Männer. Väter. Ein Wutausbruch.

Ich finde Männer todsterbenslangweilig. Und sie mich sicherlich ebenso. Ich tue mein mangelndes Interesse an ihnen ja häufig genug kund. In letzter Zeit merken sie es nicht mehr so, da ich kaum noch hinausgehe. Genau. Sie merken nix. Mit euch Mädels kann ich fast immer über fast alles sprechen. Ihr hört zu. Ich lerne von euch, zuzuhören. Manchmal merkt ihr euch auch was. Nein. Sogar viel. Ich weiß schon, weshalb ich nicht nur gerne unter Frauen bin, sondern mit Vorliebe auch mit ihnen arbeite. Eure Intelligenz ist offensichtlich. Aber ihr tragt sie nicht vor euch her wie eine Standarte der Intellektualität. Wenn ich mich — mal wieder — wegen meiner miesen Laune schlecht benommen habe, kann ich mich entschuldigen, und es geht wieder. Männer empfinden alleine meine häufige Abwesenheit bei ihren Veranstaltungen als persönliche Beleidigung. Frauen fragen mich nach den Gründen meiner Absenz. Ich kann ihnen sagen, daß mich nicht nach der sich ständig wiederholenden Welt da draußen gelüstet. Sie verstehen es. Manche erkunden sogar vorsichtig, ob mich nach einem Gespräch dürstet. Wenn ich Autorinnen vermittle, was mir an ihrem Text nicht so gut gefallen hat, liest sich das in der Regel beim nächsten Mal weitaus besser. Männer rühren denselben Quark erneut an. Keine Zeit und so. Und kicken sich — jedenfalls bei mir — so selber raus. Anderswo dürfen sie meistens denselben Sermon wieder abgeben. In leichter Abwandlung eben. Seit dreißig Jahren ein einziges Selbstzitat. Und es wird gedruckt. Anderswo. Während die Mädels zunehmend das Terrain erobern. Mit Recht. Weil sie nachdenken, sich auch schonmal neue Gedanken machen. Zuverlässig sind sie auch noch. Jedenfalls weitaus mehr als Männer. Die können zwar einen Plan entwerfen, ihn aber nicht einhalten. Frauen fragen sich vermutlich — weitaus vernünftiger —, wozu brauche ich einen Plan, wenn ich ihn ohnehin nicht einhalten kann? Dann stelle ich fest, daß dies die wahre, die richtige, die einzige Logik ist, muß herzerfrischt lachen, nenne einen neuen, einen letzten Termin. Das funktioniert dann meistens. Meistens. Und: In einem Punkt bewundere ich euch Frauen nachgerade, weil ein Mann das nie hinbrächte: Kinder in die Welt setzen und aufziehen und dabei auch noch lieb sein zu ihnen — und trotzdem beruflich alles auf die Reihe kriegen. Ich frage mich so oft: Wie schafft ihr das eigentlich alles? Nun gut. Manchmal schafft ihr es eben nicht. Ich kenne da so einen Fall aus meiner Familie. Aber da ist ja auch ein Vater in die Kinderlosigkeit einer anderen geflohen. Doch die meisten Frauen, die ich kenne, schaffen das dennoch. Und ich erstarre in Ehrfurcht dabei.

