Sensible Männer

Aus dem Monolog eines Mannes, hin und wieder unterbrochen von Anmerkungen einer Frau.

Paula Jacques* meinte: Wenn Hitler mit dreiunddreißig Prozent an die Macht gekommen sei, dann deshalb, weil sensible Geister es abgelehnt haben, sich mit anderen empfindsamen Köpfen zusammenzuschließen, um ihm die Straße zu versperren.


Solange es keine Reflexion gibt über das Tun, kommt nicht wirklich eine Überzeugung dabei heraus. Damit meine ich durchaus auch mich selbst. Ich muß also davon überzeugt sein, um es wirklich gerne zu tun. Möchte ich mich aus Überzeugung um eine saubere Umwelt bemühen, oder will ich es, weil der Nachbar es auch tut? Und werde ich — in Folge dieses sogenannten Umdenkens oder dieser Umerziehungsmaßnahme — deshalb zum Denunzianten des wieder anderen Nachbarn, den ich dabei beobachtet habe, wie er seine Zigarettenkippe auf die Straße geschmissen hat? Ergo: Will ich ein besserer Vater, will ich ein besserer Partner meiner Frau sein, weil ich es will? Oder weil es alle tun, weil es Mode ist. Ist doch schick, ein guter Vater zu sein. Besser als garnix.

Ihr Männer müßt euch ändern! Wir wollen euch. Doch wir wollen euch an unserem Bauch nicht nur für das Hinein und Hinaus.

Davon spreche ich doch. Müssen wir anders sein, weil der Stammvater als Ernährer der Familie aus der Mode gekommen ist? Das Namensrecht beispielsweise sieht es ja längst nicht mehr zwingend vor. Obwohl auch das nichts anderes ist als ein beschönigendes Kaschieren der Wirklichkeit. Denn es hat sich nicht wirklich was geändert. Selbst nach deutschem Recht war es auch früher möglich, wenigstens nach außen hin den Mädchennamen beizubehalten, als Buchautorin beispielsweise oder sonstige Berühmtheit. Aber hör dich doch mal rum — Papa will ‘nen Sohn. Als Stammhalter. Und auch: Wenn der Vater mit dem Sohne. Das ist doch die Wirklichkeit. Die fünf Männchen, die nur Mädels wollen! Das sind diejenigen, die kein gesellschaftliches Umdenken brauchen. Diese Männer wollten schon immer Hausfrau und Mutter sein. Der Unterschied zu früher ist, daß man sie jetzt eher läßt. Sogar auf dem Land.

Derweil die Frau die Kohle ranschafft. Von mir aus mit heranschafft. Manche müssen es ja ohnehin, weil's sonst nicht reicht. Das ist Wirklichkeit! Eine bisweilen tragische. Aber oft genug tun sie's ja auch, weil sie sich so einen klinkerverblendeten Betonpalast von der Fabrikstange weit draußen am Rand der großen Stadt gekauft haben, weil ihnen das Elternhaus mitten im Dorf nicht modern genug war. Daß sie damit die Landschaft verschandeln, dafür reicht die Denkkapazität schon nicht mehr aus. Eigener Herd und so, und noch 'nen Baum pflanzen, Kinder sind schon da, vielleicht macht man noch eines, damit der Mutter ausgelastet ist, fürs Buch gibt's schließlich das Weblog. Oder sie wollen einen neuen BMW. Besser noch ein BMW-Cabriolet. Von mir aus auch’n Saab- oder Peugeot-Cabriolet, so eines dieser unsäglich ausschauenden, pseudofuturistischen, nach oben zusammengedrückten Flundern. Um den Lehramtsanwärterinnen oder Praktikantinnen zu imponieren. Wurscht. Oder — wie gesagt — sie will auch Karriere machen. Was ich noch am ehestens verstehe. Denn ein bißchen Selbstverwirklichung via Beruf möchte schon auch sein. Aber wichtig ist der Sohnemann. Noch so‘n Langweiler.

Er wird dazu gemacht! Von dieser Gesellschaft oder einer anderen. Das ist doch das Problem. Es muß nicht sein. Ein Sohn kann auch ein anderer werden. Du bist ein anderer geworden. Wenn auch vielleicht nicht ganz so sensibel ...

Wenn dem so sein sollte, dann lag's nicht an der Gesellschaft.

Es ist auch ein Cliché, das diese Gesellschaft formt. Et vice versa.

