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Gossenreport Auf die Seite 1 gehört's, Herr Nnier! Was ich als Herausgeber und Chefredakteur meines elektrischen Massenblattes gebiete und als mein Untergebener hiermit dienstbeflissen ausführe. Denn das Wesentliche an sich will nicht in die weniger beachtete Randspalte, sondern, wie täglich bildhaft vorgeführt, das Titelblatt zieren. Oder so: Leserbriefe finden in der Regel nicht die Beachtung, die Ihnen (nicht immer, aber oft genug) gebührt. Ein Gossenreport ist sicherlich notwendig geworden, nachdem Hans Esser offenbar insofern zur historischen Figur wurde, als er wie nahezu alle tapferen, nicht eben vom Roß herunter kämpfenden Aufklärer in den Orkus flüchtiger Erinnerung entschwebt ist. Nun gut, der Rechercheur des alltäglichen Grauens ist wiedergeboren worden und hat andere Brötchen gebacken. Das Problem aber ist, daß der Hinweis auf den Dreck, für den er sich nichtmal bücken mußte, da er ihm in dieser Backstube bereits exemplarisch entgegenquoll, wohl kaum etwas bewirkt haben dürfte. Sie kaufen weiterhin beim Billigheimer billige Backwaren (vor denen es sogar die pharmazeutisch genährte Sau grausen würde, die sie mittäg- oder abendlich kiloweise auf den Tisch bringen), und auch im Internet suchen sie nicht gerade nach der Wahrheit über das Gebäude, in dem die gesellschaftsgestaltende Politik sich die bazillen-, meinetwegen krankheitserregerverseuchte Klinke in die Hand gibt, sondern eher nach unterhaltenden Schnäppchen, weil BLÖD ihnen zu viele Wörter macht in der bildlichen Darstellung von Welt. Sie wollen's kurz und knapp, wie in der Armenbibel. Ja und nochmals ja, die Seibt und Thomma und alle anderen haben recht, man müßte solche Bücher kaufen, und sei's drum, daß man sie ins Regal stellt wie Sie (mich nicht ausgenommen) und zu lesen beabsichtigt. Schon aus Solidarität dem Autor Gerd Henschel gegenüber oder um Verlagen zu signalisieren, so weiterzumachen. Aber der gar nicht genug zu lobende Klaus Bittermann tat das, nicht zuletzt mit seiner Edition Tiamat, ohnehin schon zu Zeiten, als der Begriff links noch in eine positiv-utopische Richtung wies und vor allem — wie anders? — (auch literarische) Aufklärung verhieß. Warum druckt Henschels sehr viel finanzkräftigerer Hausverlag Hoffmann und Campe mit seinem entsprechend ausgestatteten Vertrieb sowas nicht? Nun gut, führe ich's mal darauf zurück, daß Bittermann und Henschel sich schon seit langem kennen ... Es geht uns allen anderen so, die wir irgendwas zu kritisieren oder einfach nur zu bekritteln haben: Es wird in der Regel, wenn überhaupt, nur von denen gelesen, die's ohnehin bereits wissen. Das Blatt wird, wie Gustav Seibt treffend anmerkt, am Ende gar «‹witzig› gefunden, manchmal sogar als ‹Kult› anerkannt, und die Dreistigkeit seiner Ringelpietzbrutalität entlockt sarkastischen Schöngeistern sogar eine gewisse faulige Amüsiertheit». So erlebe ich die Realität: Immerzu tut die Büddenwarderin den auf die Neunzig zugehenden klapprigen Vermietern den Gefallen, ihnen das großdeutsche Informationsblatt mitzubringen. Mein jedesmal aufs neue angewidertes Gesicht ignoriert sie geflissentlich. Seit sie rübergemacht sind in den Siebzigern, die Kranführerin und der Maurer, genießen sie diesen Quell von Freiheit, dessen Labsal Axel Cäsar ihnen früher immer irgendwie über die Gänsefüßchengrenze geschmuggelt hatte, zumindest eine Ahnung von dem, was man auf der anderen Seite des Westwalls unter freien Gedanken verstand. Man solle den Alten diesen Rest nunmal lassen, meinte meine Menschenfreundin lange. Ja, ich gestehe, mittlerweile halte ich die Klappe. Zumal es nichts fruchtet. Was daran zu beobachten ist: Unser Tischlerlehrling muß dem Gesellen morgens immer dieses Schmierblatt mitbringen, aber