Zeit und Freiheit

«Die Gegenwart aber, die in der Mitte liegt, ist so kurz und unfaßlich, daß sie keine Länge annimmt und nicht mehr zu sein scheint als die Verbindung des Vergangenen und Künftigen und außerdem auch so unbeständig, daß sie nie am selben Ort ist; und alles, was sie durchläuft, nimmt sie von der Zukunft weg und legt es der Vergangenheit zu.»

Kennt jemand diese Passage? Die Autorin eines Aufsatzes schreibt sie Henri Bergson, genauer: dessen Buch Zeit und Freiheit zu. Doch ich kann diese Zeilen darin nicht finden. Kommt aus diesem erlauchten Kreis eine Identifikationshilfe? Es wäre zu angenehm.
 
Fr, 22.08.2008 |  link | (4724) | 18 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fragen, nichts als Fragen



 

Wille zur Macht

Nach einem etwas hitzigen Gespräch, aus mehr oder minder aktuellem Anlaß aus meinem Briefkästchen gehoben und einer jungen Dame zugeeignet.

Glucksmann. Eine Art Idiot? — Aber vielleicht ist er's ja tatsächlich. Ich hab nur lange nicht mehr über ihn nachgedacht. Man hört ja kaum noch was von ihm. Und das mit Tschetschenien mag angehen, da liegen Sie vermutlich richtig. Ich hab tatsächlich das Gefühl, daß der diesen Gaul Tschetschenien reitet, bis er tot ist. Der Gaul. Da braucht's dann keinen Putin mehr, der sie alle erschießen läßt. Da muß ich Ihnen also recht geben. Aber möglicherweise bin ich damit genau einer jener sogenannten Nihilisten, die er angreift.[1] Oder auch Trivial-Nihilist, wie Sie meinen. Glucksmann und ich, die Trivial-Nihilisten, die nicht wirklichen Verneiner aller göttlicher oder ethischer Wirkungen. Es stimmt also nicht, was Sie sagen, Madame. Glucksmann ist schon gar kein Nihilist, er glaubt nämlich an was, an was auch immer. Und auch ich trage noch einen Restfetzen ethisches Gedankengut in mir herum. Wenn ich auch ein Rabauke bin, dem die eigene Haut näher an den gefühllosen Knochen klebt. Vielleicht ist das schlimm und wahr. Doch ich bin desillusionisiert. Und dennoch interessiert mich eben mehr, auf wen dieser Kuhhirte Bush schießt. Den der, wie Sie ihn nennen, trivialnihilistische Glucksmann letzten Endes in Schutz nimmt.[2] Putin ballert da oben oder neben uns Wessis irgendwo rum. Und schreibt nicht überall seinen ganz persönlichen 11. September drauf. Aber: Glucksmann und das Böse, das Mister Bush nicht nennt. Vielleicht bin ich doch ein Nihilist, wenn auch ein trivialer. Wie gesagt. Ich kann diesen moralinsauren Kram nicht mehr hören. Ich halte das für viel gefährlicher. Denn es kommt kriminell gut an bei unseren geistigen Kleingärtnern, aber auch bei diesen Betbrüdern und -schwestern Deutschlands und Frankreichs, die die USA, egal unter welchem arg knapp gewählten Gott, für das Himmelreich halten. Auch wenn Herr Zeus eben gerade mal sehr wütend war und's hat schwerst krachen lassen. Eine andere Art höherer Gewalt sozusagen. Doch das Entscheidende ist: Mir ist eben der anders kämpferische Glucksmann von früher lieber als der heutige jüdische Pastor. Es steht also zu befürchten, daß ich Ihnen beipflichten muß. D'accord. Aber dieser eben etwas jüngere Glucksmann ist schon alleine deshalb kein Idiot, weil er uns Nietzsche auf die Füße gestellt hat. Er hatte Nietzsche insofern korrigiert, als dieser meinte, man würde ihn erst im Jahr 2000 verstehen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt, als