Gut. Klischee. Aber im Prinzip bin ich vermutlich keinen Deut besser. Mittlerweile vielleicht ein bißchen. Weil ich im Gegensatz zu früheren Zeiten in der Lage bin, einmal Theoretisiertes umzusetzen. Darin enthalten ist, daß ich im Lauf der Zeit zur Erkenntnis gelangt bin, daß ein höherer Bekanntheitsgrad nicht einhergeht mit einer höheren Stufe des Glücks. Also. Es gibt ein paar Ausnahmen. Klar. Wie in allen Bereichen. Aber wenige. Ich kenne ein paar. Aber die haben wahrscheinlich eine relativ hohe Prozentzahl X-Chromosomen erwischt, um es mal ein wenig sehr salopp zu formulieren. Wenn die sich allerdings in dieser Komposition auch als höchst diffizil erweisen kann. Denn ein hochsensibler Mann ist die Hölle. Er verliert meistens jeden Bezug zur Umgebung. Ich kenne da einen. Du kennst ihn auch. Aber ich kenne auch einen, den Du nicht kennst. Der hat sich mit seiner inneren und äußeren Therapie in Zielrichtung Selbstfindung selbst so kaputtgemacht, daß der sich so herauskristallierte feine Charakter vor keiner Schlechtigkeit haltmacht. Und selbst die vor ihm flüchtet. Ach, er ist ja so sensibel. Deshalb läßt man ihm alles durchgehen. Man hatte mich vor ihm gewarnt. Aber ich habe ihn nur verteidigt. Bis ich das gewaltige Nachsehen hatte. Was soll's — ein Beispiel.

Was ist geschehen? Du hast vielleicht einen Freund gesucht?! Vielleicht hättest Du das nicht tun sollen. Du weißt, daß man sie nicht suchen soll. Sie kommen von alleine — wie Kinder. Oder Katzen. Und sie gehen wieder, wenn es ihnen beliebt. Aber sie bleiben Freunde.

Sehr weise! Ohne jede Ironie! Es ist richtig. Wahrscheinlich habe ich ihn benutzt wie einen Prostituierten. Indem ich mir Zuwendung erkaufen wollte. Ich habe ihm gegeben, was ich geben konnte. Vermutlich in der Hoffnung, etwas zurückzubekommen. Ich hätte wissen müssen, daß man das nichtmal im Puff bekommt. Und Liebe — ach, Du hast es gerade gesagt. Die sollte man nicht suchen. Sie kommt. Dann ist sie da. Wenn sie nicht kommt, dann hat man Pech gehabt und sollte sich damit abfinden.

Zurück zu diesem Mann. Du warst sehr enttäuscht?

Übel. Er hat mich ganz schlimm hintergangen. Allerdings habe ich es wohl mir selbst zuzuschreiben. Ich war einfach zu eigennützig. Womit wir wieder bei Hegel beziehungsweise Žižek wären. Ich liebe dich dafür, daß du mich liebst. So etwas paßt nicht zur Liebe. Es ist keine Liebe. Was ist das überhaupt? Vor allem eins: ein anderes Thema. Wie auch immer — es hat meine Bande zu sensibleren Männern, zu Männern insgesamt nicht eben gefestigt. Er hat aus seinem Leid — wenn es das denn überhaupt gibt und er nicht Theater spielt — eben nicht die Konsequenz gezogen, die daraus zu ziehen wäre.

Lieber einsam bleiben?

Die Erkenntnis, es zu sein, möglicherweise gar dafür bestimmt zu sein, kann die Einsamkeit auflösen helfen. Zumindest lindern helfen. Im Idealfall weicht die Einsamkeit dem Willen nach dem Alleinsein. Es gibt ein Beispiel der konsequenten Umsetzung dieser Erkenntnis. Du kennst es beziehungsweise ihn.

Dieser Mann vom Massif central? Dieser Mönch ohne Religion?

