Tief im Hochbett der Stadtpomeranzen

Nachdem ich am Sonnabend in einem anderen Land war und der Weltverbesserer in mir mich am darauffolgenden Sonntag zwang, quasi prompt darüber zu berichten, war ich doch fast einen ganzen Tag lang nicht an meinem Automat zur kulturkritischen Veränderung des Globus', strahlt mich ein idyllisches Bild der nebelstrahligen Morgenröte an. Frau Braggelmann scheint sich in die Tiefen der Vergangenheit ihres hochbeetigen Blogs zu begeben, um ihn mit ihr wiederzubeleben. Ursache mag wohl die einhellige Meinung sein, eine Suchanfrage sei nun wahrlich kein Grund, ein gesamtes erzählerisches Werk in den Orkus zu stoßen. Von der Zustimmung für die Meinungen in der Blogger.de-Hilfe-Spalte meinerseits abgesehen und auch von der Tatsache, daß ich die kleinen, teilweise köstlich schnoddrigen Vertällschen meiner kulturellen Unterweiserin in angelschen, überhaupt holsteinischen Angelegenheiten sehr vermissen würde. Zum Beispiel die schöne Geschichte von der «gestandenen Frau im rechten Alter», der sie dabei behilflich ist, via Internet zu einem passablen Ersatz für ihren Hinnerk zu kommen.
«bis, ja, bis eines abends der entscheidende brief kam. gross, dunkelhaarig, drei-tage-bart (wie mein Harrald!) stattlich, gutgebaut, treu, romantisch, wohlhabend, mercedes s-klasse! am nächsten abend sollte das treffen stattfinden. im dorfkrug. sie putzte sich den ganzen tag heraus und war aufgeregt, wie eine 3(3)-jährige. nun, von natur aus misstrauisch, nötigte ich ihr meine begleitung auf. incognito und mit lesestoff am nebentisch selbstverständlich !

ein paar minuten später kam er dann herein. erkennungszeichen: rote nelke im knopfloch (nicht im gewehrlauf!). ein etwa 1,50 meter grosses, halbglatziges untersetztes männlein in jogginghose und jeansjacke mit fettigen, ungepflegten schulterlangen rest-haaren und mit schlappen und tennissocken an den füssen. selbstbewusst grüsste er meine mit vor staunen offenstehendem mund verharrende nachbarin und setzte sich zu ihr an den tisch. den rest seines monologes in korrekturbedürftiger grammatik und aussprache konnte ich, nur unter ziemlicher zurückhaltung lauten lachens hinter meiner zeitung, sehr gut mitverfolgen.

er sei unter lebensgefahr zu ihr gekommen. er hätte sich tarnen müssen und müsse sie nun bitten, mit ihm nach hause mitzukommen. der sicherheit wegen. er sei nämlich, dabei ein verheissungsvolles gesicht aufsetzend, ausgebildeter geheimagent, er warte auf einen einsatz, er sage nur ‹eiserner vorhang›.»
geschüttelt, nicht gerührt
Von dieser Art sind wohl einige unterwegs: gross, dunkelhaarig, Drei-Tage-Bart, stattlich, gut gebaut, treu, romantisch, wohlhabend, Mercedes S-Klasse! S wie Schwanz, der sich in den letzten Jahren aufgetane Vergleich liegt nahe. P wie Porsche, wie der Klatschreporter der ersten Klasse, den der ehemalige Kommunist und von seinem Fernseh- und Film-Publikum nicht nur zu dieser Zeit kaum wahrgenommene Dramatiker Franz Xaver Kroetz in Kir Royal so grandios verkörperte, als sei er nie ein anderer gewesen als dieser unsägliche Michael Graeter, der tatsächlich auf den nicht minder unsäglichen Festvitäten — den neodeodeutschen Komplett-Anglizismus Event sollte es noch lange nicht geben — derer um die schlich, die meinten, sie seien die Reichen und die Schönen, um die dann wiederum die schlichen oder sich an sie dranhängten, die auch dabei sein wollten, die Adebeis, wie die gegenüber den Berlinern nicht minder wortschöpferischen Münchner sie gerne nennen. Womit ich bei den zweit- bis fünftklassigen Reporterlein angelangt wäre, diese Volvo-Fahrer mit der Manta-Mentalität, die auf die Veranstaltungen dieser ganzen mehr als besser verdienenden Hubsis tanzen in der, je nach Betrachtungsweise, naiven oder schlicht von beschränktem Wissen genährten Hoffnung, er könne für sein buntes, gelbes Hochglanztratschblatt ein Interview mit dem ihn ansonsten keineswegs interessierenden Künstler herausholen. dessen Inhalt sich in der Frage erschöpft, welche seine Lieblingsfarbe sei. Ich habe diesen Typus männliche Stadtpomeranze, der mir nicht nur während meiner journalistischen Tätigkeit zwangsläufig immer wieder begegnete, da er meint, auf einschlägigen Veranstaltungen gäbe es immer was zu holen, und sei die Beute nur ein Gläschen Chamapgner und ein paar amuse-gueule, dem Gruß aus der Küche, für den späteren abendlichen Pilsprahltisch unter Kumpels oder, möge der oben beschriebene Fall nicht vergessen werden, um im Zwischennetz etwas zum besten zu geben, das hilfreich sein könnte beim Fischen im übermäßigen Angebot derer, die Anschluß im Sinn von Freundschaft, vielleicht oder wahrscheinlich gar Liebe suchen.

Ich habe mich hier zu Frau Braggelmanns kulturellem Pflegephall einige Male geäußert, bin in Beschreibungen dieses Typus in allerlei Äußerungen auch in anderen Beiträgen zur Verbesserung der Welt herumgekurvt. Meine Befürchtung, er könnte einer von den oben beschriebenen Gernegroßen sein, hat sich offensichtlich bestätigt. Sie will immer nur helfen, auch bei ihm war das der Fall. Aus welchen Gründen auch immer, er hat auf jeden Fall Sausen in seinen vom Theaterfundus ausgeliehenen Frack bekommen. Und Auslöser war lediglich ein Scherzchen, das sich in einer fast mädchenhaft kicherigen Suchanfrage äußerte. Mehr war nicht. Dafür droht er nun mit einer Anzeige wegen Rufmordes. Ob der Herr sich mit seiner Anzeigerei, die sich anscheinend nicht auf diese beschränkt, sich eigentlich im klaren darüber ist, wer hier wessen Ruf mordet? Angesichts solcher Vorkommnisse wird einem die eigene Vorsicht im Umgang mit dem Internet mehr als deutlich. Mittlerweile dauert sie mich alle, die meinen, dort Freunde, am Ende gar ihr Glück zu finden, das nicht unbedingt in Status gewandet daherkommen muß. Freunde? Vielleicht gar im kulturell gewandelten Sinn von Farcebuch? Wo alle sich hingeben, um letztendlich abkassiert zu werden.
 
Di, 29.05.2012 |  link | (1622) | 0 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4530 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 31.05.2019, 17:51



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