Die Väter. Daß sie jetzt mit dem Kinderwagen auf die Straße gehen und sich nicht mehr schämen müssen — und es oft genug dennoch tun? Das bißchen Windelnwickeln. Wir haben das — vor und nach der sogenannten Revolution — längst getan. Also vor über vierzig Jahren. Und andere vor dieser Zeit. Was ist denn schlimm an Kinderkacke? Wir haben sie doch allesamt mal selber produziert. Und ich sehe auch, wie sie ihre Kinder auf dem Arm halten. Möglicherweise liegt es in der Natur der Sache, daß eine Mutter ihr Kind näher an sich dran hat, als ein Mann das spüren und somit zeigen kann. Aber häufig genug sieht es aus, als ob man ihm ein Stück Gummi in die Hand gedrückt hat, mit dem er nicht weiß, was er im Heimwerkerstall damit anfangen soll. Und wenn es sich mal anders ergibt, macht er gleich wieder 'ne Riesen-Performance draus. In einem südlichen sehr großen Dorf voller schöner Menschen lebt ein Schauspieler — so ein Dauerlutschergesicht, das aus einer einzigen Einstellung besteht: schöner männlicher Mann sein. Der ungern an seine Vergangenheit als der Pimpf erinnert wird, der mir mal beim Theaterfestival aus einem Zelt entgegengekrochen kam. Der also immer so tut, als ob er bereits als Filmstar der dreißiger Jahre auf die Welt gekommen wäre. Ständig so'n cooles Kameragesicht. Dieser Mann wurde Vater. Das sah aus, als ob das Kind aus ihm, aus seinem Waschbrettbauch herausgekrochen wäre. Er hat es quasi ständig in die Kamera gehalten — auf daß man sein Gesicht sehe. Das Gesicht des Vaters! Und wenn man ihn genau beobachtet hat, dann hat man's, habe ich's gesehen: Sobald das Interesse an dem schönen Mann als Vater erlahmt war, hat er das Kind der Mama in der Arm gedrückt — hier nimm. Hab keinen Bock mehr. Alles Schau, kein wirkliches Interesse am Kind. Und die andere Version: ab und zu mal sonntags auf die Wiese und in den Zoo mit den Kleinen. Sonst ist ja keine Zeit, weil sie bis in die Nachtstunden Karriere machen müssen und am Abend die auch noch mit nach Hause bringen. Ich kenn's, wie erwähnt, aus der Familie. Und nicht nur von dort. — Es nutzt doch nichts, wenn sie mit dem Bündel nichts anfangen können. Später Auto- und Fußballspielen und was sonst noch alles, was Männer unter sich so tun. Deshalb immer Jungs haben wollen.

Wer seiner Frau Entfaltung gegönnt hat, dem hat es auch früher nichts ausgemacht. Es gibt genügend Beispiele. Ich will jetzt nicht schon wieder von der eigenen Familie erzählen. Denn auch aus anderen Ecken kenne ich viele Fälle. Und ältere! Wirklich ältere. Das hat es immer gegeben. Es ist alles eine Frage der Gesinnung. Und Windeln gewickelt haben Männer früher eben auch. Sehr viel früher, als gemeinhin angenommen wird. Es wird nur nicht darüber gesprochen. Mir ist nie klar gewesen, weshalb so etwas überhaupt diskutiert werden muß.

Ein Nachtrag
 
Sa, 31.01.2009 |  link | (5467) | 35 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ansichten



 

Gelegenheiten

Zeiten gab's, da konnte man nicht mal eben ein Video mit Heinos Tokyoter Inszenierung von Schwarzbraun ist die Haselnuß oder das Weiße Rößl auf Kishuaheli ordern und zwei Tage später in Empfang nehmen. Sooo lange ist das noch nicht her, daß ich am Ende des Films alleine in einem Münchner Kino saß, festgenagelt von der Faszination des Cyrano de Bergerac und mich bald darauf fragte: Wenn das in deutscher Sprache schon so beglückend singt, wie muß das erst in französischer klingen? Also wollte ich das haben, das entsprechende Videoband, wollte mich berauschen. Doch dazu bedurfte es langer Wege. Nun gut, die Dame fuhr damals nach Mailand, um ordentliche Schuhe zu kaufen, oder besser Florenz, weil man da eben die Uffizien mal wieder miterledigen konnte und den Friseur gleich mit. Unsereins mußte früher eben nach Paris. Sicher, man hätte den oder die anrufen können, aber man will die Leutchen ja nicht immer so belasten mit seinem Kleinkram. Und noch bevor ich die Suche beginnen mußte, fiel ich auf dem Weg zur place Bastille auf dem Boulevard Richard Lenoir vor einem Billigphotoladen über eine Verkaufskiste mit Sonderangeboten — soldes —, darin: mehrere Videos, unter ihnen der Cyrano, für zehn Francs. Das waren damals ungefähr drei Mark, nach heutiger Wertermessung etwa ein Euro fünfzig, na gut, die Preissteigerungen berücksichtigt: zwei. Zwar hatte ich nicht bedacht, daß der Film für das in Frankreich genutzte SECAM-System gespeichert worden war, so daß ich es am PAL-Fernseher nur schwarzweiß sehen konnte, aber es war nicht weiter tragisch, ging es mir doch in erster Linie um den Ton; er brachte mir die Farbe, die ich wollte, den Rest hatte ich ohnehin im Hirnkino gespeichert.