Ja. Gérard. Er hat irgendwann festgestellt, daß er für Gemeinsamkeit nicht geschaffen ist. Daraufhin hat er sich zurückgezogen — und lebt seine Schrullen alleine aus. Mit seinen Katzen. Und die machen, was sie wollen. Wie früher seine Frauen. Die ihn nie haben machen lassen, was er wollte. Ob er glücklich ist? Ich wage es zu bezweifeln. Aber auf jeden Fall nervt er niemanden. Und er hat Kontakt zur Außenwelt! Er geht täglich ins Städtchen, und zweimal im Jahr fährt er seine alte Mutter besuchen. Dafür spart er. Von dem Wenigen, das er hat! Er hat ja seine Praxis verkauft, um vom Erlös zu leben bis zum Ende seiner Tage. Und das wird vermutlich noch eine Weile andauern. Ab und zu fährt er auch in die Nähe des Meeres, wo ihm das Haus einer ehemaligen Gefährtin zur Verfügung steht. Aber er hat immer und jederzeit die Möglichkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen. Ohne andere in Mitleidenschaft zu ziehen. Ich habe große Achtung vor ihm. Oft muß ich an ihn denken, wenn es darum geht, wie angenehm das Dasein ohne die Rennerei nach Glück sein kann. Vor allem nach Substitution, nach Kompensation im Materiellen. Früher habe ich häufig den Kopf geschüttelt über ihn. Doch seit einiger Zeit weiß ich, daß er den vermutlich einzig richtigen Weg gegangen ist.

Du sprichst in hoher Achtung von ihm.

Er hat sie verdient. Schließlich habe ich mich auch bei ihm zu entschuldigen für das dämliche Denken, das ich ihm früher habe angedeihen lassen. Dieses Allerweltsdenken. Auch hier waren es wieder die Frauen, die ihn am besten verstanden haben. Ich habe mit einigen darüber gesprochen. Die ihn aus vergangenen Jahren kannten und ihn besucht haben. Daß es bei ihm mit ihnen meistens ungünstig gelaufen ist, lag natürlich an seiner Komplexität. Sehr schwierig. Aber verständlich. Er ist ein sehr grüblerischer Mensch. Und vermutlich hat er das Pech gehabt, wie so oft in jungen Jahren, wenn die Säfte sprießen — eben auch oder gerade bei euch Mädels —, aber da Männer eben sehr lange brauchen mit dem Nachdenken über die Vor- beziehungsweise Nachteile der postoperativen Phase des Kinderzeugens. Ihr seid da manchmal arg drängend in Eurer vitalen Natur. Alles will — im besten Wortsinn — aus euch hinaus. Da wird nicht länger nachgedacht. Was sich im Nachhinein meistens auch als richtig erweist. Aber Ihr kriegt es meistens auch in den Griff, jedenfalls öfter als wir Jungs. Während wir uns nochmal und nochmal zur Beratung in uns zurückziehen müssen. Wir sind Großmeister im Zerdenken. Wenn wir's denn überhaupt tun. Da haben wir ein gewaltiges Defizit.

Doch Du bist sehr jung Papa geworden! Hast Du dabei gedacht? Was hast Du gedacht?

Tja. Ich habe dem nachgegeben. Aber ich war ein Kind. Ein Kind gibt eher seinen Gelüsten nach. So ist ein Wunschkind entstanden. Mit dem Ergebnis, daß das Kind mich nicht zu sehen wünscht. Oder kaum. Meine Interessen tobten sich zu lange in andere Richtungen aus. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was da geschehen ist.

Aber Deine Tochter? Deine Enkel? Du hast doch guten Kontakt?!

Na ja. Es geht. Er war mal besser. Aber auch dieser bessere Kontakt kam spät. Wohl erst dann, als ich begriffen hatte, daß ich dabei war, dieselben Fehler wieder zu begehen. Dann habe ich mich zusammengerissen und bin tatsächlich auf sie zugegangen. Doch nun ist's auch schon wieder dahin. Ich hab Dir ja gesagt, daß ich Krach mit ihr habe, weil sie so karrieregeil ist. Sie will berühmt werden. Mindestens so wichtig wie ihr Mann, der angesehene Rechtsanwalt. Dieser dröge Paragraphenzähler. Der sensible. Und ein Opa ist kein Vater. Das kommt hinzu. Er ist allenfalls Aufpasser. Kindergärtner. Ein Mann im Opa-Alter kann Vater sein. Wie mein Vater. Das ist aber was völlig anderes. Da ist der Opa Vater. Nicht nur Erzeuger. Es ergibt einen völlig anderen Bezug zum Objekt sozusagen. Hier wirkt der alte Vater mit. Er kann seine Lebenserfahrung einbringen. Als Pépé wirst du nur gebeten, wenn's ein Loch in der Zeitplanung gibt. Und dafür bin ich nicht geeignet.

Ist es auch neue Erkenntnis?

