Saurer Wein

Dieses Mal ist es schwarze Johannisbeere — Cassis. Crème de Cassis ist es, der in mich fließt, langsam überspült von dem weißen Bordeaux, den in Deutschland keiner trinken würde, ihn aber auch nicht zu kaufen bekäme, weil die Winzer ihn lieber selber schlucken. Diese Bordeaux sind so trocken, daß sie, wie ich gerne zum besten oder schlechten gebe, kurz davor sind, zu stauben. Erst nach dem zweiten, besser: dritten Schluck kommt dieser Geschmack des absolut reinen Weines. Es gibt sie ganz weit nordöstlich des Bordelais allerdings auch. In der Pfalz habe ich mal bei einem Winzer, der sich äußerlich bereits seinen jahrtausendealten Rebstöcken angeglichen hatte, welchen getrunken. Er sagte mir, solche Weine seien gar nicht verkaufbar. Man könne sie nicht lange lagern. Den meisten seien sie auch zu sauer. Da müsse man sie eben selber trinken. Sprach's und nahm noch einen lustvollen Schluck.

Sauer, sehr sauer, das sagte auch die Kollegin vor einigen Jahren, als ich mal von dieser Geschmacksrichtung schwärmte. Ihr ohnehin leicht verhärmtes Gesicht verzog sich dabei zu einer (spieß-)bürgerlichen mittelständischen mittelalterlichen Altweiberzitrone. Mit entsprechend säuerlichem Gesicht berichtete sie, sie sei einem Irrtum aufgesessen, in der Übersetzung hörte ich so etwas wie Betrug heraus, hatte sie doch gleich einen Karton mit vierundzwanzig Flaschen gekauft, weil Paul Bocuse seine Empfehlung allem Anschein nach jeder einzelnen persönlich mit antiker Tinte an den Hals signiert hatte. Mit der dem Diplomatenhaushalt gebührenden Zurückhaltung, aus dem sie in die schnöde Welt hinausgeworfen worden war, berichtete sie vom ersten Verkostungsversuch der zwei Dutzend Flaschen. Es habe eine Art Revolution gegeben in ihrer Geschmacksnervenwelt. Und ob ich interessiert sei, selbstverständlich gewähre sie mir einen Nachlaß. Sprach's, rauschte ab, ohne eine Antwort meinerseits abzuwarten, tauchte hinab unter ihren Schreibtisch, wo der Wein seinem Verderben entgegenwartete, zog eine Flasche heraus, kam zurück zu mir, stellte sie vor mich hin und meinte, ich solle ihn doch mal probieren. Zuhause angekommen telephonierte ich sogleich dem Händler hinterher, der dann tatsächlich auch noch ein paar Flaschen dieser «Sonderedition» aus dem Giftschrank seines Lagers hervorkramte; vermutlich für sich persönlich reserviert. Restlos ausverkauft war dieser weiße Bordeaux. Am außerordentlich günstigen Preis dürfte es weniger gelegen haben, eher an der Tatsache, daß Monsieur Bocuse seine Empfehlung laut und vernehmlich proklamiert hatte. Vielleicht hätte ich bei noch ein paar anderen dieser verspäteten Mädchen nachfragen sollen, ob sie zufällig auch diese Bocuse-Empfehlung erstanden hätten, die eigentlich kein Mensch trinkt.

Aber ich hatte bereits soviel davon, daß ich mir immerhin hin und wieder das Sakrileg erlauben konnte, diesem Wein (für andere) etwas Farbe zu geben. Und er mußte ja weg, weil er sich bekanntlich nicht so lange lagern läßt.

Ich liege unter einem sich auf mir zum Bouches-du-Rhône ausbreitenden heiteren Quell aus feinsten, sorgsam dosierten edelherben Früchten.
 
