Realität versus Satire

Es gibt keine Feinde mehr. Der eine ist endgültig in seine Partei integriert, der andere überlebt kaum mehr als in Bildern der Erinnerung — als die Schwarzen noch farbecht waren und noch nicht so bunt gesprenkelt.

Der Kandidat

«Sagen Sie den Menschen, daß diesmal um unser Schicksal gewürfelt wird. Sagen sie ihnen, daß sich keiner mehr dem Wellenschlag der Politik entziehen kann. Es gibt kein Glück im stillen Winkel mehr. Sagen Sie es den Verschlafenen, Verdrossenen, Saumseligen, Letscherten und Lapperten in diesem Lande.»

Der Kandidat — Original-Ton. Wiedergehört am vergangenen Freitag im Münchner ARRI-Kino. Da hieß es ‹Leinwand frei› für den großen Schauspieler, den Selbstdarsteller Franz Josef Strauß. Eine seiner Lieblingsrollen ist die eines Führers, der Führer eines Landes, das auch das unsere ist. Für diesen Part probt er bereits dreißig Jahre.

Daß er die Hauptrolle bekommt, wollen viele Menschen verhindern. Die einen rocken gegen rechts, andere machen Bücher wie Aus Liebe zu Deutschland, Kabaretts widmen ihm ganze Programme, und wieder andere machen Filme wie Der Kandidat.

Sie heißen: Volker Schlöndorff und Alexander Kluge, Stefan Aust und Alexander von Eschwege. Die ersten beiden Spiel-, die anderen Dokumentarfilmer. Theoretisch finden alle vier Gnade vor den Augen des Großen Bayerischen Vorsitzenden: Sie haben Abitur. Entstanden ist der Film auf Vorschlag von Theo Hinz, dem Geschäftsführer des Filmverlags der Autoren, der sich eine Fortsetzung des Films Deutschland im Herbst vorstellte. Und um aus Deutschland im Herbst 1980 keinen zweiten, dritten oder werweißwievielten Frühling des politischen Stehaufmannes Strauß werden zu lassen, haben die vier Filmer zurückgeblickt. Aber leider nicht im Zorn.

Ob Der Kandidat den Kandidaten in seiner Rolle erschüttern wird, ist fraglich. Andererseits: Was hat diesen ‹Vollblutpolitiker› je wirklich aus seiner Umlaufbahn geschossen? Die Biographie von Strauß liest sich wie ein Politik-Thriller: Hispano Suiza, Spiegel, FIBAG oder Onkel Alois, Starfighter heißen die Stationen, die Affären. Daran zu erinnern, ist das Anliegen des Films, im Dokumentarischen liegt seine Stärke. Denn wer von uns weiß noch genau, wie das war?

Daß Strauß als Verteidigungsminister den Schützenpanzer HS 30 zu einer Zeit kaufte, als das Kriegsgerät lediglich im Holzmodell existierte; er wegen des «landesverräterischen» Artikels im Spiegel dessen Redaktion ausheben und den damaligen Chefredakteur Conrad Ahlers über sämtliche (juristisch legitime) Grenzen hinweg in Spanien verhaften ließ. Auch der plötzliche Reichtum seines Nenn-Onkels Alois und die zahlreichen runtergefallenen Starfighter sind bei vielen von uns der Schnee zweier vergangener Jahrzehnte. Das alles holt Der Kandidat aus unseren Hinterköpfen hervor, hilft den Jüngeren bei der Aufarbeitung bundesdeutscher Geschichte.

Und das, obwohl ARD und ZDF den Autoren den Zugang zur verfilmten deutschen Nachkriegsgeschichte verweigerten! Im Wahljahr könne man sich das nicht leisten, war die Begründung des elektronischen Meinungspools.

Der Hauptinitiator des Films, der Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff, ist der Meinung, daß nicht von Strauß die Gefahr ausgeht, sondern von der «Trägheit unserer Gesellschaft, die bereit ist, eine mehr oder minder funktionierende Demokratie aufzugeben und sie einem sogenannten starken Mann zu überantworten». Diese These bestimmt auch den Film. Hätte der starke Mann Strauß gewußt, wie wenig ihm das Vierergespann auf die Zehen tritt, die Kamerateams wären bei den Dreharbeiten am Ort nicht immer wieder ‹rausgeflogen›. Strauß bei der Arbeit, in der Familie, als noch ranker Jung-Politiker unter Adenauer, als Hochzeiter und ballspielender Vater. Immer ein bißchen verschwitzt und auch verschmitzt, ein Unikum halt. Selbst wenn er in Passau vor Tausenden seine Sozialisten-Hatz runterbelfert, kann er einem in diesem Film fast leid tun. Ihm verhagelt's darin viel öfter die Sprache als dem Kinogänger.

