Zapperlott*

Enzoo erwähnte hier kürzlich Max Frisch, der ihn vom Lesen der Internationalen Brief anbielt.Jagothello kommentierte ein paar Tage danach meine nicht allzu freundlichen Anmerkungen zu den USA. Über Frischs Roman Homo Faber lauteten die Anfangszeilen in der Ausgabe 52 aus dem Jahr 1957 des Spiegel: «Jeden, der an der amerikanischen Nation etwas auszusetzen hat, hält der fünfzigjährige Schweizer Ingenieur Walter Faber für einen heimlichen Kommunisten oder böswilligen Urfeind demokratischer Menschenrechte.» Die Schwierigen oder J’adore ce qui me brûle ist der Titel eines weiteren Romans des Schweizers. Unter diesem Blogtitel, was übersetzt in etwa heißt, Ich bewundere, was mich verbrennt, versehen mit dem Zusatz ... aber nicht einer gegen den Staat!, schreibt jemand aus der hiesigen Gemeinde, dessen Ansichten ich immer interessiert verfolge und dessen Adreßzeile den Namen oder auch die Bemerkung Zapperlott führt. Den Ausschnitt seiner heute veröffentlichten Nachdenklichkeit zitiere ich im Hinblick auf die gestrige Sturmflut und durchaus auch auf die Paralympics. Sollten die nicht direkt an den Leistungsrummel in London anschließen? Oder hat die Menschheit keine Lust mehr beim Anblick von gestählten Menschen?

«Veganismus glaubt, am Ende werde die Menschheit einsehen, ‹dass wir nicht das Recht haben, euch zu quälen›.

Veganismus sei gesund, gar gesünder. Vegan ist sportlich, vegan macht fit. Es gibt vegane Leistungssportler, Ironmen, Ultramarathonläufer. Übermenschen, die Nichtveganer schlagen. — Gesundheit bedeutet hier Terror des Gesundseins, physische Normierung, Ausgrenzung und Erniedrigung. Hass auf Kleine, Dicke, Schwache, Alte, Kranke, generell Abweichler. Wer sich auf den herrschenden Diskurs um Gesundheit und Schönheit einlässt, verliert alles darin und reproduziert bloß Sexismus und Ableismus.»

Mon Dieu !


* Mein kluger Kluge dazu: Sackerlot. Entlehnt aus frz. sacrelot, das eine Entstellung von frz. sacré nom (de Dieu) ist. Noch weiter geht die Entstellung zu Sapperlot. Ähnlich Sackerment und Sapperment zu Sakrament. Über Kluge hinaus neuniederländisch: sakkerloot, sapperloot.
 
Di, 14.08.2012 |  link | (1553) | 7 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen


rosenbluete   (14.08.12, 21:05)   (link)  
Dankeschön
Dankeschön, dass Sie mich auf diesen Fehler hingewiesen haben, ich habe ihn bereits fast überall ausgebessert.

Lg. Rose


jean stubenzweig   (15.08.12, 09:40)   (link)  
Und ich freue mich,
daß Sie deshalb hier vorbeigeschaut haben.


sturmfrau   (15.08.12, 16:44)   (link)  
Ich fand es interessant,
dass der Zapperlott seine Ausführungen an Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus knüpft. Von der Seite her habe ich das Thema Veganismus noch nie betrachtet und finde das auch recht plausibel, zumal ich durch meine zum Glück nicht missionarisch tätige vegane Freundin I. immer mal wieder den einen oder anderen Gedanken an die Thematik verschwende.