Fr, 02.01.2009 |  link | (3686) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Geschmackssache



 

Ballade des dames du temps jadis

Dictes moy où, n'en quel pays,
Est Flora, la belle Rommaine,
Archipiada, ne Thaïs,
Qui fut sa cousine germaine;
Echo, parlant quand bruyt on maine
Dessus rivière ou sus estan,
Qui beaulté ot trop plus qu'humaine?
Mais ou sont les neiges d'antan

Sagt mir, in welchem Land ist Flora,
die schöne Römerin,
Alkibiades und Thais,
seine Zwillingsschwester,
Echo, die spricht, wenn man Lärm macht
auf dem Fluß oder dem Teich,
und die von übermenschlicher Schönheit war?
Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?


François Villon

Die gesamte Ballade
 
Do, 01.01.2009 |  link | (2199) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Fundsachen



 

La Déesse. Cul.

Zwei-Tage-Intermezzo aus dem Zettelkasten

Am 14. Dezember 2001 hatte es doch tatsächlich geschneit in Marseille. Einen schlechten Witz hätte ich gemacht, ein Fanfaron, ein Prahler, ein Aufschneider sei ich. Darin sei ich mittlerweile ein echter Marseillais. Schnee. Einen Zentimeter? Vielleicht gar einen Meter? Der Pariser, der die Stadt ja noch nicht richtig kannte, weil der TGV erst seit kurzem direkt und in drei Stunden ans südliche Meer brauste, hätte gesagt: einen Meter breit, vielleicht gerade noch über die Breite der (oder des: le) Canebière. Oder vielleicht hätten die Drogenfahnder vom weitverzweigten Mund der Rhône ein einstmals draußen auf einem marokkanischen Kutter entgegengenommenes und irgendwie in Vergessenheit geratenes Paket auf der einstigen Prachtstraße verloren, nachdem sie bei Toinou in vorweihnachtlicher Stimmung ein bißchen heftig Mais où sont les neiges d'antan* gesungen haben.

Prachtstraße? Ah, ja, genau, Canebière. Dort, in der winzigen Verbindung rue Vincent Scotto zwischen Canebière und Cours Belsunce und nur wenige Schritte von meinem heutigen Baumhaus im vierzehnten Stock, befindet sich mein Lieblingskino: Les Variétés. Geschneit hat's da nicht. Da war's Juli, in der Provence. Im Film. Balzac. Jacques Rivette. La belle noiseuse. Darin wurd's warm, war's warm. Dort regnete es. Und zwar meine Tränen der Enttäuschung wegen Emanuelle Béart. Ich hätte unterhalb des elfenartigen Gesichtes dieser Violinistin Camille aus Claude Saudets Un cœur en hiver — auch im Winter will Ein Herz im Winter nicht weichen — doch eher einen ebenmäßigeren, sehr viel zarteren, sanfter proportionierten Körper vermutet. Die Béart hat ja ein Hinterteil wie — na ja, vielleicht nicht so sehr wie das der zauberhaften, immerzu singenden Madame Boubou von oben aus der kreolischen Vierquadratmeterküche hinter der place de Lenche. Wir sollen ja alle irgendwie aus Afrika abstammen, Madame Béart möglicherweise in noch direkterer Linie von der nördlicheren Geographie dieses zwischenzeitlich auch französisch befruchteten Erdteils. Aber daß die Actrice das so deutlich nach hinten ausladen muß. Na ja, möglicherweise sind da ein paar Gene in den nahen Osten hineingefahren.

Ein Chauvinist, ein typisch männlicher Widerling, ein Phallokrat sei ich, ein Salaud, ein Dreckskerl, würde ich solches äußern, das brachte mir diese Bemerkung ein. Es war aber auch ungewöhnlich, daß ich mich zu einem derartigen Bild hinreißen ließ. Vorstellen darf man sich das ja. Aber es auch noch sprechend schildern? Die mißratene Phantasie ist mir da wohl durch meinen urbürgerlichen Wortfilter gerutscht. Hätte ich meine Vorliebe für steißfreie Gazellen kundgetan, wäre die Kritik möglicherweise anders ausgefallen. Vielleicht leicht schamgerötet ob eines angedeuteten Kompliments? Dabei mache ich grundsätzlich keine Komplimente, da ich sie für ein verlogenes, unwürdiges Verbalrudiment aus der Zeit halte, als die Köpfe, bevor sie in die Körbe rollten, noch bleiweiß zugepudert wurden, auf daß man die Dreckskrater darunter nicht sehe.

