Hörbuch und Film

zum Buch, damit habe ich so meine Probleme, Frau Flüchtig und Herr Hap.

Ein Freund des Hörspiels bin ich durchaus und gerne. Aber bei dem Begriff Hörbuch legt sich meine Dackelstirn in Denkerfalten. Man kann einen Stoff wie beispielsweise Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins dramatisieren (und ihn dann umbetiteln, wie ich das gerne tue). Dann wird's gegebenenfalls zum Hörspiel, dann wird darin eben gespielt, wie im Film. Aber ein Buch hören?

Für jemanden, der eines Gebrechens wegen nicht in der Lage ist, es selber zu lesen, der mag sich die digitale Vorleserin ins elektrifizierte Haus kommen lassen, das ist einzusehen. Doch ich werde den Verdacht nicht los, daß es nach den — ehrenwerten! — Anfängen zu Beginn der Neunziger in den Köpfen der jungdynamischen Neuverleger kassenartig klingelte, da sie erkannten, wie zurückgenommen in Zukunft der Mensch würde mit dem Alphabet umgehen (können). Das war ja auch mit der Grund für den (großartigen!) francophonen Sender TV5MONDE, die Spielfilme in der französischen Originalsprache französisch zu untertiteln. Nun gut, ein wenig ging es auch darum, den Zugang zum oftmals weggenuschelten Französisch zu erleichtern, vor allem in dem Teil Canadas, in dem die Ursprache zusehends am verschwinden war (und ist, denn auch dort wird eben überwiegend der — nicht untertitelte — Unterhaltungsmüll konsumiert). Aber mir sagte mal einer der Verantwortlichen, die Untertitelei sei durchaus auch der Tatsache geschuldet, daß es immer weniger Muttersprachler gebe, die die Sprache ihres Vaterlandes sprächen — nein, so herum: nicht wüßten, wie es geschrieben wird, was sie (und die da im Fernseher) da sprächen. In Frankreich beispielsweise ist das ein elementares Problem. Und es wird wohl nicht mehr allzulange dauern, bis ARD-Tagesschau und ZDF-Heute ihre Sendungen deutsch untertiteln werden, um den analphabetischen Turm von PISA wenigstens ein bißchen abzustützen. Ohne zynisch werden zu wollen, sondern nur um ein bißchen sarkastisch Assoziationen herzustellen: Bei PHOENIX sind die Nachrichten längst durch die Gebärdensprache untertitelt.

Ein Buch also hören? Zwar kann ich mich dabei auch in den Sessel setzen (aber nicht mehr ein wenig in Herrn Beethovens Coriolan-Ouverture in der wunderbar bombastischen Interpretation von Léo Ferré hineinhören). Anders: Die Vorleserin gibt mir bereits eine Interpretation vor. Ich aber bevorzuge die Urvariante von Gianni Celati, der in Cinema naturale schreibt:

«Denn wenn man Erzählungen schreibt oder liest, sieht man Landschaften, sieht man Gestalten, hört man Stimmen: Man hat ein naturgegebenes Kino im Kopf und braucht sich keine Hollywoodfilme mehr anzusehen.»

Womit wir beim Film zum Buch wären. Es mag sein, daß Philipp Kaufmans Film Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins eine der wenigen Ausnahmen von der Regel ist. Es gibt sie, das ist bekannt. Von Cyrano de Bergerac wissen wir's, zumindest Herr Pfitzinger und ich. Recht gerne erinnere ich mich auch an Die Blechtrommel, dessen Adaption Volker Schlöndorff recht gelungen ist. Bin ich jetzt mal (wieder und gerne) ein bißchen deutsch- und amifeindlich: Er hat's Kinomachen ja auch im Filmland Frankreich gelernt.

Aber ich bin insgesamt allzu oft enttäuscht worden von diesen Versuchen, Bücher in Bilder umzusetzen. Vor einiger Zeit, als der Rummel wieder abgeklungen war, habe ich's mal wieder versucht, da ich Elementarteilchen zwar für kein sonderlich gutes, aber doch auf jeden Fall für ein wichtiges Buch hielt und halte und nach langem Warten mir dann doch ein eigenes Urteil darüber bilden wollte. Das war ja dann sowas von niederschmetternd schlimm, daß ich das hier nicht verlinken werde. Oskar Roehler heißt der Regisseur, der mir alles gezeigt hat, nur nichts vom Buch, der da was nicht verstanden hat, der versucht hat, elementare Teilchen einer Gesellschaftskritik unter einen internationalen Hut zu zaubern. Und's war dann doch wieder eines dieser von Deutschen so geliebten Baseballkäppis mit Constantin-Schriftzug, die ihm der Eichinger Bernd aufgesetzt hat. «Der Mensch, über den wir hier sprechen, wird sich ohne Sexualität 
fortpflanzen», lese ich bei Michael Dlugosch, «— und alle damit zusammenhängenden Konflikte 
werden verschwinden.

Dieser Satz, Houellebecq zitierend, stand im ursprünglichen Drehbuch zu ‹Elementarteilchen›. Im Film kommt er vor, aber als allzu belangloser Nachtrag über zukünftige Entwicklungen; für die Verfilmung ist die Wirkung seines unerhörten Inhalts auf Publikumsverträglichkeit gedimmt.»