Eindeutig. Es ist wirklich sehr viel passiert in letzter Zeit. Ich bin nicht unglücklich darüber. Es relativiert vieles. Aber es schmerzt auch. Ich denke oft darüber nach, wieviel besser — nicht nur für mich! — es doch wohl gewesen wäre, hätte dieses Denken ein bißchen früher eingesetzt. Denn gerade in der Phase des Jungseins ist es wichtig. Wenn du so wesentliche Entscheidungen triffst wie das Produzieren neuen Lebens. Dann ist das neue Leben da, aber du hast eine Puppe in der Hand. Damit zu spielen hast du nicht gelernt. Was tun damit? Es ist aber so — als jüngerer Mensch, als jüngerer Mann bist du doch ausschließlich an dem interessiert, was du gerade machst. Immer im Hier und im Heute, wie es so schön heißt. Das war bei mir in jungen Jahren auch nicht anders. Bloß keinen Jota weiterblicken. So habe ich unglaublich viel Mist gebaut. Euphemistisch ausgedrückt, hieße das: Erfahrung gesammelt. Aber an der männlichen Sammelwut eigener Erfahrungen können andere sehr leiden. Es hat sich geändert bei mir. Zumindest habe ich den Eindruck. Deshalb regt mich das auch so auf bei den Männern, die ebenfalls ein paar Tage mehr auf dem Buckel haben, aber offenbar nie in die Phase der Autoreflexion kommen werden. Wollen. Denken ist so anstrengend. Denen ist es völlig gleichgültig, was sie tun. Hauptsache tun. Egal was. Autoschrauben, Waschmittelherstellung, Kunst verkaufen oder Sterne gucken. Oder Professor werden. Ach — überhaupt reflektieren. Die lachen dich aus, wenn du abwägst. Es spielt überhaupt keine Rolle, welcher Altersgruppe sie angehören. Fünfzigjährige Männer werden Väter und schauen dabei aus, als ob man ihnen ein neues Blechauto geschenkt hätte. Und ich sitze da, kann überhaupt nicht lachen und schüttle den Kopf. Im günstigsten Fall, wenn ein wenig Sympathie mitspielt, heißt es: Nimm's leicht, grüble doch nicht so viel. Nun, schon als Kind — das fällt mir tatsächlich eben gerade ein, die Kindheit holt mich ein, nein, Heimito von Doderer stülpt sie mir über den Kopf: «Ein Leben lang rinnt das an uns herunter ...»


* Paula Jacques ist 1948 in Kairo in einer jüdischen Familie geboren, die wie weitere achtzigtausend Juden 1957 aus ihrem Land gejagt wird. Ihre Kindheit verbringt sie in Israel in einem Kibbuz, bevor sie nach Frankreich geht. In Paris hat sie alle möglichen Jobs getätigt, bis sie 1971 an der Comédie de Saint-Etienne Erfolg hat. Seit 1975 ist sie Journalistin. Sie schreibt und produziert bei Radio France. 1999 hat sie ein Kulturmagazin gegründet: Cosmopolitaine und auch einige Bücher geschrieben, unter anderem La descente au paradis, Les femmes avec leur amour (Die Frauen mit ihrer Liebe) oder Gilda Stambouli souffre et se plaint.

Siehe auch: Recht auf Blasphemie

Zwei Tage • Eine sentimentale Reise • Erzählung

 
Sa, 15.08.2009 |  link | (4027) | 6 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Zwei Tage



 

Kunstsuppe

Kreativität geht durch den Magen. Das war eine der erkenntnistheoretischen Prinzipien des dänischen Bildhauers, genauer: Plastikers (nach der Definition von Eduard Trier*). Die Zeit der fünfziger Jahre in der französischen Metropole hatte seine Sinne wohl zusätzlich geschärft. Doch nur mit den entsprechenden Ingredienzien war es möglich, den wöchentlichen Suppentopf mit Wohlgeschmack zu füllen. Deshalb ging er als Münchner Akademielehrer in den Siebzigern bis Anfang der Achtziger mit seinen Studenten auf den Schwabinger Elisabethmarkt mit seinem für deutsche Verhältnisse ansehnlichen und auch preislich azeptablen Angebot, um frischen Fisch und die dazugehörenden Gemüse und Kräuter zu kaufen. Für die meisten war diese Uhrzeit nicht die ihre. Aber trotz müder Glieder und hängenden Augenlidern hielten sie sich daran. Es war ein wöchentliches Ritual, das die Gemeinschaft stärkte. Wie die jeweils um die Mittagszeit genossene Fissuppe; er sprach es eben so aus, daß sich problemlos eine Karikatur des Dänischen daraus formen ließ. Zwar gab es hin und wieder Gäste, aber im wesentlichen war man unter sich, um über das Geleistete und zu Leistendes zu sprechen. Und beileibe nicht immer nur über Kunst. Oder anders: Kunst ist Leben. Nicht als romantisierendes, historisierendes Gesellschaftsmodell, das aus guter alter Zeit in die neue gerettet werden sollte. Sondern als eine Gegebenheit, die sich aus gemeinsam Gerührtem nährt.