Sie konnte vom Schnee in Marseille nichts wissen, da sie den TGV nach Paris genommen hatte, nicht den pfeilschnellen Direktzug, sondern die fünfstündige Bummelbahn über die Dörfer — Aix-en-Provence, Avignon, Valence und Lyon zum nach ihm benannten südbahnhöfischen Gare —, um überall auszusteigen und irgendetwas zu suchen, das ihr aus dem Leben gefallen war. Sie war nicht fündig geworden. Dafür hatte es dort geregnet. Und sicherlich nicht nur Tränen wegen der erfolglosen Suche. Dabei wollte ich ihr, als ich ihr in leicht schlingernder, ein bißchen ausweichender Erzählform ablenkend lediglich beizubiegen trachtete, daß ich mich ebenfalls auf der Suche befand, wenn auch nicht nach Menschen, sondern lediglich nach einer dauerhaften Behausung. Für mich. Ganz alleine. Denn das wollte ich bleiben. Für alle Zeiten.

Ich war am 14. Dezember 2001 also in Marseille. Und ich war eben ins Kino gegangen. Nicht nur wegen Madame Béart. Gut. Auch. Weil sie sich gerade ergab, die Hingabe. Nicht mir, sondern Herrn Piccolis Pinsel. Aber in erster Linie, weil's geschneit hatte und es für diese südlichen Gefilde ungewöhnlich und lausig kalt war. Denn dort friert man ja bereits bei Temperaturen jämmerlich, zu denen man sich's oben im Calvados hinter den Gefechtsstationen des letzten großen Krieges am Ärmelkanalstrand oder den leicht binnenländisch eingerückten Gärten in trauter Runde gemütlich macht. Und wenn dann erst der Mistral die Rhône hinunter in die Stadt reinbläst ... Na ja, der Wind aus dem Osten mit seinem Umweg über die Îles de Frioul herüber reicht manchmal schon aus für den Erfrierungstod. Sie haben nie verstanden, wie man so etwas genießen kann und dabei genüßlich lächelt, auch nicht im Sommer, wenn's den Kellnern die gefüllten Wasserflaschen vom Tablett fegt. Ein Barbar eben, einer, der nördlich von Lyon abstammt, wo ja bekanntlich keine Menschen leben.

Als ich ihr den Grund meiner winterlichen Anreise endlich vermittelt hatte, haute sie wutentbrannt ziemlich heftig auf die linke Ententür. Und ich versteckte mich hinter der Maltraitierten. Glücklicherweise hat sie es wenigstens unterlassen, den Kotflügel zu prügeln. Der wäre abgefallen. Und die anderen drei gleich mit. Wie ich's mal in einem Film bei einer Déesse gesehen habe, der Göttin, wie der Citroën DS in diesem wunderschönen, geradezu zauberhaften französischen Wortspiel auch genannt wurde. Wahrscheinlich bei Jacques Tati, ja, höchstwahrscheinlich, in Trafic. Wer könnte sonst derart komisch-ironische Bilder herstellen, die französische Göttinen doch sehr despektierlich zeigen, quasi ohne Unterrock? Französische Galionsdamen, Heiligtümer, über die sogar dieser rasierklingenscharfe Analytiker Roland Barthes — verständlicherweise — in elogenhafte Verzückung geriet: «Ich glaube, daß das Auto heute das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen ist. Ich meine die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde und die in ihrem Bild, wenn nicht überhaupt im Gebrauch von einem ganzen Volk benutzt wird, das sich in ihr ein magisches Objekt zurüstet und aneignet. Der neue Citroën fällt ganz offenkundig insofern vom Himmel [...] Die Déesse hat alle Wesenszüge [...] eines jener Objekte, die aus einer anderen Welt herabgestiegen sind [...].»** La Déesse, la Voiture et la Cathédrale. Alles weiblich. Vive la France! Ausgerechnet der Arsch, le cul, ist männlich. Wahrscheinlich, weil er Afrikaner ist.