nicht, um den Stinkekäse fürs zweite Frühstück darin einzuwickeln, sondern auf daß der zehn Jahre ältere Geselle erfahre, was in der Welt außerhalb seines Mikrokosmos' geschieht. Und am christlichen Schabbes macht er Friede und deren Adoptivsohn Kai noch ein bißchen stinkereicher, indem er die Wochenendausgabe kauft und die Welt studiert wie andere die am Sonntag. Und wissen Sie, verehrter Monsieur Nnier, was das für Balken sind, die einem in der Ferienzeit an Südfrankreichs sanften Gestaden in die Augen gerammt werden, wenn Ihnen nach Information aus Karlsruhe, Göttingen oder Bremen dürstet? Genau. Gehen Sie mal in Narbonne oder St-Cyprien oder sonstwo in diesen Urlaubsburgen (die von denen in Spanien nicht zu unterscheiden sind, wo's ja ebenfalls und überall das großartige deutsche Bild von Würstel et Kraut gibt) die Plages entlang und schauen mal, was da an deutschsprachiger Lecture herumliegt. Da kann einem die plage (Strand) zum tourment (Plage, Marter, Pein) werden. Sie wollen eben nicht verzichten auf ihren Leib- und Magenfahrplan. Das ist so, seit ich über dieses Land gekommen bin. Was hat es gebracht, daß ich damals in Berlin mit vor einem bestimmten Haus skandiert habe (zum Steineschmeißen und Barrikadenerrichten wie weiland der rote Daniel an der Westfront war ich immer zu feige), es gehöre abgefackelt. Heute geht das Volk, das wir zu retten versucht haben, nach Anleitung seines angestammten Bildungsblattes auf den Fackelzug nach Berlin, wo es seinen Schlachtern Hymnen singt. Irgendwas von über vierzig Prozent habe ich gelesen, die die führende Metzlerin sofort wieder wählen würden, ginge das in einer Direktwahl. Und selbst wenn geschähe, was ich nicht einmal dem Unort trivialromantisch-phantastischer Liebhaberei zuordnen würde (und auch nicht sehen wollte), nämlich daß eine gysierte Fontaine aufsteigen würde zum berlinischen Olymp der Regierenden, welches bildreiche Blatt wohl würde zum Zentralorgan? Nein. Ich Gebrechlicher trage keinen Müll mehr runter. Ich lasse ihn schlucken. Beim obigen Banner handelt es sich um die Titelzeile des Internetional Project Bildstörung von Volker Hildebrandt.
Der Mund der Rhône Das Grau der Silos Albóndigas waren mein Begehr, zumindest sowas ähnliches (nach Rezept kochen heißt, der Kreativität eine Capote anglaise überzuziehen). Und bloß — wie so oft unwissend empfohlen — kein Schwein! Albóndigas sind ursprünglich arabisch (al-Bundiqa). Viel Knoblauch in die einstmals glückliche Kuh, auch anderes Gewächs aus fröhlich grünen Gärten, abgelöscht (die Urschrift der sicherlich nicht ganz so vermögenden bisbuela, der Urgroßmutter aus der Mauren Land, etwas arg verfremdend) mit einem gut siebzehnprozentigen und vierundzwanzigjährigen Vin Doux Naturel (zu dem auch der gestern erwähnte Banyuls gehört) der Vignerons de Maury aus dem Roussillon und aufgefüllt mit einem kräftigen Roten aus der Region (Wasser — und mag es noch so hochgelobt aus kriminaltechnisch rundumdieuhrüberwachten Quellen stammen —, mit so etwas werde ich Saucen nie verunstalten.) Dazu Reis einer Provenienz, die weit, sehr weit abgelegen ist vom Urland gewinnmaximierend genetischer Fortpflanzung. Aus derselben Ecke das Salz, das zuhause am Meer blumig als DeliusBlüte bezeichnet wird. Eine filmische Reportage über Arles, über Martigue, über die Camargue gab's da mal. Welch Landschaft! Tagsüber weidet man als durchschnittlicher TV-Hornochse das frische Gras. Und setzt sich dann abends gemütlich ins Städtchen zu den anderen vor der gelb leuchtenden Fassade und guckt mal, ob es die von Daudet, Mistral oder Pagnol besungene schöne Arlesierin vielleicht doch gibt, von der der andere, Joseph Roth nämlich, behauptet, sie sei eher herb, langnasig, schmalmündig, römisch-provençalisch. Provençalisch. Was denn