(Musik-)Experten für die Altenpflege

Zwar behaupte ich gerne, mit zunehmendem Alter kehre zwischenzeitlich wenigstens meine Langzeiterinnerung zurück. Doch seit ich überhaupt keine Stoffe aus Drogerien mehr zu mir nehme, scheint mich auch noch das Kurzzeitgedächtnis zu verlassen. Irgendetwas drängt mich zunehmend aus der Mitte (des Lebens?). Also nehme ich einfach mal so Altenpflege aus meinem kleinen, um so geschätzteren Lesezirkel in Anspruch.

Irgendein abendliches Kunst-TV-Magazin ging gestern aus sich und dem Programm heraus mit einem zweiundzwanzigjährigen Sänger von der Insel der Angeln und Sachsen. Dessen Namen habe ich, wie zu erwarten, bereits wieder vergessen. Sein Vortrag allerdings ist bereits seit den ersten Takten und seiner Stimme wegen in meinen offensichtlich gerade noch verbliebenen Windungen hängengeblieben. Vermutlich eher weniger wegen dessen Musik, sondern mehr, weil sie sofort eine (durchaus positive) Erinnerungsstarre in mir auslöste. Da gab es nämlich einen US-Amerikaner, dessen sinistre Balladen sogar mich der Popularmusik eher Abgeneigten Anfang der Achtziger derart ergriffen, daß ich mir seine beiden Schallplatten kaufte, die ich immer und immer wieder abhörte. Doch nicht nur der Name des Jüngeren ist mir entschwunden, ebenso der dieses Urhebers, den ich nun suche, obendrein auch dessen Vinylscheiben, so daß ich nicht mehr nachschauen kann, wie er hieß. Ja, richtig: hieß. Denn das ist das einzige, das mich an diese Personalie erinnert: Irgendwann in jungen Jahren stürzte er nämlich mit einem Flugzeug ab, dunkel schwant mir, es müsse ein kleines gewesen sein, für das er eigens einen Pilotenschein erworben hatte, er seine Klänge also alleine mit in die Hölle genommen hat, an deren Vorhof ich immer dachte, wenn er mit fast unterdrückter, aber möglicherweise gerade deshalb ausdrucksstarken Stimme seine Klagelieder sang. Vom Klang her wäre eine entfernte Nähe zu Tom Waits zulässig, aber nicht so verraucht-kneipig, denn diese Lieder unterschieden sich in ihrer dramatischeren Erzähltechnik musikalisch erheblich, da waren wesentlich mehr sängerische Kunstfliegereien enthalten.

Ob mir jemand zu meiner Erinnerungs verhelfen kann? Und sollte jemand gestern auch an diesem Kulturmagazin hängengeblieben sein, von dem ich eben ebenfalls nicht mehr weiß, welches es war, dann könnte er mir vielleicht auch noch den Namen des jungen Insulaners von der Alten Welt nennen.
 
Di, 01.03.2011 |  link | (3643) | 15 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ohrensausen


charon   (01.03.11, 08:31)   (link)  
Papier und Bleistift
lagen (laut Selbstaussage) nächtens dem Geheimrat immer griffbereit, um spontane Gedankenblitze oder Literatenträume directamente in die Sophien-Ausgabe hinein zu schreiben. Vom Geistesfürsten (das Adelsthema!, das kriegen Sie hier nun nicht mehr los) lernen, heißt Fragen vermeiden, die kaum einer beantworten kann.

Von den vielen bei Flugzeugabstürzen umgekommenen Musikern kenne ich nur einen, den größten dieser Gattung: Buddy Holly. Der aber würde die Marathonstrecke der Erinnerung prüfen und wenigstens die wird bei Ihnen doch funktionieren. So wie bei meiner verstorbenen Großmutter, deren letzten Lebensjahre sich ausschließich zwischen 1925 und 1945 abspielten. Und da das bei mir zeitweise so ähnlich war, haben wir uns eigentlich ganz gut verstanden.


jean stubenzweig   (01.03.11, 09:05)   (link)  
Dieser Geheimrath
hat mir gerade noch gefehlt. Fehlte dem nicht jede Beziehung zur Sangeskunst? Und das mit dem Griffel und dem Täfelchen neben dem Bett habe ich ohnehin aufgegeben, seit ich festgestellt habe, also seit etwa zwanzig Jahren oder noch länger, wie wenig es nutzt – nachdem nämlich alle erdenklichen Versuche gescheitert waren, diese ganzen im Traum verfaßten perfekten Essais auch nur ansatzweise festzuhalten. Außerdem fand ich das gestern abend nicht weltbewegend genug, um einer Notiz wegen aufzustehen. Nun gut, es rächt sich. Denn seit einer Stunde versuche ich selbst herauszubekommen, wie die hießen, der junge und der alte. Von wegen Internet und alles wissen. Die Kulturmagazine rücken nichtmal mit dem Engländer heraus, der zum Schluß der Sendung sein Lied angestimmt hat.