Letztlich ist es natürlich überall so, dass durch Betonung der Unterscheidungsmerkmale bestimmte Gruppen anderen Gruppen ihr Bessersein zu vermitteln suchen. In religiösen Kreisen besonders gern, aber grundsätzlich in allerhand Bereichen. Wo die eigene Meinung zur Wahrheit mutiert, muss jede andere natürlich zwangsläufig als abartig einsortiert werden. Insofern habe ich aber mit Eisenmännern, gestählten Olympioniken und anderen Hochleistern kein Problem. Solange sie nicht versuchen, ihre Art zu leben als die allein seligmachende zu verkaufen ("Leute, stoßt mehr Kugeln!"), kann mir das ja egal sein. In dem Fall ist Sport eben Sport. Witzig wird's aber in der Tat, wenn zur Propagierung dieser allein seligmachenden Lebensphilosophie beispielhaft diverse Übermenschen herangezogen werden, die natürlich nur deshalb so toll sind, weil sie dieser Philosophie folgen. Die Maxime lautet: "So musst du sein, und nur, wenn du mir folgst, wirst du so!" Da ist der Einfluss ein doppelter. Sowohl das Definitionsrecht über Ideale als auch die Festlegung, wie sie zu erreichen sind, liegen in einer Hand. Wer da nicht lernt zu hinterfragen, rennt schnell mal in die Falle, und wer in der Falle sitzt, hinterfragt nicht mehr so schnell.


jean stubenzweig   (16.08.12, 10:26)   (link)  
Herrschaftsverhältnisse,
aus welcher politischen Sichtweise auch immer. sind meines Erachtens immer das Lot, mit dessen Hilfe wir zu messen haben. Und der Kapitalismus ist nunmal das Maß aller Dinge geworden. Oder auch so herum: An ihm wird heutzutage fast durchweg gar nicht mehr gezweifelt oder gedeutelt. Er ist so «normal» geworden. Kaum noch jemand will überhaupt wahrhaben oder ist nicht (mehr?) in der Lage, die Hintergründe wahrzunehmen, die da wären: Verkaufbarmachung. Auch die von Ihnen kritisierte Sexualisierung «sportlicher» Akte fällt meines Erachtens darunter. Aber ich will mir nicht selbst vorgreifen, habe ich doch gestern angekündigt, diese Nackedeiereien selbst beleuchten zu wollen. Die Ausführlichkeit Zapperlotts mit seinem meines Erachtens alles führenden Blogtitel J'adore ce qui me brûle werde ich kaum erreichen, dazu fehlt mir der Wille, meinetwegen auch die Geduld, dazu bin ich zu bequem geworden, das ist mir zu sehr mit Arbeit verbunden, ich habe längst aufgegeben, die Welt verbessern zu wollen, ich brenne nicht mehr. Aber die eine oder andere, vielleicht sogar konzise, wenn mir das überhaupt je gelingen sollte, Frage will ich damit aufwerfen, zumal sie eben genau in diese Richtung gehen wird, die Sie bereits festgehalten haben: «‹So musst du sein, und nur, wenn du mir folgst, wirst du so!› Da ist der Einfluss ein doppelter. Sowohl das Definitionsrecht über Ideale als auch die Festlegung, wie sie zu erreichen sind, liegen in einer Hand. Wer da nicht lernt zu hinterfragen, rennt schnell mal in die Falle, und wer in der Falle sitzt, hinterfragt nicht mehr so schnell.» Sie werden nach meiner Ansicht allein mittels des Alphabets des über die Ufer getretenen Kapitalismus buchstabiert.

Ich habe dieser Tage beispielsweise in einem dieser drei oder vier sich bei Blogger.de tummelnden fundamental-christlichen Weltenretter, die sich meiner Vermutung nach allesamt aus einer Quelle namens Bertha Dudde* nähren, ein Vialacta ist gleich mehrfach verteten, in die ich hin und wieder hineinschaue, um zu erfahren, was an der Front los ist, eine Charakterisierung der Medien gelesen (auf der Suche danach sehe ich gerade, die Netz-Welt muß längst am Absaufen sein, und keine Arche Noah des Unglaubens in Sichtweite, aber genau den finde ich jetzt nicht, obwohl er in der Regel täglich mehrmals veröffentlicht). Sie läuft in etwa darauf hinaus: Die Medien seien allesamt linksdrehend und hetzten gegen Gott auf, sie hätten die weibliche Emanzipation verkehrt, denn deren ursprüngliche Intention sei die Mutterschaft gewesen et cetera. Herrschaftsverhältnisse also, lediglich eine andere Perspektive. Ein wenig anders sehe ich das dann doch. Genau diese Medien nämlich, vielleicht ein ebenfalls etwas stereotypes Phänomen, bereiten lediglich alles marktgerecht auf.