anderes? möchte man den k.u.k-Korrespondenten fragen. Nach ihrer römisch-provençalischen Gestalt und nicht nach einer Laura aus Avignon schaut man ja da unten, und ob sie zufällig irgendwo in der Nähe weilt oder gar nach einem persönlich Ausschau hält. Nun denn, natürlich, Fréderic Mistral, der Dichter der provençalischen Heimat. Van Gogh (den sie gar nicht mochten in Arles, als er seine Gemälde noch nicht für neunzig Millionen Dollar an Japaner verkaufte). Die vielen Pferdchen, die Stiere, die unwilligen weißen und die wilden schwarzen, die dort auch ohne Tierschützer nicht final ersäbelt (erdegt?) werden (absolut lesenswert dazu das Funk-Feuilleton Das Fest der Gardians von Sigrid Brinkmann im DeutschlandRadio). Selbst-verständlich diese ganze provençalische Schuhplattlerei für Touristen, die als Tradition bezeichnet wird in den vielen und sehr bunten Faltblättchen oder Webseitchen der Offices des Tourisme. Der Mund der Rhône, das Salz des Meeres, Etang de Vaccarès, les Tsiganes oder Gitanes, nein, ist ja politisch unkorrekt (obwohl sie sich überwiegend selbst so nennen), also die tagelang dauerguitarre- und cimbalspielenden, singenden und betenden gens du voyage in Sainte Marie de la Mer. Dann: Aigues-morte ... Genau: Aigues-morte — die schöne alte Stadt, romanisch, römisch eben, wie überall im Süden des Landes. Das wird gezeigt. Romantisch empfinden, auch wenn das eine mit dem anderen eher weniger zu tun hat. Und das andere, nicht ganz so romanesk-pittoreske Aigues-morte, wen interessiert das schon?! Mit jahrhundertealter Kultur, mit der schönheitserhaltenen Restummantelung eines hohlen Zahns werden sie gelockt, da sollen sie alle hin, um die europäische Einheitswährung abzuliefern. Was ist aber, wenn sie mit dem Auto kommen, nicht über Paris und Clermont-Ferrand oder via Limoges–Toulouse, sondern über Lyon gefahren sind oder gar aus der Schweiz kommend via Grenoble und Valence die Autoroute du sud genommen und die Abfahrt bei Avignon oder die vorletzte Möglichkeit bei Cavaillon oder die wirklich allerletzte Kurve bei Salon-de-Provence verpaßt haben und so die letztendliche Biege vor Marseille in der Le Pen-Bastion Mariagne nehmen müssen? Also in Richtung Westen via Arles und sich dort auch noch verfahren oder vielleicht noch ein bißchen Zigeuner gucken wollen? Wo's schon losgeht mit den lieblichen Urlaubsarchitekturen, etwa im mittelalterlichen Fos-sur-Mer (wo man schon weit hinaufsteigen muß in die ältere Baugeschichte, um die Zone Industrielle zu entdecken). Möglicherweise wieder hinunter auf der D 570 und dann eben durch diese Touristenstädte mit ihren zwanzig Stockwerke hohen Silos: Le Grau du Roi, La Grande Motte, Port Camargue oder wie sie sonst noch alle heißen. Das will aber keiner sehen, sagt die Fernseh-Redaktion zur freien Filmemacherin, nennen wir sie Lisa Hobel-Ulbricht. Und sie muß den Befehl wohl sogleich an die Suchmaschinen übermittelt haben, denn auch dort wird man kaum fündig, die Sucherei will schier kein Ende nehmen (unsereins unterläßt auf Reisen ja die Produktion von noch 'nem Bild). Nichts als Schönheit, fast traumwandlerisch leere Strände, nur ein paar wenige Menschen. Wie im Fernsehen eben. Hinter dem stillen Sand von Narbonne-Plage liegt es, das Pflaster, auf dem man sich so träumerisch-idyllisch bewegen kann. Es photographiert sie also tatsächlich jemand, diese architektonischen und städtebaulichen Anschläge im Namen des mehrwerterzeugenden Tourismus' — in denen die Freunde des südfranzösischen Meeres dann tatsächlich «leben», drei Wochen lang, jeden Morgen für acht Stunden an den Strand trabend, ein paar hundert Meter nur durchs autogerecht versiegelte Gelände. Niemand von diesen ‹Urlaubern›, die dorthinfahren, kaum jemand hat dieses Elend in unmittelbarer Nähe von Martigues