GrünSpam

Hätten mir die zu Pfeffersäcken mutierten Grünen so kurz vor der hamburgischen Wahl solch eine Portion Dosenfleisch in meine Referrer manövriert, ich wäre vermutlich eher noch in Aufwallung geraten als durch die Mitteilung eines sich nach körperlicher Liebe sehnenden Fräuleins aus der Taiga, das lieber aus fleischlichem Tun Energie bezieht als einen dürren Baum zu herzen.



Green, green gras of home

Eines scheint klar, zum Ismus des Vegetarischen scheint man mich nicht bekehren zu wollen, so wie neulich die ebenfalls aus dem wilden Westen kommende Botschaft, die aus mir einen kämpferischen Nichtraucher machen wollte. Andererseits ist es angenehm zu erfahren, daß es auch in den USA noch Kühe gibt, die Gras fressen und nicht nahezu ausschließlich genetisch umgebogenen Mais. Wenn ich auch in Zweifel gerate, ob ich mir angesichts derartiger bildlicher Präsentation 40 Pounds of Ground Beef at a Special Price bestellen soll, die mich irgendwie an die Produktpalette dänischer Hoffleischer oder anderer gewinnlerischer Sparschweinschlachter in Mecklenburg-Vorpommern oder gerade Niedersachsen erinnert, die von deutschsubventionierten Billiglohnarbeitern zubereitet und für Unternehmen ohne Grenzen steuerbegünstigt hin- und hergekarrt werden, um in schleswig-holsteinischen und anderen Supermarktregalen höchst preiswert angeboten zu werden, auf daß der Mensch nicht vom Fleisch falle. Nicht zu vergessen die Frage, ob es nicht Eulen nach Athen zu tragen hieße, mir solche aufklärerisch anmutenden Botschaften zu übermitteln, der ich schließlich mit José Bové und der Conféderation paysanne seit längerer Zeit nicht nur dieser Malbouffe-Industrie* die Grundmauern zu rammen versuche. Es gibt «Naivitäten», die ich pflege.

Nun, nicht alles US-amerikanische befindet sich im Visier der fleischgewordenen Dame aus Alaska. Nicht erst seit gestern weiß ich, daß nicht alles so schlimm ist, wie dieser Leinwandheld es war, was aus dem anderen Amerika kommt. Auch Alice Waters stammt schließlich von dort. Aber die würde mir mit Sicherheit auch kein Dosenfleisch in meinem internetten Adreßbuch hinterlassen haben.

* Malbouffe und José Bové
 
Mo, 07.02.2011 |  link | (1985) | 15 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Geschmackssache


kid37   (07.02.11, 17:46)   (link)  
Oha. Das Ground Beef erinnert an eine aufgewickelte Wäscheleine.


jean stubenzweig   (08.02.11, 18:03)   (link)  
Wie modelliert.
So sauber und ordentlich. Es muß ja nicht aussehen wie das grüne junge Deutschwilde. Aber von einer ökonahen Ranch des Wilden Westens erwarte ich zumindest naturähnliche Romantik. Lasso, nicht Wäscheleine. Und dazu selbstverständlich die adäquaten Housewifes dazu.


kopfschuetteln   (08.02.11, 21:40)   (link)  
bei der beschreibung aber, was da so alles drinne ist und was wiederum nicht. ist das wirklich fleisch? ah! gesundheitspharma-fleisch. wenn man das "nur" essen könnte, wäre ja auch komisch.


jean stubenzweig   (09.02.11, 11:11)   (link)  
Das verstehe ich
nun wieder nicht so recht – «No hormones. No pesticides. No antibiotics. No bloat-inducing, genetically modified feed.» Das ist doch eine ganze Menge No. Oder sollte ich mal wieder nicht richtig hingekuckt haben?


kopfschuetteln   (09.02.11, 12:21)   (link)  
doch doch. sie sehen das schon richtig.
ich habe es mit der ironie übertrieben. bei dem no-no-no, aber mit-mit-mit dachte ich spontan an so etwas . ich bin so unromantisch ;-)


jean stubenzweig   (09.02.11, 16:31)   (link)  
Health Science
Oh weh, ich versteh. So nennt man das. Da kann man aber auch unromantisch werden, um nicht zu sagen: krank. Wenn ich an die Weltregierung komme, sind die mit die ersten, die ich ganz tief nach unten reguliere.