So gesehen sind die (kommentarlosen) Bilder und Original-Töne am interessantesten und aufschlußreichsten, die diese schauerlich-herbstliche Stimmung im Deutschland der achtziger Jahre zeigen: das von den Massen in der Passauer Nibelungenhalle gesungene Deutschland-Lied (zu dessen dritter Strophe Strauß — demonstrativ? — schweigt); unser Proporz-Bundespräsident auf Wanderschaft in der Lüneburger Heide («Finden Sie nicht auch, daß es nicht mehr so stark regnet?»). Auch die Parallelität der beiden Führungspolitiker ist frappierend dokumentiert. Da macht der Film spätestens den dramaturgischen Schlenker in die informative Satire, vervollständigt von der Gegenüberstellung des Gründungsparteitages der ‹Grünen› und einem Luftwaffenball und der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht in dessen Amtssitz — beide im Glauben, daß die Kamera noch nicht läuft.

Nach gut zwei Stunden Der Kandidat resümierte ich mit dem Passauer Kabarettisten Siegfried Zimmerschied: Die Satire ist nicht in der Lage, die Realität einzuholen. Der Kandidat ist (am Ende) Satire. Stoppen dürfte Der Kandidat den Kandidaten kaum. Allenfalls könnte er ein bißchen nachdenklich machen, allerdings nur diejenigen, die das ohnehin tun: nachdenken nämlich.


Flohmarkt: savoir-vivre, 1980
 
Mo, 02.05.2011 |  link | (1516) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kamerafahrten


nnier   (02.05.11, 13:06)   (link)  
Das klingt nach einem Film, den ich sehen muss. Diese Art von Dokumentationen hat mich schon immer interessiert, und auch wenn man meinen könnte, dass das alles Schnee von gestern ist: Man bekommt zumindest das Gefühl, einige Dinge im nachhinein besser deuten und verstehen zu können. Vor Jahren gab es nachts eine "Kohl-Rolle" (oder so) in einem Dritten Programm, es waren nichts als unkommentierte O-Töne aus verschiedenen Phasen seines Polititkerdaseins, stundenlang, und ich lauschte und schaute fasziniert.


jean stubenzweig   (02.05.11, 15:00)   (link)  
Schnee von gestern?
Nun ja, dem einen taut er unter den Füßen weg, ohne daß er merkt, wie die Landschaft sich verändert hat, in der er sich bewegt – oder eben auch nicht. Der andere schaut sich die Überbleibsel an, nicht zuletzt, weil er weiß, daß auch viele Sommer lang das endgültige Verschwinden nicht bewirken. Sie kennen meine Meinung zum Thema Geschichte, auch der jüngeren. Die einen oder anderen interessiert das tatsächlich. Deshalb setze ich ganz gerne mal Duftnoten der Erinnerung. – Denk' ich an Kohl in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht. Bei dem kriege ich heute noch Blähungen. Nicht so sehr, weil er zeitlich näher dran ist, sondern eher, da der Kandidat im Vergleich zum Pfälzer noch übersichtlich war.

Der Film selbst ist offensichtlich ziemlich untergegangen. Aber ich könnte mir vorstellen, daß man ihn irgendwann mal aus den Archiven gräbt und gegen ein Uhr früh sendet. Für solche, die partout nicht konsequent nach vorne in die Zukunft schauen wollen. Ich werde nie die Rufe vergessen, die in den Sechzigern sehr laut erschallten, irgendwann müsse doch endlich mal Schluß sein mit diesem Nazi-Kram ...


kopfschuetteln   (02.05.11, 19:51)   (link)  
allein der anspruch: auf die «Trägheit unserer Gesellschaft, die bereit ist, eine mehr oder minder funktionierende Demokratie aufzugeben und sie einem sogenannten starken Mann zu überantworten» hinzuweisen, ist ja heute und morgen kein schnee von gestern. bzw.: neuschnee in form von sogenannten lichtgestalten, bleibt uns nicht erspart; diese art trägheit kennt kein auslaufmodell.

ich kenne den film leider nicht (noch nicht). und, vielleicht ist die realität von zeit zu zeit die beste satire (je mehr man darüber nachdenkt).


jean stubenzweig   (03.05.11, 07:47)   (link)  
Richtig, die Aktualität
ist alleine dadurch hergestellt. Und auch wenn ich die philosophische Weisheit vom nachgelassen habenden Regen lese, fallen mir sofort weitere Führungspolitiker ein. Den damaligen Bundespräsidenten hat dieser Tage Guido Knopp, der Pressesprecher des Verbandes des deutschen historischen Fernsehgewissens, übrigens alleine wegen dessen Wanderleistung von über siebentausend Kilometer im Jahr als vorbildlich dargestellt. Nicht wie der Vorgänger Hoch auf dem gelben Wagen. Zu Fuß! Das Leben ist nicht aufzuhalten. Bleiben Sie uns treu ...


kopfschuetteln   (05.05.11, 11:05)   (link)  
vorbildlich war übrigens ein gutes stichwort, das ist mir aber erst später "aufgegangen".


jean stubenzweig   (05.05.11, 14:34)   (link)  
Ach ja, Vorbilder.
Alles friedlich ...















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