Glucksmann antrat, wohl ebenfalls, wie andere also, noch zu sehr dieses deutschlinksdogmatische, ideologisch geprägte Mißverständnis — es ließe sich auch als eine von anderen forcierte unbewußte Fehlinterpretation bezeichen — in den Ganglien, nach dem Nietzsche ein geistiger Wegbereiter des Antisemitismus und der Nazi-Ideologie gewesen sei. Jener Nietzsche, der erwiesene Pazifist und Atheist, Atheist aus Instinkt oder, wie Rüdiger Safranski ihn so treffend bezeichnet hat: «Anti-Antisemit»[3], weil er diese Kleingeister haßte, die sich mit ihren Balkongeranien ihren sehr eigenen Horizont schaffen, die nichts, aber auch gar nichts verstanden hatten und wahrscheinlich auch nichts verstehen wollten, denen ein knapper Satz als Konstruktion fürs Weltgebäude ausreicht. Ein Satz, der eigentlich in eine andere Richtung gedacht war, quasi eher für den Tiefbau. Und — er sollte ja nach Mamans Willen protestantischer Pastor werden — vor allem Freigeist war. Freigeist! Frei von allen Ismen und Ideologien. Dazu hat Glucksmann durchaus beigetragen. Er hat mir zumindest entsprechende Hinweise geliefert. Es sollte zwar noch eine ganze Weile, genauer: nochmal zweieinhalb Jahrzehnte dauern, bis ich begriffen habe, daß ich lieber im dionysischen Prinzip herumdümple, als in der Formfinderei des apollinischen einen Lebenssinn zu suchen, weil mich diese idealistische Starre eher schwächt, mir Energie nimmt, anstatt mir welche zu geben. Es hat eben gedauert, bis ich das begriffen habe. Aber es hat etwas ausgelöst. Und sei's drum, daß es eine Art geistiger Evolution in mir war. Ich will' s jetzt nicht überhöhen, aber es könnte was dran sein. Und daran hat Glucksmann sicherlich nicht unwesentlichen Anteil. Wenn ich auch damals eher wenig begriffen habe davon und und ich in genau das deutschsozialdemokratische Sprachrohr getrötet habe, das ich seinerzeit mit vollgeschrieen habe. Doch ein wenig dagegengehalten habe ich damals durchaus schon. Sozusagen als politischer Atheist aus Instinkt, bei dem die Erkenntnis sich langsam durchzusetzen begann, daß manchen Journalisten etwas Bildung ganz gut täte, die übers bloße Runterbeten scheinbar professoraler Klappentexte hinausgeht. Der Wille zur Macht! Obwohl das nachgelassene Hauptwerk sich längst als Fälschung erwiesen hat, also wider besseres Wissen, murmeln genügend — heimlich — national gesinnte Geistheiler diese magische Formel auch heute noch dem ungesunden Volkskörper ins Herz, die den Dauerwahlkämpfern Hitlers so recht kam wie ihrem teppichbeißenden Führer — wenn der überhaupt mehr gelesen hat als diesen halben Satz, der da komplett lautet: «Wo ich Lebendiges fand, da fand ich den Willen zur Macht.»[4] Ja-ja. Sprache. Nietzsche meinte dazu, ganz nebenbei: «Die Sprache trägt große Vorurtheile in sich ...»[5] Ein paar nicht ganz so Präzise haben sich das vermeintliche Filetstück einfach herausgeschnitten und es als Mett oder Faschierts in die Volksküche gegeben ...

Anmerkungen in den Kommentaren.
 
Fr, 22.08.2008 |  link | (2226) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ansichten



 

Lob des Logbuchs

«Garçon !» meinte ich, «la même chose encore, s'il vous plaît.» Und dann schrieb der Herr über Mumien, Analphabeten, Diebe:

«Ich könnte es unter fast alle Ihre Beiträge schreiben: Es macht mir großen Spaß, sie zu lesen. Bitte nicht aufhören!»

