakespeare verwies, den beiden später von der Hochkultur in Beschlag genommenen Dramatikern.

Ich gehe deshalb etwas genauer darauf ein, da Mitterer, dessen Sprache, überhaupt dieses pralle Theaterverständnis ungemein gehaltvoll ist, aber eben mit dem üblichen Herumgehample für das Fernseh- und Touristenvolk überhaupt nichts zu tun hat. Das ist professionell hochstehende darstellende Kunst, die dem dämlichen Bauerngepoltere auch in seiner aufklärerischen Kraft zuwidersteht. Was nicht heißt, daß ich mich deshalb von den anderen Bühnen abwenden würde, denn das eine schließt das andere ja nicht aus. Aber für Nordlichter kann's durchaus etwas komplizierter sein.


nnier   (23.03.10, 08:44)   (link)  
Ach, das klingt ja toll! Zwar habe ich diese Serie nicht gesehen und erinnere mich auch nicht, je von ihr gehört zu haben. Was ich aber gesehen habe, ist die im Wikipedia-Artikel erwähnte Sendung mit Joachim Fuchsberger - und ich erinnere mich sehr gut an die zitierte Frage an die "Geschworenen" sowie den hinterher wochenlang im gelben Blätterwald wiedergekäuten "Skandal" rund um das Wort "Piefke". Ich habe da wohl etwas verpasst!

(Und, nein, ich hatte keine Witzelei im Sinn.)


jean stubenzweig   (23.03.10, 15:31)   (link)  
Ein kleine Rüge
muß ich Ihnen nun aber doch erteilen. Nicht, weil Sie nicht witzeln wollten. Aber daß Sie, ausgerechnet Sie! meine Links mißachten; auch wenn ich die Linkerei mittlerweile reduziert habe, da ich gelernt wurde (war da was?), daß ich's manchmal übertreibe. Ich weiß doch wohl, daß der eine oder andere nicht weiß, was ein Piefke ist. Deshalb ist's im letzten Absatz angezeigt.

An einen Skandal erinnere erinnere ich mich nun wieder nicht. Vermutlich war ich schon damals nicht von dieser Welt. Oder es war schlichter und ich hatte besseres zu tun. – Ein Skandal könnte es allerdings geben, ließe ich mich auf den Namen Fuchsberger ein, nicht nur im Zusammenhang mit dem Film. Womit ich nicht dessen darstellerische Leistung meine, die allenfalls einen kleinen Ehrverlust für ihn bedeutete, wenn das auch ohnehin unter Meinungsfreiheit liefe und deshalb nicht gerichtsmassig werden könnte. Ich meine anderes, bei dem mir der Kamm schwillt. Nein, das lasse ich lieber.

Da wir gerade bei den gemeinen Piefkes sind – die Skandalform eines zentraleuropäischen unterschwellligen Rassismus' oder auch der Menschenfeindlichkeit ist keineswegs ausgestorben. Häufig habe ich sie persönlich erlebt, gerade in Gegenden, in denen die Saga spielt. Da, behaupte ich, hat Mitterer oft genug untertrieben oder war die Satire, wie Siggi Zimmerschied es in den Siebzigern nannte, nicht in der Lage, die Realität zu einzuholen. Wenn die holsteinischen oder niedersächsischen oder preußischen Preußen in die Berge rollen, dann gibt's immer was zum Lachen. Oder auch nicht. Theaterfreunde von mir haben eine Zeitlang in oberbayrischer Urlaubsdörfern, in Wirtshäusern bzw. deren Biergärten, einen dem zum Volksgut erklärten, dem Mythos ziemlich zuwiderlaufenden Wildschütz Jennerwein interpretiert. Gelacht haben sie schon, aber sie wußten nicht, worüber sie lachten. Sie hielten das wohl für das übliche Bauerntheater, diese Piefkes, die nur die eigene Geschichte kennen, und die auch nur in sehr groben Zügen. Hauptsache man bedient sie ordentlich und preisgünstig in ihrer Pension, kommt ihren Bedürfnissen nach.

Aber genug gesehen habe ich auch in anderen Ländern. Einen Teilbereich darstellen dürfte unter anderem diese vom Piefke-Fernsehen angeheizte Mode des Reisens mithilfe der Rückerstattungen aufgrund von Mängeln. Diese seltsame Species kalkuliert von vornherein mit sogenannten nicht erbrachten Leistungen. Aus der Karibik weiß ich's beispielsweise, daß die bei weitem nicht alle im Rentenalter sind. Es ist vielen Menschen offensichtlich das Lebenselexier, fordernd und maulend und meckernd durch die weite Welt zu ziehen. Den Berichten der Antillen-Freundin zufolge meine ich sogar, daß die Piefke-Saga unbedingt eine aktuelle Folge benötigt, wenn auch verlagert an andere Spielorte. Denn das früher rein deutsch-österreichische (Mies-)Verhältnis hat sich geographisch ausgeweitet.

Die vierte Folge habe ich leider nie gesehen, aber 2005 konnte ich das österreichische Fernsehen längst nicht mehr empfangen. Ich habe es oft genossen, jedenfalls dort, wo es unnachahmlich aufsässig gegen den Strich (auch) eigener Geisteshaltung gebürstet hat – die sich von der deutschen so sehr dann auch wieder nicht unterscheidet.


nnier   (23.03.10, 16:16)   (link)  
Hier! Hier! Herr Lehrer! Ich, ich!
Gerade weil ich doch aber weiß, was der gemeine Österreicher unter einem Piefke versteht, habe ich ausnahmsweise nicht, und es war das erste Mal überhaupt, das müssen Sie mir glauben -

(mit zitternder Unterlippe ab)


jean stubenzweig   (23.03.10, 16:32)   (link)  
Ach, kommen Sie
doch wieder zurück. Auch Ihr Köpfchen werde ich streicheln. Denn ich weiß ja, Sie tragen einen guten Kern in sich.















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