Revoluzzionäre Kulturauflösung

«Ein Überohr ist kein Überbein. Vielmehr könnte man denken, daß ein Überohr eine Art musiktheoretischer Übervater ist. Etwa der alte Musiklehrer aus der Oberstufe, der als Mann im Ohr in einem fortwirkt. Ein Überohr scheint ein Organ zu sein, mit dem sich über den Musikgeschmack wachen läßt — den eigenen wie den des Zeitgeists.

Ein solches Organ gab es tatsächlich. Es stammte natürlich von keinem Musiklehrer. Schon gar nicht in den frühen 1970ern, wo obrigkeitsstaatlich noch streng zwischen Hoch- und Trivialkultur geschieden wurde, zwischen U und E. Es kam vielmehr aus Hamburg und nannte sich Sounds. Mit Sounds verlor die Trivialkultur ihre Trivialität und wurde zur Popkultur geadelt.»
Wer sich hinter diesem Pseudonym verbarg, erfuhr ich erst Mitte der siebziger Jahre. Das hatte sicherlich damit zu tun, daß ich zuvor zwar auch, aber nicht so intensiv U hörte, da mir die als elterlich-pädagogischer Ernst des Lebens injizierte Droge E kindheitsgeprägt so beharrlich durch die Synapsen floß wie anderen die Rosenkränze aller erdenklichen Religionen. Sounds gehörte demnach nicht unbedingt zu meiner nächtlichen Hotelschubladenlektüre. Das war war eher das Revier solcher Rebellen wie Hans Pfitzinger, der für das Rock'n'Roll-Blatt von San Francisco aus hin und wieder musikalische Depeschen ins östliche Übersee kabelte, wie überhaupt etwa die Beat-Dichter oder Love and Peace sein Thema waren. Aber als der mir eines Tages erklärte, daß dieses überdimensionale Ohr nicht nur Unterhaltung kannte und konnte, sondern für mein Verständnis auch Ernsthaftes äußerte, da war ich dann doch ein wenig überrascht, war mir Helmut Salzinger bereits seit längerem bekannt. Er gehörte mit zu den ersten, die sich mit dem 1967 erschienenen und später legendär werdenden, ziemlich dicken und von mir heute völlig zerlesenen Taschenbuch der Wiener Gruppe beschäftigten. Dort fühlte ich mich eher beheimatet.

Andererseits waren die Entfernungen dann doch wieder nicht allzu groß, oder aber: Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Ernst hatten begonnen, zu zerfließen, hatten auch bei mir bereits Auflösungserscheinungen gezeigt. Die Wiener um den gleichnamigen Vater einer heute so erfolgreich das Fernsehen bekochenden Tochter mit alttestamentarischem Namen hatten spätestens seit Mitte der Sechziger die Trampelpfade der eindimensionalen Menschheit verlassen, waren mit Vorbereiter dessen, was ab '68 endgültig als Muff aus tausend Jahren aus den Talaren gedampft werden sollte. Gemein war alldem der jeweils schlechte Einfluß auf junge Menschen, die schließlich arbeiten oder studieren sollten und nicht revoluzzern oder gar revolutionieren. Was letztlich daraus werden sollte, ist bis heute sichtbar am Beispiel der sich innerhalb der Grenzen Europas hartnäckig haltenden Kriminalitätsvorbeugung titels Schleyerfahndung.

Ernsthafter Kinderkram also. Und selbst der ist ursächlich zurückzuführen auf die Wiener Gruppe, die es nach Friedrich Achleitner als solche nie gegeben hat, war sie es doch, wie mir mal ein Jazzmusiker aus deren Umfeld nächtens bei anderen Drogen ins Unterohr balladierte, die die alte Revolution nach- und die dann kommende quasi vorspielte. Auch den hier kürzlich erwähnten Niedergang einer Illustrierten hatten die Wiener bereits vorgezeichnet. Ein Reporter des Bildblattes wurde seinerzeit tief unten in den Kellern der Kaiserlichen und Königlichen Metropole wegen seiner Verbreitung von wirklichen Unwahrheiten von einem Volksgerichtshof zum Tod durch das Fallbeil verurteilt. Man ließ ihn zwar wieder frei, aber die Revolution war immerhin eingeläutet. Jedenfalls als Terminus technicus der Werbeindustrie. Nicht nur der Popokultur.
 
Di, 30.08.2011 |  link | (1983) | 7 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ohrensausen


kopfschuetteln   (30.08.11, 20:08)   (link)  
ich finde die unterscheidung in u und e sinnlos. eher kann ich mich noch mit trivial oder nicht trivial anfreunden. aber, ich bin ja "erst" in die siebziger geboren, vielleicht deshalb.
e ohne u? ernsthaft? das erinnert mich an zwölftonmusik

abseits (wie fast immer, eigentlich):
"Die radikale Konsequenz aus der Pop-Art hätte nämlich bedeutet, die Wirtschaftsfragen im Feuilleton zu untersuchen."
schade, eigentlich, das wäre genial.