Das hänge ich jetzt mal hier an die Außentafel. Nicht nur, weil mir so wohl ist dabei im Ohr und ich mich ehrerbietig bedanken will fürs Lob und verkünden möchte, daß ich keineswegs gedenke, damit aufzuhören, hätte der Privatier doch sonst nichts mehr zu flanieren. Sondern, da ich es (im unteren Bereich) einem offiziösen Charakter zuschreibe.

Mit Ihnen habe ich also bereits einen der angestrebten zwei erreicht. Wie bitte? Fängt der jetzt mit Zahlenmystik an. Nein, mit den Nummern habe ich's nicht so, und bei der Mystik gebe ich mich anderen Architekturen hin und anderstönenden Verzückungen. Es verhält sich schlichter. So habe ich's mal (in anderem Zusammenhang) beschrieben:

Als einmal eine Druckerei ein Buch ganz fürchterlich verdruckte und dementsprechend band und ich mich deshalb kurz vor einem Nervenzusammenbruch befand, meinte der Drucker-Binder, ich solle mich doch im Himmels willen nicht so haben. Daß beispielsweise die Register verschoben und ein paar Schnittspuren zu sehen seien, das würden doch höchstens zwei Prozent der Leser merken. Genau habe ich nicht mehr in Erinnerung, ob das beinahe zum Herzinfarkt geführt hatte, aber eines weiß ich noch genau, daß ich ihm, ob ruhig oder in Rage, geantwortet habe: Für genau diese zwei Prozent macht unsereins Bücher! Daraufhin hat er's nochmal gedruckt und gebunden, der Herr und seine Firma. Dieses eine Buch. Und dann, jedenfalls für uns, keines mehr.

Was mich ins Grübeln bis vor den Niedergang bringt, ist Ihr «fast». Was es wohl bedeuten mag?

Nun gut und ja, mir behagt, gleichwohl ein großer Liebender nicht nur von schönen Frauen und deren nicht minder wohlgeformten Schuhen (auf die ich immer zuerst schaue, erst dann ins Gesicht und anschließend in den Ausschnitt; das ist mein Schuh-Tick), mir schmeckt bei weitem auch nicht jede der über zweihundert Sorten Pastis oder der über dreihundert Käsearten. Da gibt es so marktangeglichene, auf historisch machende Kreationen für jungdynamische Rechtsanwälte oder andere (geschäfts-)führende Glieder unserer Gesellschaften, die sowas wie savoir-vivre im feierabendlichen Herrenzimmer benötigen (und nicht wissen, daß es zunächst einmal nichts anderes als Dahinleben mit Benimm oder Benehmen und nicht etwa Playboy am Abend heißt oder wie sonstnoch die hochglänzende deutsche Presse ihren Lesern eine sprachlich vornehmere Variante des life style so hingereimt hat). Und mit verkümmeltem Käse, um die Beispiele zu verwürzen, könnte man mir den Lebensmittelalltag enorm vergällen. Aber ja, ich hörte von glücklicherweise unterschiedlichen Geschmäckern und Geschmacksrichtungen (und Meinungen). Aber eines dürfte hiermit einmal mehr belegt sein: Dieses System 2.0 hat, ums Sakrale mal ins Umgangssprachliche zu rücken, den Segen über all diejenigen gebracht, die da draußen in der großen, ach so freien Druck- und Sendewelt dann eben doch nicht so frei ihre kleinen Geschichten aus dem großen Leben erzählen dürfen, wie sie gerne möchten, in der Sprache, in der und die sie am liebsten schreiben. Und dort, am allenfalls noch besseren Ende, wenn man's denn erreicht, hinter dem von der Verlagsgeschäftsführung vergatterten Lektor, ist die Freiheit bei weitem nicht so grenzenlos, wie uns seinerzeit Frederik Mey vermitteln wollte. Hier aber vertrauen wir alles unseren gar nicht so geheimen Logbüchern an, die dann, wie geschehen, ganz rasch auch schonmal zu Lobbüchern werden, lange bevor sie ein Unterwasserarchäologe ausgetaucht hat.

