Schwarz-weiß-Malereien

Aus einem Frau Braggelmanns petersburgische Wände zierenden Zyklus des Jahres 1985 von Cosy Piero

Am untersten Rand des Linksrheinischen, dort, wo ich in einem Randgäßchen des Reiserummels eine der besten Fischsuppen des Kontinents gegessen und auf dem zentralen Platz manch eine ruhige Boule zum Pétanque geschoben habe, unterhalb der mit über dreihundert Metern höchsten europäischen Klippe, auf der ein glatzköpfiger, seinerzeit in England Bälle fangender und Pfund Stirling sammelnder Fastmarseillais neben altem Adel thronte, amusierte ich mich im vorgerückten Sommer des Jahres 2000 frühmorgens um fünf mal bestens über eine übriggebliebene Restformation des Jubels, die nur noch mit Mühe Allez les Bleus aus den vom tage- oder gar wochenlangen Saufen völlig ausgetrockneten Kehlen brachte. Das fröhliche Ereignis war ein marginaler Beleg dafür, daß die Gewässer der Calanques östlich von Marseille nicht nur in diesem von der Mehrheit gespriesenen und deshalb wohl auch ständig abgelichteten kitschpostartigen Turquise bleu oder vert blinken und blitzen, sondern daß die Welt ihrer Palette einige Farbgebungsmöglichkeiten mehr aufgelegt hat als das kompositionell beschränkte Weiß-schwarz-Denken derer, die sich als christlich in sieben Tagen Mitschöpfende nicht nur in Bekannt-, besser Heiratsgesuchen, als Caucasian gerne mehr oder minder klammheimlich nach wie vor als Herrschende über alle anderen empfinden. Frankreich hatte zumindest fußballerisch das beste aus seiner einst fragwürdig erfolgreichen Kolonialpolitik herausgeholt und seine Schwatten Perlen wenigstens zeitweise dem Volk zugeführt.

Als altausgewiesener Anhänger und eine Zeitlang auch als Wortführer einer Bastardisierung der Welt freue ich mich über die teilweise positive Entwicklung (endlich) auch in Deutschland. Anfang der Neunziger hat ein lieber Freund selig meine im Land der Dichter und Denker oder auch des christlich-jüdischen Kulturkreises häufig mit hochgezogener Augenbraue quittierten Wahrnehmungen auf meine Bitte hin mal trefflich essayistisch festgehalten. Meine rassisch unreinen Neigungen mögen in der Ursuppe meiner Sozialisation wurzeln, die mich von allerkleinst an mit allen erdenklichen Pigmentfärbungen konfrontiert hat, da meine nomadisch geprägten Eltern mich durch drei Kontinente karrten und ich als gerademal der geistigen Kindheit Enthüpfter ein Leidensjahr im damaligen, zwischen Rassen und Klassen streng trennenden Altenheim der Gutsituierten des Südostens verbrachte sowie den südlicheren später, als ich mich bereits in der Phase des geriatriebedürftigen Gehirns oder auch immer näherrückenden, von manchen als Altersweisheit bezeichneten, also mit über fünfzig, näher kennenlernen durfte oder sollte. Geschadet hat's mir, zumindest was die bisweilen befremdliche Fremdelei vieler anderer betrifft, sicherlich nicht.

Mittlerweile stoße ich allerdings gar auf Ablehnung, wenn ich mein ungebrochenes Interesse an der Herkunft unterschiedlicher Menschen kundtue. Immer öfter wird vor allem in Deutschland darauf verwiesen, man sei schließlich Bürger dieses Landes, dessen wurzelnder Flugsamen schließlich bedeutungslos sei. Wenn ich wegen eines nicht ohne weiteres ortenbaren Patois interessehalber nach dem geographischen Umfeld frage, passiert mir das entschieden seltenener. Die mittlerweile assimilierten Integrationsdeutschen haben noch ein wenig Nachholbedarf. Ich hoffe, mir demnächst nicht auch noch anhören zu müssen, sie seien stolz, Deutsche zu sein. Andererseits kommt dann auch schon wieder Verständnis auf, weil Peter Bichsel mich mit seinen Schulmeistereien schmunzeln läßt. Und schließlich lernte ich ebenso einen in Anatolien geborenen Schweizer kennen, der schweizerischer nicht sein konnte als ein Schweizer, der ein Gegenüber mit Todesverachtung strafte, der es wagte, nach der Ursache seiner kleinasiatisch anmutenden Haar- und Hautfärbung zu fragen. Und wer erinnert sich nicht an diesen italienischen Kommunisten Francesco Grimolli alias Claudio Caramaschi, der so gerne schweizerisch blond gewesen wäre wie die weichgezeichneten hochklassigen Heroen samt Gespielinnen zu Pferde, die er mit lustglänzenden Augen von der stinkenden Hühnerfarm aus beobachtete, auf die er geflohen war wegen seiner mißglückten Einburgerung, der sich dann glücklicherweise doch seiner ursprünglichen Geisteshaltung erinnerte und wieder italienischer wurde, indem er die Grenze zur anderen Seite hin überschritt.