kopfschuetteln   (10.02.11, 19:43)   (link)  
sie kommen an die weltregierung? hab ich was verpasst?
na, dann regulieren sie mal!


jean stubenzweig   (11.02.11, 17:29)   (link)  
Ach, ich weiß nicht.
Mich wählt ja niemand. Vielleicht, weil ich so kandidaturfaul bin. Also weltreguliere ich mich eben selbst.


kopfschuetteln   (11.02.11, 17:44)   (link)  
ich würde sie wählen, bestümmt.


edition csc   (08.02.11, 09:44)   (link)  
„Die Deutsche Kapitalwirtschaft,
längst auch die Mittelständler und Kleinunternehmen, wollen nur noch 'Billigarbeitskräfte'. Mit den Billigarbeitskräften kann man noch Rendite machen. In unserem Land, nimmt dies niemand ernst. Wenn selbst dänische Fleischfabriken ihre Produktion nach Deutschland verlagern, dann ist und wird Deutschland ein 'Billiglohnland'."

Source


jean stubenzweig   (10.02.11, 19:16)   (link)  
Diesen verengten Blickwinkel
mag ich eigentlich gar nicht. Gut, es ist richtig, daß die deutschen Lande zu den Resten derer gehören, bei denen auch deshalb ein- und wieder ausgeführter Dreck auf den Tisch kommt, weil es keinen Mindestlohn gibt. Aber anderswo gibt es ihn, und trotzdem sind Menschen gezwungen, Müll zu sich zu nehmen, weil ihnen ebenso das Geld fehlt, Gutes zu essen (ob sie das tatsächlich wollen, ist ein Kapitel für sich, nämlich das der veränderten Geschmacksbildug durch die Nahrungsmittelindustrie). Die Bundesrepublik trägt mit ihrer Export- und Minderlohnpolitik sicherlich einen entscheidenden Teil dazu bei. Aber es insgesamt ist ein internationales Problem, das sich Globalisierung nennt; etwas kleiner: auch die EUropäisierung hat kein anderes Ziel als Massengewinne für ein paar wenige. Aber das ist ja nun mittlerweile fast auch schon ein übermäßig gut abgehangener Gedankengang.


jagothello   (09.02.11, 17:34)   (link)  
Einem guten Zweck
dient das (oder der?) Spam in diesem Falle, nämlich der gewissermassen politisch-kukturellen Reflexion. Fast alles ist eben Kunst und für das andere gibt es zum Glück den "Junk-Ordner"; den Mülleimer.


jean stubenzweig   (10.02.11, 08:41)   (link)  
Kultureller Austausch
via Spam. Oder vielleicht so herum: Der Kulturbegriff hat sich ziemlich gewandelt im Lauf der Zeit. In den Achtzigern machte sich ein Münchner Bäckermeister anheischig, sich in die Gilde der Kulturförderer aufzunehmen, indem er sich aufs Trittbrett schwang. Er wollte sozusagen qua Amtes teilhaben an dem großen cremigen Kuchen, den eine sich heranbildende Industrie der Kunstsponsoren vorbereitete. Als Kommentator von Moden und Alltag habe ich diese sich abzeichnende Tendenz gleich mit verwurstet. Bruno Jonas wandelte mirzuliebe und freundlicherweise honorarfrei — solche Alleingänge eines Autors gab ein öffentlich-rechtliches Budget ohnehin nicht her — den von nicht wirklich von kulturellem Interesse getrübten Brot- und Kuchenhersteller um in einen Fleischverabeiter kleinen Mittelstandes namens Maier-Frischart, der einen Kunstwurstpreis stiftete und dies anschließend auf allen Verpackungen seiner Produkte bunt leuchtend prangen ließ. Ist doch prima Werbung, sagte mir der Bäcker seinerzeit. Und wunderte sich darüber, daß ich mich über die Selbstverständlichkeit wunderte, mit der er die künstlerisch gestaltete Reklame für seine Produkte von der Steuer abzusetzen gedachte.