Die Zeiten haben sich geändert. Nicht nur, daß man nicht mehr mit derlei technischen Problemen konfrontiert wird, mehr noch: die DvD bietet in der Regel geich mehrere Sprachen. Zwar kaufe ich sie nach wie vor im Ursprungsland, auch wenn sie überall erhältlich wäre (selbstredend ebenso via Internet, wo ich jedoch nichts kaufe, jedenfalls nicht ohne Not [und das erledigt dann die Büddenwarderin], sondern beim Händler; ich kaufe ja auch meine Wurst nicht an der Tankstelle und das Benzin nicht im Backladen). Andererseits tue ich mich mit meinem mittlerweiligen Hin- und Hergehüpfe auch etwas leichter als derjenige, der für eine solche Aktion seine Reise unterbrechen müßte auf dem Weg an den spanischen Grill. Nicht außer acht gelassen werden dürfte dabei auch, daß der auf dem Weg nach Würstel con Krauti Befindliche vermutlich eher weniger nach einem solchen Minnesang wie dem cyranoschen lechzt.

Und genau diese unterschiedlichen Interessenslagen lassen mich oft als Gewinner hervorgehen im oft gewalttätigen Preiskampf der Händler. Die bestellen nämlich immer wieder mal auf den Verdacht hin, es könnte auch mal ein Kunde sich in seinen Konsumrauschtempel verirren, dem nach anderem ist als dem Gängigen. Man will ihn schließlich nicht an die Konkurrenz verlieren, ihn im Haus halten. Doch da der in Regel gar nicht auf die Idee kommt, in dieses Großgeizverkaufslager zu gehen, um nach seinem abseitigem Geschmack zu suchen, bleibt das Zeug liegen. Und landet in der Ramschtruhe. Und dort stehe ich dann, mit dem Luxus Zeit ausgestattet, und wühle verzückt im Müll.

Was habe ich im Lauf vieler Jahre da alles schon rausgezogen! Kürzlich erst für einen Euro fünfzig das wunderschöne Buch von dem seit den Siebzigern geschätzten F. C. Delius: Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus. Oder vor ein paar Monaten, billiger als ein Stück trocken Brot, Mathias Greffraths Schmuckstück Montaigne heute. Und wenn ich denn tatsächlich mal in einen dieser Superhaifideleietimärkte gerate, da man anderswo bestimmte Druckertinten eben nicht bekommt, lasse ich die Musik- und Filmtruhen selbstverständlich nicht aus. Manch edles Werk findet sich dann oft ganz unten im Schatzkästlein. Vor einiger Zeit war das mots d'amour in der Interpretation von Anne Sofie von Otter, etwa zum halben Preis. Sogar Miles Davis Bitches Brew trompetete mich letztens an. Aber das hatte ich bereits seit Urzeiten auf Vinyl und kam, um die Platte zu schonen, später als CD hinzu, das mußte nicht sein, auch wenn sie nur zehn oder gar fünf Euro kostete, die glänzende Scheibe. Letztes Jahr haben die Büddenwarderin und ich beinahe vergessen, dem armen Allerjüngsten, der alle zwanzig Minuten was Warmes in den Bauch braucht, was zu essen zu kaufen, so satt waren wir: Sieben oder acht Filme hatten wir im Körbchen, das reichte uns, zwar nicht aus der Ramschkiste gefischt, aber allesamt mindestens um die Hälfte reduziert, darunter solche Kleinode wie Der Mann, der die Frauen liebte oder Die Braut trug schwarz.

Gut und billig — mal anders gesehen. Brauch ich Internet?! Außerdem kann ich da nichtmal stöbern.


Die Photographie dazu mit dem mehrsprachigen Titel zum Thema Ausverkauf oder auch Gelegenheit stammt von dem Niederländer pseudonyms Photocapy und steht unter CC.
 
