Im Holsteinischen Rechenzentrum

wurden gestern mit althergebrachten Mitteln die gestrigen Rechnungen des Herrn in sein ihm offensichtlich gegebenes, allerhöchstes Amt die Überbleibsel solange hin- und hergerechnet, bis die Welt wieder richtig schön war und endlich wieder gelächelt werden durfte. Abgelichtet hat die natürliche Großrechenanlage das nicht minder großartige und feine Töchterlein von Frau Braggelmann. Ob die junge Frau in ihrer Eigenschaft als stammzellforschende Wissenschaftlerin im besonderen (Aus-)Maß mitgewirkt hat an den Rechenergebnissen, war bei Redaktionsschluß (Nickerchen) nicht bekannt.



 
Do, 01.07.2010 |  link | (2334) | 8 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten



 

Um eine Kommentarbreite

wäre dieser ballerische Kosmos in meiner Weltordnung entschwunden. Bei Licht betrachtet war er das bereits. Er lag unter einem Stapel. Die Dame hatte ihn trotz des ausdrücklichen Gebotes oder auch der allerärgsten Androhung schlechthin, bei mir nämlich nie wieder auch nur annähernd irgendetwas anfassen zu dürfen, während dieses manischen Prozesses, der sich mit der Bemerkung Wie sieht's denn hier aus! ankündigt, dann doch anders positioniert, trotz des Wissens, daß Papierberge bei mir den Status jüdischer Grabsteine haben.

Aber so kommt es dann doch noch zur Geltung, das Mahnmal FC Supervova. Es handelt sich um eine Ausstellung, die am 10. Juli endet. Ich bin also quasi aktuell. Und ich konnte nochmals der allgemeinen Ballerei zu seiner Irrsinnsgeltung verhelfen.

Jetzt reicht's aber mit dieser Rumputzerei!

Julia Bornefeld, FC Supervova
Galerie Klaus Benden
4. Juno bis 10. Julei 2010

 
So, 27.06.2010 |  link | (2577) | 16 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Seltsamkeiten



 

Deutschsprachige Dialektik

Bei Peter Bichsel war ich hängengeblieben, bei diesem schnörkellosen dialektischen Essayisten und Redner, der den Zeigefinger, wenn überhaupt, dann auch auf sich und seine alpische Trutzburg richtet. In den achtziger Jahren hat der Schweizer eine Zeitlang in der, wie sie damals sozusagen gegenpolig genannt wurde, Bundesrepublik oder auch BRD gelebt und seine gedanklichen Spaziergänge in einem Aufsatz zusammengefaßt, der im nebenan angezeigten Buch enthalten ist.* Rückblickend gelesen ist das alleine schon interessant. Aber höchst verblüffend ist die Aktualität.

«Die Deutschen sind sichtbar wohlhabend geworden. Aber mir scheint, sie haben sich mit dem Geld nur mehr Mief angeschafft.» Mir scheint, daß dieses Müffeln gegenüber den Achtzigern lediglich einen anderen Geruch hat. (Nicht außeracht gelassen werden darf dabei, daß zu diesem «Mief» nicht unerheblich der US-amerikanische, mehr als streng antikommunistische, im Kalten Krieg ideologisch vom CIA munionierte Marshall-Plan beigetragen hat, der die Deutschen — wie zum Beispiel auch die Italiener, bei denen die ersten Wahlen nach dem zweiten Weltkrieg entsprechend beinflußt worden waren — in besonderem Ausmaß ins strenggläubige Kapitalistenreich hiefte.) Doch er gesteht freimütig ein, daß die «demütigen, geschlagenen Deutschen» den Schweizern «nicht ins Konzept» gepaßt hätten, daß sie «wieder jemand werden mußten [...], damit sie wieder so deutsch waren, wie wir das wollten». Und so geht seine konsequente Fragestellung denn darin auf: «Wie anders sind wir denn?»

«Was ist das: ‹Ein Deutscher›? Wir Schweizer haben unsere Vorstellung davon. Wir sind ganz sicher, daß wir die Deutschen erkennen, überall und unter allen Umständen. Das heißt, wir nehmen an, daß sie ganz sicher anders sind, ganz anders als alle anderen.»