Das sei alles nicht wahr! hatte sie noch gesagt. Sie säße in Paris, um einen Plan de bataille zu entwerfen, um so einen Affen einzufangen. Und der säße in Marseille im Kino, um einen weiblichen musculus glutaeus maximus, so sagte sie das tatsächlich, nicht etwa Sterz, zu begutachten.

Wäre ich doch bloß nicht am 14. Dezember 2001 in Marseille ins Kino gegangen, um mir le cul dieser Française d'Libanaise anzuschauen. Dann könnte ich heute gemütlich in meinem Baumhaus im vierzehnten Stock des Cours Belsunce hocken und befände mich nicht in diesem seltsamen Film.


* Aus der (hier übelst geklitterten) Ballade des dames du temps jadis von François Villon: Doch wo ist der Schnee vom letzten Jahr?

** Roland Barthes: Der neue Citroën, in: Mythen des Alltags, aus dem Französischen von Helmut Scheffel; edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1976 (21. Auflage), p 76ff.; français: Mythologies, Éditions du Seuil, Paris 1976

 
Do, 01.01.2009 |  link | (3391) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Linksrheinisches



 

Der bairische Wunsch

für ein Gutes Neues Jahr aus München wird aufs berlinischste wendrinisch erwidert – und richtet sich zugleich an alle anderen geschätzten und liebgewonnenen Leser und Schreiber (und Tucholsky-Lieferanten! Dankedanke!) meines Logbüchleins:

«Prost Neujahr. Prosit Neujahr, Frollein Richter, Prost Neujahr! Freutel, machen Sie die Tür zu, zum Himmeldonnerwetter! Ach so, die ‹B. Z.›. Prost Neujahr, Schulz. Prost Neujahr!!! Freutel, ich geh mal raus — man ist doch auch nur 'n Mensch ...

Das ist ein neues Jahr ... Hier könnt mal gestrichen werden, wie oft hab ich das schon gesagt ... So! Jetzt ist mir der Hosenknopp abgesprungen ... ! Besetzt! Besetzt! Gehn Sie von der Tür weg. Sie könn doch hören, dass besetzt ist! Hach — Locarno-Geist in allen Parlamenten. Paris, den 2. Januar. Wie Havas meldet ... Man ist ein geplagter Mensch. Die einzige ruhige Stunde, die man am Tage hat, is hier draußen —!»


Kaspar Hauser

Die Weltbühne (textlog), 05.01.1926, Nr. 1, S. 30


Bonne année ! • Buon Anno! • Feliz Año Nuevo • Glædig nytår • Hyvää uutta vuotta! • skål • alegría, boa sorte, felicidade, saúde, éxito • Happy New Year • santé !
 
Mi, 31.12.2008 |  link | (1807) | 2 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Aktuelles und Akutes



 

Kunst. Musik.

5. Fortsetzung. «Sie wissen sehr viel. Seltsam viel.»

Ich meine es, weil wir nur schwierig einen Zugang zur Phantasie außerhalb des geschriebenen Wortes haben. So zur Beaux-arts, Art contemporain, Art plastique. Es war bei mir früher genauso. Vielleicht ich hätte früher genauso gesprochen wie Izzo. Doch ich habe durch dich sehr viel kennengelernt im Zusammenhang mit der Art plastique, Art contemporaine. Ich habe sie früher nicht gekannt, unsere herrliche Verrückten: Arman, Raymond Hains, César, obgleich er Marsaillais ist. Es macht mich sehr zufrieden, daß wir sie haben in France! Seitdem gehe ich auf eine andere Weise an diese Kunst, an diese Gedanken. Dadurch habe ich auch viel gelesen und bin mit anderen Augen dorthin gegangen. Ich habe sehr viel von unseren gemeinsamen Gedanken gefunden, die wir im Romanisme gebildet haben. Du hast mir diese formidable Essai gegeben von diesem Mann, der geschrieben hat darüber, daß es zwischen Artistes nie eine Frage nach Europa gegeben hat.