Do, 29.01.2009 |  link | (3586) | 26 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kopfkino



 

Eine einzige Welt

wollten John Cage und die anderen Künstler, diejenigen jedenfalls, die sich ein paar Gedanken gemacht haben über das, das sie tun. Sie hatten eine erstrebenwerte Welt begründet. Etwas sehr frei betrachtet, wären sie deren eigentlichen Schöpfer, so es sie denn gäbe, die oder den Weltgestalter. Diese Kunst-Welt, sehr frei und im Sinne der Bewegung fließend beschrieben in S. D. Sauerbiers EurOpa, ach EurOma, benötigt keine Staaten. Da sind wir beieinander, lieber hap, da sind wir sicher (Nicht-)Mitglieder, da sind wir eine Welt. Aber die meisten wollen sie nicht. Denn was dieses Kunstkroppzeugs seit den ausgehenden fünfziger Jahren produziert hat, wurde ja in der Regel so radikal abgelehnt wie es eben die(se) Kunst war: Fluxus. Lauter Spinner. Anarchisten, meinetwegen. Hier wird einmal mehr deutlich, wie notwendig sie für die Gesellschaft sind, diese Verrückten, die lediglich von ein paar ganz wenigen gerne und zu recht Visionäre genannt werden (etwa im Gegensatz zu den Kunstmarktkunstkünstlern). Es nutzt nur nichts – sie wollen nicht eine Welt, diese, auch hier sind wir uns einig, «Idioten [...], die immer noch im 19. Jahrhundert verharren und den Nationalstaat als Ausweg sehen». Darüber hinaus, vergessen wir es nicht: das heutige sogenannt Vereinigte Europa entstand nicht etwa aus idealistischen Gründen, eine grenzenlose Freiheit zugunsten des Andersdenkenden ward nie angestrebt. Mag es heute auch Europäische Union heißen, nach den ersten Anfängen hieß sie Europäische WirtschaftsGemeinschaft – nach Schuman-Plan et cetera. Man könnte es auch nennen: Kohle zu Kohle oder Hart wie Kruppstahl.

Was da in Palästina vor der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts begann und nach Ende des zweiten Weltkrieges radikal umgesetzt wurde, war die tiefste Überzeugung der Europäer und deren Helferlein, die das seit dem Mittelalter (siehe Lessing und zuvor Boccaccio) geübt hatten. Einfach nehmen, im konkreten Fall die Landnahme verordnen. Das hatten sie drauf. Es war eben die einfachste Lösung. Erst vertreibt man sie (und andere) jahrhundertelang allüberall, um sie dann, als man sich nicht mehr zu helfen weiß und möglicherweise auch, um von den eigenen, leicht euphemistisch formuliert, Unzulänglichkeiten oder auch der Erinnerung abzulenken, die auf die eigene Praxis des Menschen-Halali verweisen könnte, dorthin zu verpflanzen, wo nach der, so nennen wir sie heute, Fundamentalisten Meinung ihre Heimat ist. Die Einheimischen wurden nicht gefragt, da sie nach der damaligen Einstellung und bis heute anhaltend ohnehin nichts zu sagen hatten beziehungsweise haben.

Richtig: Wir bräuchten keine (National-)Staaten. Zumindest sollten wir in den vorhandenen alle ihre Religion – und um was anderes handelt es sich nicht – in Frieden! ausüben lassen. Wenn's denn unbedingt sein muß. Ein gestrenger Laizismus wäre dabei allerdings unabdingbar. Das wäre dann der Anfang zu einer Welt (die wir auch schon früher hätten haben können). Aber dagegen zu stehen scheinen bestimmte Religionen, zumindest deren jede Vernunft ablehnenden Fundamentalisten. Und vielleicht noch ein bißchen mehr. Und jetzt haben wir die Politik.


Das Bild oben rechts zeigt den Ausschnitt einer Photographie von Johannes Muggenthaler, die dessen Roman Regen und andere Niederschläge oder Die falsche Inderin quasi begleitet und eine meiner Wände ziert. Die «Sonne» stammt nicht von ihm. Sie wurde von meinem Blitzlicht verursacht. Die korrekte Ablichtung ist auf der oben verlinkten Seite des Weidle-Verlages zu sehen.
 
Mi, 28.01.2009 |  link | (3318) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Ansichten



 







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