Ach, ich antizipiere mir hier mein später drankommendes Thema. Da muß ich alles neu formulieren. Das ist Arbeit, mit der ich nichts mehr zu tun haben will. Oder so: Im Zug der Nackedeierei komme ich darauf nochmal zurück, auf den Kapitalismus, der uns alle nackt macht. Dabei bin ich das durchaus gerne, wenn auch nicht unter der Voraussetzung Ansage oder des Gebots, etwa am Strand der Freikörperkultur mit ihren durchaus ebenfalls kultischen Präferenzen, vergleichbar dem Ersatz der Jugendweihe für die Konfirmation, an dessen Gestaden es heißt, hier haben gefälligst alle so zu sein, das sei das Sein.


* Der hat mich sogar einmal via eMail zu missionieren versucht. Er könnte via Suchmachine bei mir hineingestolpert sein, dort vermutlich das bei immer wieder auftauchende Schlagwort Bibel vernommen haben, was ihn wohl veranlaßte, mir einen Christenbrief zukommen zu lassen. Er nahm möglicherweise an, ich sei noch zu retten.


sturmfrau   (16.08.12, 10:57)   (link)  
Sie meinten sicher
diese Seite. Dort fiel mir unverzüglich der Widerspruch ins Auge:

"Der Feminismus ist eine Ideologie, ebenso wie der Nationalsozialismus und des Kommunismus. Denn es gibt keinen Freiraum innerhalb dieser Ideologie. Er lässt keine andere Meinung zu, als die, die er vertritt. (...) Bestimmte natürliche, gottgewollte Meinungen und Thesen dürfen nicht mehr angesprochen werden oder werden einfach totgeschwiegen und zum Tabu erklärt."

Das, was der Schreiber als Feminismus oder auch (nach eigener Wortschöpfung) "Neofeminismus" bezeichnet, sei also eine dogmatische Ideologie, die nichts anderes als die eigene Richtung gelten ließe. Der Gegenspieler, der hier als diffamiert, zugleich aber auch heilbringend gepriesen wird, wird aber mit Attributen versehen wie "natürlich" und "gottgewollt" - zwei normativ gesetzte Begriffe, die schon per se genau so wenig Zweifel und Hinterfragung zulassen, wie es der Autor seinerseits dem Feminismus unterstellt. Die Herrschaftsstrukturen also bleiben, lediglich die Herrschenden und die inhaltliche Orientierung sind anders.

Dass Sie nicht zu retten sind, zeichnet Sie übrigens aus, werter Herr Stubenzweig.


jean stubenzweig   (16.08.12, 11:51)   (link)  
Genau, der Gottgewollte
war es, nach dem ich gesucht hatte. Die treten anscheinend allesamt unter offenbar ständig wechselnden Namen auf. Ich kriege die kaum auf die Reihe in ihrer die Freiräume der Freiheit schildernden Vielfalt, die Natürlichkeit als von dem da oben kreiert sieht.

Ich weiß nicht, ob das noch etwas wird heute mit den Herrschaftsstrukturen der Sexualität. Mein Vermieter hat mich soeben von unten herauf unmißverständlich dazu aufgefordert, seinen Gästen beim Golfspiel zuzuschauen; er veranstaltet das heute auf seinem französisch-holsteinischen Landlord-Gelände. Das ist dann zwar, frei nach Tucholsky, ein im Stand verdorbener Nachmittag. Aber da ich im unmittelbaren Umfeld einer pensionierten linksrheinischen Weinhandlung liege, hege ich die Hoffnung, der Maître de plaisir könnte sich nicht lumpen lassen wollen, vor diesen vielen illustren Gästen und einen dieser wunderbaren Roten aus der Bourgogne herausrücken, in dessen Genuß ich bereits einmal kam. Auch Trinken gehört zur Sexualität des Alters. Das geht vor theoretisch geprägten Versuchsanordnungen.


jean stubenzweig   (16.08.12, 11:56)   (link)  
Edith Stein
scheint mir übrigens eines der Synonyme für Bertha Dudde zu sein.















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