Da hat einer was zu erzählen, sei es nach Roland Barthes' Le Plaisir du Texte oder Giordano Bruno oder Karl May oder Karl Popper geschuldet oder ein wenig von allem und auch ein wenig wirr und durcheinander und nicht mehr ohne Navigator fahren könnend und trotzdem, weiblich oder männlich, am falschen Ort ankommend, hier darf er es. Denn kein CEO oder sonsteiner, der derart neudeutsch über Zahlen-, Quoten- und Parteienproporz wacht, wird ihm hier zwischen die Zeilen funken oder rotstiften. Er allein darf hier die Regel in die Tonne des Irregulären versenken oder die Leere oder das Weiße between the lines* stellen. Hier muß er sich nicht mit Vorstellungen von einem Qualitätsjournalismus martern, ein Begriff, von dem ich meine, bei Monsieur Alphonse gelesen zu haben, er sei von Journalisten in jenem Moment erdacht worden, als sie der Qualität hinterherblickten, die gerade als die vorletzten Hölzer den elektronischen Zeitbach hinuntergeschwommen sind.

Hier schreibe ich nicht nur als Schreiber, sondern auch als Leser anderer Tagebücher, die zuweilen auch Stunden- oder Wochenbücher sind. Alles hölzern Daherkommende ist seit langem (auch als digitale Variante) deabonniert und wird nur noch temporär gekauft gelesen. Das ist nicht nur meiner ständigen Reiserei geschuldet, sondern hauptsächlich dem Ärger, der überhand genommen hatte: nahezu allüberall dasselbe Agenturmaterial verwurstet, gerne ohne Quellendeklarationen oder sachdienliche Hinweise auf zaunpfahlwinkende Anzeigenabteilungen, durchaus auch bei den wenigen noch vorhandenen Großen, den sich selbsttitulierenden Seriösen mit ihren teilweise stellentreterischen Borniertheiten. Auslöser dieser Trennung von ihnen allen war die vor etwa einem guten Jahr über mich gekommene Erkenntnis, im weltweiten Netz über ein geradezu uferloses Reservoir an Wissen zu verfügen, das einen bei Bedarf immer weiter und noch weiter führt, bereitgestellt von Menschen, die eben nicht den Esoterikern zugerechnet werden wollen, also nicht den Geheimbündlern, denen Lehren exclusiv vermittelt werden und die sie gerne bei sich behalten. So manches, nein: das meiste an logischen und plausiblen Hintergründen habe ich dabei sogenannten Blogs entnommen — sogenannt deshalb, da es sich dabei um nichts anderes handelt als um eine Weichware; auch diese treffende Definition habe ich aus dem Netz, aus dem des bereits einmal genannten Monsieur Alphonse. Der nennt sich zwar selbst «Kunstfigur» oder wird gerne abschätzig so tituliert, was aber beides zu vernachlässigen ist, da er wohl kaum in der Lage sein dürfte, sein Ich derart von der Wirklichkeit und auch der Wahrheit zu trennen, daß dabei lebensfern Artifizielles auf die Bühne tritt. Oder so: Kant hat ja sein Königsheim auch nie verlassen und gilt (zu recht) nach wie vor als einer der größten Philosophen; oder Oblomov tat nichts anderes mehr, als im Bett liegenzubleiben und uns dennoch mächtig wachzumachen.