oder Aigues-morte abgelichtet (zumindest nicht ins Netz gestellt). Das wollen sie nicht sehen. Da mußten ein paar die Kamera in die Hand nehmen, die offenen Auges durch die (Urlaubs-)Welt gehen. Und nach dem Sonnenbraten ‹flanieren› sie dann beispielsweise in Gruissan: «Ein altes Fischerdörfchen, gelegen zwischen dem Meer und einer Lagunenlandschaft, umgeben von der ‹Garrigue› (eine Heideart), am Fuße des ‹Massif de la Clape›. Es ist ein Ort, der seine Traditionen des Landes Occitane beibehalten hat. Die Erde der Fischer und Weinbauern, die mit ihrer Freundlichkeit wissen, wie Touristen unter der Sonne des ‹Midi› mit Wärme, Geselligkeit und Herzlichkeit empfangen werden.» (Der Ferienort Gruissan) Hier wird sie sichtbar, die Erde der Fischer und Weinbauern, die Geselligkeit. Errichtet und eingerichtet wurde das alles seit den siebziger Jahren, um die Urlauber davon abzuhalten, nach Spanien, an die Costa Brava oder die Costa del Sol, nach Torre de Mar oder Marbella weiterzubrettern. Es scheint gelungen, zumindest was die Architektur betrifft. Aber auch dieses andere schöne Stück Baukunst von Martigues hat die öffentlich-rechtliche Fernsehdame in ihrem feinen Filmchen zu zeigen vergessen, la Mairie de Martigues (die zuvor hier verlinkte sehr viel ausdruckstärkere Photographie wurde leider gelöscht). Vorschlag: Beispielsweise nach Perpignan reisen, sich einfach ein wenig im Altstädtischen dieser zauberhaft wusseligen, bereits oder immer noch sehr katalanischen Stadt tummeln. Die Vignerons de Maury mit ihrem Stand sind leider nicht (mehr) da, haben sie doch gerade mächtig zu tun mit dem Nachschub. Und alles ganz ohne sandige Plage in Saint Cyprien oder sonstwo. Und wenn es regnen sollte, was auch dieser Landschaft wohltut, einfach ein bißchen sozusagen submarin spazieren oder im Hotel bleiben und sich den Film La Têt von Cyril Tricot anschauen. Denn auf dem Bildschirm ist die Natur ja doch am unberührtesten. Das wird im Fernsehen immer wieder nachgewiesen. Der Beitrag war hier Anfang Juni bereits einmal veröffentlicht, als Kritik an einem Film über die hiesige Gegend, die ich aus dem flirrenden Licht deutsch-französisch-freundschaftlicher Fernsehfremdenverkehrswerbung in die korrekte Beleuchtung gerückt hatte. An der Situation hat sich in situ nichts geändert. Deshalb habe ich ihn überarbeitet und stelle ihn nun neu ein. Auch, um beim Thema und in der Route zu bleiben. Und die zu bedienen, die später eingeschaltet haben.
Narbonne-Plage Spricht mich gegen halb zwei ein gutaussehender Anfangsvierziger — ich vermute mal, auch Frauen würden ihn so sehen — an und fragt mich, ob ich ihm den Weg nach Narbonne-Plage wenigstens andeuten könne. Was will denn der ausgerechnet in dieser an Traurigkeiten gewiß nicht armen südfranzösischen Strandbebauung? ist mein erster Gedanke. Ich sähe dessen feingeschnittene Physiognomie eher in einem von la mamá gehäkelten Kissen in der Altstadt von Perpignan mittagsruhen, dort, wo die Gene derer von Aragón noch immer allgegenwärtig zu sein scheinen, obwohl das katalanische Rosseló bereits Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ins französischen Roussillon umbenannt wurde. Zumal er ein doch um einiges härter akzentuiertes Französisch spricht, das gut und gerne in Catalunya del Nord gebettet sein könnte. Ob ich ihn nicht verstanden hätte, spricht er mich irritiert fragend an, als er mein in der Geschichte herumsinnierendes Gesicht sieht. Und damit höre ich, daß dieser Akzent aus einer Gegend kommt, der eine andere Art von Wesensverwandtschaft aufzeigt: dem Talent zum Handeln. Weniger, daß er ein Verkäufer von irgendwas sein sollte — weiß man's? Man sollte nie nach dem Äußeren gehen, hat mich Mutter Erfahrung gelehrt —, sondern weil es unter den leicht zur Ruhe hin