Aber zu Ihnen: Vermutlich ist's gut so, daß nämlich Sie ein Experte sind, wenn auch anderer Denkrichtungen aus Omas Zeit. Buddy Holly. Pah. Wußte der überhaupt, Absturz hin oder her, was sinistre Gesänge sind? Ich hab den nur als Geräuschhersteller in Erinnerung. Aber da die eben dahingegangen ist, ist's durchaus möglich, daß ich da mal wieder was verwechsle.


charon   (01.03.11, 09:20)   (link)  
Also nicht, daß ich, wie unser ehemaliger Außenminister und Vizekanzler, ein "alter Rock'n Roller" wäre, aber Buddy Holly würde ich durchaus zu den Großen seines Metiers zählen. Man fragt sich, was wäre gewesen, wenn... dann aber auch wieder und was, wenn nicht? So kompliziert ist das Kontrafaktische.

Den Traum schreiben, das Genre der Vergeblichkeit.


jean stubenzweig   (01.03.11, 17:44)   (link)  
Den Traum schreiben,
wußt ich's doch, daß es dazu bereits was gab. Von Ihnen. Vom Geheimrath.

Den Alt-Rock'n'Roller habe ich neulich gesehen. Er sah Buddy Holly bereits ziemlich ähnlich. Und Hochdeutsch konnte der sicherlich auch nicht.


nnier   (01.03.11, 10:01)   (link)  
Uli Hoeness, Uwe Barschel, Manchester United, AC Turin, die sambische Nationalmannschaft - runtergekommen sind sie alle, und doch will mir niemand in den Sinn kommen, auf den Ihre Beschreibung passt. Vielleicht werden Sie hier fündig? Auf jeden Fall kann man dort etwas lernen: "Das Leben eines Musikers ist tückisch. Viele sterben an Drogenmissbrauch, Schießereien oder sogar verärgert Fans [...]"


jean stubenzweig   (01.03.11, 10:32)   (link)  
Sarkast oder Zyniker?
Guter Nnier, da tun sich ja Seiten auf. Sie verblüffen mich.

Nein, der ältere von den beiden war nicht so bekannt, als daß er in solche eine Ehrenliga aufgenommen worden wäre (und den jungen scheint noch kaum jemand zu kennen).

Eine Spur meine ich aber in meinem Resthirn entdeckt zu haben: Tim oder Tom hieß er mit Vornamen und irgendwas mit ly oder ley oder so ähnlich hintendran am Hauptnamen, vornedran vielleicht Bud oder so. Glauben heißt nicht wissen.


seemuse   (01.03.11, 11:03)   (link)  
tim buckley?
aber der ist meines wissens nicht mit dem flieger abgestürzt und darum lieg ich wohl falsch mit meiner vermutung.
(trotz dem sei er Ihnen von mir ans herz gelegt)

PS:
http://www.youtube.com/watch?v=k979vtl-f_c&feature=related

(ich hoffe, es wird Ihnen erlaubt, es zu hören)


jean stubenzweig   (01.03.11, 11:52)   (link)  
Wegen Gemeingefährlichkeit
muß man mir das Gehirn wohl nicht mehr entfernen. Da ist nichts mehr. Aber ich muß schließlich auch nicht zurücktreten, obwohl ich das beinahe getan habe vorhin bei meinem immer freundlichen Nachbarn Nnier. Ach je. Man vergebe mir. Und etwas bekannter war er wohl auch. Auch geschah es nicht in den Achtzigern, sondern in den Siebzigern. Obendrein ist er auch nicht mit dem Flugzeug, sondern anders abgestürzt – wie von unseren bremischen Musikexperten treffsicher angekündigt: «Am 29. Juni 1975 früh um 9.42 Uhr starb Tim Buckley in der Notaufnahme des Santa Monica Hospitals. [...] Im Glauben, es handle sich um Kokain, [...] habe Buckley eine Prise genommen. Es habe sich aber um unverschnittenes Heroin gehandelt.»

Der junge Brite (von dem ich allerdings noch immer nicht weiß, wie er heißt) von gestern hatte inhaltlich wie auch äußerlich etwas von Buckley.