Und ein ganz findiger unter den journalistisch fundierten Romanciers hat sich, zu Zeiten, als der Begriff copy & paste noch nicht so sehr in Mode war, ein Wort eines Friedrich Schiller zum Motto gemacht (gleichwohl die Quelle nennend!): Die Wahrheit sei nur mit List zu verbreiten, sprach er mir in den Anfangsachtzigern mal ins Notizbuch. Und ähnllch berief sich mir gegenüber auch Hans-Reinhard Müller, Mime und ehemaliger Intendant der Münchner Kammerspiele, auf den großen deutschen Dichter, der mit den Horen sozusagen eines der ersten Blogs herausbrachte, gewidmet einer Unterhaltung, in die hinein Aufklärung und Humanität, in summa Wissen gehäkelt ist (etwas kryptischer, aber nicht minder unterhaltsam und nachdenklich machend trägt denn auch konsequenterweise dieses Blog den Namen).

So treiben wir's denn fröhlich weiter, Herr Nnier. La même chose encore, s'il vous plaît. À la vôtre !

«... nur im Weiß zwischen den Zeilen ...» — also das Weiße zwischen den Zeilen erkennen (Between the Lines, heißt es im Englischen; Mitte der Siebziger gab es einen bewegten, bewegenden, aber dennoch stillen Film mit diesem Titel). Ich sage das gerne und schreibe auch gerne so, auch wenn es dem «aufrichtigen Geradeausdenken» einiger zuwiderläuft: Etwas zwischen die Zeilen schreiben.»
 
Do, 21.08.2008 |  link | (2241) | 10 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ansichten



 

Auf kleinem Fuß

Wir kennen sie ja, die kleine Stadt, so öd und leer. Im Sommer jedenfalls, wenn alle Studenten mit Maman et Papa in der Campagne sind, um dort wenigstens für eine Weile wieder mindestens zweimal täglich kostenlos verköstigt zu werden. Oder die anderen, die weit unten im südlichen Spanien oder dessen îles Canaries sich die Unterstützung für notleidende Hautärzte einbrennen lassen. Die französische Nationalbadewanne ist für den gemeinen Franzosen viel zu teuer, und außerdem ist die Gefahr zu groß, denjenigen zu begegnen, denen man das ganze Jahr über begegnet und bei denen man möglicherweise gar Schulden hat. Ein paar benachbarte Schweizer kaufen, wie immer, günstig ein. Oben auf der Festung der übliche Touristenrummel, ansonsten geht's schon sehr gemächlich zu in dieser sommerlichen Nieseligkeit.

Le Diga-Diga-Doo trauere ich immer noch nach, auch nach so vielen Jahren. Da sind einfach diese Augen, die in meinen Ganglien herumgeistern. Aber Le Comptoir ist besetzt. Auch hier reduziert, denn die jungen Damen vom gegenüberliegenden Lycée halten's nicht anders als die anderen. Es ist nunmal die heilige Zeit, heure d'été, in der man sogar sehen muß, wo man was zu essen herbekommt, man für ein gutes Baguette mühsam weite Wege gehen muß, da jeder zweite Bäcker das Schild an die Tür hängt: Bonnes vavances ! Der Patron schaut mich an, bekommt einen fragenden Blick, intensiviert die Suche in sich nach mir, nickt dann leicht und mit sich zufrieden, schiebt lächelnd Femmouzes T in die Musiklade und einen 51er Pastis über den Tresen.