Vorgestern strahlte mein geliebter (und deshalb bisweilen frozzelnd attackierter) Yakmist-Sender einen Beitrag über deutsch-US-amerikanische Beziehungen aus, dessen Auswirkungen ich teilweise persönlich, sowohl in Deutschland als auch in den USA der sechziger Jahre, einige Male erleben mußte oder durfte: Brown Babies. Nie aus meiner Erinnerung zu tilgen sein wird diese wunderbare, köstliche Frau, die Anfang der Achtziger, als sie in der weiß-blauen Landeshauptstadt ein liebesbezogenes Gastspiel gab, wegen ihres mehr kaffebraunen als milchigen Teints ständig englisch angesprochen wurde, aber nicht eines Wörtchens dieser Sprache mächtig war; man verstand sie anfänglich ausschließlich dann, wenn man diese guttural anmutenden Laute einigermaßen zu orten wußte, weil man schonmal in den Dörfern zwischen Kötzting und der tschechischen Grenze unterwegs war, wie ich beispielsweise, da zu dieser Zeit noch nicht alle Künstler ein Atelier in der Nähe des kentischen Siebeneichen oder bei Hàwenàu im Elsaß gekauft hatten, sondern als Mieter gerne alte Bauernhöfe in Niederbayern und der Oberpfalz umbesiedelten. Sie war als Nachlassenschaft der seinerzeit noch nicht ganz so ausgeprägten deutsch-amerikanischen Freundschaft eines der glücklicheren Kinder, da ein Kleinbauer die junge Mutter trotzdem zur Frau nahm, obwohl sie bereits einen Bastard in die Welt gesetzt hatte und den um nichts in der Welt zur Adoption ins Land des Erzeugers freigegeben hätte. Letzterer war bereits in seine Ku-Klux-Klan-Heimat geflüchtet, während die Frucht noch heranreifte. Möglicherweise lehnte sie deshalb dessen Sprache so vehement ab und weigerte sich, Gummi zu kauen und diesen süßen Dunkelseich zu trinken, der als Synonym für Kapitalismus und Lifestyle dann (auch) deutsche Lande zuschütten sollte. Dunkelbraun bin i doch scho selba, Broúda, pflegte sie der Verwunderung über diese Ablehnung zu entgegen. Deshalb bevorzuge sie ein Helles, gerne durften's auch mal zwei oder drei oder so sein, und wenn sich ein Bärwurz oder Blutwurz in Ausschanknähe befand, dann wurde auch der nicht lustlos gekippt, und manchmal warns auch zwei oda so, dann aber am liebsten im heimatlichen Weiler bei Bogen, in dem sie dann blieb und sich hauptsächlich ihrem großen braunen Freund widmete; wahrscheinlich, weil sie für den nicht auch noch Germslang lernen mußte und der lieber Hafer kaute als Chewing gum.

(Kau-)Kulturadaption durch © Vollrad Kutscher

Kaugummi und Friedenskampf im Nachkriegsbayern wurde Anfang der Achtziger durchaus sehenswert von Marianne S. W. Rosenbaum thematisiert. Die Dame neben Konni Wecker, von dem damals alle nur noch Willy hören wollten, obwohl er schon ein bißchen mehr draufhatte, ist übrigens keine Schauspielerin, sondern die Kostümbildnerin Ute Hofinger. Aber in diesem Film mußte jeder irgendwie ran, sogar ich als einer von irgendwas mit Medien, und zwar auf dem Münchner Theaterfestival, wo der Stoff als Bühnenstück präsentiert worden war. Nur der seinerzeit nahezu honorarfrei arbeitende Peter Fonda war bereits wieder in den wilden Westen entschwunden, um den stumpf gewordenen Sattel seiner Karriere aufzupolieren, was sich als keine leichte Aufgabe erwies, da man dort Frieden und Niederbayern nicht nur geographisch nicht so recht einzuordnen wußte.