Aber das ist ja gar nicht das Thema hier. Vermutlich werde ich mir den Film dann doch ansehen, wenn auch eher im Heimkino. Denn wenn Herr Hap schreibt: «Einer der wenigen Filme, die einer Buchvorlage gerecht wurden ...» Vielleicht nicht so sehr wegen Juliette Binoche. Und auch nicht wegen der Gefahr von Überlänge. Denn da sind wir uns seit Cyrano de Pardieu einig: Gute Filme können gar nicht lang genug sein. Wie Bücher, die man nicht mehr weglegen mag. Beim Selberlesen.


Und alle Nächte wieder ruckelt und zuckelt und zickelt Madame Magenta, und wieder will sie's nicht gewesen sein. Auch wenn's dann meistens wieder durch die Leitung fließt, wenn man mal wieder mit ihr ein wenig geplaudert hat nächtens am Telephon. Vermutlich ist sie schlicht einsam. Aber wenn sie so weitermacht, wird sie bald überhaupt niemand mehr liebhaben.
 
Di, 15.07.2008 |  link | (1667) | 4 K | Ihr Kommentar | abgelegt: Kamerafahrten


jochen hoff   (15.07.08, 07:19)   (link)  
Ich sehe das Hörbuch als wichtige Ergänzung. Da ich die Dauerberieselung durch Musik ablehne und auf langen Autofahrten oder sonstigen Reisen häufig nichts anderes sinnvolles tun kann, ist dies genau der Zeitpunkt für das Hörbuch.

Allerdings nehme ich eher meine Lieblingsbücher, für die ich keine Zeit habe, die wenigen Lesestunden erneut aufzuwenden. Da springt das Kopfkino von selbst an.


gorillaschnitzel   (15.07.08, 08:05)   (link)  
Hörbuch ja, manchmal, allerdings ausschließlich in ungekürzter Fassung, was nicht selten schwierig zu finden ist.

Und Bücher verfilmen geht -von den paar berühmten Ausnahmen einmal abgesehen- so ziemlich immer schief und das liegt meiner Vermutung nach darin begründet, dass man während des Lesens seiner Phantasie freien Lauf lässt, sich die Figuren und Orte vorstellt etc. Und wenn man dann den Film real vor Augen hat, kommt dann die Ernüchterung.


itha   (15.07.08, 10:19)   (link)  
hörbücher sind die letzte grütze. allenfalls, wie herr stubenzweig schon sagt, für blinde sinnvoll - allerding müsste man wohl erst mal den ein oder anderen blinden fragen, ob der nicht ebenfalls lieber mit den fingern liest. und zwar stört bei hörbüchern vor allem das timing. beim lesen kann man seinen eigenen rhythmus entwickeln, kann vor- und zurückblättern, die augen vom blatt nehmen, eine weile in die ferne schauen, weiterlesen usw. - das hörbuch hingegen nötigt einem die menge der kost in der von ihm selbst diktierten zeit auf. der unterschied ist also wie beim essen und gefüttertwerden, wobei letzteres immer entweder eine gehetzte krankenschwester unternimmt oder aber ein phlegmatischer zivi, der später philosophie studieren wird.

was auf cd geht, in ansätzen, ist lyrik. das liegt aber an der nähe der lyrik zur musik, und je weniger musikalische elemente die vorgetragenen gedichte haben, desto ätzender ist es, dem ganzen zuzuhören. es sei denn natürlich, man liebt den vortragenden und kauft alleine aus diesem grund beinahe alles, was otto sander in ein zufällig herumgestanden habendes mikrofon geraunt hat.


jean stubenzweig   (15.07.08, 12:21)   (link)  
Im wesentlichen
sind wir wohl einer Meinung. Dank allen für die Ergänzungen. Noch eine von mir zum zu hörenden Buch — und da bin ich nahe an Frau Feldpostmeisterin —: die sogenannte interpretierende Kunst. Ich habe sehr schöne (vierzig Jahre) alte Theateraufnahmen oder eine sehr theatralisch vorgelesene Aufnahme der Ilias. Aber das hat was Historisches.

Aber Gedichte und Otto Sander, ja:, da fällt mir irgendwie Jazz und Lyrik und Gert Westphal ein oder täglich NDR-Kultur. So eine Art Erbschleichersendung, habe ich den Eindruck. Oder noch so einer, dessen Name mir jetzt nicht einfällt, jetzt doch: Lutz Görner. Und einige mehr. Ich habe die Platten alle noch ...

@ Jochen Hoff: Ich hab das lange Zeit mit Hörspiel ausprobiert, da ich ein ausgesprochener intensiver Radiohörer bin. Aber man kommt doch immer wieder raus, beißt einem eine Maus den Faden ab, die einem immer wieder mal über die Straße läuft. Und bei Tempo 200 immer wieder auf Anfang — ich weiß nicht so recht.

@ Gorillaschnitzel: Ja, das ist ein wesentlicher Aspekt.

Bloggen hat etwas Horizont-, wenn nicht gar Bewußtseinserweiterndes.















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Jean Stubenzweig motzt hier seit 4455 Tagen, seit dem Wonne-Mai 2008. Letzte Aktualisierung: 31.05.2019, 17:51



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