Wunderbar. Das ist Erholung. Restauration meines heiß- und wundgelaufenen Gestells, das nicht nur das Fremdenführerprogramm bis hinauf zur Citadelle und in ihr herum zu absolvieren hatte, sondern auch noch das fürs Städtchen Obligatorische: die Einkaufsmeile zweimal abschreiten, ein paar Seitengäßchen mit niedlichen Lädchen noch dazu. Wie überall in diesem Land ein Paradies für Kleinfüßige mit gewissen geschmacklichen Vorstellungen: Endlich Schuhe ohne Ende, vor allem in Formaten, die es zuhause da oben bei den Angeln und eingewanderten Slawen einfach nicht gibt, weil die allesamt ab Schuhgröße 38 aufwärts aus dem Bauch heraus in die weite Welt hineinwandern. Hier darf Frau noch Frau sein, auf kleinem Fuß lebend wird sie hofiert. Die Auswahl ist größer als die des Käses und der Früchte in der schönen alte Markthalle an der place de la Revolution. Selbst so weit nördlich in diesem Land zieht sich niemand verächtlich schnaubend und anschließend wortlos hinter seine Kasse zurück, fragt man nur nach Größe 35, 36 ginge auch. Und selbst wenn eine Büddenwarderin das fünfunddreißigste oder sechsunddreißigste Paar ausprobiert hat, lächelt die junge Frau nicht etwa gequält oder gar aufgesetzt wie in der Lübecker König- oder der Hamburger Mönckebergstraße. Sie geht gelöst freundlich sogar noch in den historisch bedeutsamen tiefen dritten Keller und schaut nach, ob da nicht doch noch ein anderes seltenes Schuhgewächs seit hunderten an Jahren unentdeckt darauf wartet, jemanden glücklich zu machen. Sogar eine Barbarin.

Die sitzt freudestrahlend neben mir, streicht sanft immer wieder über ihre drei Paar Neuerwerbungen und bestellt mir zuliebe und zu Ehren sogar eins von diesen gelblich-grünlichen Teufelselexieren. Na ja, sie weiß ja, daß bei mir nichts verkommt. Eben auch sie nicht. Irgendwas von umziehen grummelt sie unter konstanten sanften Streicheleien (des frisch erworbenen Leders). Dafür würde sie sogar in Kauf nehmen, daß es hier so gut wie keine Bratwurst — bloß nicht dieses provençalische Gekröse! — und schrecklich viele Fische und Frösche gäbe.

Wenn der Kleine mit seinem Meter neunzig richtig groß ist und richtig alleine zur Arbeit fahren und die Wäsche selber waschen und sich auch was kochen kann, meinst du, brabble ich schicksalsergeben in mich hinein kommentierend. Dann darf ich also in etwa zwanzig Jahren wieder nach Hause. Nun bekommt meine Kopflederhaut die Streicheleinheit, begleitet von einem milden Lächeln. «Sei doch nicht eifersüchtig. Der wird schon. Ich roll Dich dann auch persönlich hin. Im Rollstuhl.»

Garçon ! La même chose encore, s'il vous plaît.
 
Do, 21.08.2008 |  link | (2544) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Linksrheinisches



 

Alle(s) Testamente

Es gibt Menschen, die halten mich für einen Glaubenden, zumindest für einen verkappten, denn primär hören sie ja eher protestierende, gleichwohl weniger protestantische Töne aus meinem (ohnehin) unberufenen Munde. Nicht nur diejenigen, die dafür den Begriff Gläubiger einsetzen (der ich auch nicht bin). Leicht sanftmütig wie ich mich (manchmal) gebe, könnte man mich für einen christlich geprägten halten, stehen sie doch bei mir vor mehreren Ausgaben der Heiligen Schrift, dem Alten sowie dem Neuen Testament, unterstrichen noch von den ausgewählten Schriften des Salomon (Softpornos würden sie ohnehin nicht vermuten in meinen Reihen). Doch dann durchzuckt sie es leicht, als hätten sie schon immer gewußt, daß mit mir was nicht stimmt, als sie hinter dem alten Apothekerschrankglas nebendran mehrbändig den Talmud aufgereiht sehen, ebenfalls flankiert von Kommentaren, als ob ich mich auf eine Missionspredigt vorbereiten wollte (denn sie wissen nicht, daß es eine solche Abseitigkeit nicht gibt in dieser Religion). Alsbald tritt ihr Blick leicht über die Ufer ihrer allgemeinen Verunsicherung, da ihr ungläubiges Auge Bücher zum Buddhismus und sonstiges Transzendentales erfaßt, gar eine Mao-Bibel. Nun gut, solches soll ja bereits andere Prominente erfaßt haben, nicht erst seit der aktuellen China-Diskussion. Vollends verwirrt scheinen sie dann, mit Blick zum Telephon mit einprogrammierter Notrufnummer, da sie gleich drei Bände des Koran erblicken. Zwar wußten sie, daß ich für mein Leben gerne ein Großteil meines Lebens verschlafe. Aber ein Schläfer in diesem unserem beschaulichen Lande ...?