Längst wundert mich gar nichts mehr, denn fortan sollte überwiegend das Kunst und Kultur genannt werden, was privat finanzielle Unterstützung erfuhr. Der Kessel mit der Wurstsuppe mit der fiskalischen Zutat des geschmacks- oder auch bildenden Fettes war leer, und die Politik hatte nicht die Absicht, ihn wieder aufzufüllen, ihrem Auftrag gemäß nachzukommen, auch diejenigen zu speisen, die insofern bedürftig waren, als sie die immer schon schlechter alimentierte Vorhut bildeten. Man wollte wieder zurück in die guten alten Zeiten, in denen diejenigen den Künsten Geld spendeten, die über die Herrschaft verfügten. Daß aus dem noch bis in die Anfangsachtziger stillen Wässerchen Mäzenatentum die Industrieplempe Sponsoring wurde, das wurde nicht nur ignoriert, sondern geflissentlich gefördert. Konservativ kommt schließlich von Bewahren, und sei es, daß man es dazu aus der untersten Mottenkiste kramen muß.

Mittlerweile hat es nahezu alle Deiche unterspült, sogar die grünen. Im Deutschen wird heutzutage alles Kultur geheißen (französisch Civilisation), auch dann, wenn man nichts anderes will als sein Zeugs verhökern. Andererseits ist das historisch selbstverständlich völlig korrekt. Der olle Herr Brockhaus faßte es mal enzyklopädisch zusammen: Kultur sei die Gesamtheit der Lebensäußerung eines Volkes. Dazu gehört nunmal der Handel. Und obendrein gibt es, gestützt vom soliden Fundament Internet, okzidental bis oriental ohnehin nur noch ein globales Volk. Damit hat sich sogar der chinesische Kommunismus abfinden müssen: Kultur ist, was sich verkauft. Und warum sollte sich daran nicht auch ein Fleischverkäufer aus den USA beteiligen. Von dort kommt dieses Kulturverständnis schließlich. Daß er sich dabei des Mittels Dosenfleisch bedient, gehört eben zu den Spänen, die beim geschäftigen Hobeln entstehen, die längst geschmacksbildend sind.


charon   (10.02.11, 09:24)   (link)  
Meistersinger
So lange der wackere Bäckersmann sich nicht selbst in Kunst versucht, ist alles in Ordnung, möchte man meinen. Aber auch das hat man ja schon gesehen.

Das Zauberwort von der public-private partnership der letzten Jahre hat uns nicht nur der Straßenbahnen und Kanalisationen beraubt, sondern auch solche Kuriositäten eingebrockt, wie ich sie bei einem sehr bekannten Theaterfestival beobachten durfte. Denn dort standen neben der Bühne auf fein geschmückten Podesten mehrere herausgeputzte Boliden mit Stern - wie überhaupt dieser Stern allgegenwärtig zu sein schien -, so dass das Auge geradezu zwanghaft die technische Schönheit fixierte und das (klassische) Stück in einer eigentlich sensationellen Inszenierung nurmehr als Tanz um das Goldene Kalb wahrgenommen wurde.

Ich wünschte mir eine umfassende Aktualisierung dieser zehn Gebote. Vielleicht auch mit Ergänzungen für Künstler, die von einem Geschäftsmann engagiert wurden.

Überall sind Orientierungshilfen vonnöten. Herr Stubenzweig, übernehmen Sie die Weltherrschaft!




jean stubenzweig   (10.02.11, 10:49)   (link)  
Ach Kutte,
immer wieder schön, Dich zu lesen. Du bist der aktuellste, den ich kenne. Aber ich fürchte, Du gehörst längst zur Altpapiersammlung, selbst in digitalsierter Form. Nur noch gelesen von denen, die nicht in die Postpostpost- und sonstwas Moderne eintreten wollen.

Mich erinnert das an die Zeit, als es losging mit der Einführung in den Kunstmarkt. Im zweiten Semester. An der Kunstakademie. Egal welcher. Dozent (mit Honorarprofessur) der jeweilige Direktor der städtischen Galerie oder der des Landes. Und es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis Kunstmarktkniggisch im Kindergarten parallel zum Chinesisch des Wirtschaftlichen gelehrt werden wird.

Besternte Neukarossen zu Straßenbahnen! Pharma- und Nahrungsmittelindustriepipelines zu Abwasserröhren. Nur ordentlich durchgespült gehören sie vorher. Beide.















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