Sauerbier? EurOpa ach EurOma?

Oui! Er hat geschrieben, daß die Kunstler nie Grenzen hatten, daß es bereits Europe gegeben hat in den fünziger Jahren. Liberté des arts. Jedoch es ist eine Freiheit, die wir nicht so gerne haben, wir Franzosen. Sie ist nicht wohlgeordnet. Schrift ist mehr systematique, hat mehr Methode.

Wobei gerade die vorhin besprochene Écriture automatique Ausbruch bedeutet. Das Innere bricht nach außen.

Dennoch es ist Schrift. Es kommt von dort. Das ist entscheidend. Kunst ist nicht genug Vernunft. Wir sind alle Bourgeois geworden. Vernunft der Nützlichkeit. Wir möchten haben alles erklärt. Malerei et cetera ist viel mehr Anarchie. Jedoch nicht politische Anarchie. Anarchie als ein Chaos. Freiheit von innen. Wie César. Peinture der dritten Dimension. Der sie hat auch außen gezeigt. Deshalb wohl hat Jean-Claude Izzo das nicht gemocht. Ich bin damit ein wenig durcheinandergeraten. Doch ich weiß, daß du meine Orientation mit diesen Vergleichen verstehst. Er schreibt nie wie du, auch nie, wie du es nennst, zwischen den Zeilen. Es gibt keine Zwischentöne bei ihm, keine Nuances. Seine Phrases haben weniger Farben, vielleicht nur die reinen Farben. Dennoch kommen, wie ich es sagte, viele Worte, sehr lebhafte Bilder dabei hervor. Ich habe jedoch lieber mehr Farben, mehr Noten, mehr Töne, mehr Orchester, aus dem ich manchesmal dieses Instrument heraushöre, einmal ein anderes, oder eine Stimme. Ein wenig mehr Léo Ferré in der Sprache, mehr Modulation, mehr Spiel um nicht nur einen zentralen Punkt, mehr Prélude. Vielleicht mehr Préliminaires sexuelles? Puh! Ich mag mehr Register. Auch wenn es nur ein Klang ist, so muß er herumkreisen in mir, auf mir. Es fällt mir Bergson ein dabei: Wenn die Anmut die Kurven den gebrochenen Linien vorzieht, so kommt es, weil die gekrümmte Linie jeden Augenblick die Richtung ändern kann.1 Alles ist verbunden miteinander. Und ein Klang soll haben einen Nachhall. Wie guter Wein, der nach dem Öffnen immer wieder einen neuen Geschmack annimmt und ihn wechselt. Doch Izzo geht sehr direct voran. Mais — es ist eine andere Genre de littérature. Es ist mehr Rhythmus und weniger Harmonie. Es ist mehr auf den Punkt gesetzt. Dann kommt der nächste. Und so fort. Seine häufigen Beschreibungen von Musik zielen dorthin. Zumindest habe ich diesen Eindruck.

Wie meinen sie das? Welche Musik?

Es ist durchaus Vielfalt. Jedoch, ich weiß es nicht genau, wie ich es sagen soll. Ich kenne mich in dieser Musique nicht so gut aus. Irgendwo habe ich diesen Begriff im Zusammenhang mit Jazz einmal gelesen, über das er viel schreibt — ehrlich, vielleicht auch aufrichtig sind solche Begriffe. Wie die Menschen, über die er schreibt. Es sind eher schlichte Menschen. Also alles — Chanson bei ihm weniger. Etwas Ferré, einmal, glaube ich, Aznavour. Mehr, ich sagte es, Jazz, meistens alte Kompositionen, von Miles Davis, John Coltrane, sogar Abdullah Ibrahim, ein Arabe, der Jazz ...

Nix Araber. Zu dem bin ich schon in die Konzerte gerannt, als er noch als Dollar Brand in kleinen Clubs auf dem Flügel zauberte. Er ist Südafrikaner.