jean stubenzweig   (31.08.11, 10:00)   (link)  
Mit der Trennung zwischen E und U
dürfte meine Generation im allgemeinen aufgewachsen sein, je nach Aufgeschlossenheit derer, die ihren Kindern das Leben erleichtern oder erschweren wollten. Bei mir war es die Mutter, die mir das Dogma reiner Musik mit auf den Weg zu geben versuchte (und heimlich in Konzerte mit Negermusik schlich). Das hat mich geprägt und noch lange an einem gewissen Purismus auch im Jazz festhalten lassen, mit dem ich mich bereits von der zuhause immerfort gespielten Musik befreit hatte. Den Knoten durchschlagen hat bei mir Miles Davis mit Bitches Brew. Dadurch habe ich mich überhaupt erst ein bißchen mit dem beschäftigt, was gemeinhin als Rock bezeichnet wurde. Zuvor kannte ich nur Rock'n'Roll, das war für mich bis dahin Bill Haley und ohne weiteres vernachlässig- oder auch abschaltbar; bei Beatles und Stones bin ich mitgeschwommen, weil es anders gar nicht möglich war. Sicher, ich hatte zuvor auch umnebelt Jefferson Airplane, Jethro Tull und andere gehört, bin sogar auf Beethovens Neunte über die Tanzfläche gehüpft, bei der man ja eigentlich andächtig und ehrfurchtsvoll stillzusitzen hat. Aber daß das musikalisch als Pop-Kultur bezeichnet wurde, hat mich seinerzeit nicht sonderlich interessiert. Das dürfte mit ein Grund sein, daß ich zwar Helmut Salzinger früh kennengelernt, aber Jonas Überohr erst später wahrgenommen habe. Heute, besser: seit dieser Zeit bin ich offen und käme nicht mehr auf die Idee, da irgendwo trennen zu wollen. Unterschiede mache ich allenfalls zwischen trivial und banal. Wobei selbstverständlich die einen oder anderen als unerträglich empfinden dürfen, was mich in Verzückung bringt.

Und, ach ja, Genelon, dessen Meinung bzw. Sachverstand zur Musik schätze ich ohnehin sehr. Zu den Freunden (frei nach Farcebuch) des von ihm Kritisierten gehört ein ebenfalls in der hiesigen Gemeinde tätiger Musikverleger, dessen Äüßerungen ich nach anfänglichem Widerstreben dann doch mal kommentieren mußte.

Und warum «abseits»? Ich lasse mir gerne Wirtschaftsfragen im Feuilleton beantworten. Oder möchte jemand behaupten, das versammelte Expertentum hätte genauere Begründungen dafür, weshalb Börsenkurse Veitstänze aufführen? Dann gebe ich mich gleich Spekulationen hin – die mir dann zumindest formal Vergnügen bereiten.


kopfschuetteln   (01.09.11, 12:39)   (link)  
meine eltern hatten mit musik, insbesondere im fach e, nicht viel am hut und auch wenn ich ein instrument zu spielen gelernt habe (außer der blockflöte): ich leider auch nicht. ich lese gerne, wenn dann mal was zu lesen ist von joachim kaiser und denke: was man alles wissen kann über musik. oder ich höre klassische musik im radio und denke, wenn zu hören ist: und hören sie den unterschied zwischen den variationen? und denke: nee, aber schön ist es trotzdem. ein einschneidendes musikerlebnis hatte ich mit zehn oder elf schon: „abba – der film“ im zeltkino. ganz eindeutig ein u. ich würde einen theaterabend immer einem konzertbesuch vorziehen, aber auch nicht wegrennen, ginge es ins konzerthaus – aber vor allem aus distinktionsgründen? das wäre mir zu dumm. und somit war ich schon ein mal echt im konzert, im gewandhaus im schönen leipzig 1988, lange ist es her.
auf beethovens neunte über die tanzfläche zu hüpfen scheint mir jedenfalls freudvoller zu sein als ehrfurchtsvoll stillzusitzen.

na! ich weiß jetzt nicht ob sie die „fachexperten“ des feuilletons oder des wirtschaftsteiles meinen, die genauere begründungen hätten. ich möchte sagen, ich lese relativ viel feuilleton, sollte mir entgangen sein, daß sich deren autoren um wirtschaftsfragen bemühen bzw. –antworten. es klingt mal an, wenn es darum geht, daß kunst geld kostet (wirklich unerhört), aber damit hat es sich dann auch. leider. ich möchte meinen, da gibt es nach wie vor eine strenge trennung.


g.   (01.09.11, 04:15)   (link)  
Jonas Überohr war mir völlig aus dem Gedächtnis geflutscht. Das ist verdammt schade. Herzlichen Dank fürs zurückholen.


jean stubenzweig   (01.09.11, 10:40)   (link)  
Bitte. Gern geschehen.
Er wäre auch mir entfleucht, hätte ich nicht bei den Wiener Aktionisten historisch gründeln müssen, wobei mir nebenbei ein gewisser Salzinger wiederbegegnete. Und dann war mir eingefallen, daß ich bei Hugh Hefners Ballerinenpostille selber mal ein paar freundliche Takte über ihn komponiert hatte.


einemaria   (01.09.11, 21:19)   (link)  
meine zeitung hat zum glück kein feuilleton :(


jean stubenzweig   (02.09.11, 09:21)   (link)  
Ebersberger Nachrichten?
Die haben dafür Lebensart. Und die empfiehlt: «Schreiben Sie kurze Sätze. Denn die kann man schneller erfassen. Laut einer Untersuchung hat ein Satz in der „Bild“-Zeitung 4,8 Wörter.»















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