Ein oberbairischer Schauspieler kriecht dann noch durch meine sich zusehends öffnende Langzeiterinnerung, der lange nach Toxi (Achtung: nackte Minderjährige) eine Zeitlang als Alibineger der deutschen Mattscheibe diente. So manches angenehme Gespräch hatte ich mit dem sympathischen Zeitgenossen, und ich war lange fest davon überzeugt, auch er sei solch ein braunes Baby. Bis er mir eines Tages mit leicht erhöhten Augenbrauen, aber nicht unsanft erklärte, er sei der Sohn eines senegalesischen Diplomaten. Als ich ins Grübeln kam und ihn nach seinem Alter fragte, war mir klar geworden, daß er nun wirklich nicht in die unmittelbare Nachkriegsgeschichte gehörte.

Ursprünglich wollte ich eine völlig andere Geschichte erzählen, eine von einer jungen, herrlich milchkaffeebraun pigmentierten und hochintelligenten Kurdin, die Anfang der Neunziger auf den Fluchtwogen vor ihrer strenggläubigen Familie bei mir angeschwemmt worden war. Aber dann wurde ich von einer Logorrhoe-Strömung erfaßt und abgetrieben. Also erzähle ich das ein andermal.
 
Fr, 16.09.2011 |  link | (2591) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Gesellschaftsspiele


jagothello   (18.09.11, 21:20)   (link)  
Von Fischsuppen, Fußballern und nackten Kindern
herrlich, welche Assoziationen so möglich sind. Ich spürte immer schon tief, tief innen: Es muss nicht immer der Tatort sein, sonntags um 9. Ist das eigentlich Fortschritt, dass heute, bald 60 Jahre später, solche toxi- Filmsequenzen nicht mehr möglich sind? Vielleicht eher ein Verlust der Unschuld. Mehr Unschuld- das wäre aber doch mal etwas! Oder ach- eigentlich auch nicht...


jean stubenzweig   (19.09.11, 11:08)   (link)  
Unschuld? Ich weiß nicht.
Bei mir schwingt da immer irgendwie der Begriff Demut mit, diese altneue Tendenz des lutherisch-protestantisch, gegen wirklichen Protest gewandten Unterwürfigkeitsprinzips, das von mir gerne als Kadavergehorsam bezeichnete Hinnehmen des Gegebenen, der Knechtschaft, der in letzter Zeit geradezu nach oben fährt: das ist mir ebenso oder eben so zu katholisch. Das wird mir alles zu sehr wieder Bestandteil eines poltischen Systems, das seine Hände letztendlich fadenscheinig in Unschuld wäscht, da helfen auch keine postinquisitorische Entschuldigungen, und schon gar nicht durch einen nach fragwürdigen Methoden von einer winzigen Elite bestimmten Führer einer Insel im Weltenmeer, der nichts kennt als göttliche Macht, der von einem scheinbar säkularen, aber noch über zweihundert Jahre danach noch als Kompensation für verlorene Erträge aus den verstaatlichten Güter zahlenden Staat zum Redenschwingen eingeladen ist. Ach, ich höre damit lieber auf, sonst kriege ich schon wieder Rededurchfall. Trotz Ihres «eigentlich auch nicht ...»

Ich habe Zweifel daran, daß Toxi tatsächlich aus der Wirklichkeit verschwunden ist. Die wirklichen Tatorte finden vermutlich überwiegend außerhalb des Fernsehens statt. Und was unterscheidet eigentlich die Lüsternheit der Antike vom aktuellen und nicht minder akuten Kindsmißbrauch, und sei es den im gestrigen (von mir einzigen beachteten) Tatort thematisierten durch Eltern (womit ich beim von Ihnen angesprochenen Sozialisationsprozeß angelangt wäre)? Ach, wer weiß – am Ende mangelt es mir an der von den Kanzeln runtergepredigten Moral.















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