Geplagt sind diejenigen, die mit mir unterwegs sind, allen voran jene, die alle zwanzig Minuten was Warmes in den Bauch brauchen, und sei es eine verhärmte Bratwurst. Kaum gerät irgendein Kirchlein in irgendeinem trou perdu ins Blickfeld, wird die Voiture auch schon langsamer, um dann möglichst direkt vor dem Gebäude vollends abgebremst zu werden. Zuhause im Nordosten des Westens ist die Gefahr des ständigen Anhaltens nicht so groß, da es dort mehr Bratwurststände als Kirchen gibt (über die Ursachen muß noch geforscht werden). Aber in diesem Land, das sicherlich gelobt werden will, da es außer Frosch und Fisch noch anderes an Restauration reichlich anbietet, haben diese früheren Katholiken an wirklich jeder Ecke das Bein gehoben. Sogar einen eigenen Papst haben sie sich hinsetzen lassen, dazu ein Gebäude, gegen das die Architekturgelüste eines schweizerischen teilcalvinistischen Oberpopen im Rechtsrheinischen sich ausnähmen wie die neuzeitliche massenkonfektionelle Ortsrandbebauung einer holsteinischen Gemeinde. Hier stehen diese Glaubenssekrete herum wie die Auswirkungen pubertärer Hormonumstellung oder allzu einseitiger Hungerbeseitigung eines des elektronisch-digitalen Spielens Verfallenen durch US-amerikanische Schnellnahrung. Seltsam, klagt die Büddenwarderin, kaum ein paar Meterchen Einkaufssträßlein kriegt man ihn entlang, immer aufs fußlahme Gebein verweisend, aber kein noch so riesiger gotischer Auswurf großkirchlichen Machtgehabes, das nicht stundenlang begutachtet sein möchte. Die ganzen romanischen Gebetsstättenvorläufer nicht nur nicht berücksichtigt, sondern bei denen bekommt die Kondition gleich Höhenflüge. Angesichts derer könnte man gar glauben, er würde an irgendwas in dieser Richtung glauben.

Genau. Die zur Touristenperversität verkommene Notre-Dame mit ihren nichts als die Devotionalie anbetenden Schlangenmassen lassen wir links liegen und gehen ein paar Schritte hinüber zum 5., zu Saint Séverin. Das entzückende Architekturgeschöpf mit seinem stillen Garten samt Gebeinhaus ist zwar auch gotisch, aber man spürt, daß hier zuvor in der Romanik gepriesen wurde, daß dort noch weit vor dieser Zeit Séverin le Solitaire eingesiedelt war, dessen Zeitgenossen ein Christentum nach Frankreich brachten, das mit einem Billigheimerjahrmarkt wie dem von gegenüber wahrlich nicht gerechnet haben kann. Stille inmitten des Brodems der Metropole. Still erzählende Geschichte.

Anschließend gehen wir die paar Schritte durchs Juden- und Schwulenguckviertel Marais. Aber hindurch! Außenherum würden die müden Knochen dann doch nicht mehr mitmachen, und außerdem stehen da zu viele Bouquinistes herum. Am Rande der île Saint Louis gibt's dann auch was ohne Fischschenkel und Froschköpfe. Extra für Büddenwarderinnen.
 
Di, 19.08.2008 |  link | (2365) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Unterwegs



 







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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6509 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00



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