Und nun, da ich den Namen kenne, werde ich hoffentlich die Platten auch wiederfinden.


seemuse   (01.03.11, 12:01)   (link)  
wenn Sie sie wiedergefunden haben, sagen Sie mir, welche Sie besitzen? hach!...tim buckley...*seufz*


jean stubenzweig   (02.03.11, 07:18)   (link)  
habe ich mit Sicherheit. Und vermutlich dürfte sich, wenn ich den Karton oder den (Ver-)Grabungsort denn finde, Greetings from L. A. hinzugesellen. Es kann jedoch sein, daß es noch eine dritte gibt, vermutlich seine erste von 1966: Tim Buckley; bekannt kommt sie mir vor.

Wenn ich sie denn ausgegraben habe, müssen sie sofort auf den Teller meines edlen Schneewittchensargs. Das dürfte ihnen nicht weiter wehtun, denn vermutlich könnte ich sie ohnehin mit dem Daumennagel abspielen. Schließlich gab es Zeiten, als ich noch keinen Cassettenrecorder besaß. Denn als ich dann einen mein eigen nannte, hatte ich begonnen, alle meine neuen Platten sofort auf Band zu überspielen, um sie zu schonen. Deshalb haben fast alle meine Vinyls Neuwertcharakter. Allerdings wurden bei von mir favorisierten Produktionen von links des Rheins die Kratzer grundsätzlich mitgeliefert, so daß französische Unstimmigkeiten also einen erheblichen Anteil an meiner Sammlung haben. Wettgemacht wird das von etwa der anderen Hälfte meines Scheibenstapels, von den andersseitig beschriebenden Hüllen des Begehrens. Deren Inhalte waren und sind bisweilen von einer Reinheit, als hätte Rudolf Steiner im Kreissaal auf ein Mäuslein gewartet und einen Berg zur Welt gebracht.


mifasola   (01.03.11, 13:24)   (link)  
Meinen Sie...
... mit dem jungen Insulaner eventuell James Blake? Singt, kommt aus London, ist 22. (Klavier kann er auch...) Wenn Sie seinen Namen mal in die Tube drücken, gibt es was für die Ohren. Zum Beispiel hier.


jean stubenzweig   (01.03.11, 16:42)   (link)  
Dieser junge Mann
ist's, jawohl. Ich war tatsächlich noch selber draufgekommen. Nein, auf der Suche nach der Berichterstattung über die Hintergründe bzw. Anfänge der Vorbereitung für eine neue politische Karriere erreichte mein Hilferuf offensichtlich auch den nördlichen Sender, der sein Kulturjournal daraufhin nochmal ins Rennen schickte. Er war es, der im Hinblick auf einen Auftritt des Briten in Hamburg (Mitte April) ihn die Sendung abschließen ließ, und zwar mit diesem Lied. Und ich bekam erneut die Nähe zu Tim Buckley bestätigt. Damit erhebe ich allerdings keinesfalls einen Plagiatsvorwurf. Lediglich eine musikalisch-erzählerische, also geistige und somit interessante Verwandtschaft scheint mir hier vorzuliegen, die mir durchaus behagt. Daran ändert auch der Anfang des neuen Jahrtausends entstandene Gattungsbegriff Dubstep nichts, von dem ich noch nie gehört und gelesen hatte. Aber ich bin auf diesem Gebiet ohnehin arg unterbelichtet.

Wie auch immer – ich bin umgeben von Wissenden. Was tät' ich bloß ohne Sie alle?


mifasola   (01.03.11, 17:01)   (link)  
Dubstep
war mir auch neu. Auch das bzw der also kein Plagiat.


jean stubenzweig   (01.03.11, 17:35)   (link)  
Der Beweisführung
der Wikipedia-Experten kann ich nicht so ganz folgen. Und irgendwie, ich kann mir nicht helfen, liest sich das ein wenig zusammengeschrieben; die Methodik ist mittlerweile ja hinlänglich bekannt. Oder ein absoluter Fachmensch hat James Blake einen kleinen Dubstep hineinkomponiert. Aber möge man mir daraus bitte keinen juristischen Strick drehen, weiß ich doch schlicht zuwenig. Denn ich bin ja eher spezialisiert auf das Nichtspezialisiertsein.


jean stubenzweig   (02.03.11, 19:07)   (link)  
«Ein klassischer Dubstep»,
lese ich bei EineMaria: «Es hallt und wummert», was wohl kennzeichnend ist für diesen Gattungbegriff. Bei James Blake? Ich weiß wirklich manchmal nicht, wo die wissende Wikipedia-Welt ihre göttlichen Eingebungen herbekommt. – Aber ach, das sind ohnehin lediglich Fußnoten, auf die es bekanntlich nicht ankommt.















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