Daß sie es sind, und sei's drum, weil sie es einfach sein wollen, ‹belegt› Bichsel, quasi stellvertretend für seine Landsleute, immer wieder eindrucksvoll. Und dabei entstehen bisweilen (Sprach-)Bilder einer Selbstironie, auf die die Deutschen geradezu neidisch sein müßten. Allein Peter Bichsels ‹Analyse› der von Deutschen gesprochenen deutschen Sprache beinhaltet passagenweise kabarettistische oder auch im Ansatz komödiantische Züge wie in Emil Steinbergers Film Der Schweizermacher von 1978 (da dazu kein Ausschnitt erreichbar ist, sei thematisch auf das Buch Das Kreuz mit dem Pass von Christian Dütschler verwiesen), wie sie scheinbar nur auf einer Insel entstehen können, das ozeanisch von Fremdem umspült ist. Wer je mit dem geradezu ungläubigen Staunen zumindest vereinzelt deutschsprachiger Schweizer über das Bühnendeutsch bestimmter Deutscher auf schweizerischen Rundfunkwellen konfrontiert war, wird Bichsels mehr fragenden als beantwortenden Kommentar genießen. Und (vielleicht?) auch geläutert werden. Nicht nur sprachlich. Seltsamkeiten geschehen schließlich auch anderenorts.

In den achtziger Jahren hat Bichsel an der Universität Essen «unter anderem Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache herausarbeiten wollen. Ich scheiterte, wir konnten uns darüber nicht verständigen. Ein schweizerdeutscher Satz, übersetzt ins Hochdeutsche, ist eben noch lange nicht deutsche Umgangssprache.»

«Wir Schweizer haben nicht den Eindruck, mit Sprache umzugehen, wenn wir sprechen. Wir sprechen die Dinge nicht aus. Inhalte werden bei uns verinnerlicht und nicht ausgesprochen. Die Deutschen aber sprechen. [...] Bei uns aber kommen jene, die sprechen, in Verdacht. Eine Rede in der Schweiz ist immer eine Ausrede. Und die Deutschen, die sprechen uns zu viel. Sie sprechen immmer, und sie sprechen alles aus.

Es ist für mich recht schwer, einen deutschen Freund zu begrüßen. Das schweizerische ‹Sali› genügt nicht, und daß er mich mit einem ganzen Wortschwall überschüttet, das stört mich. Er sagt: ‹Ich freue mich sehr, dich wieder zu sehen. Du weißt gar nicht, wie sehr wir dich vermißt haben, wir werden auch ganz bestimmt, aber vorerst einmal ...›

Auf Schweizerdeutsch wäre das nicht nur unglaubhaft, sondern auch lächerlich. Ich verstehe jedes Wort, ich verstehe den Inhalt, es ist dieselbe deutsche Sprache wie unsere, nur etwas anders ausgesprochen. Aber ich befinde mich in einem sehr fremden Land. Die Sprache dieses Landes ist keine Fremdsprache, aber sie behandelt Inhalte, die von uns sprachgehemmten Schweizern nicht sprachlich behandelt werden. Das ist auch der Grund, daß wohl niemand so große Schwierigkeiten mit den Deutschen hat wie wir Deutschschweizer. Weil sie eine Sprache sprechen, die wir zu verstehen glauben, erschrecken wir so sehr, daß sie ganz anders sind. Wir freuen uns über das Anderssein der Amerikaner, der Franzosen; das Anderssein der Deutschen ist und bleibt ein Ärgernis. Und das Anderssein hat mit einem anderen Bewußtsein zu tun. Oder vielleicht sogar mit mehr Bewußtsein.»