tendierenden Kastillern manchmal heißt, die Katalanen seien ihrer Geschäftstüchtigkeit wegen den Deutschen ähnlich. Auf jeden Fall kommt er aus einer Gegend, in der das Pfeffersäckische heimisch ist. Eine solche Despektierlichkeit verkneife ich mir selbstverständlich und stelle, anstatt ihm Wegweisung zu geben, die auch nicht eben höflichere Gegenfrage, was denn, um des sonnigen südfranzösischen Himmels willen denn ein Hanseat in dieser architektonischen Unglückseligkeit wolle, weise jedoch zugleich darauf hin, ihm den Weg auf deutsch vielleicht doch eindeutiger vorparlieren zu können. Die Irritation in seinem Gesicht weicht erkennendem Wissen und verwandelt sich in ein freundliches Lächeln. «Ah so», entfährt es ihm irgendwie zwischen Eppendorf- und Winterhuderisch. Worauf ich mich endlich meiner Aufgabe besinne, ihm den Weg zu erklären, nämlich: wenn er hier aus der Tür hinausschaue und dort hinüberblicke, er ein Schild sehe, auf dem geschrieben stehe, zur Plage dieser wunderschönen alten Stadt, nach Narbonne-Plage, seien es gut dreißig Kilometer ... Ob ich denn hier lebe, gegenfragt er und setzt nach, ob ich denn Lust auf einen Kaffee oder einen Wein ... Ich einige mich mit ihm auf letzteres, wobei ich mir nicht verkneife, ihn auf die seit gut zehn Jahren geradezu inflationären Alkoholkontrollen der französischen Polizei aufmerksam zu machen, die keineswegs, wie gerne kolportiert würde, auf die Geldbörsen verarmter Resteuropäer Rücksicht nähmen, sondern trotz Rechtshilfeabkommen et cetera genau so arg hinlangten wie in früheren Zeiten, als man noch befürchten mußte, die verhängten Strafen nicht in den parisischen Säckel zu bekommen. Zudem hätten französische Gefängniszellen nicht die Behaglichkeiten deutscher zu bieten, sondern befänden sich komforttechnisch teilweise noch in dem Jahrhundert, in dem Émile Zola J'accuse ! proklamierte. Ich solle mich um ihn nicht weiter sorgen, meint er geduldig. Denn das tue bereits la Chauffeur, die irgendwo da oben in der Kathedrale den Ursachen eines Katholizismus' nachforsche, der einer gebürtigen Protestantin seit langem so unlogisch erscheine. Sie müsse er eben nur anrufen, auf daß sie sich nicht allzu große Sorgen um ihn mache, denn sie sei vermutlich bereits auch noch auf der Suche nach ihm. In der mich immer wieder aufs neue verzückenden Markthalle von Narbonne gibt es genügend Eckchen, wo man trotz des Trubels in Ruhe das eine oder andere Gläschen austrinken kann. Aber mittlerweile ist es ohnehin ruhiger, da das bis zum späten Vormittag Eingekaufte sich bereits in der Verdauungsphase befindet und die Einkäufe für die zweite und noch wichtigere warme Mahlzeit des Tages erst gegen halb fünf wieder gestartet werden. Das hindert den freundlichen Herrn hinter der Theke nicht, uns Teller mit schwarzen und grünen Oliven und kleinen Stücken kräftigen Käses aus der hiesigen Region hinzustellen, die den Appetit auf noch ein Schlückchen des kräftigen Roten aus dem Anbaugebiet von Carcassonne steigern. Ich wiederhole meine neugierige Frage, warum er denn nach Narbonne-Plage wolle, denn das sei, mit Verlaub, ja nicht unbedingt ... Ach ja, unterbricht er mich, das hätte ich ihm vielleicht auch vorher sagen können. Seine Frau und er, also besagte la Chauffeur, die im übrigen gleich hier auftauchen werde, wenn sie uns denn fände, sie beide hätten nach dem dreiundneunzigsten dänischen Ferienhausurlaub irgendwie nicht mehr gemocht. Frankreich sei urlaubsmäßig ohnehin drangewesen, da er dem Land seit längerer Zeit seine Solartechnik verkaufe und die Gattin als elektronische Datenverarbeitungsfachfrau die mathematische Auflösung der Pracht gotischer Kathedralarchitektur suche. Im Frühsommer habe dann ein Freund in einer ähnlichen Situation wie dieser hier am Eppendorfer Isemarkt nach