Zum Ende seiner Tätigkeit erhielt der «Geburtshelfer der Kreativität» (Die Zeit) eine Ausstellung in der Stadt, die ihn eigentlich immer vernachlässigt hat; die in der Münchner Residenz wurde von seinen Studenten organisiert. Seiner Zurückhaltung entsprechend stellten seine Arbeiten auch lediglich den Fond dar. Die Zutaten kamen von seinen ehemaligen Schülern. Und alle kamen. Es war ein großer Erfolg. Dessen Abschluß wollte und sollte gefeiert werden. Mit Folgen.

Robert Jacobsen ist 1993 gestorben. Heute schlich er sich in meine Erinnerung ein. Ich erinnere mich sehr gerne an ihn.

* der Bildhauer «nimmt weg», der Plastiker «baut auf»

 
Fr, 14.08.2009 |  link | (3743) | 1 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Artiges



 

Immer am Flüßchen entlang ...

Aber den eigentlichen Schreibanlaß — ein wenig inspiriert durch die Äußerungen von Herrn Nnier —, den erzähle ich beim nächsten Mal, hieß es beim letzten Mal. «Hinter der nächsten Kurve sozusagen. Ich bevorzuge zwar das Mäaandern, aber immerzu am Flüßchen entlang, das langweilt genauso wie das ewige Geradeaus.» Hier also die Biege für meinen dauerblinkenden Langsamkeitsrausch.

Ich weiß nämlich auch, weshalb ich, will ich ins Hansestädtchen nach rechts oben (auf der Landkarte, das Navi[gationsgerät] stellt solche Bilder eher seltener her), gerne ein Viertel- oder Halbesstündchen länger unterwegs bin. Nicht nur, weil ich die teilweise zauberhafte Landschaft immer wieder gerne anschaue, die sich zeigt, wenn man in Hamburg gleich östlich über Rahlstedt hinausfährt über Mölln beziehungsweise Schmilau (wo angehalten werden muß, weil es bis Oktober Erdbeeren vom Feld und überhaupt viel Obst gibt) an den Lauenburgischen Seen vorbei hinter Ratzeburg und eintaucht in die «DDR», wo sie manchmal noch sichtbar wird in der ihr ursprünglich auferlegten Schlichtheit (besonders deutlich wird das, wenn man auch nach Berlin über die Dörfer fährt, was im übrigen auch nicht so viel länger dauert als über die mehrspurige A-nach-B-Strecke). Nur diese Fahrpraxis hat es mir ermöglicht, die eine oder andere hinter dem nächsten Busch versteckte Wiederherstellungsstation, möglicherweise gar eine der Ärmerenspeisung kennenzulernen. Das wäre nicht möglich gewesen, wäre ich in Berlin, Hamburg oder München ins Auto ein- und erst wieder in Lloret de Mar ausgestiegen, um mich anschließend drei Wochen lang grillen zu lassen. Mir war in der Pfanne zubereiteter Fisch ohnehin immer lieber. Und wie hätte ich erfahren sollen, wo Walter Benjamin die französisch-spanische Grenze überschritten hat, um sich in Port Bou ein Ende zu machen? Ich weiß nicht, ob ihm danach war, sich zuvor noch einmal diesen schier unglaublichen Blick (von da oben) aufs Meer zu gönnen, den man hat, wenn man von Perpignan aus das kleine Sträßchen am Wasser entlangfährt. Es soll Menschen geben, die anschließend nur noch leben möchten.