Ouf. Ich wußte es nicht.

Macht ja nichts. Er ist, das glaube ich zumindest, einer von vielen Künstlern, viele Musiker, die schon vor dreißig Jahren zum Islam konvertierten. Muhhamed Ali hieß ja auch mal Cassius Clay. Wegen der friedlichen Botschaft.

Didier! Frieden? Er ist ein Boxeur! Er schlägt andere Menschen in ihr Gesicht! Wo ist Frieden?

Na ja. Sie haben zwar irgendwie recht. Und meine Sache ist das auch nicht, diese Kloppereien. Aber auch bevor die Antike in Marseille eingezogen ist, haben sie sich ja bereits sportlich geprügelt. Oder massakriert. Nur gab's damals eben die Bewegung der Black Muslims. Black Power. Da ging's dann allerdings um weniger wettbewerblichen Kampf.

Es ist ein Kampf, den ich mehr respektiere als diese Schläge.

Ach ja. Aber bei den Künstlern war es — das glaube ich zumindest — anders. Obwohl — Südafrika. Zu der Zeit, als Dollar Brand zum Islam konvertierte, saß Nelson Mandela wegen der sogenannten Terroristenvereinigung ACE schon ewig im Knast. Später wurde sie Regierungspartei und ihr Führer Präsident der Republik Südafrika. Aber er hat eben keinen Buren ...

Buren. Was ist es?

Meine Güte. Sie stellen Fragen. Ich weiß doch nicht, wie diese hochherrschaftlichen weißen Herrscher aus den Niederlanden über die Nigger auf französisch ...

Ah. Oui. Les Boers. Jedoch es waren auch Deutsche! Es waren nicht nur Néerlandais! Sie sind seit die Mitte des 17. Siècle dort. Und so wie du es sagst, ich habe auch die Vermutung, daß unser Artiste français Daniel Buren von dort seinen Namen hat.

Donnerwetter. Was sie alles wissen. Es ist ärgerlich, daß ich da nicht selber draufkomme. Alsdenn. Die heißen, wenn ich nicht irre, original auch so. Es ist sogar ein Name: de Boer, der Bure. Wie auch immer. Ich weiß es also nicht genau. Nun: Solidarität? Aber vielleicht ja auch, weil der Islam mehr Mysterium bietet. Ich weiß es nicht. Ich habe mich da nicht weiter mit beschäftigt. Ich höre außerdem auch nur noch selten Jazz.

Du hast es auch zuhause nie gehört ...

Zuhause?

Didier. Merde! Zuhause! D'accord. Du hast fast nur unsere Chansons gehört. Manchesmal auch etwas Musique classique. Sehr viel Baroque! Opéra. Und Jazz? Puh. Es sind Namen, die ich in Erinnerung habe aus diesen Büchern von Izzo — und die auch hier bei dir stehen. Es ist deshalb durchaus etwas seltsam, das hier zu sehen. Auch diese viele spanische Namen und ein paar italienische. Sogar Raï hast du in Deinem Regal und Khaled oder Chaba Djenet. Sogar Massilia Sound System. Es ist verrückt. In diesem Moment fällt es mir ein. Zuvor es hat mich überhaupt nicht überrascht. Es war wie normal. Doch nun — woher hast du es alles?