dem fünften elsässischen Riesling sprachlich derart von Narbonne getaumelt, daß er anschließend nach Hause an den Computer gehüpft und auch sofort fündig geworden sei. Bilder von sonnen- und naturprallem Strand habe er gesehen, Beschreibungen von bester Infrastruktur gelesen, man habe sich mit fortschreitendem Alter schließlich seine Bequemlichkeiten angewöhnt, von der Nähe zu geschichtsträchtiger Architektur inmitten des vielen Weins, von alten Dörfern wie Gruissan, in denen das alte Frankreich noch zu spüren sei, von der charakteristischen Nähe Perpignans zu Spanien. Und so weiter und so fort. Dann sei noch der deutsche Name eines hier ansässigen Ferienhausvermittlers hinzugekommen, der ihm in seinem leicht angesoffenen Kopf vermutlich Zuverlässigkeit suggeriert habe. «Ah ja», war dann mein nicht eben vielsagender Kommentar, den ich dann mit einem etwas ertragreicheren «Kenne ich» auffüllte. Diesem Trugschluß war ich vor etwa zehn oder mehr Jahren auch mal aufgesessen. Elsässer mit eingeborener Ehefrau. Sie vermieten diese Ferienhäuser genannten, südliche Architektur suggeriernden Pappkartons am Rande dieses zubetonierten und auch asphaltierten Strandes. Als ich ankam damals in dieser Siedlung, auf deren Parkplätzen durchweg Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen standen, wurde ich gleich sehr westfälisch-familiär mit meinem Namen angesprochen. Ich rechnete daraufhin mit einem baldigen schwäbischen Hinweis auf die Kehrwoche. Glücklicherweise hatte ich keine ganze Woche ... Wie lange er und seine Frau denn ...? «Noch zwei Wochen», drang von hinten eine weibliche Stimme mit unverkennbar oberhalb Flensburgs angesiedeltem Akzent vernehmlich in meine Ohren. Wobei das erste Wort um einiges lautstärker und um einige Oktaven höher bei mir ankamen. «Noch», seufzte er hinterher, hob sein Glas, als wolle er auf ihrer beider anstehende gemeinsame Beerdigung anstoßen, und stellte mir die Dame vor, die sich um ihn und die gotische Kathedralmathematik sorgte. So sei es eben, grummelte ich mehr, als daß ich es deutlich sagte, wenn Bilderbuchdäninnen den feurigen Süden — und schlug mir augenblicklich die Hand vor den Mund, durch den nach den bereits zuvor eingenommenen zwei Banyuls offensichtlich schon etwas zuviel des jetzt getrunkenen Weines geflossen war. Nun denn, versuchte ich beruhigend einzuwirken, zwei Wochen noch. Das sei ja noch hinzunehmen im Vergleich zu dem, was mir passiert sei. «Wie, Sie haben doch gesagt, daß Sie nichtmal eine Woche ...» Das meine ich nicht. Anfang der neunziger Jahre habe ich nur aufgrund photographischen Anschauungsmaterials den Vorvertrag für ein Ferienhaus in Saint Cyprien-Plage unterschrieben, etwa fünfzehn Kilometer von Perpignan entfernt. Ich wollte mir die günstige Gelegenheit nicht entgehen lassen — der Vater einer Bekannten, der es sich fürs Alter gebaut hatte, war gestorben, und die Tochter wollte es möglichst rasch loswerden. Weshalb, das erfuhr ich erst, als ein ins heimatliche Portugal zurückfahrender Freund den Umweg zu machen sich bereiterklärt und mir Bericht erstattet hatte: ein klappriges, zusammengeschustertes Häuschen inmitten von Betonburgen und hängebäuchigen Sixpacktrinkern aus nördlicheren Regionen Europas. Ein Jahr hatte es gedauert, bis ich aus dem Vertrag wieder raus war. Erst zwei Jahre später habe ich das wacklige Grabgehäuse dann gesehen, in das ich um ein Haar eingezogen wäre. À votre santé!
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Jean Stubenzweig motzt hier seit 6507 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 07.09.2024, 02:00 ... Aktuelle Seite ... Beste Liste (Inhaltsverzeichnis) ... Themen ... Impressum ... täglich ... Das Wetter ... Blogger.de ... Spenden
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