Sicher, das sei nicht verschwiegen, auch ich hatte diese Zeiten, in denen ich ausweglos durchgefahren bin. Und oft genug auch viel zu schnell, meist nachts, durchaus auch nur um des Fahrens, vielleicht besser des Bretterns willen, oft genug in einem Akt, in einem Geschwindigkeitscoitus, dessen Interruptus durch eine millionenjahre alte Felswand und ebenso nicht durch einen von zwei Jahrhunderten gefestigten Baum auch diese ansonsten ja wirklich stählerne schwäbische Umhüllung nicht ausgehalten hätte. Zuvor auf zwei Rädern habe ich mit seinerzeit ungeheuerlichen bald hundert Pferden unterm Hintern unterwegs ebenfalls bar jeder Vernunft kapriolt. Aber irgendwann hatte es sich genug getobt, zumal man, wie nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die eigene Erkenntnis irgendwann feststellte, auf der Gesamtstrecke gerademal ein Stündchen rascher vor Ort war und vor lauter Erschöpfung nicht mitbekam, welch entzückendes kleines Hotel sich mitten im Ort befand. So hatte ich mich bald meiner Charakteristik besonnen, die sich bei mir zusehends der inneren Langsamkeit besann. Auch mit der in jeder Hinsicht großvolumigen Voiture bin ich dann selten weiter als dreihundert Kilometer gefahren, und auch die gerne noch unterbrochen durch den einen oder anderen Kaffee im netten Café im Dörfchen. Immer früh los und spätestens am Mittag im Hotel und dann das Städtchen und die Menschen darin betrachtend und bisweilen unterhaltend genießen. Das wurde mir zum Lebensglück. Gut, noch ein Geständnis: auch später konnte ich es mir hin und wieder nicht verkneifen, Kick-down zu praktizieren, wenn so ein europaweit anzutreffendes Schnöselchen meinte, diese dicke, fette Boche-Voiture zweihundert Meter vor Ortsausgang überholen zu müssen. Ja, ich gestehe, das dümmlich-erstaunte Gesicht des Formel-10-Rennpiloten genossen zu haben, als sein Autochen nicht nur zurück-, sondern stehenzubleiben schien. Weiter draußen ließ ich seinen Stinkefinger dann jeweils triumphieren (nein, Sie sind damit nicht gemeint, Sie tun sowas ja nicht).

Die Raserei überlasse ich also seit langem den Jungen im etwas älteren, dafür aber mit breiteren Reifen ausgestatteten und entsprechend der Geisteshaltung nach unten nivellierten alten Auto, gleichermaßen die Angejahrten im jung-dynamischen Gefährt, aber zügig unterwegs sein mag ich schon, alleine um den Verkehr nicht aufzuhalten. Dann überhole ich eben die mit guten Hundert im kleinen Großraumautomobil ans Meer eilende Familie. Und bin dann froh, sie hinter mir gelassen zu haben. Vor allem, weil ich sehe, daß der Übervorgang die etwas steif am Steuer sitzende Fahrerin derartig erschreckt haben muß, daß sie anschließend sofort auf die linke Fahrspur ausweicht, obwohl sie eindeutig langsamer unterwegs ist und kilometerlang weiter vor sich hinnuckelpinnt. Das ist der Grund, weshalb ich ebenfalls die immer geradeaus führenden Bundes- (oder südlichen National-)Straßen meide. Denn dort sind die sommerzeitlichen Piloten und Pilotinnen derart schmerzhaft unterwegs, daß sogar ich Müßigfahrer aggressiv zu werden vermag. Sobald sich in weiter Ferne ein Kürvlein andeutet, wird die Geschwindigkeit soweit reduziert, daß ein Hinausgetragenwerden aus demselben garantiert unmöglich gemacht wird. Mit achtzig Sächlein geht's anschließend dann immer so weiter, ein gewaltiges Aggressionspotential hinter sich lassend. Und das erfordert überdies und offensichtlich eine derartige Konzentration, daß das Ortseingangsschild nicht wahrgenommen wird und sich Hund, Katz und Kleinkind in die Häuser flüchten und abwarten, bis der Deutschen und auch anderer liebste Jahreszeit endlich Pause macht. Blinken, das tun sie immer brav, auch wenn's nur ein, zwei Meter Richtungsänderung sind und's kein Mercedes ist, da gibt's kein' Jota Widrigkeit gegen die gesetzliche Blink(ver)ordnung.

Ich denke bis zum Ende der Ferien- und somit Fahrenszeit derweil darüber nach, es mal mit einer anderen Art Blinker zu versuchen. Nicht nur Törtchen, auch Fische aus dem süßen Wasser mag ich gerne.
 
Do, 13.08.2009 |  link | (2804) | 5 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Unterwegs



 







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