Na? Woher wohl. Meinen sie etwa von hier? Meinen sie, Chaba Djenet oder Massilia Sound System gibt's hier zu kaufen? Aus der Heimat eben. Aus der Rue du Capucins, dem arabischen Gewusel. Nee, warten's mal. Chaba Djenet habe ich ich in einer völlig abgefuckten Bar im ersten Arrondissement gehört, in der man besser nicht auf die Toilette hinterm Vorhang ging, weil man sonst leicht in ein Griechenklo fallen konnte. Nähe Rue Colbert, zum Centre Bourse hin. Die Brasserie du Centre. Die Bedienung, eine sehr, sehr dicke blondierte Algerierin, hat meine glücklichen Augen gesehen, hat sich darüber gefreut und es lächelnd andauernd gespielt. Die Wirtin, eine ansehnlichere ebenfalls Algerierin, hat ständig mürrisch dreingeschaut, vermutlich meiner kuhäugigen Musikwünsche wegen. Oder weil ich erkennbar kein Algerier war. Sie hat mich wohl deshalb nicht rausgeschmissen, weil ich ihr vermutlich einen Wochenumsatz verursacht habe. Trotz dieses Dauerhörens habe ich das Band am nächsten Tag gekauft und später noch eine CD. Und die Wahnsinnigen aus Marseille habe ich letztes Jahr aus der Altstadt von Pérpignan rausgetragen. Ich habe das Plakat gesehen und bin sofort rein in den Laden, in Harmonia Mundi. Nein. Es stimmt nicht. Das Plakat hatte ich zuerst in Marseille gesehen. Aber gekauft hab ich die CD in Pérpignan. Dreimal. Zwei hab ich gleich verschickt. Um den Barbaren meine Liebe zu meiner Heimat zu verdeutlichen. Auch wenn es kaum zu verstehen ist in seiner Mischung aus Provençalisch und dem neuen Dialekt der Marseillais, der jungen Abgedrehten. Aber man spürt deren Hirnströme. Sie fließen in den eigenen Kopf.

Mon Dieu! Mais évident. Wie geht es anders. Dann bei Izzo sehr viel Hispanique, auch Musique von Gitanes. Mais oui, sein Held Fabio Montale, er liebt eine Zigeunerin sehr. Sie begleitet ihn — Jean-Claude Izzo? — durch seine Trilogie. Es ist Lole. Sie ist seine große Liebe. Sie verläßt ihn. Und er trauert immer um sie. Es ist überhaupt immer sehr traurig. Ich habe viel geweint. Erst nachdem du gegangen warst, habe ich seine Bücher gelesen. Es geht mir wie dir. Ich mag auch nicht so sehr Kriminalgeschichten. Doch dann hat Mirjam gesagt, daß ich ihn lesen soll. Deshalb. Weil ich immer an uns denken mußte. Sein Held Fabio Montale sucht immer. Er sucht seine Frau, die ihn verlassen hat. In jeder Frau sucht er sie. Fabio Montale hat nur den Tod gefunden. Erst war er einen kleinen zuvor gestorben. Und dann den großen. Ich hatte un petit mort. Er war so sehr schlimm, daß ich mir manchmal gewünscht habe, ihm nachzufolgen.

Wie? Sie und er? Madame haben mit Fabio, ähem, Jean-Claude ...

Oh! Didier. Non! Arrête! Ich glaube, es liegt hier ein Mißverständnis vor, eine Verwechselung. Diesen bin ich nicht gestorben mit Jean-Claude Izzo. Ich habe ihn nur ein paarmal gesehen. Man grüßt einander. Ich kenne seinen Sohn.
Wir sagen zwar kleine Tod zu diesem wunderschönen kleinen Tod, den du nun meinst ... Es ist jedoch auch ein kleiner Tod, von dem es heißt, daß nur Männer ihn sterben, weil etwas abreißt, weil etwas vergangen ist, während eine Frau nach diesem kleinen Tod des Mannes ein schwebendes Leben weiterführt, das gelöst ist von dem ihres Geliebten. Doch ich empfinde ihn manchesmal genauso, weil ich dann auch vergangen bin, etwas abgerissen ist, ich mich fühle, als ob ich gefallen bin in eine sehr tiefe dunkle Grube. Nicht immer, jedoch oft. Mit dir. Doch dieses Abreißen eines Lebens ist ebenso bei eine Divorce, bei eine Trennung. Es ist identique! Die Psychologie hat un petit mort als Terminus technicus für eine Trennung, Scheidung. Und diesen meinte ich auch bei Izzo. Lola war sein langer kleiner Tod.

Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählung
 
Mi, 31.12.2008 |  link | (3920) | 3 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Zwei Tage



 







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