Der Essay, aus dem hier primär zitiert wird — Wie deutsch sind die Deutschen? — stammt aus der Zeit seines Deutschland-Aufenthaltes, als man noch BRD und DDR sagte und schrieb (letzteres gerne auch in springerschen Tüttelchen; zu deren Darstellung heute längst nicht mehr nur von dieser ‹Zeitungs›-Klientel die Zeigefingerchen hergenommen werden, laut hap selig eine Hinterlassenschaft aus Neufünfland, der vor dieser «ironischen» Titulierung sogenannten DDR). Die Probleme waren andere — oder hatten schlicht andere Namen und Bezeichnungen; die Begriffe sind austauschbar, sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz.

«In Deutschland werden die Dinge ausgesprochen. Es gibt zum Beispiel Radikalenerlasse und Berufsverbote in der Bundesrepublik. Sie werden auch bekämpft und diskutiert. Bei uns in der Schweiz ist das sehr viel einfacher: die Chance eines linken Lehrers ist bei uns Zufall. In der Bundesrepublik ist nicht nur das Verbot Gesetz, sondern auch die Chance eines linken Lehrers. Das Verbot ist unschön, aber man wagt es auszusprechen und setzt damit Grenzen, auf die man vertrauen kann. Die nicht festgelegte schweizerische Hetzjagd unter dem Deckmantel der Demokratie ist undemokratischer.

Die Assistenten, die ich kennengelernt habe, an der Universität Essen, die waren alle schon einmal in irgendeiner Form gekündigt. Sie haben sich auf dem Beschwerdeweg oder gerichtlich dagegen gewehrt. Jetzt sind sie noch da und begrüßen ihren Professor so freundlich wie zuvor. Man geht in Deutschland für seine Rechte vor Gericht. Viel schneller und öfter als bei uns. Das hat mitunter seine Vorteile. Es hat aber auch seine Nachteile, weil von da ab alles Wort für Wort ausgesprochen und ausformuliert ist — weil es kein Zurück mehr gibt. Man vertraut in der Bundesrepublik dem Gesetz, man vertraut der Sprache und eigentlich nur der Sprache. Schweizerischem ‹Nicht-davon-Sprechen› ist das nicht geheuer. Wir ertragen sprachliche Exaktheit nicht und machen lieber Verfassungsartikel, die ein unbrauchbares Sowohl-als-auch beinhalten.

Deutsche Exaktheit wäre unsere Unentschlossenheit ein Greuel. Die Deutschen schaffen eine Bürokratie, die fast unerträglich ist — Formulare, Formulare, Formulare: es gibt in diesem Land nichts mehr, was nicht gesetzlich geregelt wäre. Und die Sprache, in der diese Bürokratie stattfindet, ist für uns Schweizer nun allerdings eine Fremdsprache. Ich war in Essen nicht fähig, auch nur ein einziges Formular auszufüllen. Ich habe die Sprache auf den Formularen als Deutsch erkennen können, aber keinen Satz verstanden. Auch die Deutschen beklagen sich darüber, aber da gibt es kein Zurück mehr. Die Formulare nehmen dauernd zu — mit ihnen auch, das muß gesagt sein, die Gerechtigkeit. Aber wo endet das? Kann man Demokratie durch Gesetz erzwingen? Ist der Gerichtshof der Ort, wo Demokratie verwaltet wird? Ich meine das als echte Fragen, und entsprechende Gegenfragen an die Schweiz wären nicht unberechtigt.»

Ob er in seinen Schulmeistereien nun über den «abwesenden Krieg», «Die Aufgabe des Staates in einer sozialen Gesellschaft», über Wissen als Widerstand oder den «Abschied von links» (1985!) schreibt, mir ist dabei wieder oder einmal mehr klargeworden: weshalb ich dem Erzähler Bichsel immer so gerne zugehört habe. Und derartige Abwägungen läse ich gerne öfter auch von deutschen Autoren. Gerade nach den Vorkommnissen in letzter Zeit. Deutschland ist schließlich sauber. — Ließe sich diese Gegnerschaft nicht eigentlich auch (noch) weltfußballerisch ausfechten? Dann müßte nicht immerfort die Literatur bemüht werden. Oder am Ende gar die Politik.


* Zitiert nach der 1985 im Suhrkamp-Verlag erschienenen Erstausgabe.
 
Do, 24.06.2010 |  link | (4680) | 7 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kopfkino



 







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